Als Nationalsozialismus-Forschung oder NS-Forschung fasst die deutschsprachige Geschichtswissenschaft alle historischen Untersuchungen zur Zeit des Nationalsozialismus seit 1945 zusammen. Dieser Oberbegriff umfasst empirische Studien zu Einzelbereichen, Entstehungsbedingungen und Auswirkungen sowie Gesamtdeutungen der nationalsozialistischen Herrschaft und deren Erforschungsmethoden und bildet einen bedeutenden Teil der Zeitgeschichtsforschung.
Überblick Wesentliche Themen der NS-Forschung sind die kurz-, mittel- und langfristigen Ursachen der sogenannten Machtergreifung; die Einbettung der NS-Herrschaft in übergreifende epochale Entwicklungen, etwa mit Faschismus- oder Totalitarismustheorien; die Analyse des NS-Regimes und der Hauptverantwortung für die NS-Massenverbrechen, bei der sich seit 1960 ein Methodenstreit um „Polykratie“ oder „Monokratie“ ergab; die Erklärung der NS-Verbrechen aus konsequent umgesetzten programmatischen Absichten (Intentionalisten) oder aus einer Vielfalt zusammenwirkender Zwänge (Strukturalisten oder Funktionalisten); Tätergruppen, Entscheidungsprozess, Faktoren, Beginn, Durchführung und Besonderheiten des Holocaust (siehe Holocaustforschung); das Verhältnis zwischen Vernichtungskrieg, nationalsozialistischer Besatzungspolitik und NS-Massenverbrechen (siehe Verbrechen der Wehrmacht); die Rolle der NS-Propaganda, Polizeibehörden, Justiz, Wirtschaft, Kirchen, Bevölkerungshaltung und andere Detail- und Regionalstudien; das Verhältnis zwischen NS-Herrschaft und Bevölkerungsalltag (Erforschung der Sozialgeschichte in der NS-Zeit); der vielfältige innere und äußere, aktive und passive Widerstand gegen den Nationalsozialismus, seine politischen Ziele und seine Trägergruppen; die Historisierung der NS-Zeit, ihre Diskontinuität (etwa mit der These vom „Zivilisationsbruch“ und vom „deutschen Sonderweg“) oder Kontinuität (etwa mit der These einer „Modernisierung“) zur Geschichte Deutschlands und Geschichte Europas seit dem Zeitalter der Aufklärung.
Als Erforschung der Zeitgeschichte erfüllt besonders die deutsche NS-Forschung eine wichtige Funktion für die Identität der Bundesrepublik Deutschland, da deren Gesellschaftssystem sich als umfassende moralische, politische, soziale und strukturelle Abkehr vom Nationalsozialismus legitimiert. Dabei kam es seit den 1960er Jahren zu intensiven und zeitweise stark polarisierten historischen Kontroversen um die Deutung der NS-Zeit und ihr Verhältnis zur übrigen Geschichte Deutschlands. Diese beeinflussten auch die internationale Forschung und wirken bis heute nach.
Nachkriegszeit
Apologetik des Nationalstaats Die ersten wichtigen Werke der deutschen Geschichtswissenschaft nach dem Zweiten Weltkrieg stammen von Friedrich Meinecke (Die deutsche Katastrophe, 1946) und Gerhard Ritter (Die Dämonie der Macht, 1948). Sie versuchten, die Deutschen vom Vorwurf einer Kollektivschuld zu entlasten, den sie in Form des Vansittartismus bei den alliierten Besatzungsmächten weit verbreitet glaubten. Meinecke und Ritter sahen den Nationalsozialismus nicht als Ergebnis spezifisch deutscher, sondern gesamteuropäischer Entwicklungen; Meinecke machte das preußische „Herrenmenschentum“ und die „innere Fremdherrschaft“ eines „Verbrecherclubs“, Ritter den gesamteuropäischen Jakobinismus als Erbe der Französischen Revolution und die „dämonische“ Machthybris Adolf Hitlers für die NS-Verbrechen verantwortlich. Dabei betonten sie die Kontinuität des deutschen Nationalstaats und wollten den „Irrweg“ des Nationalsozialismus durch Rückgriff auf historisch bewährte deutsche Traditionen überwinden.
Institutionalisierung Ab 1950 standen der Forschung die Akten der ersten Nürnberger Prozesse zur Verfügung. Mit dem 1949 gegründeten Institut für Zeitgeschichte wurde die NS-Forschung als systematische Spezialdisziplin eingerichtet. Die Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte erschienen ab 1953 und haben bis heute zentralen Rang für den Fortgang des historischen Diskurses zu Holocaust und NS-Zeit, auch in wissenschaftstheoretischer Hinsicht.Hans Rothfels: Zeitgeschichte als Aufgabe (PDF; 518 kB). In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 1, 1953, Heft 1, S. 1–8.
Auch am 1948 gegründeten, 1951 so genannten Friedrich-Meinecke-Institut wurde eine Abteilung für Neuere Geschichte eingerichtet, an der auch Holocaust- und NS-Forscher arbeiten.
Damit setzte empirische Detailforschung zu Aufstieg und Machtübernahme der NSDAP ein, aus der erste Gesamtdarstellungen hervorgingen. Diese kombinierten Ereignisabläufe und Strukturanalyse des NS-Regimes. Diese Methodik setzte Maßstäbe und machte diese Studien rasch zu Standardwerken.
Studien zur „Machtergreifung“ und Herrschaftsstruktur Ein erstes Werk, das die Herrschaftsstruktur im Dritten Reich thematisierte, war Eugen Kogons Buch Der SS-Staat (1946). Er zeichnete das heute überholte Bild eines perfekt funktionierenden Terrorregimes, ohne jedoch zu einer konsequenten empirischen Bestandsaufnahme und eindringenden Analyse der verschiedenen beteiligten Behörden, Tätergruppen und Verantwortungsgrade vorzudringen.
In Österreich stellte Walter Petwaidic dagegen das institutionelle Chaos der NS-Herrschaft heraus (Die autoritäre Anarchie, 1946). Er knüpfte dabei an die im Exil entstandenen Werke Ernst Fraenkels (The Dual State, 1941) und Franz Neumanns (Behemoth, 1944) an: Das NS-Regime habe Krieg und Holocaust keineswegs als einheitlicher Block durchgeführt, sondern als Zusammenspiel der Machtzentren NSDAP, Verwaltung, Wehrmacht und Großindustrie. Deren konkurrierende Interessen hätten teilweise widersprüchliches Vorgehen und Chaos bewirkt, das nur die „charismatische Führergewalt“ Adolf Hitlers habe bändigen können. Kogon und Petwaidic nahmen damit zwei Grundthesen späterer Forschung vorweg.
Karl Dietrich Bracher veröffentlichte 1955 Die Auflösung der Weimarer Republik. In dem Aufsatz Stufen totalitärer Gleichschaltung beschrieb er bereits 1956 das Nebeneinander von zentralistischer Gleichschaltung und Ämterchaos der verschiedenen NS-Machtgruppen. Er sah in ihrem Gegeneinander aber keine Schwächung, sondern eine Voraussetzung der Führungsrolle Hitlers.
Dem folgte 1960 mit Wolfgang Sauer und Gerhard Schulz Die nationalsozialistische Machtergreifung. Schulz beschrieb die Zentralgewalt als „‚Polykratie‘ straff zentralisierter Ressorts“, die sich immer stärker verselbständigten, und führte dies auf den „ungezügelten Bewegungsdrang“ des Nationalsozialismus zurück. Diese Aufsplitterung habe Hitlers „überwölbende absolute Autorität“ gerade begründet. Schulz deutete den Widerspruch zwischen totalem Herrschaftsanspruch und chaotischen Strukturen des NS-Regimes also als zwei einander ergänzende Aspekte des „Führerstaats“.
Ebenfalls 1960 gaben Erich Matthias und Rudolf Morsey einen grundlegenden Sammelband über Das Ende der Parteien 1933 heraus, der das Verhalten der wichtigsten politischen Parteien in der Endphase der Weimarer Republik und ihre Zerschlagung durch das sich etablierende NS-Regime behandelte.
Diese Nationalismus-Studien der 1950er Jahre nahmen spätere Fragestellungen vorweg, integrierten strukturelle und ideologische Faktoren des Nationalsozialismus jedoch in das politische Erklärungsmodell des Totalitarismus, wie ihn Hannah Arendt in Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft 1951 definiert hatte. Diese verglich Nationalsozialismus und Stalinismus nicht, um diese gleichzusetzen, sondern um ihre jeweilige Eigenart gegenüber älteren Diktaturformen genauer zu erfassen und so „das Rätsel der Strukturlosigkeit des totalitären Staates“ zu lösen (ebenda, S. 618).
Deutungskontroverse Martin Broszats Buch Der Staat Hitlers von 1969 war eine erste Gesamtdarstellung der Innen- und Außenpolitik des Dritten Reiches, jedoch begrenzt auf die Phase vom Machtantritt 1933 bis zum Kriegsbeginn 1939. Daran schloss sich die methodische Grundsatzdebatte an, die sich zunehmend polarisierte. Die Beteiligten ordneten sich gegenseitig in die Kategorien Intentionalisten oder Programmologen einerseits sowie Strukturalisten oder Funktionalisten andererseits ein. Ian Kershaw plädiert in seinem 1985 erstmals erschienenen Werk The Nazi Dictatorship (dt.: Der NS-Staat) für eine Synthese beider Ansätze.
Intentionalisten Die Intentionalisten nehmen an, dass in Hitlers frühem Denken, etwa bereits in Mein Kampf, seine Absichten und Ziele schon enthalten waren und diese sich in der Politik des Dritten Reiches realisierten. Sie sehen Hitler damit als entscheidende Führungsfigur. Karl Dietrich Bracher skizziert in seinem Buch Die deutsche Diktatur die Entstehung der nationalsozialistischen Ideologie und die Voraussetzungen für ihre Rezeption in Deutschland. Er betont den Primat der Politik: Der Nationalsozialismus steuerte die Verwirklichung seiner ideologisch definierten Ziele an.Karl Dietrich Bracher: Die Deutsche Diktatur. Entstehung, Struktur, Folgen des Nationalsozialismus. Köln/Berlin 1969. S. 399–401; zitiert nach: Saul Friedländer: Vom Antisemitismus zur Judenvernichtung. In: Jäckel 1987, S. 29. Eberhard Jäckel bringt seine zentralen Annahmen schon im Titel eines seiner Hauptwerke zum Ausdruck: Hitlers Weltanschauung, Hitlers Herrschaft, Hitlers Weg in den Untergang. Die Vernichtung der europäischen Juden ist für Jäckel eine eindeutige Folge der antisemitischen Ideologie der 1920er Jahre: „sicher ist, dass Hitlers Antisemitismus, wie er in ‚Mein Kampf‘ vorgetragen wurde, kriegerische Züge trug. Er ging vom Kriege aus, verlangte kriegerische Methoden, sollte im Krieg verwirklicht werden, und es war folgerichtig, daß er im nächsten Kriege, der ja von Anfang an vorgesehen war, seinen blutigen Höhepunkt erreichte.“Eberhard Jäckel: Hitlers Weltanschauung. S. 71f. Saul Friedländer verweist in seinem Aufsatz Vom Antisemitismus zur Judenvernichtung: Eine historiographische Studie zur nationalsozialistischen Judenpolitik und Versuch einer Interpretation auf die Existenz eines ausdrücklichen Befehls Hitlers für die Vernichtung der europäischen Juden. Allerdings hält er dieses Faktum für ungeeignet zur Erklärung des gesamten Holocaust.Saul Friedländer: Vom Antisemitismus zur Judenvernichtung. In: Jäckel 1987, S. 47. Friedländer erklärt: Saul Friedländer: L’Allemagne nazie et le genocide juif. Gallimard, Le Seuil 1985, S. 177f. Klaus Hildebrand formuliert seine zentralen Thesen mit einem Vorschlag zur Begriffsbestimmung, man solle nicht von Nationalsozialismus, sondern von „Hitlerismus“ reden.Tim Mason: Intention and Explanation: A Current Controversy about the Interpretation of National-Socialism. In: Gerhard Hirschfeld, Lothar Kettenacker (Hrsg.): Der Führerstaat, Mythos und Realität. Stuttgart 1981. S. 29.Klaus Hildebrand: Monokratie oder Polykratie? Hitlers Herrschaft und das Dritte Reich. In: Gerhard Hirschfeld, Lothar Kettenacker (Hrsg.): Der Führerstaat, Mythos und Realität. Stuttgart 1981, S. 73ff. Gerald Fleming weist auf die von ihm vermutete biographische Kontinuität hin. Er behauptet, es führe ein gerader Weg von dem Linzer Realschüler Adolf Hitler zu den ersten Massenerschießungen.Gerald L. Fleming: Hitler und die Endlösung. München 1982, S. 113f.; zitiert nach: Saul Friedländer: Vom Antisemitismus zur Judenvernichtung. In: Jäckel 1987, S. 28. Ino Arndt erklärt das als Aktion T4 bezeichnete „Euthanasie“-Programm als eine technische Vorbereitung der „Endlösung der Judenfrage“. Dies betrachtet sie als ein Beispiel für die Kontinuität und Absicht in der Politik der Nationalsozialisten.Ino Arndt, Wolfgang Scheffler: Organisierter Massenmord an Juden in nationalsozialistischen Vernichtungslagern. Ein Beitrag zur Richtigstellung apologetischer Literatur (PDF; 1,4 MB). In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 24, 1976, Heft 2, S. 105–135, hier S. 112–114.
Funktionalisten / Strukturalisten