Der Naturzustand des Menschen ist ein zentraler Diskussionsgegenstand, der sich mit der im 17. Jahrhundert entfaltenden philosophischen Debatte um die Legitimation des von Menschen gesetzten Rechts und der Gesellschaft in ihrem Ist-Zustand beschäftigt. Erste Teilnehmer der Diskussion wurden Thomas Hobbes, Samuel von Pufendorf, John Locke, Johann Heinrich Pestalozzi, Anthony Ashley Cooper (der dritte Earl of Shaftesbury) und Jean-Jacques Rousseau.
Im Zentrum der Auseinandersetzung steht der Mensch im Zustand vor dem Aufbau größerer Gemeinwesen.
Der Naturzustand kann innerhalb der Debatte unterschiedlich definiert werden: Hobbes sprach vom „Krieg aller gegen alle“. Die menschliche Kultur ist unter dieser Voraussetzung die notdürftige, wenn auch nicht unbedingt glücklich machende Antwort auf die katastrophale Ausgangslage. Er kann genauso gut ideale Züge gewinnen, Züge einer untergegangenen glücklichen Natürlichkeit, zu der wir nicht mehr zurückkönnen, oder die uns, im Gegenteil, den Zielpunkt einer weiteren kulturellen Entwicklung setzen muss.
Die Theorien zum Naturzustand verliefen (und verlaufen) an verschiedenen Stellen parallel zur biblischen Schöpfungsgeschichte – vor allem dieser Umstand machte die Debatte brisant: Mit ihr setzte sich eine vorangegangene Diskussion der Religion auf dem Gebiet der Philosophie fort. Sie hat auf der anderen Seite unterschiedliche Ausläufer in der aktuellen wissenschaftlichen Forschung mit ihren Bereichen der Anthropologie, der Ethnologie und der menschlichen Frühgeschichte.
Vorgeschichte der Diskussion mini|Lucas Cranach der Ältere: Paradies, 1530, Kunsthistorisches Museum, Wien
Motivgeschichtlich lässt sich die Diskussion des 17. und 18. Jahrhunderts in verschiedene Richtungen in die Vergangenheit verfolgen. Die Antike entwickelte eine ausgeprägte Tradition angenehmer Naturvorstellungen in Alternative zum Leben der Stadt und des Staatswesens. Wer es konnte, leistete sich Landhäuser. In der Dichtung besang man das glückliche Leben der Hirten. Mit dem Beginn des 17. Jahrhunderts sollte diese Kulturtradition mit einer breiten Mode der Schäfereien neu aufleben, die ihren Ort vor allem an den Höfen und in geschlossenen Gesellschaften fand. Man inszenierte Idyllen, feierte sommerliche Tage bei weniger strenger Etikette unter freiem Himmel. Schäferspiele, die Oper, galante Lyrik und eine eigene Romanproduktion trugen die Mode, und nährten das Gefühl, ein weit glücklicheres Leben könnte außerhalb des streng reglementierten Zusammenlebens in Stadt und Hof bestehen oder zumindest in der fernen Antike bestanden haben.
mini|300px|links|Unter dem Eindruck der beliebten Schäfereien: Watteau, Einschiffung nach Kythera (1717/18)
Eine fast entgegengesetzte Tradition des Nachdenkens über die Natur bestand mit der christlichen Doktrin der Schöpfung, die in Europa bis Ende des 18. Jahrhunderts als die rationalste Position angesehen werden musste. Während man in anderen Kulturen von (so die europäische Perspektive) unsinnig langen geschichtlichen Traditionen ausging, lebte man in Europa mit dem rational überschaubaren historischen Raum, der sich mit überlieferten Bauwerken und Dokumenten selbst bewies. Judentum und Christentum kamen hier in der Geschichtssicht überein: Die Welt war um das Jahr 3950 v. Chr. (die Datierung konnte geringfügig je nach Bibelauslegung abweichen) geschaffen worden. Adam hatte noch am ersten Tag die Sprache erfunden und die Tiere benannt. Den größeren Schritt in die Kultur brachte der Sündenfall, der für Adam und Eva mit der Vertreibung aus dem Paradies endete. Ein „Naturzustand“ war in diesem Modell ansatzweise gegeben. In ihn konnten wir, so die Theorie, auf Grund der Erbsünde nicht wieder zurück. Sich aller Kleider zu entledigen, nackt zusammenzuleben, schien in der Tat schwerlich als Option denkbar, jeder empfand die Scham, die hier zu überwinden gewesen wäre. Sie war mit dem Sündenfall aufgekommen.
Die Philosophen des 17. und 18. Jahrhunderts gingen davon aus, dass Adam unverzüglich mit der Konstruktion von Städten, Transportmitteln und allen praktischen Einrichtungen des Lebens begann – hierzu benötigte er nicht mehr als die dem Menschen gegebene Fähigkeit, Ideen zu neuen Erfindungen zusammenzusetzen zu können.
Die vorsintflutliche Kultur fiel der Theorie nach Gottes Strafe um das Jahr 2300 v. Chr. zum Opfer. Die drei Söhne Noachs besiedelten die Welt erneut. Man konnte im 17. Jahrhundert darüber diskutieren, ob sich einige Jahrhunderte später tatsächlich noch einmal alle Völker zum Turmbau zu Babel trafen. Es schien plausibler, dass die Sprachverwirrung allein die orientalischen Nationen betraf, während die übrigen Sprachen der Welt sich in eigenen Sprachentwicklungen voneinander entfernten. Man verfügte nicht über den historischen Raum, ein Ereignis von solcher Tragweite so spät noch zuzulassen – die Details waren von Interesse, da sie nur bedingt Raum ließen für philosophische Erwägungen eines der Kultur vorangegangenen Naturzustands.
Philosophische Theorien Die philosophischen Theorien, die im 17. und 18. Jahrhundert im Blick auf den Naturzustand formuliert wurden, suchten in verschiedenen der zur Verfügung stehenden Traditionslinien Plausibilität zu gewinnen. Ein weiteres argumentatives Gelände sollte dabei mit den außereuropäischen Kulturkontakten interessant werden: das der Auseinandersetzung mit „wilden“ Völkern und das einer Erklärung der chinesischen Kultur.
Jesuiten gingen im ausgehenden 17. Jahrhundert davon aus, dass China von allen Kulturen der Welt noch das meiste der vorsintflutlichen Zivilisation bewahrte. Hier war offenbar lediglich die Vorstellung des alttestamentlichen Gottes verloren gegangen. China lebte in einem philosophischen Atheismus, so die Vorstellung, die die Jesuiten verbreiteten, um sich nicht gegen die konfuzianischen Riten am chinesischen Hof positionieren zu müssen (siehe eingehender den Artikel Ritenstreit). Ansonsten war nirgends wie hier die Ordnung der Welt, der Noach noch entstammte, gewahrt. Europa, Afrika und Amerika unterliefen dagegen nach der Sintflut Stadien der Barbarei, aus denen sie sich in unterschiedlichem Maße wieder befreiten.
In den Argumentationen, zu denen Thomas Hobbes mit dem Leviathan (1651) ausholte, spielten die Völker der Welt eine geringe Rolle. Für Komplexität des Bildes begannen sie erst in den Abhandlungen John Lockes zu sorgen; in ihnen findet man Seitenblicke auf Reiseberichte, mit deren Notizen fremde Formen des Zusammenlebens seinen Lesern näher gebracht wurden. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts sollte die Beschäftigung mit den Ureinwohnern Nordamerikas die Diskussion des Naturzustands neu inspirieren. Die Möglichkeit glücklicher Entwürfe eines natürlichen Zusammenlebens nährte mit der Wende ins 19. Jahrhundert nachhaltig den Kulturpessimismus der Romantik.
Hobbes und der brutale Naturzustand Hobbes’ Leviathan (1651) ging von sehr grundsätzlichen Erwägungen zur Materialität der beobachtbaren Welt aus. Anders als im Tier werde sich im Menschen die Materie der Existenz bewusst. Der Mensch könne im selben Moment, in dem er begreife, dass er existiert, absehen, dass ihm alles, was er gewinnen kann, nichts nützen wird, sollte er sein Leben verlieren. Seine Natur ist allein damit grundlegend definiert. Sie verbietet es ihm, sich im Bewusstsein der eigenen Existenz ohne weiteres einem Gemeinwesen unterzuordnen: Die Gesellschaft muss ihr Leben dem Wohl aller anderen unterordnen. Infolgedessen komme es, falls der Mensch sich in seinem Naturzustand zeige – in Notsituationen, in denen die Ordnung abhandenkommt und alle Gesetze aufhörten – unweigerlich zu einem „Krieg aller gegen alle“, zum Versuch aller einzelnen, ihre Existenzberechtigung gegen die Interessen der anderen durchzusetzen. (Hobbes geht dabei nicht davon aus, dass es je eine Epoche vor der Zivilisation gab, in der alle Menschen im Krieg miteinander lagen, seine Erwägungen verstehen allerdings Notsituationen als solche, in denen sich der Naturzustand die Bahn brach. In ihnen regiere sehr schnell das „natürliche Recht“, das jeder habe, sein Leben zu verteidigen und kein weiteres Gesetz mehr.) Die Katastrophe des Zusammenlebens im offenen Bürgerkrieg werde in der Praxis durch die Einsetzung eines Gewaltmonopols verhindert. Erst, wo Menschen unter selbstgesetzter höherer Gewalt zusammenleben, lassen sich kulturelle Leistungen verwirklichen: Der Aufbau von Gemeinwesen, der Ausbau der Infrastruktur, die kollektive Ansammlung von Reichtum.
Hobbes’ Reflexionen eines Naturzustands der Menschheit folgten logisch aus einander hervorgehenden Grundannahmen. Daran, dass der Mensch sich seiner Existenz bewusst sei, ließ sich spätestens seit Descartes Meditationen (1641) nicht mehr vorbei argumentieren. Mit der Gewissheit der eigenen Existenz die Absolutheit des eigenen Existenzanspruchs zu verbinden, war ein Schritt über Descartes hinaus, vor allem jedoch war es ein Angriff auf das Christentum, das seine eigene Theorie von der Verderbtheit der menschlichen Natur propagierte und das die Lehre von der Sündhaftigkeit des Menschen nutzte, um die Machtansprüche von Staat und Kirche als Antwort auf die menschliche Natur zu begründen.
Hobbes argumentierte ohne einen Sündenfall und letztlich ohne eine Moral. Der von ihm durchdachte Mensch handelte selbstverständlich und vernünftig gerechtfertigt, selbst wenn er sich in den Krieg gegen den Rest der Menschheit begab:
But neither of us accuse man’s nature in it. The Desires, and other Passions of man, are in themselves no Sin. No more are the Actions that proceed from those Passions, till they know a Law that forbids them: which till Lawes be made they cannot know: nor can any Law be made, till they have agreed upon the Person that shall make it.Lit.: Leviathan, 1, Kap. 13, S. 62.Niemand jedoch sollte die Natur des Menschen an dieser Stelle anklagen. Die Begierden und andere Leidenschaften des Menschen sind für sich betrachtet keine Sünden. Sie sind es so wenig wie die Handlungen, die aus diesen Leidenschaften entspringen, bevor man irgendein Gesetz zur Kenntnis nimmt, das sie verbietet: was man wiederum nicht tun kann, bevor irgendein Gesetz erlassen ist: was wiederum nicht geschehen kann, bevor man sich auf eine Person einigt, die das Gesetz erlassen soll. (übers. o.s.)
Erst das auf die Probleme, die der Naturzustand aufwirft, ausgerichtete Recht, ein zur Gänze von Menschen gesetztes Recht, schaffe die Optionen, unter denen wir menschliche Handlungen moralisch beurteilten.
Auf breite Resonanz konnte Hobbes mit diesem in Anschlag gebrachten Argument nicht rechnen, da es das Menschenbild mit der Kirche teilte, ihr jedoch keine weitere Rolle in der Legitimation weltlicher und kirchlicher Macht zugestand. Hobbes wurde als Atheist und Feind der Menschheit verschrien und löste eine Welle philosophischer Gegenmodelle aus, die samt und sonders den absolutistischen Staat, für den er selbst in den Wirren des englischen Bürgerkriegs eingetreten war, mit Verweisen auf den Naturzustand begründeten.
Die wesentlichen Konsensformeln zum Naturzustand wie zum Staat, der auf ihm aufbauen musste, formulierte in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts Samuel von Pufendorf. Den nachhaltigeren Einfluss auf die Debatte gewannen die Philosophen, die in der englischen politischen Debatte die weiterführenden Gegenpositionen zum Absolutismus wie zu Hobbes definierten.
Eine Antwort auf Hobbes und die Glorious Revolution mini|300px|Der Europäer bringt den verrohten Wilden das Feuer. Szene aus Les avantures de ***, ou les effets surprenans de la sympathie, vol. 5 (Amsterdam, 1714), einem Roman in Auseinandersetzung mit dem Naturzustand.
Die an Hobbes anschließende philosophische Debatte behielt die Chance, unabhängig vom christlichen Menschenbild argumentieren zu können, im Spiel, suchte jedoch eine neue Oppositionsmöglichkeit. Das hatte zuerst einmal Gründe in der englischen Innenpolitik.