mini|250px|Das brennende Braunschweig am frühen Morgen des 15. Oktober 1944, aufgenommen zwischen 2:00 und 3:00 Uhr von einem Lancaster-Bomber der RAF mini|250px|Dasselbe Foto mit (heutigen) Straßennamen zur besseren Orientierung: Es zeigt den nordwestlichen Bereich des Östlichen Ringgebietes. Das Staatstheater (großes dunkles Gebäude mit heller Umrandung auf zwei Seiten) befindet sich in der unteren linken Ecke; davon ausgehend, schräg zur Mitte des unteren Bildrandes verlaufend die Kaiser-Wilhelm-Straße (heute Jasperallee).

Der Bombenangriff auf Braunschweig am 15. Oktober 1944 durch die 5. Bombergruppe der Royal Air Force (RAF) markiert den Höhepunkt der Zerstörung der Stadt Braunschweig im Zweiten Weltkrieg.Rudolf Prescher: Der rote Hahn über Braunschweig. Luftschutzmaßnahmen und Luftkriegsereignisse in der Stadt Braunschweig 1927 bis 1945, Braunschweig 1955, S. 88. Der Luftangriff erzeugte einen Feuersturm, der zweieinhalb Tage lang wütete, über 90 % der mittelalterlich geprägten Innenstadt zerstörteBraunschweiger Zeitung (Hrsg.): Die Bomben-Nacht. Der Luftkrieg vor 60 Jahren. Braunschweig 2004, S. 8. und das Erscheinungsbild der Stadt bis in die Gegenwart hinein nachhaltig verändert hat. Das Flächenbombardement ziviler Ziele (Innenstadt, Wohngebiete und andere) durch die RAF erfolgte aufgrund der vom britischen Luftfahrtministerium (Air Ministry) am 14. Februar 1942 erteilten „Area Bombing Directive“.Jörg Friedrich: Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940–1945. S. 83.

Angriffsziel Braunschweig mini|hochkant=2|Braunschweigs Innenstadt: Der Plan stammt von 1899, der Straßenverlauf war 1944 aber noch derselbe. Der Dom befindet sich im Zentrum, der blaue Ring ist die Oker. Im Südwesten der Bahnhof, rechts daneben die zwei Grünanlagen Bahnhofs-Park und Holland’s Garten, im Südosten der Löwenwall, darüber im Osten zunächst das Herzog Anton Ulrich-Museum, dann das Staatstheater, im Norden der Park von Löbbeckes Insel. Der erste Luftangriff auf Braunschweig erfolgte am 17. August 1940Eckart Grote: Target Brunswick 1943–1945. Luftangriffsziel Braunschweig – Dokumente der Zerstörung. Braunschweig 1994, S. 11. durch die Royal Air Force; dabei wurden sieben Personen getötet. Von diesem Tage an wurden die Luftangriffe zahlreicher, präziser und verheerender in ihrer Wirkung. Seit dem 27. Januar 1943 griffen die Bomber der United States Army Air Forces (USAAF) deutsche Städte auch bei Tage an. Ab Februar 1944 („Big Week“Werner Girbig: 1000 Tage über Deutschland. Die 8. amerikanische Luftflotte im 2. Weltkrieg, München 1964, S. 198 ff.) war Braunschweig planmäßig Ziel amerikanischer und britischer Bomberstaffeln, wobei die RAF die Nachtangriffe und die USAAF die Tagesangriffe flog. Diese Aufteilung entsprach der bei der Konferenz von Casablanca 1943 festgelegten „kombinierte Bomberoffensive“ (Combined Bomber Offensive; CBO), einem gemeinsamen Vorgehen der Bomberkräfte Großbritanniens und der USA.

Forschungs- und Rüstungsstandorte in und um Braunschweig In den 1930er Jahren wurde Braunschweig kontinuierlich zu einem Zentrum der deutschen Rüstungsindustrie ausgebaut.Gerd Biegel (Hrsg.): Bomben auf Braunschweig, in: Veröffentlichungen des Braunschweigischen Landesmuseums, Nr. 77, Braunschweig 1994, S. 9. Die Großbetriebe, die zum Teil mitten in der Stadt angesiedelt waren, zogen Tausende von Arbeitern an, für die neue Wohngebiete geschaffen werden mussten, so z. B. die ab Mitte 1933 als „Dietrich-Klagges-Stadt“ erbaute Gartenstadt und die NS-Muster-Siedlungen Lehndorf, Mascherode-Südstadt und Schuntersiedlung.

Insgesamt war Braunschweig – zu Beginn des 20. Jahrhunderts hauptsächlich eine Arbeiter- und Industriestadt – während des Zweiten Weltkrieges ca. 42 Luftangriffen britischer und amerikanischer Bomberverbände ausgesetzt.Rudolf Prescher: Der rote Hahn über Braunschweig. Luftschutzmaßnahmen und Luftkriegsereignisse in der Stadt Braunschweig 1927 bis 1945, Braunschweig 1955, S. 111. Die Angriffe galten vorwiegend den Rüstungsbetrieben in und um Braunschweig, in denen insbesondere Kampfflugzeuge, Panzer, Lastkraftwagen sowie optische und feinmechanische Präzisionsinstrumente hergestellt wurden, dem Hafen am Mittellandkanal, den Konservenfabriken, den Bahnhöfen und dem Reichsbahnausbesserungswerk.

Weitere Ziele waren die in der Stadt zwischen 1936 und 1939 gegründeten vier Institute der Technischen Hochschule Braunschweig: Die Institute für Flugzeugbau, Triebwerkslehre, Aerodynamik sowie für Luftfahrtmesstechnik und Flugmeteorologie. Aus ihnen war das neue Luftfahrt-Lehrzentrum am Flughafen Waggum entstanden. In südlicher Richtung befand sich seit 1936 bei Völkenrode die Luftfahrtforschungsanstalt Hermann Göring (LFA). Ebenfalls kriegswichtig war das Institut für baulichen Luftschutz.

Rüstungsbetriebe in und um Braunschweig (Auswahl) mini|Gebäude des ehemaligen Luftflottenkommandos 2, seit 1989 IGS Franzsches Feld. Braunschweigs bedeutendste Rüstungsbetriebe waren neben solchen der Flugzeugindustrie wie z. B. der Flugzeugwerke Braunschweig GmbHZusammenschluss der Firmen Grotrian-Steinweg und Wilke-Werke. die Luther-Werke, die u. a. Jagdflugzeuge vom Typ Bf 110 produzierten, die Niedersächsischen Motorenwerke (NIEMO) und das Vorwerk Braunschweig des Volkswagenwerkes, das Kampfflugzeuge vom Typ Ju 88 herstellte. Daneben gab es kleinere Unternehmen, die hauptsächlich Reparatur- und Zulieferaufgaben wahrnahmen wie Grotrian-Steinweg für FlugzeugeGerd Biegel (Hrsg.): Bomben auf Braunschweig. In: Veröffentlichungen des Braunschweigischen Landesmuseums. Nr. 77, Braunschweig 1994, S. 28. oder die MIAG, die Panzer und Sturmgeschütze IIIBraunschweiger Zeitung (Hrsg.): Die Bomben-Nacht. Der Luftkrieg vor 60 Jahren. Braunschweig 2004, S. 15. fertigte.

Büssing war ein für die Produktion von Lastkraftwagen kriegswichtiges Unternehmen, während die Schuberth-Werke vorrangig Stahlhelme herstellten. Betriebe aus dem Bereich Maschinen- und Anlagenbau waren die Braunschweigische Maschinenbauanstalt (BMA), Karges & Hammer, Wilke-Werke, Wullbrandt & Seele, Lanico, Selwig & Lange sowie die zu Siemens & Halske gehörende Eisenbahnsignal-Bauanstalt Max Jüdel & Co. Für feinmechanische und präzisionsoptische Instrumente wie Zielvorrichtungen (Reflexvisiere) oder (Luftbild-)Kameras waren die Unternehmen Franke & Heidecke und Voigtländer bekannt. Darüber hinaus gab es eine Vielzahl unterschiedlich großer Firmen, die in vielen kriegswirtschaftlich wichtigen Bereichen tätig waren, wie beispielsweise der Konservendosenhersteller Schmalbach.

In unmittelbarer Nähe Braunschweigs befanden sich zudem ca. 15 km südlich in Salzgitter die Reichswerke Hermann Göring und ca. 25 km nordöstlich bei Fallersleben das Volkswagen-Werk.

Die Stadt entwickelte sich in den 1930er Jahren allmählich zur „Stadt der Flieger“. Das Luftflottenkommando 2 hatte seinen Standort am Nußberg, gleich neben dem neu gebauten „Fliegerviertel“ (Wohnhäuser für Angehörige der Luftwaffe). Dazu kamen das „Luftwaffenlazarett“ an der Salzdahlumer Straße (später Städtisches Klinikum) sowie zahlreiche Kasernen. In Waggum, Broitzem und Völkenrode wurden Flugplätze errichtet bzw. ausgebaut. Sie wurden im Laufe des Krieges nach und nach, wie auch die gesamte Stadt, in die systematische Zerstörung mit einbezogen.

Luftverteidigung in und um Braunschweig Flugabwehrstellungen mini|hochkant|8,8-cm-Flak-Stellung, 1943 Wegen seiner Bedeutung als Industrie- und Forschungsstandort war Braunschweig ab etwa Herbst 1943 von einem dicht geschlossenen, starken und tief gestaffelten Gürtel von Flak-Batterien umgeben, was die Stadt für die angreifenden Bomberverbände zu einem gefürchteten Ziel machte, da jedes Mal mit hohen Verlusten zu rechnen war. Das Gebiet Braunschweig und Umgebung gehörte zum Luftgaukommando XI (Hamburg), 8. Flakbrigade, Flakregiment 65.Eckart Grote: Target Brunswick 1943–1945. Luftangriffsziel Braunschweig – Dokumente der Zerstörung. Braunschweig 1994, S. 35.

Die Flugabwehr Braunschweigs verfügte über ca. 100 Geschütze des Kalibers 8,8 cm oder größer, welche in Batterien, Doppelbatterien oder Großbatterien gegliedert waren. Eine „Batterie“ umfasste in der Regel sechs Geschütze (meist 8,8-cm-Flak, aber auch 10,5 cm), eine „Doppelbatterie“ hatte folglich zwölf Kanonen,Eckart Grote: Target Brunswick 1943–1945. Luftangriffsziel Braunschweig – Dokumente der Zerstörung. Braunschweig 1994, S. 36. eine Großbatterie war ein Zusammenschluss aus zehn Einzelbatterien. Dazu kamen noch ungezählte leichte Flakeinheiten für die Tieffliegerabwehr und den direkten Objektschutz.

In der Stadt selbst sowie in ihrer unmittelbaren Umgebung befanden sich folgende Luftabwehrstellungen: Einzelbatterien Abtstraße, Eintracht-Stadion, Lamme, Ölper und Mascherode, Doppelbatterien in Bevenrode, Broitzem, Lünischteich (nahe Kloster Riddagshausen), Ölper und Melverode (plus Schwere Heimatflak), Querum (teilweise mit Eisenbahnflak), Wenden sowie die Großbatterie Wenden. Dazu kamen die Eisenbahnflak Abtstraße, am Bahnhof Groß Gleidingen und in Lehndorf.

Fliegerhorste und Luftwaffeneinheiten In Waggum, Broitzem und Völkenrode waren teilweise seit 1916 Flugplätze vorhanden. Diese wurden in den 1930er Jahren von der Luftwaffe übernommen und kriegsmäßig ausgebaut.

Folgende Einheiten waren zumindest zeitweise auf ihnen stationiert:Eckart Grote: Target Brunswick 1943–1945. Luftangriffsziel Braunschweig – Dokumente der Zerstörung. Braunschweig 1994, S. 101. I. Gruppe Jagdgeschwader 11 III. Gruppe Jagdgeschwader 302 „Wilde Sau“ 3. Staffel Nachtjagdgeschwader 5 I. Gruppe Zerstörergeschwader 26 „Horst Wessel“

Vorbereitung des Luftangriffs vom 15. Oktober 1944 Zweck des Angriffs Am 13. Oktober 1944 erhielt die Royal Air Force die Anweisung zur Durchführung der „Operation Hurricane“.Eckart Grote: Target Brunswick 1943–1945. Luftangriffsziel Braunschweig – Dokumente der Zerstörung. Braunschweig 1994, S. 119. Zweck dieser Operation war einerseits die Demonstration der Zerstörungskraft der alliierten Bomberstreitkräfte gegenüber der deutschen Zivilbevölkerung, andererseits aber auch von deren Luftüberlegenheit. Die Anweisung enthielt folgende Passage:

Operation Hurricane sah als Hauptziel Duisburg für die ca. 1000 schweren Bomber der RAF vor und Köln für die ca. 1200 Bomber der USAAF. Weitere 233 Bomber der RAF waren für die damals ca. 150.000 Einwohner zählende Stadt Braunschweig bestimmt.Braunschweiger Zeitung (Hrsg.): Die Bomben-Nacht. Der Luftkrieg vor 60 Jahren. Braunschweig 2004, S. 43.

Bereits im März 1944 verfügte der Oberbefehlshaber des britischen Bomber Command, Air Chief Marshal Arthur Harris („Bomber-Harris“), über eine Liste mit den sechs wichtigsten Bomberzielen in der Endphase des Krieges. An erster Stelle: Schweinfurt, gefolgt von Leipzig und an dritter Stelle Braunschweig, dann Regensburg, Gotha und schließlich Augsburg. In Schweinfurt war die deutsche Wälzlager-Industrie (FAG Kugelfischer, VKF/Vereinigte Kugellagerfabriken: Fichtel & Sachs/SKF) konzentriert; die anderen Städte hatten bedeutende Flugzeugwerke (Erla, Luther-Werke, Messerschmitt, Gothaer Waggonfabrik). In Augsburg war neben der Messerschmitt AG auch die MAN (U-Boot-Dieselmotoren) Angriffsziel. Aufgrund der hohen Priorität Braunschweigs beschlossen Harris und der Kommandeur der 8. US-Luftflotte („Mighty Eighth“), Generalmajor James Doolittle, am 28. März 1944 einen Angriff am 29., der aber nicht den gewünschten Erfolg brachte, weil der zweite Teil der Operation Double Blow wegen schlechten Wetters abgesagt werden musste.Dieter Diestelmann: Die Nacht, in der Feuer vom Himmel fiel, Sonderbeilage der Braunschweiger Zeitung zum 40. Jahrestag der Bombardierung vom 13. Oktober 1984, S. X. Die geplante Zerstörung der Stadt musste also verschoben werden.