mini|Die Zielsetzung der Systemarchitektur des National Missile Defense (NMD)-Programms aus dem Jahr 1997. Diese Systemarchitektur ist heute veraltet und wurde bereits zum Ballistic Missile Defense System (BMDS) weiterentwickelt. Letzteres ist mit dem Abwehrsystem der NATO verbunden.mini|Start eines Prototyps des Ground-Based Interceptors (GBI) auf einer Payload Launch Vehicle (PLV)-Rakete (2001)
Der Begriff National Missile Defense (NMD), übersetzt „nationale Raketenabwehr“, bezeichnet eine Entwicklungsstufe des US-amerikanischen Raketenabwehrsystems und die damit verbundene Politik im Zeitraum von etwa 2000 bis 2010, also in der Regierungszeit von George W. Bush. NMD umfasst sowohl das technische Konzept als auch die damit verbundene sicherheitspolitische Raketenabwehr-Diplomatie.
Das NMD ging in das Ballistic Missile Defense (BMD)-System über.
Geschichte
Das NMD-Programm ist der Nachfolger der US-amerikanischen Raketenabwehrprogramme, welche in den 1960er Jahren begannen. Zunächst führte George H. W. Bush eine Variante des Strategic Defense Initiative (SDI) fort. Noch unter Präsident Bill Clinton wurde 1999 das „national missile defense“ Programm per National Missile Defense Act of 1999 formalisiert und von George W. Bush weitergeführt. In dem Gesetz steht:
Der Secretary of Defense (SecDef) William S. Cohen beschrieb 1999 die Mission des NMD:
Erst später wurde das NMD durch das Ballistic Missile Defense (BMD)-Programm und das heutige (Stand 2025) Netzwerk aus Abwehrsystemen abgelöst, das auch als Ballistic Missile Defense System (BMDS) bekannt ist. BMDS ist heute im Betrieb durch die Missile Defense Agency (MDA), einer konsolidierten Organisation des US-amerikanischen Verteidigungsministeriums seit 2002.
Außerdem ging technisch aus dem NMD-Programm eine Weiterentwicklung des Aegis-Kampfsystems zur Raketenabwehr hervor, auch bekannt als Aegis Ballistic Missile Defense System oder Aegis BMD. Auf letzterem System basiert auch das Raketenabwehrsystem der NATO (und damit Europa), auch bekannt als Active Layered Theatre Ballistic Missile Defence (ALTBMD). Dabei spielen die stationären Aegis-Systeme, die auch als Aegis Ashore Ballistic Missile Defense System bekannt sind, also ein Abwehrsystem an Land statt auf See, eine wichtige Rolle im Abwehrschild.
Siehe auch die Übersicht zur Raketenabwehrpolitik und zu den dortigen kontemporären Entwicklungen – sowohl technisch als auch sicherheitspolitisch.
Aufgaben und Verfahren des NMD Zunächst muss ein Raketenabwehrsystem anfliegende Raketen erkennen und unterscheiden können. Mittels Frühwarnradarstationen am Boden und mit Hilfe von Infrarotkameras in geostationären Satelliten erkennt das System – zumindest in der Theorie – automatisch startende Raketen an ihrer Antriebswärme (also dem Schweif bzw. Feuerstrahl). Die Infrarotkameras der Frühwarnsatelliten können die Raketen nach dem Durchqueren der unteren Atmosphärenschichten detektieren und anhand der Form und der Hitzeverteilung im Feuerstrahl den Raketentyp bestimmen – so jedenfalls die Vorstellung der Initiatoren der NMD.
Zu diesem Zeitpunkt (in der boost phase) ist bei Raketentypen, die sowohl für die Raumfahrt als auch als ICBMs verwendet werden, allerdings bislang keine Unterscheidung zwischen einem zivilen Raumfahrteinsatz oder einer militärischen Aggression möglich.
Am 24. April 2007 wurde das Near Field Infrared Experiment (NFIRE) mit einer Minotaur-1-Trägerrakete von der Wallops Flight Facility auf eine Umlaufbahn in 495 km Höhe gebracht. Der ursprünglich schon für 2005 geplante Start war zuvor zweimal verschoben worden. NFIRE soll die Detektion von Raketentypen bzw. ihres Einsatzzweckes nunmehr entscheidend verbessern. Raketen, die in friedlicher Absicht eingesetzt werden, sollen so schon in der Startphase aussortiert werden können.
Im nächsten Schritt wird die Bahn der Rakete beobachtet und vorausberechnet. In der Zusammenschau der – in einem äußerst kurzen Zeitfenster – gewonnenen Daten muss dann abgeschätzt werden, ob es sich beim jeweiligen Raketenstart um einen Angriff oder zum Beispiel nur um eine Trägerrakete für die Raumfahrt handelt.
Die Vorausberechnung der Flugbahn ist relativ einfach, solange es sich bei dem Geschoss um eines mit strikt ballistischer Flugbahn wie etwa bei den meisten Interkontinentalraketen (ICBMs) handelt. Diese Raketen steigen nach dem Brennschluss in einer rechnerisch nachvollziehbaren Bahn (mit gewissen Abweichungen, verursacht u. a. durch diverse atmosphärische Einflüsse) bis in den Weltraum hinauf, um dort einen oder mehrere Gefechtsköpfe freizusetzen. Üblicherweise werden bei Mehrfachwiedereintrittskörper (MIRV) auch noch Gefechtskopfattrappen freigesetzt, um Abwehrsysteme abzulenken und zu verwirren. Dies erschwert neben der verheerenden Wirkung der Kernwaffen die Abwehr eines Angriffs mit nuklearen Kampfmitteln. Eine Zweitschlagkapazität ist daher für die nukleare Abschreckung unerlässlich.
Allerdings hatte die Sowjetunion bereits in den 1960er-Jahren ein System, auch bekannt als Fractional Orbital Bombardment System (FOBS), und zur Einsatzreife entwickelt, das schon damals eine Vorausschau des mutmaßlichen Ziels bis kurz vor dem Einschlag unmöglich machte.
Zur Zerstörung der atomaren Gefechtsköpfe wird in ihrer Flugbahn ein vom Boden gestartetes oder auch von Satelliten freigesetztes Exoatmospheric Kill Vehicle (EKV) (wie bei NFIRE vorgesehen, das die Detektion von feindlichen Flugkörpern mit deren Abwehr in einem Satelliten verbinden soll) auf Kollisionskurs gebracht – in teilweise nahezu entgegengesetzter Flugrichtung. Es ist mit IR- und Bildsensoren ausgestattet, um die Gefechtsköpfe zu erkennen. Im Idealfall besitzt diese Vernichtungsvorrichtung eine gewisse Lenkfähigkeit. Geplant sind auch Killersatelliten, die zu selbstständigen Annäherungsoperationen fähig sind („Autonomous Proximity Operations“). Ein solches EKV soll dann einen Gefechtskopf bei seiner Bahn im All in der Regel durch bloße Kollision – also durch kinetische Energie – bei über 7 km pro Sekunde (also 25.200 km/h) zerstören.
Beschreibung des NMD
Die folgende Beschreibung gibt eine grobe Beschreibung für ein allgemeines und für das Abfangsystem National Missile Defense (NMD) ab 2010 wieder. Einige Teile davon sind allgemein gültig, andere NMD-spezifisch. Weitere technisch-funktionale Informationen sind unter Raketenabwehr zu finden.
Technische Grundlagen des NMB-Raketenabwehrsystems Grundlage einer Raketenabwehr ist die schnelle Reaktion auf anfliegende Bedrohungen (Raketen) mit verschiedenen konventionellen oder (im Atomzeitalter) nuklearen Gefechtsköpfe. Innerhalb kürzester Zeit müssen startende Interkontinentalraketen (ICBM oder SLBM) erkannt und deren Flugbahnen bestimmt werden. Die Abwehr kann in drei möglichen Phasen des Angriffs stattfinden:
Startphase (Boost), ballistischer, ggfs. suborbitaler Flug außerhalb der Atmosphäre, Wiedereintritt in die Atmosphäre/Zielanflug.
Startphase In der Startphase bietet eine aufsteigende ICBM im Prinzip ein relativ großes, sich auf einer vorausberechenbaren Bahn bewegendes Ziel, welches theoretisch einfach erfasst und bekämpft werden könnte. Ebenso könnten (im Prinzip) auf diese Weise mehrere Sprengköpfe (vgl. MIRV-Technologie) gleichzeitig durch die Zerstörung einer Rakete ausgeschaltet werden.
Die aktive Aufstiegsphase dauert ca. fünf bis zehn Minuten; bei moderneren Langstreckenraketen ist sie noch erheblich kürzer. In dieser Zeit müssen die Starts entdeckt und bewertet werden. Es muss entschieden werden, ob ein Angriff vorliegt und welche Ziele voraussichtlich angegriffen werden. Außerdem müssten in dieser kurzen Zeit die politischen und militärischen Entscheidungen zur Reaktion auf einen möglichen Angriff getroffen werden, was die Gefahr von Fehlschlüssen erheblich erhöht.
Durch das NMD-Konzept ist eine Bekämpfung in dieser Phase bislang nicht möglich, wenngleich auch hierzu intensiv geforscht wird. In Zukunft sollen für Abfangmanöver in der Startphase vornehmlich luftgestützte Laser Airborne Laser (ABL) eingesetzt werden, da hier für den Einsatz jedweder materieller Geschosse die Zeit in aller Regel einfach zu knapp wäre (es sei denn, die Abwehrwaffe befände sich in unmittelbarer Nähe der startenden Rakete). Vom ABL erhofft man sich, Raketen in der Startphase innerhalb von Sekunden vernichten zu können.
Ende September 2006 wurde angekündigt, dass 2007 eine Boeing 747, genannt Big Crow (deutsch: Große Krähe), mit einem Lasersystem zur Raketenabwehr ausgestattet werden soll; Meldungen zufolge sind die ersten Tests des Lasersystems unter Luftkampfbedingungen für 2009 geplant.
Für Kritiker sind Laserwaffen (siehe auch Tactical High Energy Laser (THEL)) dieser Art allerdings nicht nur zu teuer, sondern oberdrein auch überflüssig, da sie mit geringem Aufwand wirkungslos gemacht werden könnten: Man müsse die Raketen dazu einfach nur mit einer verspiegelten Ummantelung versehen, die einen Großteil der gerichteten Energie ablenke. Bisher sollen die USA für das Lasersystem zur Raketenabwehr bereits 3,5 Milliarden US-Dollar aufgewendet haben.
Ballistischer suborbitaler Freiflug außerhalb der Atmosphäre Während des ballistischen Flugs werden die Sprengköpfe ausgesetzt. Diese steuern daraufhin auf ihre Ziele zu. Sollten MIRVs und Täuschkörper eingesetzt werden, vervielfachen sich dabei die zu bekämpfenden Objekte. Die Sprengköpfe stellen kleine, sich rasch und unabhängig bewegende Ziele dar. Jeder Sprengkopf müsste einzeln erfasst, verfolgt und bekämpft werden, was eine äußerst umfangreiche Dislozierung von Abwehrmitteln erforderte.
Der Vorteil einer Bekämpfung in dieser Phase wäre die verlängerte Reaktionszeit, um den Angriff zu bewerten und Prioritäten für die Verteidigung festzulegen. Beim NMD-Programm soll diese Phase vorrangig zur Bekämpfung anfliegender Gefechtsköpfe genutzt werden.
Wiedereintritt in die Atmosphäre/Zielanflug Der Wiedereintritt in die Atmosphäre bietet die längste Reaktionszeit: je nach Flugbahn bis zu 45 Minuten nach dem Start der zu bekämpfenden Rakete. Es ist am ehesten möglich, betroffene Ziele und Flugbahnen zu bestimmen, um den Abfangvorgang zu koordinieren – jedenfalls bei ballistischen Raketen. Ebenso können Attrappen besser ausgeschlossen werden, falls diese beim Eintritt in die Atmosphäre verglühen sollten. Beim Wiedereintritt sind allerdings aktive Ausweichmanöver der Gefechtsköpfe möglich, so z. B. ein Manövrieren im hohen Überschallbereich in der oberen Atmosphäre, was durch die MARV-Technologie realisiert wurde.
Technische Herausforderungen Das NMD-Programm deckt nur einen Teil aller drei Angriffsphasen ab. Es stellt praktisch einen Kompromiss zwischen maximaler Reaktionszeit und möglichst einfacher Bekämpfung dar. Am problematischsten ist dabei, Verfahren und Techniken für eine schnelle Evaluierung und Entscheidung zu entwickeln, da bei einem Angriff 20 bis maximal 35 Minuten zwischen Start und Einschlag zur Verfügung stehen. Die Verteidigung gegen eine ganze „Flotte“ angreifender Raketen (vgl. Erstschlag) – und somit der vielbeschworene „Schutzschild“ – gilt prinzipiell als technische Herausforderung bis Unmöglichkeit. Demnach können höchstens 20 Kernsprengköpfe bzw. Wiedereintrittsgeräte auf einmal abgewehrt werden, was zwei bis drei angreifenden Raketen mit sieben bis acht MIRVs entspräche. Also Gegenmaßnahme soll das Multiple Kill Vehicle (MKV) oder das Exoatmospheric Kill Vehicle (EKV)-System dieses Bedrohung in Zukunft neutralisieren. Gegen terroristische Angriffe ist der Schutz nach Einschätzung von Kritikern des NMD-Konzepts ebenfalls unvollkommen: Eine terroristische Organisation, wenn sie denn in den Besitz einer Kernwaffe gelangte, würde diese eher auf einem anderen Weg gegen die Vereinigten Staaten anwenden, etwa ins Land geschmuggelt (z. B. als „Kofferbombe“), in einem LKW o. ä. untergebracht und/oder per Schiff in den Hafen einer großen Stadt transportiert.
Testbilanz des NMD bis Dezember 2008