mini|Reinhold Tüxen (links) und Heinz Ellenberg (rechts), 1961
Reinhold Hermann Hans Tüxen (* 21. Mai 1899 in Ulsnis (Schleswig-Holstein); † 16. Mai 1980 in Todenmann) war ein deutscher Botaniker und Pflanzensoziologe. Er war neben Erich Oberdorfer einer der frühen Förderer und Begründer der heutigen modernen Pflanzensoziologie in Deutschland. Er entwickelte das Konzept der potenziellen natürlichen Vegetation und etablierte und prägte Institutionen, Fachgesellschaften und Fachzeitschriften, die bis heute, meist in veränderter Form, bestehen. Sein botanisches Autorenkürzel lautet in der Pflanzensoziologie ist auch das Kürzel in Gebrauch.
Leben mini|Reinhold Tüxen, 1927 Reinhold Tüxen wurde als Sohn des Lehrers Hermann Christian Tüxen und dessen Ehefrau Anna Catharina Tüxen, geb. Lüthge, geboren. Er wuchs im ländlichen Norden Schleswig-Holsteins auf, in der Schleiregion von Angeln, zwischen den Städten Schleswig und Kappeln. Durch den Einfluss eines Lehrers entwickelte er ein großes Interesse für die Chemie. Tüxen legte 1917 das Notabitur ab und nahm anschließend am Ersten Weltkrieg teil. 1926, kurz nach seiner Promotion, heirateten Reinhold Tüxen und Johanna Berger aus Haltingen. Das Paar hatte sich während des Studiums in Heidelberg kennengelernt. Aus der Ehe gingen drei Söhne hervor: Jes Tüxen (1929–2015), der ein bedeutender Moorbotaniker werden sollte, Fritz Tüxen und Hans Tüxen. Die Familie lebte zunächst in Hannover, später in Stolzenau an der Weser und zu Tüxens Pensionierung 1963 in Todenmann bei Rinteln.
Frühe wissenschaftliche Laufbahn Tüxen studierte in Heidelberg von 1919 bis 1925, zunächst auch Archäologie, legte seinen Schwerpunkt dann aber auf Chemie, Botanik, Zoologie und Geologie. Anschließend studierte er Pflanzensoziologie bei Josias Braun-Blanquet an der ETH Zürich und in Montpellier. Der Kontakt zu Braun-Blanquet, der als eigentlicher Begründer der Pflanzensoziologie gilt, war prägend für die weitere Ausrichtung von Tüxens gesamtem Wirken. Über die folgenden Jahrzehnte verband beide eine enge Freundschaft und sie unternahmen zusammen mehrere Forschungsreisen.
Nach dem Studium kam Tüxen 1925 auf Empfehlung des Botanikers Ludwig Jost an das Provinzialmuseum Hannover. Dort baute er die Provinzialstelle für Naturdenkmalpflege auf, die 1934 in Provinzialstelle für Naturschutz umbenannt wurde und er blieb noch bis 1939 ihr Leiter.
1926 wurde Tüxen an der Universität Heidelberg mit einer Arbeit zur organischen Stickstoffchemie, ein später sehr relevantes Thema für die Landwirtschaft, bei Theodor Curtius mit summa cum laude promoviert. Im Dezember 1930 habilitierte er sich an der Tierärztlichen Hochschule Hannover zum Thema Grünlandassoziationen Nordwestdeutschlands. Die dafür nötige Feldforschung hatte er in den vorherigen Jahren durchgeführt. Ebenfalls 1930 unternahm er seine erste außereuropäische Forschungsreise, die ihn nach Tunesien führte. In Hannover gründete er im Mai 1931 die Arbeitsstelle für theoretische und angewandte Pflanzensoziologie der Tierärztlichen Hochschule Hannover und baute einen Botanischen Garten auf, der als einer der ersten an pflanzensoziologischen Erkenntnissen ausgerichtet wurde. 1939 wurde im Rahmen der NS-Zentralisierung seine Arbeitsstelle zur Zentralstelle für Vegetationskartierung des Reiches und Tüxen deren Leiter und außerplanmäßiger Professor. Gleichzeitig gab er seine Tätigkeit an der Provinzialstelle für Naturschutz auf. 1943 wurde der Sitz der Zentralstelle wegen zunehmender Luftangriffe auf Hannover nach Stolzenau an der Weser verlegt.Bundesamt für Naturschutz (Hrsg.): Natur und Staat. Staatlicher Naturschutz in Deutschland 1906–2006. (Naturschutz und Biologische Vielfalt Heft 35). Bearb. v. H.-W. Frohn und Friedemann Schmoll Bonn 2006
Arbeiten in der NS-Zeit von 1933 bis 1945 mini|Reinhold Tüxen, 1937 Tüxen führte seine pflanzensoziologischen Kartierungen 1933 weiter, wozu er nun die gesamte Provinz Hannover kartieren sollte. Den Auftrag erteilte Landeshauptmann Ludwig Geßner. Für die Kartierungen konnte Tüxen 1934 auf 42 Mitarbeiter zurückgreifen, worunter der junge Heinz Ellenberg war, und sie stellten im selben Jahr die Vegetationskartierung weiter Teile Norddeutschlands fertig. Daraus ging die bedeutende Monografie „Die Pflanzengesellschaften Nordwestdeutschlands“ hervor. Das unmittelbare Ziel des Geldgebers, der Provinz Hannover, war die Frage der angemessenen Landnutzung, also wirtschaftliche Gründe.
1934 erhielt Tüxens Arbeitsstelle an der TH Hannover den Auftrag für den Bau der Reichsautobahnen Vegetationskartierungen durchzuführen von Alwin Seifert, der als Reichslandschaftsanwalt die Verbindung der geplanten Autobahnen mit der deutschen Landschaft herstellen sollte. Die Arbeitsstelle sollte außerdem Vorschläge erstellen, welche Pflanzen als bodenständig anzusehen seien und welche am besten den bestehenden Klima- und Bodenverhältnissen entsprachen. Ziel war es, den Pflegeaufwand für Mittel- und Randstreifen sowie Böschungen durch die Auswahl widerstandsfähiger Pflanzen möglichst gering zu halten. Grundlage der Auswahl waren ideologische und naturwissenschaftliche Kriterien.Nils M. Franke: Der Westwall in der Landschaft. Aktivitäten des Naturschutzes in der Zeit des Nationalsozialismus und seine Akteure. Mainz 2015. S. 45R. Tüxen: Aus der Arbeitsstelle für theoretische und angewandte Pflanzensoziologie der Tierärztl. Hochschule Hannover. Ein Tätigkeitsbericht von Reinhold Tüxen. (Sonderdruck aus dem 92. und 93. Jahresbericht der Naturhistorischen Gesellschaft zu Hannover). Hannover 1942. S. 74/75
1936 und 1937 war Tüxen in die Planung des Reichsparteitagsgeländes in Nürnberg involviert. Er machte Vorschläge für die Auswahl der Rasenmischung, die an die Belastungen der dortigen Aufmärsche angepasst sein musste, wie auch für die Bepflanzung des Geländes, das einen „waldmäßigen“ Charakter erhalten sollte.A. Schmidt: Gleichgeschaltete Landschaft – zum Umgang mit Natur und Landschaft beim Bau des Reichsparteitagsgeländes in Nürnberg. In: N. Franke, K. Werk (Hrsg.): Naturschutz am ehemaligen Westwall. NS-Großanlagen im Diskurs (= . Geisenheimer Beiträge zur Kulturlandschaft Bd. 1). Mainz 2016, ISBN 978-3-934742-72-7, S. ?-?. Tüxen bemühte sich intensiv um diese Aufgabe. Er nutzte dazu persönliche Kontakte seines Umfelds zu dem offiziell von Albert Speer mit der Planung beauftragten Diplomgärtner Gerhard Hinz. Nach Tüxens persönlicher zeitgenössischer Schilderung ging die Initiative zu seiner Beauftragung hingegen von dem Zweckverband aus, der für die Bauarbeiten auf dem Gelände zuständig war. Dieser bestand aus der NSDAP, dem Deutschen Reich, dem Land Bayern sowie der Stadt Nürnberg. Nach offenbar erfolgter Beauftragung legte Tüxen im September 1937 sein „Pflanzensoziologisches Gutachten über die bodenständige Bepflanzung des Reichsparteitagsgeländes“ vor. Das Gelände war bereits unter anderem durch den Film "Triumph des Willens" von Leni Riefenstahl als Inszenierung der NS-Ideologie allgemein bekannt. Ob Tüxens Gutachten einen Einfluss auf die letztlich umgesetzte Bepflanzung des Reichsparteitagsgeländes gehabt hat, ist unklar.
1938 sollte Tüxen ein Gutachten im Rahmen des beschleunigten Baus des Westwalls erstellen. Dafür sollte er kartieren und Vorschläge zur Bepflanzung der Bunkerbauten und damit deren Tarnung machen.H. Singer (Hrsg.): Entwicklung und Einsatz der Organisation Todt. Bd. I und II. (Quellen zur Geschichte der Organisation Todt). Osnabrück 1998. S. 3/Brief: W. Hirsch an A. Seifert vom 8.3.1939. 3 S. Akte F1b/130. Bestand A. Seifert in der TU München. S. 1 Fritz Todt, der für den Autobahnbau verantwortliche Generalinspektor beauftragte ihn damit.Abschrift: Der Generalinspektor für das deutsche Straßenwesen Nr. 2228/3-59 A 20.40. Berlin W8, den 4. Februar 1939. Streckenkartierung und Ingenieurbiologie. Hauptstaatsarchiv Wiesbaden Abt. 485 Nr. 138b. S. 1/2
1939 bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde Tüxen zum Wehrdienst eingezogen. Die Protektion des Reichsforstamts ermöglicht es ihm allerdings, im gleichen Jahr aus dem Militär auszuscheiden und zu seiner Tätigkeit zurückkehren.Liebe Kameraden: [Rundschreiben von W. Hirsch an die Landschaftsanwälte.] 22.10.1939. 4 S. Akte F1b/130. Bestand A. Seifert in der TU München. S. 4 Grundlage war vermutlich ein Beschluss Hermann GöringsDer Reichsforstmeister. Zeichen II 4529. Berlin, den … Juni 1939. [Leider ohne genaues Datum]. In: Bundesarchiv R 2 RFM 4740. S. 1–4, der letztlich Tüxen beauftragte, eine Vegetationskartierung des gesamten Deutschen Reichs zu erstellen.Der Reichsforstmeister II/P7062 an den Herrn Reichsminister für Finanzen in Berlin. Berlin, den 25. August 1939. In: Bundesarchiv R 2 RFM 4740. S. 1 Tüxen erhielt u. a. die Aufgabe zu einer Vegetationskartierung in der Nähe des Konzentrationslagers Auschwitz, das später zum Vernichtungslager ausgebaut wurde. Er vermerkte selbst 1942: In der Nähe von Auschwitz (Ost-Oberschlesien) wurde von einem größeren Gebiet eine Vegetationskartierung als Grundlage der Neuordnung aller Wirtschaftsverhältnisse hergestellt. (*24, Bearbeiter, Frl. von Rochow, Sauer, Tx., 1:25 000).R. Tüxen: Aus der Arbeitsstelle für theoretische und angewandte Pflanzensoziologie der Tierärztl. Hochschule Hannover. Ein Tätigkeitsbericht von Reinhold Tüxen. (Sonderdruck aus dem 92. und 93. Jahresbericht der Naturhistorischen Gesellschaft zu Hannover). Hannover 1942. S. 78/79
1942 stritten Albert Speer als Nachfolger von Fritz Todt und Göring als Reichsforstmeister um die Auslastung des Personals Tüxens für ihre jeweiligen Ressorts. Göring forderte, dass nun für die Belange des Generalinspektors für Wasser und Energie und deutsches Straßenwesen eine eigene Unterabteilung eingerichtet würde, die dieser auch selbst finanzieren sollte.Der Reichsforstmeister an den Herrn Reichsminister für Finanzen in Berlin. B 349.51-1. Berlin W8, den 12. Oktober 1942. In: Bundesarchiv R 2 RFM 4740. S. 1/Siehe auch Anlage des Dokuments Tatsächlich verhinderte jedoch bis 1943 Reichsfinanzminister Johann Ludwig Graf Schwerin von Krosigk die Umsetzung dieses Vorhabens, da er darin keine Bedeutung für den Kriegserfolg sah.Ref. V. Knorre/FA3781. Berlin [unlesbar] Februar 1943. In: Bundesarchiv R 2 RFM 4740. S. 1 Dieser Widerstand währte aber nicht lange, denn am 11. März 1943 wurden folgende Aufgaben und Vorhaben als kriegswichtig eingeordnet bzw. legitimiert:Der Reichsforstmeister an den Reichsminister für Finanzen. Berlin W 8, den 11. März 1943. In: Bundesarchiv R 2 RFM 4740. S. 1/2 „Pflanzensoziologische Beratung von Tarnungsarbeiten an der Atlantik-, Kanal- und Nordseeküste und evtl. Mittelmeerküste, die schon im Nov. 1942 für Belgien und Nordfrankreich begonnen wurden. Von dem besetzten Russland soll eine Vegetationskartierung 1:1 Mill. In Verbindung mit Herrn Landesrat Niemeyer von der Planung Ost vom Reichsministerium für Bewaffnung und Munition erarbeitet werden. Die Feldarbeiten sollen am 1. Mai 1943 beginnen. Die Vorarbeiten sind bereits angelaufen.“Der Reichsforstmeister an den Reichsminister für Finanzen. Berlin W 8, den 11. März 1943. In: Bundesarchiv R 2 RFM 4740. S. 1 Ziel war eine Systematik der Pflanzengesellschaft Russlands und zwar in Bezug auf Wald, Grünland und Ackerunkrautgesellschaften. Dazu solle das gesamte Personal der Arbeitsstelle für theoretische und angewandte Pflanzensoziologie der Tierärztlichen Hochschule und der Zentralstelle restlos eingesetzt werden. Hinzu kamen als weitere Aufgaben die Kartierung des Wassereinzugs- und -entnahmegebietes der Hermann-Göring-Werke und des Hochwassergebietes um Dessar.Der Reichsforstmeister an den Reichsminister für Finanzen. Berlin W 8, den 11. März 1943. In: Bundesarchiv R 2 RFM 4740. S. 2 Die Kartierungen im Bereich Forst wurden ausgesetzt.