Das Sonnengleichnis ist ein bekanntes Gleichnis der antiken Philosophie. Es stammt von dem griechischen Philosophen Platon (428/427–348/347 v. Chr.), der es im sechsten Buch seines Dialogs Politeia von seinem Lehrer Sokrates erzählen lässt. Anschließend trägt Sokrates das Liniengleichnis vor, mit dem das sechste Buch endet. Am Anfang des siebten Buches folgt das Höhlengleichnis, das letzte der drei berühmten Gleichnisse in der Politeia. Alle drei Gleichnisse veranschaulichen Aussagen von Platons Ontologie und Erkenntnistheorie.
In den drei Gleichnissen wird spezifisch platonisches Gedankengut vorgetragen. Der „platonische“ Sokrates, der hier als Sprecher auftritt und die Gleichnisse erzählt, ist eine literarisch gestaltete Figur. Seine Position kann daher nicht mit der des historischen Sokrates gleichgesetzt werden.
Im Sonnengleichnis versucht der platonische Sokrates das Gute, statt es direkt zu definieren, gleichnishaft zu veranschaulichen. Er vergleicht es mit der Sonne: Wie im Bereich des Sichtbaren die Sonne als Quelle des Lichts die alles beherrschende Macht ist, so herrscht in der geistigen Welt das Gute als Quelle von Wahrheit und Wissen.
Vorgeschichte im Dialog Im sechsten Buch der Politeia erläutert der platonische Sokrates seinen Gesprächspartnern Glaukon und Adeimantos, den beiden Brüdern Platons, die ethischen und geistigen Anforderungen, die man zu erfüllen hat, um für politische Führungsaufgaben in einem idealen, von Philosophen regierten Staat qualifiziert zu sein. Ein an der Staatslenkung beteiligter Philosoph benötigt für seine Entscheidungen einen ethischen Orientierungsrahmen. Es genügt nicht, dass seine charakterliche Disposition die Grundtugenden Gerechtigkeit, Besonnenheit, Tapferkeit und Weisheit umfasst. Diese Tugenden sind erst dann hilfreich, wenn man ihr Wesen philosophisch auf vollkommene Weise erfasst hat. Das gelingt aber nur dem, der die Tugenden aus einem ihnen übergeordneten Prinzip ableiten kann, das ihre gemeinsame Quelle und Basis ist, und über dieses Prinzip Klarheit erlangt hat.Platon, Politeia 503c–505b, 505d–506b.
Bei den folgenden Ausführungen des Sokrates wird die Kenntnis der platonischen Ideenlehre vorausgesetzt. Platon geht davon aus, dass die sinnlich wahrnehmbare Welt dem nur gedanklich erreichbaren (intelligiblen) Bereich der Ideen nachgeordnet ist. Die Ideen sind reale, eigenständig existierende, unveränderliche Urbilder, die Sinnesobjekte sind deren Abbilder. Die Existenz und Beschaffenheit der Abbilder ist auf die Urbilder zurückzuführen. Das überzeitliche Sein der Ideen ist für Platon das Sein im eigentlichen Sinne. Den veränderlichen und vergänglichen Sinnesobjekten hingegen kommt nur ein bedingtes und damit unvollkommenes Sein zu, das sie den Ideen verdanken. Ihre Eigenschaften spiegeln das Wesen der Ideen; beispielsweise ist etwas Materielles schön, wenn und solange sich die Idee des Schönen darin abbildet.
Der Ursprung aller Tugenden ist „das Gute“ schlechthin, das heißt in der Ausdrucksweise der Ideenlehre die Idee des Guten. Ihr verdankt alles, was gut ist, die Eigenschaft gut zu sein.Zum Guten als Idee siehe Jens Halfwassen: Der Aufstieg zum Einen. Untersuchungen zu Platon und Plotin, 2. Auflage, Leipzig 2006, S. 236–239. Sie ist das höchste Prinzip. Erst wenn man sie erkennt, wird alles andere Wissen nützlich und vorteilhaft. Eine Tugend kann man nur wahren, wenn man weiß, inwiefern sie auch gut ist. Die Einsicht in das Wesen der Idee des Guten ist für den platonischen Sokrates das eigentliche Ziel des philosophischen Erkenntnisstrebens. Allerdings betont er auch, dass solche Einsicht schwer zu erlangen ist; der Weg zu ihr sei weit und mühevoll.Platon, Politeia 504a–505b, 506a. Es gehe hier um die „größte Lektion“, das „am meisten zu Lernende“ (mégiston máthēma).Platon, Politeia 504e–505a; vgl. 503e–504a. Siehe dazu Jens Halfwassen: Der Aufstieg zum Einen. Untersuchungen zu Platon und Plotin, 2. Auflage, Leipzig 2006, S. 226–236; Rafael Ferber: Platos Idee des Guten, 2. Auflage, Sankt Augustin 1989, S. 49 f.
Zwar strebt jede Seele das Gute an, doch was es ist, davon haben die Menschen nicht mehr als eine Ahnung und in ihrem Streben pflegen sie Irrtümern zu unterliegen. Die verbreitete Meinung, das Gute sei mit der Lust gleichzusetzen, ist abwegig, denn niemand wird bestreiten, dass es auch schlechte Lust gibt. Auch als Einsicht lässt sich das Gute nicht definieren, denn damit kann nur eine auf es selbst bezogene Einsicht gemeint sein, wodurch die Definition zirkulär wird.Platon, Politeia 505b–506a.
Nach diesen Darlegungen wird Sokrates nach seiner eigenen Auffassung befragt. Er bekennt, nicht zu wissen, was das Gute ist. Er habe zwar eine Meinung dazu, doch sei es besser, diese Frage „für jetzt“ beiseitezulassen. Da er einen Versuch, das Gute auf direktem Weg zu bestimmen, unter den gegebenen Umständen nicht für sinnvoll hält, wählt er den Umweg über ein Gleichnis. Das unbekannte Gute soll den Gesprächspartnern anhand seines bekannten und ihm sehr ähnlichen „Sprösslings“ nahegebracht werden. Damit meint Sokrates die Sonne.Platon, Politeia 506b–507a.
Einleitend weist Sokrates darauf hin, dass die Grundlage der folgenden Ausführungen die Ideenlehre ist.Platon, Politeia 507b–c. Ihr zufolge hängen die sichtbaren guten Einzeldinge auf mehrfache Weise mit der Idee des Guten, „dem Guten selbst“, zusammen. Im Gleichnis stellt Sokrates den Zusammenhang als Analogiebeziehung dar; Gutes im Bereich des Sichtbaren soll die Idee des Guten und ihre Wirkungsweise veranschaulichen.
Das Gleichnis
Sokrates legt dar, dass der Gesichtssinn sich vom Gehör und den anderen Sinnen dadurch unterscheidet, dass er mit seinen Objekten nicht ohne Weiteres in Kontakt treten kann, sondern dazu eines zusätzlichen Elements, des Lichts, bedarf. Das Licht, das offensichtlich etwas Edles ist, stellt ein köstliches Band zwischen dem Gesichtssinn und dem Sichtbaren dar. Dieses Band ist göttlichen Ursprungs. Unter den himmlischen Göttern ist Helios, der Sonnengott, für die Erzeugung des Lichts zuständig. Der Sonne verdanken die Menschen die Möglichkeit, das Sichtbare zu sehen. Der Zusammenhang zwischen der Sonne und dem Gesichtssinn zeigt sich auch darin, dass das Auge unter allen Sinnesorganen das „sonnenhafteste“ ist. Die Fähigkeit des Auges zu sehen betrachtet Sokrates als eine Gabe des Sonnengottes. Aus der besonderen Beschaffenheit des Gesichtssinns ergibt sich der Vorrang des Sehens vor allen anderen Sinneswahrnehmungen.Platon, Politeia 507c–508b. Vgl. Werner Jaeger: Paideia, Berlin 1989 (Nachdruck), S. 882. Zum Vorrang des Sehens siehe Jens Halfwassen: Der Aufstieg zum Einen. Untersuchungen zu Platon und Plotin, 2. Auflage, Leipzig 2006, S. 247.
Die Sonne ist ein „Sprössling“ oder „Abkömmling“ des Guten und ihm daher hinsichtlich ihrer Natur und Wirkungsweise ähnlich. Daraus ergibt sich für den platonischen Sokrates eine Analogiebeziehung: So wie sich im geistigen Bereich das Gute zum Denken und zum Gedachten verhält, so verhält sich im Bereich des Sichtbaren die Sonne zum Sehen und zum Gesehenen. Das Auge ist in der nächtlichen Finsternis behindert. Es kann seine Sehkraft erst dann richtig entfalten, wenn die Gegenstände, die es erblicken soll, von der Sonne beschienen werden. Analoge Verhältnisse bestehen im geistigen Bereich, wo die Seele die wahrnehmende Instanz, ihre Vernunft (Nous) die Sehkraft und das Gute die „Lichtquelle“ ist. Wenn die Seele sich mit dem Entstandenen und Vergänglichen befasst, das von der „Lichtquelle“ relativ weit entfernt ist, dann richtet sie ihre Aufmerksamkeit auf Verdunkeltes. Daher kann sie dann nicht zu richtiger Einsicht gelangen, so wie das Auge bei schlechter Beleuchtung kaum etwas sieht. Wendet sie sich aber der unveränderlichen Wahrheit und dem wirklich Seienden und Unvergänglichen zu, den Ideen, so erblickt sie das vom geistigen Licht Beschienene. Dann sieht sie gleichsam den Glanz dieser Wirklichkeit, so wie der Gesichtssinn die Dinge, auf die das Tageslicht fällt, deutlich erfasst.Platon, Politeia 508b–508d.
Der Gesichtssinn und das Licht sind zwar sonnenartig, aber sie sind nicht die Sonne. Ebenso sind die Erkenntnis und die erkennbare Wahrheit, die das Denken dem Denkenden erschließt, dem Guten ähnlich, aber nicht mit ihm gleichzusetzen. Vielmehr steht das Gute über der Erkenntnis und der Wahrheit und übertrifft beide an Schönheit. Es ist die Instanz, die Wahrheitserkenntnis ermöglicht, denn es verleiht dem Erkennbaren die Wahrheit und dem Erkennenden die Erkenntnisfähigkeit. Darüber hinaus ist das Gute aber noch in einem weit umfassenderen Sinn ursächlich. So wie die Sonne nicht nur dem Sichtbaren die Sichtbarkeit verleiht, sondern auch dem Werdenden Nahrung verschafft und Wachstum ermöglicht, so verleiht das Gute dem Erkennbaren nicht nur die Erkennbarkeit, sondern auch sein Dasein und sein Wesen. Wie die Sonne, ohne selbst das Werden zu sein, das Werden des Werdenden verursacht, so bewirkt das Gute das Sein (to eínai) und Wesen (Ousia) der geistigen Wirklichkeit, obwohl es selbst dem Bereich des Seins und Wesens nicht angehört, sondern über ihm steht und ihn an Ursprünglichkeit und Macht übertrifft.Platon, Politeia 508d–509b.
Interpretation Wahrheit als Unverborgenheit
Für Platon besteht eine Analogie zwischen der Sichtbarkeit, die das Sonnenlicht Sinnesobjekten verleiht, und der Erkennbarkeit, die das Licht der Wahrheit geistigen Erkenntnisobjekten verleiht. Das Licht der Wahrheit gestattet dem Philosophen, das Seiende zu erfassen. Bei diesem Vergleich spielt wahrscheinlich die Etymologie des griechischen Worts alḗtheia („Wahrheit“) als „Unverborgenheit“ eine Rolle. Die Beziehung zwischen lanthánein („verborgen sein“), lḗthē („Vergessen“, „Vergessenheit“) und alēthḗs („wahr“, ursprünglich im Sinne von „unverborgen“, „offenkundig“) war für das griechische Sprachempfinden schon zur Entstehungszeit der homerischen Dichtung eine Selbstverständlichkeit; auch Platon war sich ihrer bewusst, wie eine Reihe von Stellen in seinen Werken zeigen.Zur Etymologie und Begriffsgeschichte siehe Ernst Heitsch: Die nicht-philosophische ἀλήθεια. In: Hermes 90, 1962, S. 24–33. Vgl. Wilhelm Luther: Wahrheit, Licht, Sehen und Erkennen im Sonnengleichnis von Platons Politeia. Ein Ausschnitt aus der Lichtmetaphysik der Griechen. In: Studium Generale Jahrgang 18 Heft 7, 1965, S. 479–496, hier: 488 f.
Die Frage der Seinstranszendenz des Guten
Berühmt und in der Forschung kontrovers diskutiert ist die Feststellung am Schluss der Darlegung des Gleichnisses, das Gute sei „nicht die Ousia“, sondern „jenseits der Ousia“ und übertreffe sie an UrsprünglichkeitGriechisch presbeía „Altersvorrang“, auch mit „Würde“ übersetzt. und Macht.Platon, Politeia 509b. Der Begriff Ousia (wörtlich „Seiendheit“) wird gewöhnlich mit „Sein“ oder „Wesen“ übersetzt; bei Platon kommen beide Bedeutungen vor. Mit „Sein“ ist das für die platonischen Ideen charakteristische überzeitliche Sein gemeint, im Gegensatz zum Nichtsein und zur Daseinsweise des Werdenden und Vergänglichen. Zu der schwierigen Stelle haben zahlreiche Philosophiehistoriker eine Fülle von Deutungsvorschlägen unterbreitet. Strittig ist, ob „jenseits der Ousia“ im Sinne einer absoluten Transzendenz zu verstehen ist.Eine Forschungsübersicht bietet Michael Erler: Platon (= Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Band 2/2), Basel 2007, S. 402–404.