mini|Rheinschleife mit Kloster thumb|Ansicht von Süden mini|Kloster Rheinau mini|Ehemalige Klostergebäude in Rheinau
Das Kloster Rheinau (lateinisch Monasterium Rhenaugensis) ist eine ehemalige Benediktinerabtei auf einer Rheininsel in der heutigen Schweizer Gemeinde Rheinau im Kanton Zürich. Es wurde etwa 778 gegründet und 1862 aufgehoben. Von 1867 bis 2000 war in den Klostergebäuden eine psychiatrische Klinik untergebracht. Heute wird das frühere Klostergebäude von der Spirituellen Weggemeinschaft und dem Musikzentrum «Musikinsel Rheinau» genutzt, die Klosterkirche von der katholischen Kirchgemeinde Rheinau.
mini|Insellage, Luftbild 1953
Geschichte Das Kloster Rheinau wurde auf einer Flussinsel, die von einer Schlaufe des Hochrheins umflossen wird, gegründet:
Gründung „Errichtet wurde das Kloster 778 von Herzog Wolfhard, dem Sohn Ruthards und Schwiegervater des Karolingerherrschers Ludwigs des Frommen“ – eine Gründung, die anfangs mit nur undeutlich benannten Schwierigkeiten zu kämpfen hatte:
Erneuerung „Nach der Neugründung und Neubesiedelung (mit Mönchen von St. Gallen und der Reichenau) [frühestens 837] erlangte Wolfenus durch Vermittlung Hrabans, des Konstanzer Bischofs Salomo und des Reichenauer Abtes Folkwin von Ludwig dem Deutschen das Recht der freien Abtswahl und die Bestellung eines eigenen Vogtes. Um die gleiche Zeit wurde der Leib des hl. Blasius von Rom nach Rheinau übertragen und verschaffte dem Kloster nicht geringen Ruhm; ein Teil davon wurde 866 oder 870 nach der Albzelle verbracht, aus der sich 100 Jahre später St. Blasien entwickelte.“
„Von den Äbten der ersten Zeit sind nur die von der Neugründung durch Wolfenus an noch feststellbar; es scheint, daß ursprünglich nur eine kleine Einsiedelei bestanden hat, sonst hätte sich doch mindestens eine Erinnerung an die Vorsteher in die für das Verbrüderungsbuch von St. Gallen abgefaßte Mönchsliste hinüberretten müssen. Als erster Abt begegnet uns um die Mitte des 9. Jahrhunderts der von St. Gallen durch Wolfen berufene Gozbert, ihm folgen Antwart , Wolfen , der Wiederhersteller des Klosters († 878)“.Zitate: Josef Sauer: Die Anfänge des Christentums und der Kirche in Baden. Neujahrsblätter der Badischen Historischen Kommission, Neue Folge 14. Carl Winters Universitätsbuchhandlung, Heidelberg 1911, S. 67. Wolfen hatte das Kloster dem ersten ostfränkischen König Ludwig dem Deutschen übergeben und es am 12. April 858 zu lebenslangem Besitz zurück erhalten.
Blütezeit Besonders gefördert wurde die Abtei von dem Bischof Salomo II. von Konstanz (876–889), der im Umkreis des Kaisers Arnulf von Kärnten genannt wird, der ein Nachfolger und Neffe von Kaiser Karl dem Dicken war. Mit Altenburg-Rheinau sind die Namen der legendären Vorfahren der Begründer des Hauses Habsburg, der Grafen des Klettgaus: Radbot, Guntram und Lanzelin verbunden.Eine Urkunde aus dieser Zeit ist ausgestellt in: Actum in pago Clegowe in villa Altenburg, coram Gozberto Comite, anno V. regis Arnulf wurde eine romanische Basilika geweiht und 1120 die heute noch existierende Urkundensammlung angelegt.
Im 10. Jahrhundert [folgte als Abt] (963–975) der als Bischof von Konstanz und als Heiliger berühmt gewordene Konradus.Josef Sauer: Die Anfänge des Christentums und der Kirche in Baden, 1911, S. 67. Die Angabe der Jahresdaten weicht sowohl von der Liste der Äbte von Rheinau und der Bischöfe von Konstanz ab.
Im Jahr 1126 befestigte Graf Rudolf von Lenzburg die beim Kloster entstandene Siedlung Rheinau. 1173 kam nach Ulrich von Lenzburg, dem letzten derer von Lenzburg, die Schirmherrschaft an Kaiser Friedrich I. und nach dessen Ableben an den Nachfolger, Heinrich VI. unter seiner Regierung kamen die Freiherren von Krenkingen als Schutzvögte des Klosters in Erscheinung. 1209 unter Otto IV. verpflichteten sie sich die alten Rechte wie unter Kaiser Barbarossa zu beachten, hielten sich aber nicht daran. 1241 erwarb Kaiser Friedrich II. die Schirmvogtei über das Kloster für 1200 Mark Silber von den Freiherren von Krenkingen zurück. In der "Goldenen Bulle" wurden dem Kloster die alten Rechte wie unter Kaiser Friedrich I. bestätigt. Der Abt hatte auch das Recht eigene Münzen zu schlagen. Rudolf I. zerstörte den Krenkingern die Burgen Weissenburg und die Burg Neukrenkingen. 1296 erwarb Bischof von Konstanz, Heinrich II. von Klingenberg, die einträgliche Pfarrei St. Nikolaus zu Rheinau.Fritz Gropengiesser: Der Besitz des Klosters Rheinau bis 1500, Zürich, 1939 1375 nahm Herzog Albrecht das Kloster in seinen besonderen Schutz. In der Folge blieb die Schirmvogtei bei den Grafen von Habsburg-Laufenburg bis 1408, als mit dem letzten Graf, Johann von Habsburg-Laufenburg und derer von Sulz eine neue Zeit anbrach.
Bereits im 13. Jahrhundert bestand hier schon eine Klosterschule.
Niedergang und späte Blüte Gegen den stärker werdenden Anspruch der Grafen von Sulz wurde 1455 mit der Eidgenossenschaft ein Schutzvertrag abgeschlossen, der das Kloster zunächst vor weiteren Übergriffen der benachbarten klettgauischen Adelsfamilien bewahrte.
Von Zürich her griff 1529 die Reformation auch auf Rheinau über, und das Kloster musste kurze Zeit aufgegeben werden. 1532 wurde das Kloster wiederhergestellt und entwickelte sich dann zu einem Zentrum der Gegenreformation.
Im 18. Jahrhundert erlebte das Kloster Rheinau, ähnlich wie das Kloster St. Gallen, eine späte Blüte unter dem Abt Gerold II. Zurlauben. Er liess die Klosterkirche St. Maria mit ihrer wuchtigen Doppelturmfront (1710 geweiht) und die Konventsgebäude bis 1744 im barocken Stil prunkvoll erneuern. Die Pläne dazu fertigte Caspar Moosbrugger 1702 und 1719.
mini|Das 1569 ausgebaute Amtshaus des Klosters in Rheinheim
Die Klosteranlage hat bis heute im Wesentlichen die damals geschaffene Gestalt bewahrt. Die 1753 erbaute Felix- und Regula-Kirche wurde nach der Aufhebung des Klosters 1864 abgebrochen.sueddeutscher-barock.ch
Aufhebung des Klosters Während der Wirren nach dem französischen Einmarsch in die Schweiz im Jahr 1798 wurde das Kloster vorübergehend aufgelöst, 1803 im Rahmen der Mediation aber wiederhergestellt. Das Gebiet des Klosters mit dem Städtchen Rheinau wurde 1834 dem wiederhergestellten Kanton Zürich zugeordnet.
Auf der nördlichen Seite des Hochrheins befand sich seit dem 10. Jahrhundert die Güterverwaltung im nun badischen Territorium in Rheinheim, das im 16. Jahrhundert zu einem „Klosterstädtchen“ ausgebaut worden war. Noch bis 1856 wurde die Zehntablösung mit den umliegenden, unmittelbar unterstellten Gemeinden ausgehandelt.
mini|Felix- und Regula-Kirche vor ihrem Abbruch 1864. Zeichnung von Johann Rudolf Rahn
Mit dem Ende des Zehntbezuges kam auch das Ende des Klosters Rheinau. […] Schon im Jahre 1838 durften keine Novizen mehr aufgenommen werden, und es wurde untersagt, dass Mönche von anderen Klöstern zuwandern konnten. Die Klosterschule hörte auf zu bestehen, und im Jahre 1862 […] beschloss der Grosse Rat von Zürich die gänzliche Aufhebung des Klosters Rheinau.Emil Müller-Ettikon: Kurzer Überblick über die Geschichte Küssabergs, Hrsg.: Gemeinde Küssaberg, 1981, S. 97 f.
Der letzte Abt schenkte seinen Abtsstab der jungen Erzabtei Beuron. Der ältere spätgotische Stab ging in die 1854 in Spencer County gegründete Erzabtei St. Meinrad. Das Klosterarchiv wurde dem Staatsarchiv des Kantons Zürich einverleibt. In den Konventsgebäuden wurde 1867 eine kantonale Heil- und Pflegeanstalt eingerichtet. Die spätere kantonale psychiatrische Klinik wurde Ende 2000 geschlossen.
Gebäude und Inventar Klosterkirche mini|Die Westfassade mit noch unbemalten Turmhauben Für den Bau der Klosterkirche Mariä Himmelfahrt war Franz Beer verantwortlich, die weiteren Gebäude wurden von Johann Michael Beer erstellt.
Die Fresken stammen vom Tessiner Maler Francesco Antonio Giorgioli aus Meride.Giovanni Piffaretti: Francesco Antonio Giorgioli. Pittore di Meride 1655–1725. Armando Dadò Editore, Locarno 1998, ISBN 88-86315-90-2.Elisabeth Keller-Schweizer: Francesco Antonio Giorgioli. Ein Beitrag zur Geschichte der Schweizer Barockmalerei. Atlantis, Zürich 1972, ISBN 3-7611-0399-9. Die Stuckepitaphien für die Äbte fertigten die Stuckateure Pontian Gigel (dieser stuckierte auch die Sakristei), Michael Schnell und Franz Schmuzer.
Die Kanzel schuf 1756 der Konstanzer Bildhauer Johann Reindl (ob er mit dem gleichnamigen Stamser Bildhauer identisch ist, ist noch nicht nachgewiesen.Gert Ammann: Johann Reindl, Bildhauer von Stams 1714-1792. In: Veröffentlichungen des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum. Folge 3, Band 54, 1974, S. 5–56 (). Abt Januaris I. Dangel von Beromünster liess von ihm 1744 eine Nepomukstatue anfertigen, die sein Wappen trägt und in Ofteringen steht).
Die schmiedeeisernen Chorgitter stammen von den Konstanzer Schlossern Hans Jörg Allweiler und Franz Scheuermann. Das Altarbild des Marienaltars stammt von Franz Carl Stauder, dem Vater von Jacob Carl Stauder, und das des Basiliusaltars von dem Konstanzer Hofmaler Franz Ludwig Hermann.
Der Bildhauer Johann Josef Auer schuf unter anderem die Schnitzereien für den Taufstein und weitere Schnitzwerke, so das Fintansgrab nach einem Entwurf des Malers Hans Martin Lampard aus Tiengen. Den Fintanaltar, den Spieltisch der Chororgel und die Standfiguren auf dem Chorgestühl schuf der Villinger Bildhauer Anton Joseph Schupp.
Seit 1952 fanden mehrere Renovationen statt. 1973–1991 wurde die Kirche saniert. Die letzte Renovation der Türme mit Bemalung der Turmhauben wurde 2009 abgeschlossen. (PDF)
Orgeln Die Hauptorgel entstand 1711–1715 durch den Augsburger Orgelbauer Johann Christoph Leo. 1840/1841 wurde sie durch den Orgelbauer Friedrich Haas so umgebaut, dass aus dem barocken ein frühromantisches Instrument wurde. Eine erste Restaurierung erfolgte 1941 durch die Orgelwerkstatt Kuhn. In einer zweiten Restaurierung in den Jahren 1988–1990 stellte dieselbe Firma den Originalzustand von 1715 wieder her.Hauptorgel der Klosterkirche
Die 1710 von Johann Christoph Albrecht erbaute Chororgel wurde 1746 durch Johann Conrad Speisegger weitgehend neu erbaut. Nach der Aufhebung des Klosters wurde dieses Instrument bald unspielbar und teilweise geplündert. Nach einer ersten Restaurierung in den Jahren 1944/1945 wurde sie 1990/1991 durch Orgelbau Kuhn gründlicher überholt und der Zustand von 1746 wiederhergestellt.Chororgel der Klosterkirche
Glocken Die Klosterkirche besitzt ein historisches sechsstimmiges Geläut:Glockengeläut der Klosterkirche in Rheinau
Nummer Ton Giesser Ort und Gussjahr 1 d′ Niklaus Oberacker Konstanz 1500 2 g′ Niklaus Oberacker Konstanz 1500 3 ais′ Initialen ubz 14. Jahrhundert 4 c′′ Niklaus Oberacker Konstanz 1516 5 cis′′ Carl Rosenlächer Konstanz 1830 6 d′′ Niklaus Oberacker Konstanz 1517 Glocke 2 trägt den Namen Apostel- oder Petrusglocke, Glocke 5 ist die Marienglocke und Glocke 6 heißt Osanna. Die Glocke 1 wiegt etwa 2.150 kg.
Ehemalige Bibliothek und Archiv Die unter Abt Gerold II. Zurlauben neuerbaute Bibliothek befand sich im Pavillon, der nordwärts den Ostflügel überragt. Fünf Kreuzgewölbe auf Halbpfeilern bild(et?)en die Decke. 1881 (nachdem die Bibliothek bereits 1864 aufgelöst war, siehe unten) wurden daraus weitere 38 Zentner Bücher, darunter viele Pergamenthandschriften auch mit Miniaturen, sowie eine Gutenbergbibel an einen Basler Antiquar verkauft.Johann Rudolf Rahn: Die letzten Tage des Klosters Rheinau: Erinnerungen aus der Studentenzeit. Zürich, 1896 S. 26 ff. Johann Rudolf Rahn besuchte das Kloster an Pfingsten 1860 und beschreibt es 1896 in seinen Erinnerungen. Das Gebetbuch Karls des Kahlen kam nach der Auflösung der Propstei St. Felix und Regula am Grossmünster nach Rheinau.