mini|Ruth Zechlin auf dem Komponistenkongress 1987, mit Reinhard Lakomy und Reiner Bredemeyer (v. r. n. l.) Ruth Zechlin, geborene Oschatz (* 22. Juni 1926 in Großhartmannsdorf; † 4. August 2007 in München) war eine deutsche Komponistin, Cembalistin und Organistin. Im Jahr 1990 war sie Rektorin der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ Berlin und von 1990 bis 1993 Vizepräsidentin der Akademie der Künste zu Berlin.
Leben Ruth Oschatz wurde 1926 als Tochter von Hermann und Friedel Oschatz, geborene Tillich, im sächsischen Großhartmannsdorf bei Freiberg geboren. Ihre Großeltern mütterlicherseits besaßen eine Klavierfabrik in Borna. Ruths Vater übernahm 1928 eine Dozentur an der Universität Leipzig und die Familie Oschatz ließ sich dort nieder. 1937 wurde ihre Schwester, die spätere Mezzosopranistin Gisela Pohl geboren. Ruth sang in ihrer Kindheit in einer Jugendkantorei, wo sie sich mit Gisela May anfreundete. Sie erhielt bereits als Fünfjährige Klavierunterricht und verfasste im Alter von sieben Jahren ihre erste Komposition. Im März 1943 bewarb sie sich erfolgreich um Aufnahme an der Leipziger Musikhochschule.
Ab 1943 studierte sie Tonsatz und Chordirigieren bei Johann Nepomuk David und Klavier bei Anton Rohden. Kurz vor Kriegsende musste sie in den Junkers-Flugzeugwerken in Crimmitschau arbeiten. 1945 wurde sie unter dem Kantor Johannes Piersig stellvertretende Organistin in der Nikolaikirche. Das Studium in Leipzig nahm sie bei Karl Straube (Orgel) und Günther Ramin (Liturgisches Orgelspiel und Improvisation) wieder auf. Weitere Lehrer waren Hermann Heyer in Musikgeschichte, Wilhelm Weismann in Tonsatz und Rudolf Fischer in Klavier. 1949 schloss sie es mit dem Staatsexamen ab. Danach unterrichtete sie für ein Jahr Gehörbildung und Klaviermethodik.
Georg Knepler holte sie 1950 nach Berlin. Sie erhielt eine Dozentur für Harmonielehre, Kontrapunkt, Formenlehre und Musikkunde an der Deutschen Hochschule für Musik. Pädagogisch arbeitete sie mit Rudolf Wagner-Régeny und Hanns Eisler zusammen, die sie mit den Werken der Zweiten Wiener Schule bekannt machten. Als Cembalistin unternahm sie zudem ausgiebige Konzertreisen in viele Länder Europas. Sie wurde 1950 Mitglied der NDPD (in den 1980er Jahren wechselte sie in die CDU).Günter Wirth: Erinnerungen und Erwägungen zur CDU-Kulturpolitik. In: Evemarie Badstübner: Befremdlich anders. Leben in der DDR. Dietz, Berlin 2000, S. 472–512, hier S. 497. Seit 1952 mit dem Pianisten Dieter Zechlin verheiratet, ließ sie sich 1971 von ihm scheiden.Peter Seidle: Dieter Zechlin. In: Ingo Harden, Gregor Willmes: Pianistenprofile: 600 Interpreten: ihre Biografie, ihr Stil, ihre Aufnahmen. Bärenreiter, Kassel 2008, ISBN 978-3-7618-1616-5, S. 88. 1969 wurde sie als Professorin für Komposition berufen. Im gleichen Jahr wurde sie als außerordentliches und 1970 ordentliches Mitglied der Akademie der Künste der DDR gewählt. Dort leitete sie anschließend eine Meisterklasse für Komposition. Sie stand im engen Kontakt zu den Komponisten Hans Werner Henze und Witold Lutosławski. Nach ihrer Emeritierung 1986 lehrte sie als Gastprofessorin. Seit 1990 war sie Mitglied der Akademie der Künste in Berlin, deren Vizepräsidentin sie bis 1993 war. Am 28. Oktober 1989 beteiligte sie sich an dem Konzert Gegen den Schlaf der Vernunft in Berlin. 1990 war sie kurzzeitig als Nachfolgerin von Erhard Ragwitz Rektorin der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ Berlin.
Nach der deutschen Wiedervereinigung zog sie nach Bayern und lebte für einige Jahre in Passau, wo auch ihre Tochter Claudia wohnte. Sie freundete sich mit dem Bischof von Passau Franz Xaver Eder und dem Intendanten Pankraz Freiherr von Freyberg an.
Sie wurde auf dem Friedhof in Pfaffenhofen an der Ilm beigesetzt. Ihr Nachlass ist im Besitz der Staatsbibliothek zu Berlin.
Schüler Zu ihren Kompositionsschülern gehören Stefan Carow, Gerd Domhardt, Hans Ostarek, Stephan Winkler, Henry Berthold, Reiner Böhm, Thomas Böttger, Thomas Buchholz, Peter Dege, Zwetan Denev, Jörg Herchet, Ralf Hoyer, Peter Jarchow, Georg Katzer, Stefan Malzew, Bert Poulheim, Johannes Reiche, Dieter Reuscher, Hans Thiemann, Jan Trieder, Bernd Wefelmeyer, Manfred Weiss und Hans Jürgen Wenzel.
Ehrungen, Preise und Auszeichnungen 1957: Silbermedaille der Weltfestspiele der Jugend und Studenten in Moskau (für die „Sonatine für Flöte und Klavier“) 1962: Goethepreis der Stadt Berlin 1965: Kunstpreis der DDR 1968: Hanns-Eisler-Preis (für „Gedanken über ein Klavierstück von Prokofjew“) 1968: Kritikerpreis der Berliner Zeitung (für die Oper für Schauspieler „Reineke Fuchs“) 1969: Kunstpreis des FDGB für Literatur und MusikAkademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED, Institut für Marxistisch-Leninistische Kultur- und Kunstwissenschaften (Hrsg.), Autorenkollektiv unter Ltg. von Erika Tschernig: Unsere Kultur: DDR-Zeittafel, 1945–1987. Dietz, Berlin 1989, ISBN 3-320-01132-4, S. 180. 1970: Außerordentliches Mitglied der Sektion Musik der Akademie der Künste, Berlin (Ost) 1972: Ordentliches Mitglied der Sektion Musik der Akademie der Künste, Berlin (Ost) 1972: Verdienstmedaille der DDR 1975: Nationalpreis der DDR für Kunst und Literatur, III. Klasse (für das „Orgelkonzert I“) 1982: Nationalpreis der DDR für Kunst und Literatur, II. Klasse (für die Orchesterwerke) 1985: Vaterländischer Verdienstorden in BronzeNeue Deutsche Literatur, 1985, 33, 1–6, S. 172. 1993: Mitglied der Sektion Musik der Akademie der Künste, Berlin 1996: Heidelberger Künstlerinnenpreis 1997: Mitglied der Freien Akademie der Künste Mannheim 1997: Bundesverdienstkreuz 1. Klasse 1998: Ehrenmitglied des Deutschen Musikrates 2001: Bayerischer Maximiliansorden für Wissenschaft und Kunst
Darstellung Ruth Zechlins in der bildenden Kunst
Susanne Kandt-Horn: Die Komponistin Ruth Zechlin (Öl, 1964)
Kompositionen und Schriften (Auswahl) Zechlin schuf sowohl Instrumental- und Vokalmusik als auch Bühnenwerke, sowie Musik für Hörspiele, Dokumentar- und Fernsehfilme. Ihr Œuvre beläuft sich auf ca. 260 Kompositionen.
Bühnenwerke Reineke Fuchs, Oper für Schauspieler (1968) La Vita, Ballett (1985) Die Reise, Kammeroper (1992, UA 1998)
Orchesterwerke Sinfonietta für Kinder (1969) Emotionen für großes Orchester (1971) Briefe für Orchester (1978) Musik für Orchester (1980) Situationen für Orchester (1980) Musik zu Bach für Orchester (1982–83) Triptychon 2000 für Orchester (1997–99) Requiem für G. Domhardt für Orchester (1998)
Solowerke mit Orchester
Konzert für Violine und Orchester Nr. 1 (1963) Konzert für Klavier und Orchester (1974) Orgelkonzert 1 (1975) Canzoni alla notte (deutsch: Gesänge an die Nacht) für Bariton und Orchester, Text: Salvatore Quasimodo (1974) Konzert für Violine und Orchester Nr. 2 (1992) Konzert für Schlagzeug und Streicher (2001)
Chorwerke mit Orchester
Lidice-Kantate, im Museum von Lidice für Baritonsolo, gemischten Chor und Orchester, Text: Franz Fühmann (1959) Wenn der Wacholder wieder blüht, Oratorium (1960)
Chorwerke a cappella Aphorismen über die Liebe für 4-8stimmigen gemischten Chor a cappella (1970/72) : I Das ist die wahre Liebe, Text: Johann Wolfgang von Goethe – II Venus löste sich auf – und Welt wurde, Text: Georg Maurer – III Der Tag ist der Vormittag für den Abend, Text: Rainer Kirsch – IV Mädchenhände, sanfte Vögel des Sommers, Text: Manfred Streubel – V Wir sind einander wie warmer Sommerregen, Text: Marianne Dreifuß – VI Mein Herz lockst du überall hin, Text: Georg Maurer – VII Eh sich dein Mund mir auftut, Text: Jo Schulz Te Deum für 4-stimmigen gemischten Chor a cappella (2001)
Kammermusik
Sonatine für Flöte und Klavier (1955) Trio für Oboe, Viola und Violoncello (1957) Streichquartett (1959) 2. Streichquartett (1965) Gedanken über ein Klavierstück von Prokofjew – Kammermusik für Klavier und 10 Solo-Instrumente (1967) Kammersinfonie (1967) 3. Streichquartett (1970) 4. Streichquartett (1971) Pour la flûte für Flöte solo (1973) Kammermusik für Oboe, Cello und Schlagwerk zu Kleists „Die Marquise von O.“ (1974) Hommages à PHL für Streichquintett und Schlagzeug (1975) Begegnungen für Oboe, Posaune, Schlagwerk, Klavier, Viola, Violoncello und Kontrabass (1977) Sechstes Streichquartett (1977) Reflexionen für 14 Streicher (1978–79) Konfrontationen für Flöte, Posaune, Schlagwerk, Viola und Bass-Klarinette (1986) In memoriam Witold Lutosławski für Viola solo (1995) Musik für 3 Schlagzeuger (1995) Musikalische Antworten auf Johann Sebastian Bach für Flöte und Orgel (1999)
Werke für Singstimme oder Sprecher mit Instrumentalbegleitung
Trage die Flamme voran : so dunkel ist keine Nacht für Singstimme und Klavier, Text: Hasso Grabner (1960) Sieben Lieder nach Gedichten von Wolfgang Borchert, für mittlere Stimme und Klavier (1966) : I Kinderlied – II Liebesgedicht – III Legende – IV Der Mond lügt – V Nachts – VI Versuch es! – VII Aranka Schrei. Hätte mein Wort doch die Macht für Gesang (auch chorisch) und Klavier, Text: Helmut Preißler (1966) Kinderlied für Gesang und Klavier, Text: Franz Fühmann (1967) Drei Liebeslieder aus den „Carmina Burana“ für Sopran (oder Tenor) und Cembalo (1968) : I Bevat: Estivali sub fervore – II Dulce solum – III De pollicito. Deutsche Übersetzung von Karl Langosch: I Abweisende Schäferin – II Tödliche Liebe – III Liebeskummer Schatten Rosen Schatten, für Singstimme und Klavier, Text: Ingeborg Bachmann (1969) Prometheus für Sprecher, Klavier und Schlagwerk (1986) Lieder nach Texten der Hildegard von Bingen für Mezzosopran und Querflöte (1998)
Solowerke für Tasteninstrumente
Suite für Klavier (1953) Kleine Klaviermusik (1959) Kontrapunkte für Cembalo oder Klavier (1970) Wandel und Spektrum für Orgel (1972) Wandlungen für Orgel (1972) Spektrum für Orgel (1973) Epitaph für Cembalo (1974) Genesis und Evolution für Orgel (1980/81) Geistliches Triptychon für Orgel solo (überarbeitete Fassung 1999) Orgelmesse für Orgel solo (2006)
Filmmusik
1971: Rosa Luxemburg – Stationen ihres Lebens
Hörspielmusik 1970: Stephan Hermlin: Scardanelli – Regie: Fritz Göhler (Hörspiel – Rundfunk der DDR) 1973: Alfred Matusche: Van Gogh – Regie: Peter Groeger (Biographie – Rundfunk der DDR)
Schriften Situationen, Reflexionen, Gespräche, Erfahrungen, Gedanken. Hrsg. von Annelore und Jürgen Mainka. In Zusammenarbeit mit der Sektion Musik der Akademie der Künste der DDR. Verlag Neue Musik, Berlin 1986.
Literatur Thomas Buchholz: Meine Zeit bei Ruth Zechlin. (PDF (PDF) ). Zechlin, Prof. Ruth. In: Wilfried W. Bruchhäuser: Komponisten der Gegenwart im Deutschen Komponisten-Interessenverband. Ein Handbuch. 4. Auflage, Deutscher Komponisten-Interessenverband, Berlin 1995, ISBN 3-555-61410-X, S. 1440. Marion Fürst: Ruth Zechlin. In: Komponisten der Gegenwart (KDG). Edition Text & Kritik, München 1996, Loseblattsammlung. Dirk Hewig: Zum Tode von Ruth Zechlin. In: Neue Musikzeitung, Ausgabe 10/2007. Frank Kämpfer: Ein deutscher Einzelweg: Ruth Zechlin in memoriam. In: Neue Musikzeitung, Ausgabe 9/2007. Eberhard Kneipel: Ruth Zechlin. In: Dietrich Brennecke, Hannelore Gerlach, Mathias Hansen (Hrsg.): Musiker in unserer Zeit. Mitglieder der Sektion Musik der Akademie der Künste der DDR. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1979, S. 243 ff.
Zechlin, Ruth. In: Brockhaus-Riemann Musiklexikon. CD-ROM, Directmedia Publishing, Berlin 2004, ISBN 3-89853-438-3, S. 11456. Alexander Suder (Hrsg.): Ruth Zechlin (= Komponisten in Bayern, Dokumente musikalischen Schaffens im 20. Jahrhundert. Bd. 41). Hans Schneider, Tutzing 2001, ISBN 3-7952-1066-6.
Einspielungen
Als Komponistin
Lidice-Kantate, Kurt Kögel (Bariton), Solistenvereinigung des Deutschlandsenders, Großer Chor des Berliner Rundfunks, Mitglieder des Berliner Rundfunk-Sinfonie-Orchesters, Leitung: Helmut Koch, VEB Deutsche Schallplatte, 1962