mini|Erste Berliner Sternwarte auf dem Marstall in der Dorotheenstadt, Ansicht von Norden mini|Neue Berliner Sternwarte, Ansicht von Osten, nach J. F. Encke, 1840 Die Berliner Sternwarte war eine astronomische Forschungseinrichtung, die in Verbindung mit der Kurfürstlich-Brandenburgischen Societät der Wissenschaften gegründet und unter der nachfolgenden Königlich Preußischen Sozietät beziehungsweise der Königlich-Preußischen Akademie der Wissenschaften als Königliche Sternwarte zu Berlin betrieben wurde.
Von dem ursprünglichen Standort der alten Sternwarte ab dem Jahr 1711 im Stadtviertel Berlin-Dorotheenstadt, im heutigen Berlin-Mitte, wurde sie als neue Berliner Sternwarte 1835 nach Berlin-Friedrichstadt im heutigen Berlin-Kreuzberg verlegt. Ein zweiter Umzug, aus dem weiter wachsenden Berlin und auch wegen zunehmender Lichtverschmutzung, erfolgte 1913 in den Schlosspark Babelsberg im heutigen Potsdam. Als Hinweis auf ihre Herkunft nannte sich die Einrichtung Sternwarte Berlin-Babelsberg. Nach dem Zweiten Weltkrieg verschwand Berlin aus dem Namen. Die Sternwarte Babelsberg wurde unter anderem mit dem Astrophysikalischen Observatorium Potsdam und dem Sonnenobservatorium Einsteinturm zum Zentralinstitut für Astrophysik der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin vereinigt. Nach der Wiedervereinigung gründet sich daraus das Leibniz-Institut für Astrophysik Potsdam, als dessen Hauptstandort heute die Sternwarte Babelsberg dient.
An der vormals neuen Berliner Sternwarte arbeiteten bedeutende Astronomen, wie Johann Franz Encke, Friedrich Wilhelm Bessel und Johann Gottfried Galle. 1846 wurde von hier aus der Planet Neptun entdeckt.
Geschichte mini|Kopie des Kalenderpatents vom 10. Mai 1700, dem Ursprung der Berliner Sternwarte (siehe auch: Text in moderner Schrift) Im September des Jahres 1699 beschlossen die evangelischen Reichsstände auf dem Immerwährenden Reichstag in Regensburg für das Jahr 1700 die Einführung eines „Verbesserten Kalenders“ in den protestantischen deutschen Staaten, um die Kalenderrechnung den astronomischen Gegebenheiten anzupassen, ohne dazu den von Papst Gregor XIII. 1582 dekretierten gregorianischen Kalender übernehmen zu müssen, der sich jedoch nur unwesentlich unterschied. Erst 1775 konnten die evangelischen Reichsstände zur vollen Übernahme des gregorianischen Kalenders – mit dessen Osterberechnung – durch Friedrich II. bewogen werden. Die Einführung des verbesserten Kalenders erfolgte im Februar 1700 und ließ auf den 18. Februar des julianischen Kalenders den 1. März folgen.Anne Brüning: Von der Lindenstraße auf den Babelsberg. In: Berliner Zeitung, 16. Juni 2010. Im Zuge dieser Kalenderreform wurde von Friedrich III., Kurfürst von Brandenburg, am 10. Mai 1700 für die noch zu gründende Berliner Sternwarte ein Kalenderpatent erlassen. Acht Tage später erfolgte die Berufung von Gottfried Kirch zum Direktor beziehungsweise ersten Astronomen („astronomo ordinario“) der Sternwarte. Am 11. Juli 1700 unterzeichnete der Kurfürst an seinem 43. Geburtstag den Stiftungsbrief einer Akademie und einer Sternwarte für Berlin. Die Stadt bekam so mit der Kurfürstlich-Brandenburgischen Societät der Wissenschaften nach Plänen von Gottfried Wilhelm Leibniz und deren Unterstützung durch die Kurfürstin Sophie Charlotte eine Akademie, wie sie London, Paris und Rom schon hatten. Leibniz wurde ihr erster Präsident. Die Gebühren für die Berechnung und Vertreibung des Grundkalenders durch die astronomische Einrichtung dienten nach Leibniz’ Konzept – und nach einer Idee des Jenaer Universitätsprofessors der Mathematik, Erhard Weigel, – als Finanzierungshilfe für die Societät und waren für lange Zeit die nahezu einzige Einnahmequelle der Institution. Da der Gesellschaft noch kein eigenes Observatorium zur Verfügung stand, führte Kirch seine Beobachtungen von verschiedenen Privathäusern aus durch, unter anderem ab 1705 an der Privatsternwarte des Geheimrats Bernhard Friedrich von Krosigk in der Wallstraße im Stadtviertel Neu-Cölln. Kirchs Frau Maria Margaretha und Sohn Christfried halfen ihm dabei. Maria Margaretha Kirch entdeckte unter anderem den Kometen von 1702. Der Kurfürst hatte sich 1701 mittlerweile zum ersten König in Preußen krönen lassen. Zum 1. Januar 1710 wurden die fünf bis dahin unabhängigen Städte Dorotheenstadt, Friedrichstadt, Friedrichswerder und die Doppelstadt Berlin-Cölln, einschließlich Neu-Cölln am Wasser, zur Königlichen Haupt- und Residenzstadt Berlin vereinigt.
Alte Berliner Sternwarte
mini|hochkant|Der Königliche Stall und das Observatorium, aquarellierte Zeichnung von Leopold Ludwig Müller, 1824 mini|hochkant|Turm der alten Berliner Sternwarte zwischen 1832 und 1848, mit Signalmast der optischen Telegrafenstation, Ansicht von Westen, Ölgemälde von Friedrich Wilhelm Klose mini|Grundriss der Berliner Sternwarte von Guillaume Philidor van den Burggraaff (1790–1838), Brüssel, in: Adolphe Quetelet Voyage Scientifique, fait en Allemagne pendant l'été de 1829
Die erste Berliner Sternwarte stand auf dem Marstall in Dorotheenstadt. Der Marstall für 200 Pferde wurde Unter den Linden von 1687 bis 1688 nach Plänen des Architekten Johann Arnold Nering errichtet und von 1695 bis 1697 für die 1696 gegründete Academie der Mahler-, Bildhauer- und Architectur-Kunst um eine zweite Etage aufgestockt. Von 1696 bis 1700 erweiterte Martin Grünberg den Gebäudekomplex für die 1700 gegründete Societät der Wissenschaften auf den doppelten Umfang nach Norden bis zur Letzten Straße, der späteren Dorotheenstraße (von 1822 bis 1951 und seit 1995 Dorotheenstraße, dazwischen Clara-Zetkin-Straße). Von 1700 bis 1711 kam auf den Nordflügel der Anlage als Sternwartengebäude von Grünberg ein Turm mit drei zusätzlichen Geschossen hinzu. Der 27 Meter hohe Bau war eine der ersten Turmsternwarten des 18. Jahrhunderts. 1706 wurde das Observatorium teilweise benutzbar und 1709 einigermaßen bezugsfertig. Am 15. Januar 1711 hielt die ab 1701 umbenannte Königlich Preußische Sozietät der Wissenschaften in dem Turm ihre erste Sitzung ab und vier Tage später, am 19. Januar 1711, ihre erste festliche Versammlung; auf der wurde das Observatorium feierlich übergeben. Es wurde zum repräsentativen Mittelpunkt der Sozietät. Mit der Zeit wurden in seinen Räumen auch deren Bibliothek und das Naturalienkabinett untergebracht. Die Gesellschaft wurde 1744 von Friedrich II. zur Königlichen Akademie der Wissenschaften reorganisiert und hatte dort ihren Sitz bis 1752.Station 1: Berlin-Mitte Alte Sternwarte optischertelegraph4.de
Gottfried Kirch starb 1710 ein Jahr vor der Eröffnung der Akademie und des Observatoriums. An seine Stelle des Leiters der Sternwarte rückte sein Assistent Johann Heinrich Hoffmann. Als Hoffmann 1716 starb, wurde Christfried Kirch sein Nachfolger – der Sohn von Gottfried Kirch. Er wurde in der Kalendererstellung von seiner Mutter Maria Margaretha Kirch und seiner Schwester Christine Kirch unterstützt, so wie einst er mit seiner Mutter dem Vater unter die Arme griff. Als seine Mutter 1720 starb, ersuchte ihn die Societät, den im Kalendermachen unerfahrenen Astronomen Johann Georg Schütz zu unterrichten.Sebastian Kühn: Wissen, Arbeit, Freundschaft. Ökonomien und soziale Beziehungen an den Akademien in London, Paris und Berlin um 1700. V&R unipress, 1. Auflage 2011, S. 121, ISBN 978-3-89971-836-2 Schütz half ihm bei den praktischen Tätigkeiten von 1720 bis 1736. Nach dem Tod von Christfried Kirch übernahm 1740 Johann Wilhelm Wagner das Amt des Direktors. Die Kalenderrechnung wurde in wesentlichen Teilen für viele Jahre von Christine Kirch fortgesetzt; sie war auch für die Berechnung der Einnahmen zuständig. In den Jahren der „Alten Sternwarte“ setzten sich neben anderen auch Leonhard Euler, Joseph Louis Lagrange und Johann Heinrich Lambert in Berlin mit astronomischen Fragen auseinander. 1765 bekam Johann Castillon die Stelle des ersten Astronomen. 1768 erhielt das Observatorium einen von John Bird gebauten Mauerquadranten und damit das erste bedeutende Beobachtungsinstrument. Das Messgerät kann heute in der Sternwarte Babelsberg besichtigt werden.
Langjährige Direktoren des alten Observatoriums waren ab 1764 Johann III Bernoulli und nach ihm seit 1787 Johann Elert Bode. Lambert holte Bode 1773 nach Berlin, um mit ihm ein Astronomisches Jahrbuch herauszugeben; nach Lamberts Tod wurde Bode alleiniger Herausgeber. Galerie des Universums Bereits 1774 erschien der erste Jahrgang des Berliner Astronomischen Jahrbuchs für 1776 und eröffnete damit die bis in das Jahr 1959 reichende, längste Publikationsreihe in der Astronomie. Durch dieses internationale Dokumentationsmedium entwickelte sich die Berliner Sternwarte zu einem Nachrichtenzentrum von europäischem Rang. Bode wurde anfangs der greisen Christine Kirch als Gehilfe bei der Kalenderarbeit zugeteilt. 1774 heiratete er eine Enkelin von einer deren Schwestern; sie war gemäß der Kirch’schen Familientradition ebenfalls mit der Astronomie vertraut. Christine Kirch starb 1782. Als Direktor der Sternwarte konnte Bode durch die Gunst von Friedrich Wilhelm III. die bis dahin eher drittklassig ausgestattete Einrichtung um ein zweites Beobachtungsstockwerk erweitern. Als Bode dazu am 2. November 1798 eine Eingabe machte, beschränkten sich die Räumlichkeiten für die Beobachtungen innerhalb des Turms noch auf das dritte Stockwerk. Die zwei Stockwerke darüber waren zu einer hochräumigen Etage vereint. Auf diese konnten die Beobachtungstätigkeiten ausgedehnt werden, nachdem die kalkulierten Kosten von 4465 Talern und der Plan am 7. April 1800 genehmigt worden waren und der nötige Umbau im Juni des folgenden Jahres abgeschlossen war. Die Baumaßnahmen wurden von Oberhofbaurat Friedrich Becherer und Schlossbaumeister Bock geleitet.
1797 war Johann Georg von Soldner als Bodes Mitarbeiter nach Berlin gekommen und 1801 erschien im Astronomischen Jahrbuch für das Jahr 1804 Soldners Arbeit über die Schwere des Lichtes, mit seiner Folgerung der Krümmung der Lichtstrahlen in einem Gravitationsfeld. 1805 kam Jabbo Oltmanns nach Berlin zu Bode und half ihm bei seinen astronomischen Beobachtungen und Arbeiten am Jahrbuch, in dem auch seine ersten eigenen Artikel erschienen. Oltmanns wurde auch Mitarbeiter Alexander von Humboldts und bearbeitete die Positionsdaten von dessen gerade zurückgelegter Forschungsreise durch Mittel- und Südamerika; während dieser Arbeiten wurde Humboldt nach Napoleons 1806 erfolgter Besetzung von Berlin mit diplomatischem Auftrag nach Paris beordert und Oltmanns folgte ihm 1808. Bis 1811 finanzierte sich das astronomische Institut ausschließlich durch das Monopol der Kalenderberechnung, das der Akademie zu ihrer Gründung verliehen worden war; in diesem Jahr verlor die Akademie das Kalenderprivileg und wurde künftig über den Staatshaushalt und Stiftungen finanziert.
Als für die Leitungsposition Bodes aus Altersgründen ein Nachfolger gesucht wurde, lehnten Carl Friedrich Gauß und Friedrich Wilhelm Bessel ab. friedensblitz.de Auf Empfehlung von Bessel wurde 1825 Johann Franz Encke, knerger.de seit 1822 Direktor der Sternwarte Gotha, von König Friedrich Wilhelm III. nach Berlin gerufen und zum Direktor der Berliner Sternwarte ernannt. Dank Alexander von Humboldts Einfluss konnten teure Geräte angeschafft werden und mit seiner Unterstützung erreichte Encke beim preußischen König auch den Bau einer neuen Sternwarte am damaligen Stadtrand. Bedingung war, dass die Sternwarte an zwei Abenden in der Woche der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde.