Unter japanischer Mythologie (japanisch , Nihon shinwa) versteht man landläufig die in den ältesten schriftlichen Chroniken Japans festgehaltenen Geschichten und Legenden aus vorhistorischer Zeit, die von der Entstehung der Welt bis zu den teilweise historisch verifizierbaren frühen Herrschern Japans reichen. In diesen Geschichten wird besonderer Wert auf die genealogischen Verbindungen zwischen den japanischen Göttern (kami) und Herrschern (tennō) gelegt. Diese sogenannten klassischen Mythen Japans zählen darüber hinaus zu den wichtigsten Texten des Shintō, der einheimischen Religion Japans. Sie werden daher manchmal auch als „Shintō-Mythen“ bezeichnet.
Der Unterschied der klassischen Mythen zu späteren Geschichten, in denen die Welt des Übernatürlichen eine Rolle spielt, ist allerdings fließend. Die späteren mythenartigen Traditionen sind oft stark vom japanischen Buddhismus beeinflusst.
Die Mythen des japanischen Götterzeitalters Quellenlage Die Zeitspanne zwischen der Entstehung der Welt und dem Beginn der Herrschaft der tennō-Dynastie wird in der Sprache der Mythen als „Zeitalter der Götter“ (, kamiyo oder jindai) bezeichnet. Die Mythen dieser Zeit sind vor allem in den zwei Chroniken Kojiki (, „Chronik alter Begebenheiten“, 712) und Nihonshoki (, „Chronik Japans“, 720) aus dem 8. Jahrhundert niedergeschrieben, die zusammenfassend als Kiki () bezeichnet werden. Die Erzählungen sind chronologisch gereiht, wobei zu vielen Episoden mehrere Varianten vorliegen, die sich zum Teil nur geringfügig, zum Teil erheblich von der Hauptvariante unterscheiden. Diese Unterschiede innerhalb der Kiki können teilweise auf verschiedene regionale Überlieferungen zurückgeführt werden, könnten aber auch politisch unterschiedlichen Gruppierungen, die an der Abfassung der Chroniken beteiligt waren, zuzuschreiben sein. Insgesamt weist die Mythologie der Kiki jedoch einen hohen Grad an innerer Kohärenz auf.Der Mythenforscher Levi-Strauss hebt dieses Merkmal der japanischen Mythologie ganz besonders hervor. (Vgl. Levi-Strauss 2012, S. 23ff.)
Weitere frühe Quellen, die Fudoki (, „Regionalchroniken“ ab 713), enthalten ebenfalls mythologisches Material, das allerdings – im Unterschied zu den Kiki – nicht in eine kohärente Erzählung gefasst ist und überraschend wenige Übereinstimmungen mit den Kiki aufweist.
Spätere Quellen, angefangen vom Kogo Shūi und dem Sendai kuji hongi aus dem frühen 9. Jahrhundert, geben die Kiki-Mythen des Götterzeitalters in einer synthetisierten Form wieder (wobei an einigen Punkten Neuerungen eingeführt werden, die hier nicht berücksichtigt sind). (Mehr zur Mythenrezeption, s. u.)
Weltentstehung mini|hochkant|Kobayashi Eitaku, „Izanami und Izanagi“, farbige Tusche auf Seide, ca. 1885 Beide Chroniken, sowohl das Kojiki als auch das Nihon shoki, beginnen mit der Erschaffung der Welt. Am Anfang teilt sich die sogenannte Urmaterie in Himmel und Erde und dazwischen entstehen drei HimmelsgötterAme no Minakanushi no Kami, Takamimusubi no Kami und Kamumimusubi no Mikoto und sieben Göttergenerationen, die jeweils in Paaren auftreten. Besondere Aufmerksamkeit liegt hier auf der siebten und somit letzten Generation, bestehend aus einem Urgötterpaar, das für die eigentliche Welterschaffung verantwortlich ist.
Das Urgötterpaar Izanagi und Izanami, die sowohl Geschwister als auch ein Ehepaar sind, steht zunächst auf der schwebenden Himmelsbrücke und beobachtet das Chaos unter sich. Schließlich rührt Izanagi mit einem Speer im Wasser umher, und als er den Speer zurückzieht, fallen salzige Tropfen zurück ins Wasser und eine Insel – Onogoroshima (, „die von selbst geronnene Insel“) – entsteht. Das Götterpaar steigt nun auf das neu entstandene Land herab, errichtet einen „Himmelspfeiler“ und vollführt eine Art Hochzeitsritus. Daraufhin entstehen zahlreiche Inseln, darunter auch die acht großen Inseln Japans (, Ōyashima), sowie eine große Anzahl von Göttern.Das erste Kind Hiruko ist eine Missgeburt, welche einem Fehler der Frau beim Hochzeitsritus zugeschrieben wird.
Nachdem zahlreiche Gottheiten in Form von Landmassen oder natürlichen Elementen gezeugt worden sind, verbrennt sich Urmutter Izanami bei der Geburt des Feuergottes so schwer, dass sie „stirbt“ und in die Unterwelt („Yomi“) kommt. In seiner Trauer schlägt Vater Izanagi den Feuergott mit einem Schwert in Stücke, wodurch neue Götter entstehen, und macht sich anschließend auf die Suche nach Izanami. Er findet sie schließlich in der Unterwelt, verstößt jedoch gegen ihre Bitte, sie nicht anzusehen, woraufhin ihn Izanami zusammen mit ihren Kreaturen aus der Unterwelt verjagt. Als er das Tor zur Unterwelt passiert hat, verschließt er es mit einem Felsen und trennt somit die Welt der Lebenden von der Welt der Toten. Izanami schwört aus Rache, täglich eintausend Leben zu vernichten, und wird dadurch zur Herrscherin der Unterwelt. Izanagi dagegen wird zum Gott des Lebens, indem er schwört, täglich eintausend Gebärhütten (Geburten) zu erschaffen. Auf diese Weise wird der Kreislauf von Leben und Tod in Gang gesetzt.
Nach seinem Besuch in der Unterwelt vollzieht Izanagi eine rituelle Reinigung in einem Fluss. Dabei entstehen wiederum mehrere Gottheiten, darunter auch die Sonnengöttin Amaterasu, die bei der Waschung des linken Auges entsteht, der Mondgott Tsukiyomi no Mikoto (auch Tsukuyomi genannt) bei der Waschung des rechten Auges und der Gott Susanoo, der bei der Waschung der Nase erscheint. Bevor Izanagi sein schöpferisches Werk beendet und sich „zurückzieht“, teilt er diesen Kindern verschiedene Herrschaftsgebiete zu: Amaterasu erhält die Hohen Gefilde des Himmels, Tsukiyomi die Gefilde der Nacht und Susanoo die Gefilde des Meeres oder– in einigen Varianten — das Erdreich.
Was in allen mythologischen Versionen von der Zuteilung der Herrschaftsbereiche gleich bleibt, ist, dass Susanoo, anstatt sich um seinen Bereich zu kümmern, sich wie ein trotziges Kind gebärdet, furchtbar weint und dadurch Flüsse und Wälder vertrocknen lässt; er leitet das Sterben auf der Welt ein. Daher wird er in das Wurzelland (, „Ne no kuni“) verbannt, über das er fortan herrschen soll.
Amaterasu und Susanoo
Bevor sich Susanoo in sein neues Herrschaftsgebiet aufmacht, möchte er sich allerdings von seiner Schwester Amaterasu verabschieden. Er steigt zu ihr in den Himmel hinauf, lässt dabei die Erde beben und setzt Berge und Hügel in Bewegung. Amaterasu erwartet einen Angriff und vermutet, dass er ihr Land rauben möchte. Daher rüstet sie sich zum Kampf und ändert ihr Aussehen, sodass sie nun einem Mann gleicht. Oben angekommen, beteuert Susanoo jedoch, „reinen Herzens“ zu sein. Um dies zu beweisen, lassen sich die göttlichen Geschwister auf einen Wettstreit ein. Es handelt sich dabei um eine Art Beschwörung (ukehi), bei der ein vorher ausgemachtes Zeichen als positive oder negative Antwort auf eine gestellte Frage gilt. In diesem Fall geht es um die Erschaffung von Kindern aus den Waffen der jeweiligen Geschwistergottheit, deren Geschlecht schließlich auch Aufschluss über Susanoos Gesinnung geben soll. Wie genau dies vonstattengeht, ist von Version zu Version unterschiedlich – jedoch haben sie alle gemein, dass das Ergebnis stets zu Susanoos Gunsten interpretiert wird.
So kommt es, dass Susanoo sich Zugang zu Amaterasus Reich verschafft. Er begeht dort acht „himmlische Sünden“ (ama-tsu-tsumi); zum Beispiel zerstört er die Reisfelder, lässt die Pferde los oder beschmiert die heilige Halle, in der Amaterasu den frisch geernteten Reis verkostet, mit seinem eigenen Kot. Amaterasu unternimmt zunächst nichts gegen diese Sabotageakte, doch als er schließlich einem Pferd durch „Rückwärtsschindung“ die Haut abzieht, es in die heilige Webhalle wirft und sich eine Weberin dort vor Schreck mit dem Weberschiffchen in die Scheide sticht und daran stirbt, hat er es zu weit getrieben: Amaterasu ist so erbost, dass sie sich in einer Felsenhöhle einschließt, wodurch das Licht der Welt verlischt.
Hervorlockung aus der Felsenhöhle mini|Shunsai Toshimasa, „Tanz vor der Felsenhöhle“, Farbholzschnitt, 1889 Die Götter schmieden daraufhin einen Plan, um die Sonnengöttin wieder aus ihrer Höhle zu locken, damit das Licht auf die Welt zurückkehrt. Zunächst beginnen sie mit der Herstellung verschiedener Opfergaben wie einem Spiegel oder Krummjuwelen und entwurzeln zum Schluss einen Sakaki-Baum, der sich auf dem himmlischen Kagu-Berg befindet.
Auf die Darbringung der Opfergaben, die mit schmeichelnden Ritualworten einhergeht, folgt ein Tanz der Göttin Amenouzume, die dabei – gleichsam in Trance – ihre Brüste und Genitalien entblößt. Dieses Vorgehen bringt die umstehenden Götter zum Lachen, worauf Amaterasu, neugierig geworden, das Tor der Höhle öffnet und ins Freie blickt. Dies nutzt der Gott Ame no Tachikarao („Mann der starken Hand des Himmels“), der sich neben dem Eingang positioniert hat, und zieht Amaterasu aus ihrer Höhle ins Freie, woraufhin die Welt sich wieder erhellt. Der Gott Ame no Futotama spannt sofort ein Seil quer über den Eingang, um Amaterasu daran zu hindern sich wieder in der Höhle zu verstecken.
Varianten dieser Episode erwähnen auch Hähne, die von den Göttern zum Krähen gebracht werden, möglicherweise um Amaterasu vorzugaukeln, dass die Sonne ohne sie aufgegangen sei.
Susanoo und das achtköpfige Ungeheuer mini|Tsukioka Yoshitoshi, „Susanoos Kampf“, Farbholzschnitt, 1887 Susanoo wird nach Wiedererscheinen der Sonnengottheit endgültig aus dem Himmel verbannt. Er steigt in die Provinz Izumo herab, wo er ein altes Ehepaar trifft, das ihm von seinem Unglück erzählt. Das achtköpfige Ungeheuer Yamata no Orochi hat bereits sieben seiner acht Töchter verschlungen und bald kommt die Zeit, wo es auch die achte Tochter Kushinadahime verschlingen wird. Susanoo verspricht ihnen das Ungeheuer zu töten, wenn er dafür Kushinadahime zur Frau bekommt. Das Paar willigt ein und so weist Susanoo die beiden an, acht Fässer Reiswein (Sake) zu brauen und einen Zaun mit acht Öffnungen zu errichten, hinter den sie die Fässer mit Sake stellen sollen.Vgl. Florenz: Die historischen Quellen der Shinto-Religion, 1919, S. 41, 156–182, 424. Die Zahl Acht, die in dieser Episode besonders hervorgehoben wird, fungiert auch in anderen Episoden als ein Symbol für eine Vielzahl oder Totalität, etwa bei der Zeugung der „Acht Inseln“ (= Japan) durch Izanagi und Izanami oder in der Bezeichnung der „achtfach sich türmenden Wolken von Izumo“ (yakumo tatsu Izumo ).
Als Yamata no Orochi schließlich kommt, um sich Kushinadahime zu holen, bietet Susanoo dem Ungeheuer ehrerbietig den Sake an. Yamata no Orochi trinkt, schläft ein und kann von Susanoo in Stücke gehauen werden. Im Schwanz des Ungeheuers findet er das Schwert Ama no Mura-kumo (, „Himmlische Wolkenhaufen“), das später den Namen Kusanagi no Tsurugi erhält (siehe unten: Yamato Takeru).Vgl. Florenz: Die historischen Quellen der Shinto-Religion, 1919, S. 42–44, 164–170, 424–425.
Ōkuninushi Als Nächstes erzählen die Mythen von Ōkuninushi ( oder auch Ōnamuchi , Ōmononushi ), einem Nachkommen (oder Sohn) des Susanoo. Im Kojiki gibt es sehr ausführliche und schon fast märchenhafte Beschreibungen von Ōkuninushi.
Der Weiße Hase von Inaba Beispielsweise macht sich Ōkuninushi mit seinen 80 Halbbrüdern auf nach Inaba (), wo die Brüder die „Prinzessin Yakami“ () heiraten möchten. Ōkuninushi folgt ihnen und trägt das Gepäck der Brüder. Auf ihrer Reise treffen die Brüder auf einen weißen (nackten) Hasen, der sich vor Schmerzen am Boden windet. Ōkuninushi fragt ihn, warum er nackt ist. Er erklärt ihm, dass er von der Insel Oki auf das Festland gelangen wollte und deshalb die Seeungeheuer (wani) mit einer List täuschte und dass ihm ein getäuschtes Seeungeheuer mit einem Schnapp das Fell abzog.