Die ideologiekritischen Begriffe Immunisierungsstrategie, Selbstimmunisierung (gegen Kritik) oder auch Kritikimmunisierung sind von dem deutschen Soziologen und Philosophen des Kritischen Rationalismus, Hans Albert, in die Wissenschaftstheorie eingebracht worden.siehe Karl R. Popper: Objektive Erkenntnis. Ein evolutionärer Entwurf. Hamburg 1973, S. 43: Man kann jede Theorie gegen Kritik immunisieren. (Dieser ausgezeichnete Ausdruck, den ich meinen Ausdrücken konventionalistische Strategie und konventionalistische Wendung vorziehe, stammt von Hans Albert).

Hans Albert versteht darunter – im Anschluss an Karl Popper – alle Versuche, Theorien, religiöse oder säkulare Anschauungen durch Dogmatisierung gegen unvoreingenommene, kritische Überprüfung, gegen rationale Einwände abzuschirmen (zu immunisieren), unwiderlegbar zu machen, indem man sie z. B. zu absoluten und unumstößlichen Wahrheiten erklärt.Hans Albert: (PDF; 239 kB) In: Aufklärung und Kritik. Februar 1994, S. 16 ff.

„Dogmatisierung – so kann man die Herstellung solcher Kritikimmunität von Problemlösungen nennen, wenn man sich an den eingebürgerten Sprachgebrauch anlehnen will – ist dabei nicht auf bestimmte Bereiche beschränkt – etwa auf eine Disziplin wie die Theologie oder auf den Bereich der Erkenntnis überhaupt –, sie ist vielmehr eine allgemeine Möglichkeit der sozialen Praxis, von der Erkenntnispraxis der Wissenschaft bis etwa zur Praxis in Recht, Politik und Wirtschaft.“Hans Albert: Aufklärung und Steuerung. In: Hamburger Jahrbuch für Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik. Bd. 17. Tübingen 1972.

Immunisierungsstrategien zu erkennen sei demnach ein scharfes Instrument aufklärungsphilosophischer Kritik von Weltanschauungen, Heilslehren und Ideologien jeder Provenienz.

„Leerformeln“ als Immunisierungsstrategien Als Leerformel wird ein Begriff oder eine Aussage dann bezeichnet, wenn sie bloß dem Anschein nach etwas Wahres oder Richtiges besagt, jedoch viel zu unbestimmt ist, um überprüft werden zu können. Ebenso wie eine Tautologie oder eine Definition per Konvention kann eine Leerformel immer dann eingesetzt werden, wenn sich der Sprecher auf nichts Genaues festlegen will.

Der österreichische Philosoph und Soziologe Ernst Topitsch hat den Begriff der Leerformel als Instrument zur Weltanschauungs- und Ideologiekritik in die Aufklärungsphilosophie um 1960 eingeführt.Ernst Topitsch: Über Leerformeln. Zur Pragmatik des Sprachgebrauches in Philosophie und politischer Theorie. In: Ernst Topitsch (Hrsg.): Probleme der Wissenschaftstheorie. Festschrift für Viktor Kraft. Wien 1960, S. 233–264. Damit lassen sich in politischen und religiösen Heilslehren, in fundamentalistischen Weltanschauungen und Ideologien vorgetragene Rechtfertigungen als Immunisierungsstrategien, als „hohle Worthülsen“ entlarven, die in der Ideengeschichte mit beliebigen, sich widersprechenden moralisierenden bzw. idealisierenden Inhalten gefüllt worden sind. Von seiner Analyse der ideologisierenden Verwendung des Begriffs Dialektik ausgehend, gelangt Ernst Topitsch in seinem Aufsatz Über Leerformeln zu folgender Definition:

Eine Leerformel als Immunisierungsstrategie kann in der Politik oder vergleichbaren Gebieten zu Legitimationszwecken eingesetzt werden:

Die ideologische Brauchbarkeit der Leerformel steht somit in umgekehrtem Verhältnis zu ihrem Informationsgehalt:Hans Albert: Ökonomische Ideologie und politische Theorie. Göttingen 1972, S. 19, Anm. 15

Beispiele für Begriffe der Leerheit,Ernst Topitsch: In: Aufklärung und Krititik, 1/1994. die im Laufe der Ideengeschichte mit beliebigen Inhalten gefüllt wurden und werden, seien Gedankengebilde wie Gott, Naturrecht, Menschenwürde, Zweck an sich, „zeitgemäße Sichtweise“ usw. Karl Popper zeigte bereits 1945 in seinem Werk Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, wie die allgemeinen Gedankenkonstrukte Natur und natürlich zu willkürlich manipulierbaren Leerformeln werden können, um dann zur Rechtfertigung aller möglichen natürlichen Führer oder natürlicher Wesenseigenschaften des Menschen missbraucht zu werden:

Um orientierend und sinnvoll verwendbar zu sein, bedürfen Begriffe eben einer ihren Anwendungs- und Geltungsbereich einschränkenden Grenzziehung (definitio). Können Begriffe diese Abgrenzungsbedingungen nicht erfüllen, dann können sie zu Recht als Leerformeln gelten. Selbst das oberste deutsche Verfassungsprinzip, der von Immanuel Kant übernommene Ausdruck der Menschenwürde, festgeschrieben im Artikel 1, Abs. 1 Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland:

Schon Arthur Schopenhauer ironisierte im Jahre 1840 den Begriff Menschenwürde mit den Worten:

Geringe Wertschätzung dieses Konstruktes lassen auch Äußerungen Friedrich Nietzsches erkennen, der den Begriff Menschenwürde zu den schönen Verführungs- und Beruhigungsworten zählt.Hans J. Münk: Philosophisch-ethische Würdekonzepte in biblisch-theologischer Sicht. In: Ruth Scoralick (Hrsg.): Damit sie das Leben haben (Joh 10,10). Festschrift für Walter Kirchschläger zum 60. Geburtstag. Zürich 2007, ISBN 978-3-290-20035-0, S. 227.

Beispiel in der Theologie Bei Ludwig Feuerbach heißt es in seiner Schrift Das Wesen des Glaubens im Sinne Luthers. Ein Beitrag zum Wesen des Christenthums: – Gott ist eine leere Tafel, auf der nichts weiter steht, als was Du selbst darauf geschrieben.„Ludwig Feuerbach: Das Wesen des Glaubens im Sinne Luthers. Ein Beitrag zum Wesen des Christenthums“, (1844), S. 69

Ein weiteres Beispiel für ein solches definitorisches Entleeren und FüllenNorbert Hoerster: Die Frage nach Gott, 3. Auflage. C.H. Beck, München 2010, S. 117. des Begriffes Gott liefert Hans Küng in seinem Buch Existiert Gott?. Hans Küng beschreibt dort Gott als:

Der Religions- und Rechtsphilosoph Norbert Hoerster kritisiert – so wie auch Hans AlbertHans Albert: Das Elend der Theologie. Kritische Auseinandersetzung mit Hans Küng. Hoffmann & Campe, 1979, ISBN 3-455-08853-8; Alibri, 2005, ISBN 3-86569-001-7; 3., erw. Aufl., Alibri, Aschaffenburg 2012, ISBN 978-3-86569-111-8, S. 109 und 132. – diese Küng’sche Gottesdefinition als eine sich selbst zurechtdefinierte Leerformel:

Gerade infolge ihrer Leerheit, wegen ihres geringen Informationsgehalts können solche Denkfiguren von den verschiedensten, ja gegensätzlichen ideologischen Richtungen in Dienst genommen werden:

„Immunisierungsstrategie“ im Anschluss an Karl Popper Karl Popper bezeichnete in seinen deutschsprachigen Veröffentlichungen dogmatische Abschirmungsprinzipien, die Theorien gegen Kritik immunisieren sollen, als doppelt verschanzten Dogmatismus (in den englischen reinforced dogmatism) und konventionalistische Wendung/Strategie (conventionalist twist/stratagem). Schließlich übernahm er von Hans Albert den Ausdruck Immunisierung als Oberbegriff für alle Abschirmungsversuche gegen Kritik.

„Doppelt verschanzter Dogmatismus“ (‘reinforced dogmatism’) In seiner Auseinandersetzung mit der Hegel’schen und Marx’schen Dialektik beschreibt Karl Popper eingebaute Immunisierungsmechanismen, welche philosophische Systeme gegen jede Art von Kritik oder Angriff abschotten. Solche eingebauten Immunisierungsmechanismen nennt er doppelt verschanzten Dogmatismus (im englischen Text reinforced dogmatism):Karl R. Popper: (PDF; 3,4 MB) 4. Auflage. London 1962, S. 242.

Wegen ihrer Dialektik, wegen ihres immanenten Immunisierungsmechanismus gegen Kritik und weil sie keine Antwort auf die Frage geben, unter welchen Bedingungen sie bereit seien, ihre Unhaltbarkeit zuzugeben, brandmarkte Karl Popper Marxismus sowie Psychoanalyse als Pseudowissenschaften.

Das wissenschaftstheoretische Problem der Abgrenzung zwischen Pseudowissenschaft und Wissenschaft beschäftigt auch die Psychiatrie, da es ihr bisher nicht gelungen ist, objektive diagnostische Testverfahren zur Unterscheidung zwischen Psychose und psychischer Gesundheit zu entwickeln:

Bereits Arthur Schopenhauer schrieb 1830, Dialektik sei die Kunst, in einem Disput immer Recht zu behalten.Arthur Schopenhauer: Eristische Dialektik oder Die Kunst Recht zu behalten. 1830/31. (Edition Arthur Hübscher (1966); Haffmans Verlag, Zürich 1983, ISBN 3-251-00016-0) Baut ein Disput- oder Diskurs-Teilnehmer in seine Behauptungen einen Immunisierungsmechanismus ein, so ermöglicht ihm dies, in jeder Diskussion über sie immer recht zu behalten, und zwar auch dann, wenn sie in einem kritisch-rationalen Kontext geführt wird. Solche Behauptungen machen Aussagen über das Argumentieren selbst. Sie ermöglichen es, jedes beliebige kritische Argument zur Bestätigung der Behauptung umzudeuten. Das Hauptbeispiel ist der metaphysische Determinismus: Aus ihm folgt – selbstreferentiell –, dass jedes vorgebrachte Argument sowie das Ergebnis einer Diskussion, die über den Determinismus selbst geführt wird, determiniert ist und dass folglich jede Diskussion über ihn sinnlos und illusorisch ist. Ein Beispieldialog wäre: Argument: „Die Quantentheorie widerspricht dem Determinismus“ Entgegnung: „Der Determinismus ist offensichtlich wahr, und die Tatsache, dass Du dem nicht zustimmst, zeigt doch nur, dass er wahr ist. Denn was, außer dem Determinismus, könnte Dich dazu bringen, eine solche Behauptung im Widerspruch zum Offensichtlichen überhaupt aufzustellen. Die Wahrheit des Determinismus bedingt eben, dass schon immer feststand, dass Du dieses Argument bringen würdest; dass ich gerade das sage, was ich sage; und wie Du darauf als nächstes reagieren wirst.“Karl Popper: What is Dialectic? (PDF; 460 kB) In: Mind, New Series, Vol. 49, No. 196. (Oct. 1940, S. 403–426.), (1937, S. 417.) und Karl R. Popper: The Open Society and Its Enemies. 4. A., London 1962, Bd. 2, S. 215; Kap. 11 n. 51

Eine Theorie mit eingebautem Immunisierungsmechanismus verhindert somit, dass sie durch Argumente zur Sache kritisiert wird. Solche Strategien werden im Kritischen Rationalismus als eine Ausflucht vor einer möglichen Kritik angesehen. Ihm zufolge schränken sie die Möglichkeiten des Erkenntnisfortschritts ein und sollten, wenn möglich, aus Aussagen entfernt werden. Dennoch kann die rationale Diskussion in Richtung einer Position mit einem Immunisierungsmechanismus führen. In Fällen wie dem metaphysischen Determinismus kann das nach William Warren Bartley zu einem Verzweifeln an der Rationalität (despair of reason) führen: Ein Rationalist würde dann vor die Tatsache gestellt, dass seine eigene Position sinnlos ist und er müsste, um rational zu bleiben, beginnen, seine eigene Methode zu verdammen.William Warren Bartley, III: (MS Word; 277 kB) Kapitel XIX Despair of Reason. Philosophia, 11, 1982, S. 1–2.

Wenn eine Position, die eingebaute Immunisierungsmechanismen enthält, konsequent und rational vertreten wird, wird also bei Kritik eine Immunisierungsstrategie grundsätzlich logisch erzwungen, während dieses Vorgehen bei sonstigen Behauptungen nur eine Möglichkeit darstellt.

„Konventionalistische Wendung“ (‘conventionalist twist’) Eine Form der Immunisierung in der Wissenschaftstheorie ist die Vorgehensweise, eine auf die Erfahrung bezogene Theorie in ihren Grundbegriffen und Messverfahren durch zweckmäßige definitorische Setzungen gegenüber widersprechenden Beobachtungen stets aufrechtzuerhalten. Karl Popper spricht in diesem Zusammenhang von konventionalistischer Wendung/Strategie (im englischen Text: conventionalist twist oder conventionalist stratagem).Karl Popper: (PDF; S. 8 ff.; 192 kB) 1963, 2. Auflage 2002, ISBN 0-415-28594-1. Deutsch: books.google.de Karl Popper: Vermutungen und Widerlegungen: Das Wachstum der wissenschaftlichen Erkenntnis. Mohr Siebeck, 2000, ISBN 3-16-147311-6, Auflage: Einbändige Studienausgabe der Bde. 1 u. 2.Karl R. Popper: Objektive Erkenntnis. Ein evolutionärer Entwurf. Hamburg 1973, S. 43.