mini|Der Tempel B, der Fortuna Huiusce Diei geweiht

Der Largo di Torre Argentina (verkürzt Largo Argentina) ist ein Platz im Stadtviertel Pigna in Rom auf dem antiken Campus Martius. Der Platz entstand ab 1909 im Zuge der städtebaulichen Neuordnung der Altstadt. Dabei wurden Wohngebäude sowie die Kirche San Nicola dei Cesarini abgetragen. Von der mittelalterlichen Bebauung blieb lediglich die Torre del Papito übrig. 1926–1928 begann man mit der systematischen Ausgrabung von Tempeln, die aus der Zeit der Römischen Republik stammen.

Ausgrabungen mini|Skizze der Lage der Area Sacra vor dem Theater des Pompeius mini|Tempel A

Die sogenannte Area Sacra (Heiliger Bezirk) liegt unterhalb des heutigen Straßenniveaus und ist von allen Seiten gut einzusehen. Für die Öffentlichkeit ist das Gelände seit 2023 unter eingeschränkten Bedingungen zugänglich.Zugänglichkeit seit 20. Juni 2023 Das Ausgrabungsgebiet umfasst die Reste von vier Tempeln und angrenzenden Profanbauten. Da die Tempel nicht zweifelsfrei einzelnen Gottheiten zugewiesen werden können, werden sie im Allgemeinen von Nord nach Süd mit den Buchstaben A bis D bezeichnet. Die Tempel waren ab dem 1. Jahrhundert v. Chr. von größeren öffentlichen Bauten umgeben. Im Norden schlossen das Hecatostylum (Halle der hundert Säulen) und die Thermen des Agrippa an. Im Westen stand die Portikus und das Theater des Pompeius. Im Süden lagen der Circus Flaminius und das Theater des Balbus und im Osten die wohl erst unter Claudius errichtete Porticus Minucia Frumentaria, die der kaiserlichen Getreideverteilung in Rom diente.Daniele Manacorda: Porticus Minucia Frumentaria In: Eva Margareta Steinby (Hrsg.): Lexicon Topographicum Urbis Romae, Band 4, Quasar, Rom 1999, S. 132–136 Anstelle von letzteren befand sich schon in der republikanischen Zeit eine große Hallenanlage, der Porticus Minucia vetus in campo, deren Name auf die Familie der Minucier Bezug nimmt. Laut Auskunft des Velleius Paterculus wurde sie 106 v. Chr. von Marcus Minucius Rufus nach seinem Triumph über die keltischen Skordisker und die thrakischen Triballer errichtet.Velleius Paterculus: Historia Romana, 2.8.3 Obwohl Fragmentteile der Forma Urbis Romae (FUR Nr. 35dd-ff), einem unter Kaiser Septimius Severus geschaffenen Monumentalstadtplan von Rom, Auskunft über die Porticus Minucia geben, ist bis heute nicht geklärt, um welche der beiden Portiken es sich dabei handelt.

Tempel A Tempel A wird anhand der Bauformen seiner ältesten Bauphase in das 3. Jahrhundert v. Chr. datiert. Zusammen mit Tempel C gilt er gemeinhin als einer der ältesten Sakralbauten des Marsfeldes. Nach mehreren antiken Um- und Neubauten wurde er im Mittelalter durch die Kirche San Nicola dei Cesarini überbaut, von der noch die Krypta und die Reste zweier Apsiden stehen.Anton Henze, Kunstführer Rom und Latium, Philipp Reclam GmbH, Stuttgart 1994, ISBN 3-15-010402-5, S. 40.

Archäologisch nachgewiesen wurden Podien und vorgelagerte Altarplätze mehrerer Bauphasen. Das älteste, rund 9,50 × 16,00 Meter große und mit 4 Metern verhältnismäßig hohe Tuffsteinpodium konnte über eine der Ostseite vorgelagerte Freitreppe betreten werden. Es trug einen geosteten, vermutlich tetrastylen Prostylos aus Grotta-Oscura-Tuff, der in Grund- und Aufriss wohl dem gängigen Bild italischer Tempel dieser Zeit verpflichtet war.Filippo Coarelli: Iuturna, Templum. In: Eva Margareta Steinby (Hrsg.): Lexicon Topographicum Urbis Romae, Band 3, Quasar, Rom 1996, S. 163John W. Stamper: The Architecture of Roman Temples. The Republic to the Middle Empire, Cambridge, Cambridge University Press, 2005, S. 44 ff.

Im 2. Jahrhundert v. Chr. wurden Podium und Tempel in Monteverde-Tuff erneuert und zugleich erweitert. Ein Altar aus Peperino wurde mittig auf der alten Podiumstreppe errichtet. Eine neuerliche Umgestaltung eher in der ersten als in der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts v. Chr. vergrößerte das Podium auf 15,00 × 27,50 Meter. Das Niveau des Laufhorizontes entsprach dem des benachbarten Tempels B, dessen erste Bauphase um 100 v. Chr. anzusetzen ist. Der neue Tempel A wurde zu einem hexastylen Peripteros umgestaltet – ein Bautyp, den ein umlaufender „Säulenkranz“ prägt und der in der römischen Architektur eher selten Verwendung fand. Filippo Coarelli rekonstruiert einen hexastylen Peripteros mit je 9 Säulen an den Langseiten, der wie sein Vorgängerbau orientiert und ostwärts geöffnet war. Möglicherweise war er korinthischer Ordnung, ein entsprechendes Kapitelloberteil aus Travertin wurde von Coarelli dem Tempel zugewiesen.Filippo Coarelli - I.Kajanto – U. Nyberg – M. Steinby, L ́Area Sacra di Largo Argentina, Rom 1981, S. 14 ff. 43 Taf. 6,3 (Abbildung des Kapitelloberteils). Die neue, zehnstufige Freitreppe verlief als integriertes Element des Podiums auf einen neu geschaffenen Altarplatz zu. Wie andere Gebäude der Area Sacra am Largo Argentina fiel Tempel A im Jahr 80 n. Chr. einem der historischen Brände auf dem Marsfeld zum Opfer. Von der nachfolgenden Restaurierung unter Domitian stammen die heute auf dem Podium zu sehenden Säulenschäfte aus Travertin samt den zugehörigen korinthischen Kapitellen. Die vergrößerte Anlage des 1. Jahrhunderts v. Chr. wurde in severischer Zeit auf der Forma Urbis Romae (FUR Nr. 37.a) festgehalten.FUR Stanford # 37.a (Tempel A/B); (online); Emilio Rodríguez Almeida: Forma Urbis Marmorea. Aggiornamento Generale 1980. Rom 1981, Tafel 28.

Strittig ist die Identifizierung des mit dem Tempel verbundenen Kultes. Ursprünglich als Tempel der Iuno Quiritis gedeutet,Ferdinando Castagnoli: Il Campo Marzio nell’antichità. MemLinc VIII 1.4, 1946–1948, S. 276–291 (161). richtet sich das Augenmerk heute eher auf die Deutung einer Stelle in Ovids Fasti, an der er die Nähe des Tempels der Iuturna zur Aqua Virgo erwähnt („Te quoque lux eadem, Turni soror, aede recepit, hic ubi Virginea Campus obitur aqua“ = „Derselbe Tag hat auch dich, Schwester des Turnus, im Tempel empfangen, hier wo das Marsfeld vom Aqua Virgo umgeben wird.“)Ovid, Fasti 1,463–465; vgl. James George Frazer: Ovid’s Fasti. Text und englische Übersetzung. Heinemann, London 1931; Nachdruck 1959 (). – jene Wasserleitung, die die unweit des Largo Argentina gelegenen Agrippathermen speiste. Coarelli glaubt daher, in dem Bau den Tempel der Iuturna identifizieren zu können. Dies vorausgesetzt, wäre eine nahezu exakte Datierung der ersten Bauphase für die Zeit um 242/241 v. Chr. gesichert, da Gaius Lutatius Catulus, siegreicher Feldherr des Ersten Punischen Krieges, das Heiligtum gelobt und gestiftet hatte („[…] cui (Iuturnae) Lutatius Catulus primus templum in Campo Martium fecit“ = „Lutatius Catulus hat ihr [der Iuturna] als Erstes den Tempel auf dem Marsfeld errichtet“).Maurus Servius Honoratius: Servianorum in Vergili Carmina Commentariorum Editio Harvardiana. Hrsg.: Edward Kennard Rand, A. Fr. Stocker, Oxford 1946–1965, 12.139. Lawrence Richardson Jr. interpretiert den aus Ovid zu erschließenden Verlauf der Aqua Virgo anders. Ausgehend von seiner Übersetzung des hic ubi Virginea Campus obitur aqua mit „hier, wo die Aqua Virgo das Marsfeld betritt“, schließt er, dass eine Örtlichkeit in der Nähe der Saepta Julia gemeint sei. Deshalb wendet er ein, es könne sich bei dem Tempel am Largo Argentina nicht um den der Iuturna handeln, da dieser eher nördlich der Iulia Saepta zu suchen sei.Lawrence Richardson Jr.: A New Topographical Dictionary of Ancient Rome. Johns Hopkins University Press, Baltimore 1992, S. 228 s. v. Iuturna, Templum; zu Tempel C: S. 33 Adam Ziolkowski wiederum deutet den Bau als den 225 v. Chr. von Lucius Aemilius Papus gelobten Tempel der Feronia.Adam Ziolkowski: Les temples A et C du Largo Argentina: quelques considérations. In: Mélanges de l’École française de Rome - Antiquité. Band 98,2, 1986, S. 623–641.

Im Ergebnis ist Tempel A derzeit nicht mit Sicherheit zu identifizieren,Jon Albers: Campus Martius. Die urbane Entwicklung des Marsfeldes von der Republik bis zur mittleren Kaiserzeit. Reichert, Wiesbaden 2013, ISBN 978-3-89500-921-1, S. 54–58, 60 (Tempel A). zumal er mit Tempel C um die Deutung als Iuturnatempel konkurriert.

Tempel B mini|Tempel B mini|Kolossaler Kopf der Fortuna (?) Tempel B wird in das späte 2./ frühe 1. Jahrhundert v. Chr. datiert, wobei das Jahr 90 v. Chr. als wahrscheinliches Jahr des Aufbaus genannt wird.John W. Stamper: The Architecture of Roman Temples. The Republic to the Middle Empire, Cambridge, Cambridge University Press, 2005, S. 75 ff. Der Tempel wurde von Quintus Lutatius Catulus nach dessen Sieg über die Kimbern bei Vercelli 101 v. Chr. gestiftet und war nach allgemein bestehendem Konsens der Forscher der Fortuna Huiusce Diei geweiht, der Glücksgöttin des heutigen Tages. Etwa Mitte des 1. Jahrhunderts wurde er unter Pompeius, spätestens aber unter Octavian umgestaltet. Unter Domitian wurde er nach einer Brandkatastrophe nochmals wiederaufgebaut.Jon Albers: Campus Martius. Die urbane Entwicklung des Marsfeldes von der Republik bis zur mittleren Kaiserzeit. Reichert, Wiesbaden 2013, ISBN 978-3-89500-921-1, S. 56, 58–60 (Tempel B). Antike Schriftzeugnisse dazu gehen auf Plutarch und Varro zurück.Varro: De de rustica 3.1.2 und 3.2.1–4; online; Plutarch, Marius: 26.2 (online)

Dieses Heiligtum ist das jüngste und gleichzeitig einzige der Area Sacra am Largo Argentina, das eindeutig identifiziert werden kann. Nachgewiesen sind ein Rundpodium mit vorgelagerter Freitreppe auf seitlichen Basen sowie Teile des aufgehenden Cella-Mauerwerks und mehrere Säulen. Ursprünglich handelte es sich bei diesem Bautyp um eine Tholos mit breiter Cella, um die herum insgesamt 18 Tuff-Säulen mit korinthischen Basen und Kapitellen errichtet waren. Sechs Säulen sind noch erhalten. Die Cellawand bestand aus opus caementicium, das mit opus incertum aus Travertin verkleidet war. Bei einem späteren Umbau wurde die Cella erweitert, die Cellawandung in die Interkolumnien des Säulenkranzes versetzt, was die Säulen optisch auf Halbsäulen reduzierte. Der umgebaute Tempel ist ebenfalls in der Forma Urbis Romae (FUR Nr. 37.a) abgebildet. Das Podium des Tempels liegt auf deutlich höherem Niveau als die der anderen Tempel.

Möglicherweise waren aus Griechenland geraubte Bronzestatuen, darunter drei Werke des Bildhauers Phidias,Plinius, Naturalis historia 34,54. in den Interkolumnien und auf den beiden flankierenden Basen aufgestellt.Pierre Gros: Fortuna Huiusce Diei. In: Eva Margareta Steinby (Hrsg.): Lexicon Topographicum Urbis Romae. Band 2, Quasar, Rom 1995, S. 269 f. Mit großer Sicherheit können die Überreste einer weiblichen, marmornen Kolossalstatue dem Tempel zugewiesen werden. Sie wurde an der Südseite des Baus im Bauwich zu Tempel C gefunden und stellte das ehemalige Kultbild dar. Ein massives Fundament und Reste der Basis sind für eine derartige Zuordnung nachgewiesen.Eine ausführliche Beschreibung der Marmorstatue findet sich bei: Giuseppe Marchetti-Longhi: Il colossale acrolito rinvenuto nell’ „area sacra“ di Largo Argentina. In: Memorie della Pontificia Accademia Romana di Archeologia. Band 3, 1933, S. 133–203. Die Reste der Statue befinden sich heute im Museum der Centrale Montemartini., abgerufen am 3. Mai 2016

Tempel C mini|Tempel C Tempel C datiert auf das Ende des 4. oder den Anfang des 3. Jahrhunderts v. Chr. und damit in die frührepublikanische Zeit. Das Heiligtum scheint eines der ältesten des Marsfeldes gewesen zu sein, wobei teilweise diskutiert wird, ob es nicht gar das älteste ist.Adam Ziolkowski: The Temples of Mid-republican Rome an their Historical and Topographical Context, Rom 1992, S. 27 und 92 ff. Stamper geht davon aus, dass der Tempel ursprünglich tuskischer Ordnung war.