mini|hochkant|Nicolai Hartmann Paul Nicolai Hartmann (* Eintrag im (lettisch: Rīgas sv. Pētera baznīca) in Riga, Russisches Kaiserreich; † 9. Oktober 1950 in Göttingen) war ein deutscher Philosoph und Professor für Philosophie. Er gilt als Fundamentalontologe, als bedeutender Vertreter des kritischen Realismus und als einer der wichtigen Erneuerer der Metaphysik im 20. Jahrhundert.

Leben Nicolai Hartmann war der Sohn des Ingenieurs Carl August Hartmann und dessen Frau Helene, geb. Haukmann. Er besuchte ab 1897 das deutschsprachige Gymnasium in Sankt Petersburg. In den Jahren 1902 und 1903 studierte er Medizin an der Kaiserlichen Universität Dorpat sowie von 1903 bis 1905 klassische Philologie und Philosophie in Petersburg. Dieses Studium setzte er ab 1905 in Marburg fort, wo er vor allem die Neukantianer Hermann Cohen und Paul Natorp hörte. Hier begann die lebenslange Freundschaft mit Heinz Heimsoeth. Im Jahr 1907 promovierte er mit der Arbeit Das Seinsproblem in der griechischen Philosophie vor Plato. Gleichsam als Fortsetzung erschien 1909 das Buch Platos Logik des Seins. Bereits im gleichen Jahr habilitierte er sich über das Thema Des Proklus Diadochus philosophische Anfangsgründe der Mathematik.

Im Jahr 1911 heiratete Hartmann Alice Stepanitz, mit der er 1912 die Tochter Dagmar bekam. Im gleichen Jahr veröffentlichte er Philosophische Grundfragen der Biologie. Von 1914 bis 1918 leistete er Kriegsdienst als Dolmetscher, Briefzensor und Nachrichtenoffizier. Nach dem Krieg erhielt er 1919 in Marburg eine Stelle als Privatdozent. In dieser Zeit lernte er Martin Heidegger kennen. 1920 wurde er außerordentlicher Professor, und 1921 erschien das Werk, das seine eigenständige philosophische Position kennzeichnete, die Grundzüge einer Metaphysik der Erkenntnis. Im Jahr darauf wurde er ordentlicher Professor als Nachfolger auf dem Lehrstuhl von Natorp. 1925 wechselte er nach Köln, wo er Kontakt zu Max Scheler bekam. Im Jahr 1926 veröffentlichte er die Ethik als seine zweite bedeutende Schrift, in der er ähnlich wie Scheler eine materiale Wertethik vertrat. Im selben Jahr wurde er von seiner Frau geschieden.

1929 heiratete Hartmann Frida Rosenfeld, mit der er einen Sohn, Olaf (1930), und eine Tochter, Lise (1932), bekam. 1931 folgte er einem Ruf nach Berlin auf eine Professur für theoretische Philosophie. Den Lehrstuhl hatte er bis 1945 inne. In dieser Zeit erarbeitete er in mehreren Schritten seine Ontologie mit Das Problem des geistigen Seins (1933), Zur Grundlegung der Ontologie (1935), Möglichkeit und Wirklichkeit (1938) sowie Der Aufbau der realen Welt. Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre (1940). 1934 wurde er zum Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften gewählt.

Nach dem Tod von Paul von Hindenburg sprach sich Nicolai Hartmann u. a. zusammen mit Martin Heidegger, Carl Schmitt und Erich Rudolf Jaensch im Völkischen Beobachter für die „Übertragung der Befugnisse des Reichspräsidenten auf Hitler“ aus.Georg Leaman, Gerd Simon: Heidegger im Kontext: Gesamtüberblick zum NS-Engagement der Universitätsphilosophen (= Ideologische Mächte im deutschen Faschismus, Bd. 5). Argument Verlag, Hamburg 1993, ISBN 3-88619-205-9, S. 100.

Die Zeit des Nationalsozialismus scheint Hartmann weitgehend unberührt von und gegenüber den Machthabern verbracht zu haben.Reinhard Mehring: Tradition und Revolution in der Berliner Universitätsphilosophie. In: Rüdiger vom Bruch (Hrsg.): Die Berliner Universität in der NS-Zeit. Steiner, Stuttgart 2005. Band II, S. 199–214 Allerdings zeigen Unterlagen im Habilitationsverfahren von Gerhard Lehmann von Dezember 1939, dass er sich einer Einstufung der jüdischen Vertreter der Marburger Schule als „bloßen Logizismus“ der „jüdischen Geistesgeschichte“ nicht widersetzte.Christian Tilitzki: Die deutsche Universitätsphilosophie in der Weimarer Republik und im dritten Reich. Akademie, Berlin 2002, 708, insbesondere FN 481 Einen Tribut zollte er auch mit der Herausgabe eines Sammelbandes Systematische Philosophie (1942) im Rahmen einer NS-Schriftenreihe („Aktion Ritterbusch“). Hier kamen zunächst als „Vertreter des Nationalsozialismus“ Arnold Gehlen („Anthropologie“) und Erich Rothacker („Kulturanthropologie“) zu Wort. Hartmann folgt mit „Neue Wege der Ontologie“, einem zusammenfassenden Überblick über die drei letzten großen ontologischen Schriften. Der Band enthält des Weiteren Überblicksartikel von Otto Friedrich Bollnow („Existenzphilosophie“) und Heimsoeth („Geschichtsphilosophie“). Trotzdem wurde er 1942 vom Amt Rosenberg, der kulturpolitischen Überwachungsbehörde, „mit Bedenken betrachtet“ und seine Ablehnung folgendermaßen begründet: „Dem Katholizismus verbunden, wird von weltanschaulichen Gegnern zitiert.“Zitat bei Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Fischer Taschenbuch Verlag, Zweite aktualisierte Auflage, Frankfurt am Main 2005, S. 229. Innerhalb der SD-Dossiers über Philosophie-Professoren des Sicherheitsdienstes des Reichsführers SS, worin Philosophen ideologisch klassifiziert wurden, erhielt Nicolai Hartmann aus SS-Sicht folgende Beurteilung: „von jeher national. Loyal auch gegenüber dem NS, ohne pol. Aktivität, aber durchaus sozial eingestellt. (Siehe Zuwendung für die NSV, Aufnahme von Ferienkindern usw.)“.Leaman, Georg / Simon, Gerd: Deutsche Philosophen aus der Sicht des Sicherheitsdienstes des Reichsführers SS. Jahrbuch für Soziologie-Geschichte 1992, S. 261–292.

Von 1945 bis 1950 lehrte Hartmann an der Georg-August-Universität Göttingen. Die Akademie der Wissenschaften zu Göttingen nahm ihn 1948 als ordentliches Mitglied auf. Im Jahr seines Todes (nach einem Schlaganfall) erschien noch als spezielle Kategorienlehre die Philosophie der Natur. Postum wurden die Werke Teleologisches Denken (1951) und Ästhetik (1953) veröffentlicht. In Solingen ist die Hartmannstraße im Stadtteil Wald nach ihm benannt.

Bei aller Nüchternheit war Hartmann durchaus in der Lage, sich zu begeistern und sich in einer bildhaften Sprache zu äußern:

Philosophie Metaphysik der Erkenntnis In seinen frühen Arbeiten bis einschließlich zur Habilitation stand Hartmann weitgehend auf dem Boden des Neukantianismus und des von ihm vertretenen Idealismus mit seiner Lehre einer konstituierenden Setzung von Realität durch den Geist. Die 1912 veröffentlichte Schrift zu den Grundfragen der Philosophie der Biologie, in der Hartmann sich positiv zum Darwinismus stellte, zeigt dann die Hinwendung zu einem naturwissenschaftlichen Materialismus und zum Atheismus in Anlehnung an Ludwig Feuerbach.Wolfgang Harich: Nicolai Hartmann – Größe und Grenzen. Königshausen & Neumann, Würzburg 2000, S. 4 1921 brach er in seinem Werk Grundzüge einer Metaphysik der Erkenntnis (MdE), das ihn schlagartig berühmt machte, endgültig mit der Marburger Tradition und vertrat nun entschieden die Auffassung, dass die Realität unabhängig von der subjektiven Wahrnehmung existiere. Erkenntnis war nun für Hartmann, der aufgrund dessen dem kritischen Realismus zugerechnet wird, ein Vorgang, in dem ein vom erkennenden Subjekt verschiedenes Objekt im Bewusstsein abgebildet wird.

Hartmann hat den Titel „Metaphysik der Erkenntnis“ gezielt gewählt, um auszudrücken, dass die Grundannahme über die Relation von Erkenntnissubjekt und -objekt rational nicht zu erklären ist.Martin Morgenstern: Nicolai Hartmann zur Einführung. Junius, Hamburg 1997, 31 Das unlösbare Rätsel der Beziehung von Erkenntnis und Sein führt nach Hartmann notwendig in Aporien.Wolfgang Röd: Abschnitt Nicolai Hartmann. In: Geschichte der Philosophie, Band XII. Beck, München 2004 Entgegen Kant war Hartmann der Auffassung, dass man keine voraussetzungsfreie Erkenntnistheorie aufstellen kann. Jede Erkenntnistheorie hat metaphysische Voraussetzungen.

Während für Cohen Erkenntnis ein „gedankliches Erzeugen“ oder „Setzen“ eines Gegenstandes war,Martin Morgenstern: Nicolai Hartmann zur Einführung. Junius, Hamburg 1997, 32 bedeutete Erkenntnis für Hartmann ein Erfassen von etwas schon Vorhandenem. Er geht also „von der Auffassung aus, daß Erkenntnis nicht ein Erschaffen, Erzeugen oder Hervorbringen des Gegenstandes ist, wie der Idealismus alten und neuen Fahrwassers uns belehren will, sondern ein Erfassen von etwas, das auch vor aller Erkenntnis und unabhängig von ihr vorhanden ist“Nicolai Hartmann: Grundzüge einer Metaphysik der Erkenntnis. Walter de Gruyter, Berlin, 5. Auflage 1965, 1. Dieses Erfassen beschrieb Hartmann als einen Vorgang in drei Phasen. Am Anfang steht, hier lehnte Hartmann sich an Husserl an, eine Phänomenologie der Erkenntnis. Hierzu gehören Vorgänge der Wahrnehmung ebenso wie Vorgänge des Bewusstseins, wie die Bildung von Repräsentationen, und der Erkenntnisfortschritt. In der phänomenologischen Betrachtung versucht man ein „Maximum an Gegebenheit“ (MdE, 43) zu erreichen. Allerdings zeigt sich, dass es Grenzen der Erkenntnis gibt. Der Mensch kann das Wesen der Wirklichkeit, von dem er und seine Erkenntnisleistung selbst lediglich ein Teil sind, nie vollständig erfassen. Bestenfalls kann er die Grenzen verschieben und seinen Erkenntnishorizont erweitern. Im zweiten Schritt erfolgt eine Analyse der gegebenen Phänomene. Diese Analyse zeigt eine Grundaporie, die Grundlage für alle weiteren Probleme der Erkenntnis ist. Einerseits ist das Subjekt in den Grenzen seines Bewusstseins gefangen, andererseits bezieht es sich auf ein Seiendes außer sich selbst. Die Erkenntnis ist abhängig von der Beziehung auf einen Gegenstand außerhalb ihrer selbst. Hartmann suchte für diesen Widerspruch keine Lösung, sondern betrachtete ihn als gegeben. Die Auffassung von der Existenz ist Ergebnis der phänomenologischen Betrachtung. Hartmann versuchte im dritten Schritt, diese Auffassung zu rechtfertigen. Sein wesentliches Argument ist, dass von der Annahme des Realismus, der sowohl die natürliche als auch die wissenschaftliche Weltsicht widerspiegelt, nur aus guten Gründen abgewichen werden darf. „In Wirklichkeit fällt also die Beweislast gerade dem Idealismus zu, eben weil er es ist, der sich vom natürlichen Gegenstandsbewusstsein und von der Sachlage des Erkenntnisphänomens entfernt und eine Behauptung aufstellt, die von vorn herein den Stempel der Widernatürlichkeit trägt.“ (MdE 229)

Ethik In der Ethik, einem seiner zentralen Werke, entwarf er im Anschluss an Max Scheler eine „materiale Wertethik“. Werte haben danach wie auch die Gegenstände der Mathematik oder Logik die Seinsweise eines „idealen Seins“ und werden durch Wertfühlen erfasst.

Zunächst setzte Hartmann sich kritisch mit verschiedenen alternativen ethischen Systemen auseinander. Hierzu gehören zunächst der Utilitarismus in seinen verschiedenen Varianten (Maximierung des Nutzens) sowie, als Pendant, Schopenhauers Mitleidsethik (Minimierung des Schadens). Bei diesen Konzepten liegt nach Hartmann eine Verwechselung von Nützlichkeit und Gutem vor. Dies führt zu einer „Verkennung und Verarmung des Wertgefühls“ und am Ende zu einem „Wertenihilismus“ (Ethik, 87). Gegen den Eudaimonismus wendete Hartmann ein, Glück sei keineswegs der höchste Wert. Es gäbe wertloses und sogar wertwidriges Glück, jedenfalls Glück ohne sittliche Grundlage (Ethik 87).

An Kant kritisierte Hartmann die rein subjektivistische (im Subjekt liegende) Begründung der Werte. Das Sittliche in der Gesinnung und die Autonomie des Willens eines Einzelnen reichten allein nicht zur Begründung der Werte. Zudem seien Kants Prinzipien nur formal. Nach Hartmann müssen apriorische ethische Prinzipien auch inhaltlich material sein (Ethik 107). Zudem sind Werte nicht nur rational, sondern haben auch eine Komponente der Intuition.