Der Jüdische Friedhof Berlin-Weißensee (früher auch Israelitischer Friedhof) ist ein 1880 angelegter Begräbnisplatz der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Er ist mit rund 42 Hektar (etwa 1,0 km lang und 0,5 km breit) der flächenmäßig größte erhaltene jüdische Friedhof Europas mit fast 116.000 Grabstellen. Seit den 1970er Jahren steht er unter Denkmalschutz.
Geographie und Anlage Lage mini|Gedenkstunde für die Jüdischen Opfer des Nationalsozialismus, 1945 mini|Zugang zur Trauerhalle mini|Überwuchertes Mausoleum mini|Zuwachsende Gräber, jüdische Grabstätten liegen bis zum Jüngsten Tag und kennen keinen Grabschmuck mit Blumen mini|hochkant|Baum entwächst einer Grabstätte mini|hochkant|Grabstecker Ewige Pflege für besonders verdienstvolle Mitglieder der jüdischen Gemeinde Der Friedhof liegt im Ortsteil Weißensee des Berliner Bezirks Pankow. Der Eingang befindet sich am Ende der Herbert-Baum-Straße, einer Querstraße der Berliner Allee. Ein zweiter, 1924 von der Lichtenberger Straße (seit 1985: Indira-Gandhi-Straße) her eingerichteter Eingang ist geschlossen. Die Indira-Gandhi-Straße begrenzt den Friedhof im Osten entlang der Bezirksgrenze zu Lichtenberg, die im Südosten der Straße 106 folgt. Nach Südwesten bildet die Ortsteilgrenze zu Prenzlauer Berg in der Verlängerung der Gürtelstraße den Friedhofsrand mit der umgebenden Mauer. Mit dem Verlauf der Ortsteilgrenze grenzt das Komponistenviertel an; geradlinig verläuft die Friedhofsgrenze hinter den (geraden) Grundstücken der Puccinistraße bis an den Haupteingang, an die Grenze zum St. Hedwig-Friedhof Weißensee. Die Friedhofsmauer liegt hinter den südlichen Grundstücken der Chopinstraße. Hinter den Gebäuden der ehemaligen Spreequell-Brauerei (Mineralwasserabteilung) erreicht die Friedhofsmauer nach Südosten wiederum die Indira-Gandhi-Straße.
Die Straßen trugen bei der Anlage des Friedhofs andere Namen: die Herbert-Baum-Straße hieß Lothringenstraße und der Friedhofseingang trug die Hausnummer 22, die Indira Gandhi-Straße hieß Lichtenberger Straße.
Eine Ecke im Norden des Friedhofs, die das ursprüngliche Rechteck abschneidet, wurde für die geplante Verlängerung der Kniprodestraße beansprucht und freigehalten, aber in der späten DDR-Zeit aus den Planungen herausgenommen.
Beschreibung Die Grabstellen bedecken den größten Teil des Friedhofs. Eine 2,7 Kilometer lange Friedhofsmauer aus Ziegelstein wurde mit Gründung des Friedhofs 1880 begonnen, 1910 erweitert und nach Kriegsende 1945 ergänzt. Im südlichen und westlichen Teil befinden sich an der Friedhofsmauer repräsentative Grabstätten und Mausoleen. Die östliche Begrenzung mit Grabstätten von 1940 und 1941 liegt unmittelbar an den Parzellen der dortigen Kleingartenkolonie. Entlang der Indira-Gandhi-Straße wurde 1983 bis 1984 eine neue Friedhofsumfassung errichtet. Auf den Betonelementen befinden sich zur Straßenseite hin Menora-Symbole. Einige Durchbrüche mit Metallgittern ermöglichen die symbolische Verbindung zwischen Friedhof und Außenwelt. Der Entwurf für diese Friedhofsbegrenzung stammt vom Architekten Gerd Pieper. Über die Abteilungen verteilt sind zahlreiche Mausoleen und Grüfte sowie repräsentative Grabstätten auf dem Friedhof vorhanden. Unter den Grabmalen befinden sich viele Monumente, die renommierte Architekten wie Walter Gropius (Grab Albert Mendel, 1922/23), Ludwig Mies van der Rohe (Grab Perls, 1919) oder Ludwig Hoffmann (Grab Eugen Panowsky) gestalteten.
Die ab den 1980er Jahren angelegten Grabstätten befinden sich links hinter der Trauerhalle; hier existiert auch ein Urnenfeld. Eine neue Abteilung liegt links von der Hauptachse zur Indira-Gandhi-Straße hin an der Ecke zur Chopinstraße. Hier befinden sich auch Gräber jüdischer Migranten.
Die Anlage des Friedhofs sowie die meisten Gebäude gehen auf den Entwurf des Architekten Hugo Licht (1841–1923) zurück. Die Gräber sind in 120 gitterförmigen Grabfeldern angeordnet, die unterschiedliche streng geometrische Formen wie Rechtecke, Dreiecke oder Trapeze haben. Die Felder sind alphabetisch und mit Nummern gekennzeichnet, von A1 am Haupteingang bis P5 am südlichen Rand. Das Gelände des Friedhofs ist weitestgehend mit Bäumen bestanden und gilt als Gartendenkmal. Etliche Grabfelder, besonders im rechten Friedhofsteil vom Hauptweg aus, sind mit Efeu bedeckt, der auch nicht entfernt werden soll. Es gibt nur wenige Bereiche ohne belegte Abteilungen. Entsprechend der jüdischen Tradition werden Gräber nicht wieder belegt, sondern sie gelten bis zum Jüngsten Gericht als Begräbnisflächen.
Bauten auf dem Friedhof Das Gebäudeensemble am Haupteingang des Friedhofs wie auch die Friedhofsmauer an dieser Stelle sind im Stil der italienischen Neorenaissance aus gelben Ziegeln erbaut. Die Bauwerke im Eingangsbereich werden von zweigeschossigen Flachbauten flankiert. Im rechten ist die Friedhofsverwaltung mit dem bedeutenden Archiv untergebracht und links das Taharahaus. Beide Gebäude sind durch Arkadengänge miteinander und mit der Trauerhalle verbunden. Diese liegt vom Eingang aus gesehen hinter den Arkadengängen und überragt die anderen Gebäude. Die Trauerhalle ist ein quadratischer Zentralbau mit drei rechteckigen Anbauten und einer halbrunden Apsis, die von einem achteckigen Tambour überwölbt wird. Die genannten Gebäude umschließen einen quadratischen Hof.
Eine 1910 erbaute zweite Trauerhalle mit Nebengebäuden im hinteren Teil des Friedhofs sowie die große Friedhofsgärtnerei wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört. Die Ruinen wurden um 1980 abgetragen, ein hügeliges Feld lässt noch den früheren Standort erkennen.
Gedenkstätten Direkt am Eingangsbereich, hinter dem prächtigen schmiedeeisernen Portal aus der Kunstschmiede von Marcus Fabian, befindet sich eine Anlage zum Gedenken an die sechs Millionen Opfer des Holocaust. In der Mitte des Rondells steht ein zentraler Gedenkstein der Jüdischen Gemeinde zu Berlin mit folgender Inschrift:
Der Gedenkstein ist kreisförmig von weiteren liegenden Steinen mit den Namen von Konzentrationslagern umgeben.
Rechts neben den Gebäuden des Eingangsbereiches beginnt die Ehrenreihe, die Gräber von bedeutenden Persönlichkeiten der jüdischen Gemeinde Berlins enthält. Hier steht auch der Grabstein des Widerstandskämpfers gegen den Nationalsozialismus Herbert Baum. Die Leiche Baums wurde 1949, nachdem sein Grab gefunden und die Leiche exhumiert worden war, hier bestattet. Auf der Rückseite des Grabsteins sind die Namen von 27 weiteren Mitgliedern der Herbert-Baum-Gruppe aufgeführt, die 1942/1943 hingerichtet worden sind. Die Straße zum Eingang des Friedhofs trägt seit 1951 den Namen Herbert-Baum-Straße.
Auf dem Friedhof befinden sich auch 1650 Gräber von Juden, die sich während des Naziregimes das Leben nahmen. In der Abteilung VII besteht ein Urnenfeld mit der Asche von 809 in Konzentrationslagern ermordeten Juden. Auf vielen anderen Grabsteinen findet man die Namen von Opfern des Holocaust; vorwiegend wird Familienangehöriger so gedacht. In der Nähe des später eröffneten zweiten Eingangs gibt es ein Ehrenmal für die jüdischen Gefallenen des Ersten Weltkriegs. Das Grabfeld mit den schlichten Gräbern wurde bereits 1914 angelegt, der monumentale Gedenkstein jedoch erst 1927 eingeweiht.
Geschichte Entstehung In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zeichnete sich aufgrund des starken Wachstums der jüdischen Gemeinde ab, dass der Friedhof in der Schönhauser Allee, den die Berliner Jüdische Gemeinde seit 1827 nutzte, bald voll belegt sein würde. Die Gemeinde erwarb deshalb ein 42 ha großes Gelände im damaligen Berliner Vorort Weißensee. Da die Ergebnisse eines 1878 ausgeschriebenen Architekturwettbewerbs keine zufriedenstellenden Ergebnisse brachten, mussten diese mehrfach überarbeitet werden, bevor schließlich Hugo Lichts Entwurf für den Bau der Anlage den Zuschlag erhielt. Der Entwurf beinhaltete einen Lageplan des gesamten Geländes, eine Trauerhalle, ein Leichenhaus, ein Bürogebäude und die Ummauerung samt Einfahrtstor. Der Bau erfolgte 1879/80. Am 9. September 1880 wurde der Friedhof feierlich eingeweiht. Als Erster wurde am 22. September 1880 Louis Grünbaum auf dem Friedhof beerdigt.Regina Scheer: Zusammenhänge. Kein Guter Ort für Gerda W. In: der Freitag, 15. Oktober 1999; abgerufen am 6. Februar 2018.
Kaiserzeit und Weimarer Republik Schon bei der Gründung des Friedhofs wurden die Grabstellen in Erbbegräbnisse, Wahl- und Reihenstellen eingeteilt. Zeichneten sich frühere jüdische Friedhöfe durch relativ einheitliche einfache Gräber aus, entstanden in Weißensee bald nach der Einweihung auch Prachtgrabmale von wohlhabenden Juden der Stadt, die sich der bürgerlichen Gesellschaft im Kaiserreich angepasst hatten. Dies sollte auch auf dem Friedhof zum Ausdruck kommen, wo ähnliche Grabmale wie auch auf den großen christlichen Friedhöfen der Stadt entstanden. Neben den hebräischen Inschriften tauchten auch zunehmend, manchmal sogar ausschließlich, deutsche Inschriften auf. Damit unterschied sich die jüdische Gemeinde deutlich von den orthodoxen Juden der Gemeinde Adass Jisroel, die ebenfalls 1880 den Adass-Jisroel-Friedhof in Weißensee an der nur zwei Kilometer nördlich gelegenen Wittlicher Straße anlegte. Auch Feuerbestattungen waren auf dem Weißenseer Friedhof möglich.
In der Nähe des ehemaligen Eingangs von der Lichtenberger Straße (seit den 1980er Jahren Indira-Gandhi-Straße) wurde 1914 ein Ehrenfeld angelegt, auf dem im Ersten Weltkrieg gefallene jüdische Soldaten bestattet sind. Die U-förmige Anlage entstand unter der Leitung des Reichsbaumeisters Alexander Beer und ist von einer übermannshohen Kalksteinmauer umsäumt. Die Gräber wurden in den Rasen eingebettet und sind mit Efeu überwachsen; sie tragen sehr schlichte Grabsteine. Dazwischen stehen Pappeln und Fliederhecken. Das zu diesem Zeitpunkt bereits vorgesehene Ehrenmal wurde erst 1927 aufgestellt; es entstand ebenfalls nach Plänen von Alexander Beer. Es ist ein drei Meter hoher Monolith aus Muschelkalk, der auf einem plattenbedeckten Platz der Abschlussterrasse des Ehrenfeldes steht.
In den 1920er Jahren erwarb der Berliner Magistrat eine quer über das Grundstück verlaufende Trasse für eine vom Zentrum in die nordöstlichen Stadtteile führende geplante Ausfallstraße. Auf dem Streifen wurden keine Gräberfelder angelegt.Ulrike Offenberg: „Seid vorsichtig gegen die Machthaber“. Die Jüdischen Gemeinden in der SBZ und der DDR 1945–1990. Aufbau, Berlin 1998, ISBN 3-351-02468-1, S. 315, Fußn. 13.
Zeit des Nationalsozialismus Die Judenverfolgung in der Zeit des Nationalsozialismus hinterließ auch ihre Spuren auf dem Friedhof. Aus Verzweiflung über die Verfolgung und bevorstehende Deportationen nahmen sich viele jüdische Einwohner Berlins das Leben, was dazu führte, dass die Zahl der Bestattungen im Jahr 1942 einen Höhepunkt erreichte. Insgesamt sind auf dem Friedhof 1907 Juden begraben, die zwischen 1933 und 1945 Suizid begingen.
Im Frühjahr 1943 versteckten Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Berlin 583 Thorarollen in der 1910 errichteten Neuen Feierhalle im Südostteil des Friedhofes. Diese wurden durch eine Brandbombe im Sommer 1943 stark beschädigt und konnten nur teilweise aus den Trümmern geborgen werden. Etwa 90 der Schriftrollen waren so stark verbrannt oder zerstört, dass sie nur noch in unmittelbarer Nähe zur Blumenhalle am Haupteingang vergraben werden konnten. Die restlichen Thorarollen wurden bis zum Ende des Krieges in einem Keller unter der Blumenhalle verwahrt und später den Synagogen in Berlin, der Bundesrepublik Deutschland und anderen Ländern Europas übergeben. An die Vernichtung des jüdischen Schriftgutes erinnert ein Gedenkstein mit einer symbolischen Beisetzung (Reihe A1):