Ritter Toggenburg ist eine im Juli des Balladenjahres 1797 entstandene Ballade von Friedrich Schiller. Nach Schillers Kalendereintrag schloss er sie am 31. Juli ab. Das in zehn trochäischen Strophen verfasste Gedicht erschien erstmals noch im gleichen Jahr im Musen-Almanach für das Jahr 1798 und wurde auch in die Gedichtausgaben von 1800 und 1804 aufgenommen.
Inhalt Das Gedicht erzählt die unerfüllbare Liebe des Schweizer Ritters Toggenburg. Er schließt sich einem Kreuzzug an und erfährt bei seiner Rückkehr, dass seine Angebetete in ein Kloster eingetreten ist. Er lässt sich in Sichtweite ihrer Zelle als Einsiedler nieder und ist damit zufrieden, dass er die Nonne aus der Ferne sieht. Die Ballade endet mit seinem Tod. Der Schluss lautet:
Und so saß er, eine Leiche, Eines Morgens da, Nach dem Fenster noch das bleiche Stille Antlitz sah.
600px|mini|Wandbild im Residenzschloss Weimar von Bernhard Neher d. J. um 1836/40
Wirkung Heute ist die Ballade kaum noch allgemein bekannt. Wie die Fülle der vorzustellenden Rezeptionszeugnisse (auch der eher trivialen) belegt, gehörte das Gedicht aber zumindest im 19. Jahrhundert zu den populärsten Balladen Schillers.
Die folgende Zusammenstellung kann für sich in Anspruch nehmen, seit den 1859 erschienenen Bibliographien von Wurzbach von Tannenberg und Wenzel die Rezeption am umfassendsten zu dokumentieren.
Unmittelbare Aufnahme 1797/98 Am 12. September 1797 notierte Goethe im Brief an Schiller Ich muß nicht vergessen zu dem glücklichen Fortschritt des Almanachs und zu Ritter Toggenburg zu gratuliren. (Er hatte sie im Aushängebogen des Musen-Almanachs kennengelernt.)
Am ausführlichsten äußerte sich am 19. Januar 1798 Christian Gottfried Körner, der vertraute Freund und Verehrer des Dichters. Ritter Toggenburg ist mir besonders lieb durch eine gewisse musikalische Einheit, und die durchgängige Gleichheit des Tons, der zu dem Stoffe vollkommen paßt.Online, das Zitat und Datum nach Schillers Werke (Nationalausgabe): 37. Band. Teil II, 1988.
Aus Erfurt meldete sich brieflich am 21.[?] November 1797 Karl Theodor von Dalberg, späterer Kurfürst und Erzbischof von Mainz, mit einer Würdigung der Almanach-Balladen (ebd. 37. Band. Teil I, 1981, S. 175). Auszug:
Ohne einen genauen Grund anzugeben, lobte am 24. November 1797 der Musiker Johann Rudolph Zumsteeg verschiedene Balladen Schillers. Seine spätere Vertonung (s. u.) wird neben der Schuberts die bekannteste des Ritters Toggenburg sein: Ferner haben mir vorzüglich gefallen: Toggenburg, Die Todtenklage, Die Kraniche und die schöne Ballade, Der Gang nach dem Eisenhammer (ebd., S. 177).
Von Ihren beiden übrigen Romanzen ist mir der Ritter Toggenburg die liebste. Schilderung und Ton sind charakteristisch und machen dadurch Effect, teilte im Dezember aus Paris Wilhelm von Humboldt mit (ebd., S. 195).
Spätere Rezeption und Anspielungen mini|Bogen von Heinrich Loedel 1839/40 Auf die Popularität der Ballade spielte in seiner Posse Das Mädel aus der Vorstadt Johann Nestroy an: Ein zweiter Ritter Toggenburg wird aus ihm; das war der große Liebesmathematiker, der das Fensterln auf die höchste Potenz erhoben hat, der hat auch immer hinüberg’schaut und g’schaut, und so saß er, eine Leiche, eines Morgens da - Sie werden g’hört haben von der G’schicht’.nestroy.at
In einem autobiographischen Text bekannte Wilhelm Hauff: Ich komme mir oft vor wie der Ritter Toggenburg.. Es ist zwar kein Nonnenkloster, dem ich gegenüber mein Hauswesen aufgeschlagen habe; aber doch schaue ich vielleicht nicht mit geringerer Andacht nach dem schönen, zweistöckigen Haus und lausche, bis ein Fenster klingt und ich auch Worte vernehme, denn so kann ich die Leute nur sprechen sehen. Auch bleibe ich so nach und nach ein Junggeselle wie der melancholische Ritter, doch soll mich Gott bewahren, daß ich darüber das bißchen Geist aufgebe wie der Toggenburger.fh-augsburg.de
Friedrich de la Motte Fouqué publizierte im Frauenzimmer-Almanach ... für das Jahr 1817 unter dem Titel Ritter Toggenburg eine Erzählung, die in der Zeit der Befreiungskriege gegen Napoleon I. spielt (abgedruckt auch in dessen: Blumenstrauß, Reutlingen 1818). Als der Protagonist Adelbrecht die Ballade rezitiert hört, war es ihm, als töne Sylbe vor Sylbe mit eben so vielen feierlichen, zu Grabe läutenden Glockenpulsen der entscheidende Schicksalsspruch in sein Leben herein.S. 202 im PDF
Das Goethe- und Schiller-Archiv Weimar teilte mit, „daß in unserem Bestand Karl Immermann eine zeitgenössische Abschrift eines Lustspiels unter dem Titel ‚Der neue Toggenburg. Lustspiel in einem Aufzuge von Michael Beer 1830‘ vorhanden (GSA 49/83 Bl 84-94) ist. Diese Abschrift liegt dem Brief von Michael Beer an Karl Immermann vom 15. März 1830 bei“ (Mail vom 12. Dezember 2005).
In seinen Jugenderinnerungen berichtet Paul Heyse, er habe einmal in Anwesenheit von Karl Simrock ein pedantisches Gedicht erwähnt, das die Vorgeschichte des Toggenburg thematisierte: Es handelt sich um Simrocks Ballade Itha von Toggenburg (in den Rheinsagen, Bonn 1841 und öfter).
In der Venus im Pelz von Leopold von Sacher-Masoch (1870) heißt es: ich bin in eine andere verliebt, und zwar höchst unglücklich verliebt, noch weit unglücklicher, als Ritter Toggenburg und der Chevalier in Manon l’Escault.Leopold von Sacher-Masoch: Venus im Pelz (). Ähnlich Karl Gutzkow: Die Mutter zog eine Miene und nannte fast verächtlich den jungen Maler geradezu den Ritter Toggenburg aus dem Atelier.Karl Gutzkow: Die Ritter vom Geiste.
In Fontanes Stine erscheint der Toggenburg in einem Atemzug mit heute bekannteren Balladen Schillers: gleichviel nun, ob sie den Ritter Toggenburg oder den Gang nach dem Eisenhammer oder auch bloß den Handschuh deklamiere.Theodor Fontane: Stine.
Mehrfach griff Karl May die Ballade auf, unter anderem in Winnetou I (siehe unten und Olbrich 2004).
In der Korpusdatenbank des Digitalen Wörterbuchs der Deutschen Sprache des 20. Jahrhunderts finden sich folgende Belege zum sprichwörtlichen Gebrauch des Ritter Toggenburg (gefunden über eine Suche nach Toggenburg): v. Meysenbug, Malwida, „Der Pfad der Äbtissin“, in: dies., Der heilige Michael, Berlin: Schuster & Loeffler 1907 Ernst, Otto, Appelschnut, Leipzig: Staackmann 1907Otto Ernst: Appelschnut. v. Bismarck, Hedwig, Erinnerungen aus dem Leben einer 95-jährigen, Halle: Richard Mühlmann (Max Grosse), 1913 : Einmal sagte er, er sei der Toggenburg, der nach dem Fenster seiner Liebe schaue Hauptmann, Gerhart, Der Narr in Christo Emanuel Quint, Berlin: Fischer 1910 Rafaeli, Max / Le Mang, Erwin, Die geheimen Liebesmächte, Dresden: Rudolph 1927, S. 15–200
Bestätigt wird der Befund, dass Belege für einen solchen geläufigen Vergleich aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts fehlen, durch einen Blick auf wortschatz.uni-leipzig.de.
Wenn Robert Gernhardt in seiner Düsseldorfer Dankesrede für den Heinrich-Heine-Preis 2004 den Toggenburg zitierte, dürfte es sich eher um eine Wiederentdeckung sowie Ironisierung des Textes durch einen belesenen Autor handeln.duesseldorf.de
Anspielungen in wissenschaftlicher Prosa Auch in wissenschaftlicher Prosa wurde nicht selten auf den Toggenburg angespielt. Eine Bezugnahme findet man etwa bei Sigmund Freud (in seiner Schrift Dora) oder in der Einleitung von Georg Lasson zur Encyclopädie Hegels: Die Philosophie ist eine Braut, die erobert sein will. Wer den Mut dazu nicht findet und doch um sie wirbt, der wird ihr immer als ein Ritter Toggenburg gegenübersitzen, der schon bei Lebzeiten von einer Leiche sich nicht unterscheidetZitiert nach Kant-Studien 1931, S. 284..
Karl Popper erwähnte in einem Brief an Fritz Hellin vom 20. Juli 1943 Toggenburgs Geduld.unav.es
In Konrad Lorenz’ Aufsatz Der Kumpan in der Umwelt des Vogels wird auf das "Ritter-Toggenburg-Verhalten" Bezug genommen. Erstveröffentlichung in
Interpretationen Ausführlichere Interpretationen erschienen vor allem im 19. Jahrhundert.Beispiele:
Heinrich Viehoff: Schiller's Gedichte, erläutert und auf ihre Veranlassungen und Quellen zurückgeführt [...]. 3. Auflage Teil 3, Stuttgart 1859, S. 82–91 Google Books.
August W. Grube: Göthe's Elfenballaden und Schiller's Ritterromanzen [...]. Iserlohn 1864, S. 176–189 Google Books. Im 20. Jahrhundert wurde der Text kaum mehr wissenschaftlich oder schuldidaktisch wahrgenommen.
rechts|400px|Text aus dem Druck der musikalischen Bearbeitung von Carl Haslinger Für Heinrich Dörings Schiller-Biographie von 1824 hat Schiller im Toggenburg als lyrischer Dichter den höchsten Gipfel erreicht. Im Gedicht wehe unverkennbar der Geist der echten Ballade. Was uns darin so anspricht, ist wohl der einfache und doch so rührende Stoff, der durch die Simplizität in der Behandlung, durch das absichtliche Vermeiden glänzender Bilder doppelt gewinnen musste. Selbst durch die Kürze des Versmaßes hat Schiller dem ganzen etwas Eigentümliches, Bedeutendes gegeben.kuehnle-online.de
Ausführlicher als Döring interpretiert Karl Hoffmeister in Schillers Leben 1846 den Toggenburg: „Er scheint seines bisherigen plastischen und grandiosen Balladenstils müde gewesen zu sein, oder zur Abwechslung stellte er ein neues Genre auf. Hier nimmt er zuerst die Liebessehnsucht in ein solches Gedicht auf, und es waltet keine Grundidee, sondern nur ein Grundgefühl vor. Die früheren Balladen beschäftigen mehr die Anschauung, diese Romanze spricht ganz zum Herzen. Nicht nur die Charaktere, sondern auch die Begebenheit ist sehr wenig motiviert; manches kann man nur erraten. Doch ist die einer irdischen Neigung abgewandte Jungfrau besser durchgeführt, als der Ritter, von dessen Heftigkeit und Heldenmut man es nicht begreift, wie diese Eigenschaften in eine bewegungslose Empfindsamkeit erstarren konnten. Aber ist es der Elegie nicht überhaupt eigen, dass sie allein die einsame, in sich befangene Empfindung hervorstellt, und alles andere nur schwach und flüchtig zeichnet? Einen solchen elegischen Ton aber hat unsere Romanze, wie die bisherigen einen tragischen; und wenn diese letzteren mit Dramen zu vergleichen sind, oder sich doch dramatisch abschließen, so endigt sich dieses Stück durch das Stillleben des Einsiedlers gleichsam in eine Idylle. Da hier keine erhabene Idee und kein Kampf des Menschen mit der Natur und dem Schicksal, ja nicht einmal eine Handlung, sondern ein Gemütszustand vorgeführt wird, so kann von Gedrängtheit, Energie und Pracht der Darstellung nicht die Rede sein. In schlichter und natürlicher Sprache hat der Dichter rein, wahr und rührend das sentimentale Gefühl einer Liebe niedergelegt, die, obgleich verschmäht, sich doch bis zum Tod getreu bleibt.“
Schullektüre Heute zählt der Toggenburger nicht mehr zum klassischen Kanon der Schiller’schen Balladen. Vermutlich haben aber noch in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts die meisten Schüler – wenigstens der Gymnasien – das Gedicht kennengelernt. Auf die Zeit um 1878 bezieht sich ein Beleg aus Lily Brauns Memoiren einer Sozialistin, die sich an Schulaufsätze über Goethe und Schiller erinnert:
Rezeption in der Musik mini|Bearbeitung von Zumsteeg, London 1800 mini|Erste Seite der Noten, ebenda Die Ballade mit dem Textbeginn Ritter! treue Schwesterliebe wurde wiederholt vertont. Von Komponisten aus Schillers eigener Zeit haben sie musikalisch bearbeitet (Angaben nach der Nationalausgabe und Georg Günther, Schiller-Vertonungen, Bd. 1–2, Marbach 2001): Johann Rudolph Zumsteeg (1760–1802), Schillers Schulfreund, tätig am württembergischen Hof (siehe Brief vom 12. Februar 1800 an Schiller) Ambros Rieder (1771–1855), österreichischer Violinist, Bratschist, Organist und Komponist Johann Friedrich Reichardt (1752–1814), Druck Leipzig 1810
Zumsteeg und Schubert