mini|Supralibros der Bibliothek: Schwert und Rad (Attribut der Heiligen Katharina), auf einem Band, der sich heute in der Bibliothek der University of Pennsylvania befindet mini|Vordergebäude von 1926 (Foto: 2006) Die Stadtbibliothek Lübeck (offizieller Name: Bibliothek der Hansestadt Lübeck) ist eine öffentliche und wissenschaftliche Bibliothek, als letztere auch Schwerpunktbibliothek für Musik des Landes Schleswig-Holstein. Sie ist nach eigenen Angaben die reichste Altbestandsbibliothek Schleswig-Holsteins.Historische Bestände, abgerufen am 23. Januar 2022
Geschichte 1613 wurden Räumlichkeiten des ehemaligen Katharinenklosters im Hinblick auf die Einrichtung einer Bibliothek in Augenschein genommen. 1616 reichten Superintendent Georg Stampelius und der Rektor des Katharineums Johann Kirchmann beim Senat ein entsprechendes Gesuch ein. Die ältesten Bürgermeister Alexander Lüneburg und Hinrich Brokes entschieden per Dekret für den Antrag. Zwischen 1616 und 1620 erfolgte der Um- und Neubau mit erheblichem finanziellem Aufwand. Geleitet wurden die Baumaßnahmen von dem Ratsherrn Jürgen Pavels. Die historischen Forschungen zu den Gründen für eine Bibliotheksgründung in dieser Zeit kommen zu widersprüchlichen Ergebnissen. Es gibt, zugespitzt formuliert, die These, man habe mit 80-jähriger Verspätung aufgrund außen- und innenpolitisch unruhiger Gemengelagen eine Anregung von Johannes Bugenhagen in seiner Lübecker Kirchenordnung von 1531 (einen Ort „für die guten und die schlechten Bücher“ zu schaffen und diese allen, die studieren wollen, zugänglich zu machen) aufgegriffen und umgesetzt. Und es gibt die These, eine 1613/14 erbittert geführte Debatte zwischen Senat und Geistlichkeit über die Notwendigkeit von konfessioneller Toleranz angesichts einer als notwendig eingestuften staatlichen Entscheidung in einer handelspolitischen Angelegenheit zwischen dem lutherischen Lübeck und den calvinistischen Niederlanden könnte bei der Bibliotheksgründung im Hintergrund gestanden haben. In dieser Debatte argumentierte Superintendent Stampelius im Sinne seines Freundes, Bürgermeister Hinrich Brokes, für den Gedanken der Toleranz gegen die Mehrheit der örtlichen Geistlichen.Manfred Eickhölter: Quellen zur Entstehungsgeschichte der Lübecker Stadtbibliothek, erste Bibliotheksförderer und frühe Buchgeschenke. In: Jörg Fligge, Peter Borchardt (Hrsg.): Die wissenschaftliche Stadtbibliothek und die Entwicklung kommunaler Bibliotheksstrukturen in Europa seit 1945. Wiesbaden 2000, S. 259–289. Die in der Stadt verstreuten Bestände, etwa der Ratsbibliothek und der Bibliotheken der Kirchen und ehemaligen Klöster (mit Ausnahme des Doms), wurden im Obergeschoss des Katharinenklosters zusammengefasst. Ab 1622 waren sie der allgemeinen Öffentlichkeit im dazu mit einer eichenen Regalanlage versehenen Dormitorium des ehemaligen Klosters zugänglich. Die 61 geschnitzten Wappen und Namensinschriften der zwischen 1616 und 1619 tätigen Bürgermeister, Ratsherren, Geistlichen und Lehrer zeigen, dass die Bibliothek eine gemeinsame Sache der weltlichen und geistlichen Stadt-Obrigkeit war. Die erste Bibliotheksordnung von 1622 gilt heute als Zeitpunkt der Eröffnung, die Eröffnung selbst soll im Mai 1622 stattgefunden haben. An zwei Wochentagen für jeweils drei Stunden war das Institut geöffnet. Seit 1756 wird mit einer neuen Bibliotheksordnung von der „öffentlichen Stadt-Bibliothek“ gesprochen.
Die 1616 übernommenen Bestände Allein die Geschichte der von der Stadtbibliothek übernommenen Bestände der Ratsbibliothek reicht zurück in die Zeit des Spätmittelalters. Sie besteht zur Hälfte aus der umfangreichen Bibliothek des Lübecker Ratssyndikus Simon Batz (1420–1464), die der Lübecker Rat bei dessen Tod gegen Zahlung eines Betrages von 300 Rheinischen Gulden übernahm.Robert Schweitzer / Ulrich Simon: Boeke, gude unde böse - Die Bibliothek des Lübecker Syndikus Simon Batz von Homburg: Rekonstruktionsversuch anhand seines Testaments und der Nachweise aus dem ehemaligen Bestand der Ratsbibliothek in der Stadtbibliothek Lübeck. In: Das Gedächtnis der Hansestadt Lübeck: Festschrift für Antjekathrin Graßmann zum 65. Geburtstag. In Verbindung mit dem Verein für Lübeckische Geschichte und Altertumskunde und dem Hansischen Geschichtsverein hrsg. von Rolf Hammel-Kiesow und Michael Hundt. Lübeck, Schmidt-Römhild, 2005, ISBN 3-7950-5555-5, S. 127ff
Zum Grundbestand der Stadtbibliothek gehört ein Rest von 187 Werken der ehemaligen Klosterbibliothek des Katharinenklosters.Verzeichnet in Johann Kirchmanns Zugangsbuch der Stadtbibliothek bis 1641, Digitalisat, Stadtbibliothek Lübeck, S. 91–104: Catalogus librorum ex veteri bibliotheca Cathariniana novam bibliothecam translatorum Ihre wertvollen Pergament-Codices hatte der Rektor Otto Walper, der Vorgänger Kirchmanns, allerdings schon verkaufen lassen, um aus dem Erlös Werke für das Kollegium der Schule, Bibelausgaben und Klassiker, anzuschaffen. Diese wurden ebenfalls Gründungsbestand der Stadtbibliothek.Verzeichnet in Johann Kirchmanns Zugangsbuch der Stadtbibliothek bis 1641, Digitalisat, Stadtbibliothek Lübeck, ab S. 105: Catalogus librorum quos D. Ottho Gualperius Rector scholae pecunia ex divenditis Codicis Bibliothecae Catharinianae membranaceis confecta in usum Collegarum olim comparavit.
Die Erweiterung der Bestände nach Gründung der Bibliothek 1624 erhielt die Bibliothek zwei große Globen des niederländischen Kartographen Willem Blaeu, einen Himmelsglobus von 1616 und einen Erdglobus von 1622, und 1668 zwei darauf bezogene programmatische Gemälde Der alte Gelehrte und Der junge Gelehrte der Brüder Johann Zacharias und Gottfried Kniller (heute im St. Annen-Museum).
Die Bibliothek erfreute sich von Anfang an einer Vielzahl von Zustiftungen von privater Hand und zählte 1754 bereits über 9.000 Bände.
Besonders große Erweiterungen erfuhr sie 1648 durch die vom Rat angekaufte Nachlass-Bibliothek des Universalgelehrten Joachim Morsius und 1692 durch das Dornesche Legat des Ratsherrn Konrad von Dorne. 1756 erhielt die Bibliothek das Pflichtexemplar-Recht für alle in Lübeck veröffentlichten Werke. Der Ankaufsetat speiste sich durch die Strafgelder des Konsistorialgerichts (zuständig für Ehe- und Familiensachen) sowie einer Abgabe von 2 % auf den Ertrag aller in Lübeck abgehaltenen Buchauktionen.Hermann Alfons Stolterfoht: Entwicklung des staatlichen öffentlichen Bibliothekswesens. In: Lübeck seit dem 18. Jahrhundert. Lübeck 1926, S. 113–118, hier S. 113
Durch das Vermächtnis des Predigers an St. Aegidien Heinrich Scharbau erhielt die Stadtbibliothek 1759 neben einem Stiftungskapital von 16.000 Mark auch 6.000 weitere Bände seiner Privatbibliothek. Diese wurden in einem eigenen Raum (dem ehemaligen Sitzungssaal des Konsistoriums) neben dem Bibliotheksgründungssaal, der Scharbau zu Ehren den Namen Scharbausaal erhielt, aufgestellt.
1774 erhielt die Bibliothek eine große Sammlung juristischer Abhandlungen und Streitschriften aus der nachgelassenen Bibliothek des Bürgermeisters Heinrich Brockes II. als Geschenk der Erben.Anton Fahne: Geschichte der Freiherren und Herren von Hövel. I. Band, II. Abtheilung. Geschichte und Genealogie derjenigen Familien, aus denen sie ihre Frauen genommen. Digitalisat I. Band, II. Abteilung 1856, S. 9
Die Stadtbibliothek im 19. Jahrhundert Nach der Säkularisation des Domkapitels wurde 1804 auch die Dom-Bibliothek (130 Handschriften und 500 Drucke) in die Stadtbibliothek eingegliedert. Zwei Jahre später wurde die an das Waisenhaus übergegangene Bibliothek des Michaeliskonvents der Schwestern vom Gemeinsamen Leben (Beginen) in die Stadtbibliothek eingegliedert, die damit einen einzigartigen Schatz an mittelniederdeutschen Handschriften aus dem 15. Jahrhundert erhielt. 1817 wurden die Bestände durch die Stiftung von weiteren 6.000 Bänden der Privatbibliothek des Dompropstes Johann Carl Heinrich Dreyer (1723–1802) ergänzt. Seither dürfte die Schwerpunktbildung für Deutsche und Lübecker Geschichte sowie die Deutsche Rechtsgeschichte anerkannt sein. 1821 umfasste der Bibliotheksbestand bereits etwa 35.000 Bände. Um 1830 erstellte Ernst Deecke den ersten Inkunabel-Katalog der Bibliothek und bereitete so den Weg für die Mittelalterforschung in den Beständen. 1862 erhielt die Bibliothek Deeckes Lubecensien-Sammlung, wie schon zuvor 1851 die Sammlung des Kantors und Genealogen Johann Hermann Schnobel. Durch Verträge mit dem Verein für Literatur der Geschichte sowie mit dem theologischen und dem juristischen Leseverein erhielt die Bibliothek fortan regelmäßige Zugänge aus diesen drei Fachgebieten.
Erst seit 1836 erhielt die Stadtbibliothek einen laufenden staatlichen Zuschuss. Bis 1903 oblag die Aufsicht über die Bibliothek nebenamtlich einem Lehrer des Katharineums. In diesem Jahr wurde Carl Curtius (1841–1922), der die Bibliothek seit 1879 in Personalunion mit der „dritten Professur“ am Katharineum geleitet hatte, von seinen Lehrverpflichtungen an der Schule freigestellt. Curtius hob die im Scharbau-Testament von 1759 begründete Trennung der Bestände in Scharbauische Bibliothek (Bibliotheca Scharbovia) und Stadtbibliothek (Bibliotheca Publica) auf. Dies machte erstmals eine umfangreiche Neuaufstellung und Katalogisierung möglich, die am Ende des 19. Jahrhunderts erfolgte.
1879 entstand neben der sich zur Archivbibliothek entwickelnden Stadtbibliothek eine Volksbibliothek, zunächst als Verein innerhalb der Gesellschaft zur Beförderung gemeinnütziger Tätigkeit, dann als eigenständige Öffentliche Bücherei mit mehreren Zweigstellen in den Stadtteilen.
Zählte der Bestand 1811 rund 19.000 Bände, so waren es am Ende des 19. Jahrhunderts 1899 105.000 Bände - die Bibliothek konnte sich nun zu den „großen Bibliotheken der Welt“ mit einem Bestand von über 100.000 Bänden zählen.Hermann Alfons Stolterfoht: Entwicklung des staatlichen öffentlichen Bibliothekswesens. In: Lübeck seit dem 18. Jahrhundert. Lübeck 1926, S. 113–118, hier S. 117
Zeitgeschichte 1919 erhielt die Stadtbibliothek mit Willy Pieth erstmals einen professionellen Bibliothekar als Direktor. 1923 wurde die Öffentliche Bücherei und Lesehalle in staatliche Verwaltung überführt und zu einer Abteilung der Stadtbibliothek. Daneben entstand die Landeswanderbücherei zur Versorgung des Lübecker Landgebietes. Der Altbestand wurde durch die Schenkungen der Bibliotheken des 1819 gegründeten Ärztlichen Vereins zu Lübeck und des Architekten- und Ingenieurvereins (insgesamt 15.000 Bände) erweitert.
Einen Rückschlag erlitt die Lübecker Bibliothek, die schon überregionale Bedeutung vergleichbar einer Staatsbibliothek besaß, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen. Direktor Willy Pieth wurde am 1. Juli 1933 entlassen, ebenso sein Stellvertreter Heinrich Schneider sowie Meta Corssen als Leiterin der Öffentlichen Bücherei. Neuer Direktor wurde im November der NS-Parteigenosse Gustav Struck, und das Interesse der Nazis bestand auf der Aussonderung „gefährdender“ Schriften und Autoren. Nach dem Luftangriff der Engländer 1942 auf die Lübecker Altstadt wurden die wichtigsten Bestände (28.000 Bände) in das Salzbergwerk Gröna bei Bernburg (Saale) Gröna bei lostart und in den Stollen Plömnitz (Gemeinde Preußlitz, Salzlandkreis) in Sachsen-Anhalt ausgelagert, Plömnitz bei lostart von wo aus sie später als Beutekunst in die UdSSR gelangten und auf Teilrepubliken verteilt wurden. Bis heute sind davon, vor allem aus Armenien und Georgien, 7.718 Bände zurückgekehrt, während bei anderen die Rückgabe offen ist.Anm.: Ein entsprechendes Schicksal erlitten ein Drittel der Bestände der Butendach-Bibliothek der Reformierten Gemeinde Etliche Inkunabeln, darunter mindestens ein Werk aus dem früheren Besitz von Heinrich III. Bockholt, befinden sich heute in der Universitätsbibliothek Tomsk und wurden hier digitalisiert.Inkunabeln der UB Tomsk in Sibirien, Blogeintrag auf Archivalia vom 16. Juni 2017, abgerufen am 16. Juni 2017