mini|Heinrich Böll, 1981
Haus ohne Hüter ist ein Roman des deutschen Schriftstellers und Nobelpreisträgers Heinrich Böll, der 1954 bei Kiepenheuer & Witsch erschien. Er beschreibt die Situation zweier Nachkriegsfamilien, die auf unterschiedliche Weisen versuchen, den Verlust der im Krieg gefallenen Väter zu kompensieren.
Handlung Der Roman spielt zu Anfang der 1950er Jahre in einer Stadt am Rhein. Die Handlung wird aus der Sicht der fünf Hauptfiguren – die Mütter der Familien Bach und Brielach sowie deren Söhne Martin und Heinrich, ferner der mit Familie Bach befreundete Albert Muchow – erzählt. Die Väter sind im Zweiten Weltkrieg gefallen, die Mütter suchen ebenso wie ihre Kinder Orientierung. Opportunisten wie Exleutnant Gäseler, der Raimund Bachs Tod mittelbar zu verantworten hat, versuchen im Kulturbetrieb unterzuschlüpfen. Von der Gesellschaft werden die Gräueltaten des Nationalsozialismus oft heruntergespielt; die verwitweten Frauen erfahren nur wenig Rückhalt.
Nella, die schöne Witwe des Dichters Raimund Bach (kurz Rai genannt), lebt als Erbin einer Marmeladenfabrik in finanziell gesicherten Verhältnissen. Sie bewohnt zusammen mit ihrem Sohn Martin, ihrer Mutter, deren alter Freundin Bolda, dem Freund ihres gefallenen Mannes Albert Muchow und dem ehemaligen Lagerinsassen Glumbich Cholokusteban ein geräumiges Haus. Auch nach über zehn Jahren kann sie den Tod ihres Mannes nicht akzeptieren; sie weigert sich, Briefe zu lesen oder Onkel Albert, der für Martin die Stellung eines Ersatzvaters einnimmt, zu heiraten, und verliert sich in Tagträumen, wie das Leben mit Raimund, Martin und weiteren Kindern hätte werden können.
Martin wächst als Schlüsselkind auf, da seine Mutter ein unstetes Leben führt. Vor der Großmutter, die ihm nicht nur ein großbürgerliches Leben, sondern vor allem einen Hass auf den „Mörder“ seines Vaters einzuimpfen versucht, fürchtet er sich. Er versucht, ihr nach Möglichkeit auszuweichen. Halt bieten ihm vor allem Albert Muchow, der als Witzzeichner für Zeitschriften arbeitet, und dessen Familie in dem Ausflugsort Bietenhahn lebt. „Onkel Albert“, wie er sowohl von Martin als auch von dessen Freund Heinrich Brielach genannt wird, verkörpert für die Kinder eine Art moralische Instanz. Speziell für die beiden pubertären Jungen spielt die Frage nach der Moral eine wichtige Rolle.
Insbesondere für Heinrich Brielach ist diese Onkelfigur sehr wichtig, kennt er doch „Onkel“ sonst eher aus anderen Zusammenhängen. Sohn eines Automechanikers, kam er erst nach dem Kriegstod des Vaters im Bombenhagel zur Welt. Seine Mutter, die anders als Nella weder auf ein ererbtes Vermögen zurückgreifen kann – ihr alter Vater lebt in ärmlichen Verhältnissen in Ostdeutschland – noch einen Beruf erlernt hat, muss sich alleine durchschlagen und hat schon mit zahlreichen unterschiedlichen Lebenspartnern gelebt. Der schlimmste von allen ist nach Ansicht der Jungen Leo, ein Straßenbahnschaffner, von dem sie die kleine Tochter Wilma hat. Leo ist ebenso geizig wie gewalttätig, und Heinrich sieht es als seine Aufgabe an, seine kleine Schwester vor ihrem Vater zu beschützen. Wie Nella Bach ist auch Frau Brielach eine schöne Frau, aber anders als diese muss sie ihre Schönheit einsetzen, um finanziell überleben zu können, und anders als bei Nella ist diese Schönheit auch durch die miserablen Lebensumstände akut gefährdet: Frau Brielach leidet unter Parodontose und damit unter der Angst, bald keine Verehrer mehr finden zu können und von Leo verlassen zu werden. Heinrich, der die Finanzen der Familie verwaltet, steht daher auch vor der Aufgabe, die anstehende Zahnarztrechnung bezahlen zu können.
Frau Brielach selbst sieht die Lösung dieses Problems in einem neuen Partnerwechsel: Sie geht schließlich auf die Bitten des Bäckers, für den sie arbeitet, ein und beschließt, mit ihren Kindern zu ihm zu ziehen. Albert Muchow, der zufällig Zeuge des Umzugs wird und dem die aufgelöste Frau weinend um den Hals fällt, löst in Heinrich Brielach für einen kurzen Moment die Hoffnung aus, dass die Situation der Familie sich auch einmal wirklich ändern könnte. Denn der Bäcker stellt nur eine weitere Figur in der langen Reihe von „Onkeln“ dar, auf die man sich nicht dauerhaft verlassen kann und zu denen hauptsächlich aus finanziellen Gründen eine Beziehung besteht. Albert dagegen ist anders.
Muchow nimmt Heinrich und Wilma ebenso wie Martin mit nach Bietenhahn. Martin, der unter den unberechenbaren und gefühlsbelasteten Verhältnissen im Haus seiner Mutter leidet, soll überhaupt in Bietenhahn bleiben. Dort trifft wenig später auch Nella ein, die kurz zuvor mit Gäseler, dem ehemaligen Vorgesetzten ihres Mannes, zusammengetroffen ist. Gäseler hat Raimund in Russland auf einen Patrouillengang geschickt, von dem dieser nicht lebend zurückgekehrt ist. Genau wie Martin ist Nella jahrelang von ihrer Mutter konditioniert worden, diesen Mann zu hassen, und hat sich zunächst vorgenommen, ihn ins Verderben zu stürzen, nachdem er endlich aufgetaucht ist. Doch als er ihr leibhaftig gegenübersteht, kann sie die lang gehegten Rachepläne nicht durchführen. Auch ihre Mutter, die von dem Zusammentreffen erfährt, kann gegen Gäseler, der nun im Kulturbetrieb etabliert ist und über Raimunds Lyrik schreiben will, nichts ausrichten. Gäseler selbst ist offenbar überhaupt nicht bewusst, dass er dem Dichter in Russland begegnet ist, und er ist eifrig damit beschäftigt, seine Karriere aufzubauen und das Vergangene zu vergessen, wie es für das Nachkriegsdeutschland dieser Zeit typisch ist.
Stellung des Romans in Bölls Werk
Ein immer wiederkehrendes Thema in den Werken Heinrich Bölls ist die Wiederherstellung der Normalität nach dem Krieg, die bürgerliche Restauration der alten Bundesrepublik im Geist des rheinischen Katholizismus kleinbürgerlicher Prägung. Die Personen werden scharf, zum Teil klischeehaft, unterschieden: Jene, die die verbrecherische nationalsozialistische Vergangenheit ohne weiteres verdrängen und sich skrupellos ihrer wirtschaftlichen Karriere widmen (Wirtschaftswunder), stehen im Gegensatz zu den anderen, die sich nicht mit dem nahtlosen Übergang in die neue Ordnung abfinden können.Vgl.: Irmela von der Lühe: Verdrängung und Konfrontation. Die Nachkriegsliteratur. In: Peter Reichel, Harald Schmid, Peter Steinbach (Hrsg.): Der Nationalsozialismus, die zweite Geschichte: Überwindung, Deutung, Erinnerung. C. H. Beck, München 2009, S. 243ff., hier S. 248.
Die Jungen Heinrich und Martin mit ihren durch den Krieg verwitweten Müttern stehen stellvertretend für die Nachkriegsgeneration, deren Leben gekennzeichnet ist durch das Fehlen der Ehemänner und Väter und durch die Auflösung tradierter Normen. Den Wiederaufbau nach dem verheerenden Krieg erlebt die „vaterlose Gesellschaft“ (Mitscherlich)Vgl.: Tobias Freimüller: Alexander Mitscherlich: Gesellschaftsdiagnosen und Psychoanalyse nach Hitler. Wallstein Verlag, Göttingen 2007, S. 233. ohne den Rückhalt einer Familie, ohne Einbindung in ein Wertesystem. Die Menschen erleben auch, wie ehemalige Parteigänger der Nationalsozialisten durch skrupellosen Opportunismus wenige Jahre nach Kriegsende erneut Karriere machen. Die Erfahrung der Ohnmacht des Einzelnen angesichts dieser gesellschaftlichen Umstände prägt Bölls Gesamtwerk und auch dieses Buch tief.
Wie in den Romanen Und sagte kein einziges Wort (1953) und Billard um halb zehn (1959) verwendete Heinrich Böll hier eine polyperspektivischeVgl. J. H. Reid: Silvio Blatters Romantrilogie „Tage im Freiamt“. Der Öko-Roman zwischen Heinrich Böll und Adalbert Stifter. In: Axel Goodbody (Hrsg.): Literatur und Ökologie. Rodopi, Amsterdam u. a. 1998, S. 161ff., hier S. 163. Erzähltechnik. Dabei sollte Haus ohne Hüter sein vorletzter Roman mit dieser Technik sein. Obwohl die ersten Entwürfe und Bearbeitungsstände von Ansichten eines Clowns etwas anderes andeuteten, bedeutete dieses die endgültige Abkehr von dem einstigen Erfolgskonzept.Anamária Gyuracz: Heinrich Böll: Ansichten eines Clowns. Eine textgenetische Studie. In: Laure Gauthier, Jean-François Candoni u. a. (Hrsg.): Akten des XI. Internationalen Germanistenkongresses Paris 2005. Band 5: Kulturwissenschaft vs. Philologie – Wissenschaftskulturen: Kontraste, Konflikte, Synergien – Editionsphilologie: Projekte, Tendenzen und Konflikte. Peter Lang Verlag, Bern u. a 2007, ISBN 978-3-03910-791-9, S. 359ff., hier S. 361.
Hintergrund
Der Verleger Joseph Caspar Witsch wartete nach dem überzeugenden Erfolg von Und sagte kein einziges Wort (1953) „voll brennender Neugierde“ auf das nächste Buch Bölls und äußerte ihm gegenüber die seiner Meinung nach zu erwartenden Perspektivwechsel: „Der Krieg ist jetzt abgetan – ich meine das ganz positiv –, die zeitbedingte Nachkriegsproblematik ist abgetan; jetzt muss sich erweisen, wie weit der Horizont geht“.Zitiert nach: Birgit Boge: Die Anfänge von Kiepenheuer & Witsch: Joseph Caspar Witsch und die Etablierung des Verlags (1948–1959). Harrassowitz, Wiesbaden 2003, S. 167. Da Böll nun ein erfolgreicher Autor im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses war, versuchte Witsch als Verleger, verstärkt Einfluss auf die Ausgestaltung des Buches zu nehmen. Dementsprechend gut war er über den jeweiligen Bearbeitungsstand des Buches informiert und verfolgte mit Böll diskutierend den Produktionsprozess. Mit dem Ergebnis war Witsch schließlich zufrieden.
Rezension
Trotz der anfänglich guten Kritik, durch die das in 10.000 Exemplaren gestartete Buch in rascher Folge gar zum Buch des Monats gekürt wurde, stieß Haus ohne Hüter beim Publikum aufgrund des erneut dem Zweiten Weltkrieg indirekt verbundenen Themas und der Darstellungsweise auf Ablehnung. Somit verzichtete die Deutsche Buchgesellschaft nach dem Studium des Umbruchsexemplars mit Hinblick auf die bisherigen Verkaufszahlen wegen der deprimierenden Atmosphäre und „Tendenz einer völligen Hoffnungslosigkeit entgegen ihren ursprünglichen Plänen auf die Aufnahme dieses Bölls in ihre Auswahlreihe“.Birgit Boge: Die Anfänge von Kiepenheuer & Witsch: Joseph Caspar Witsch und die Etablierung des Verlags (1948–1959). Harrassowitz, Wiesbaden 2003, S. 169.
Auch Karl Korn, Mitbegründer der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der das Werk ursprünglich als Vorabdruck in seiner Zeitung erwünscht sah, nahm davon Abstand, da er es mehr als „literarisches Experiment“ denn als Roman empfand. Gleichwohl hatte Korn es selbst zur Frankfurter Buchmesse in der FAZ wohlwollend rezensiert.Karl Korn: Bitteres Frühlingserwachen 1954. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 25. September 1954.
Friedrich Sieburg bescheinigte Böll, dass er mit Haus ohne Hüter als Erzähler gewachsen sei,Friedrich Sieburg: Leidensfähigkeit. (Rezension zu Heinrich Böll: Haus ohne Hüter). In: Die Gegenwart. Band 9, H. 20, 1954, S. 623. Paul Hühnerfeld lobte es ebenfalls in Die Zeit.Paul Hühnerfeld: Wir sind nicht verloren. Bemerkungen zu neuen deutschen Romanen von Böll, Bender und Stahl. In: Die Zeit. 23. September 1954. Johann Christian HampeJohann Christian Hampe: Auf der Suche nach dem Vater. In: Sonntagsblatt. Band 7, Nr. 33, 1954. reihte sich ebenso in diesen Reigen ein wie Hans Schwab-Felisch.Hans Schwab-Felisch: Rezension zu Heinrich Böll: Haus ohne Hüter. In: Die Neue Zeitung. 5. September 1954. Selbst der Rheinische Merkur nahm das Erscheinen diesmal positiv zur Kenntnis – und zeitlich sogar vor den anderen großen Zeitungen.Otto B. Roegele: Rezension zu Heinrich Böll: Haus ohne Hüter. In: Rheinischer Merkur. 6. August 1954.