Franz Walter (* 2. März 1956 in Steinheim, Nordrhein-Westfalen) ist ein deutscher Politikwissenschaftler. Er war Professor für Politikwissenschaft an der Universität Göttingen; seit September 2017 ist er im vorzeitigen Ruhestand. Walter ist vor allem durch seine Arbeiten zur Parteienforschung bekannt.
Leben Er studierte Geschichte und Sozialwissenschaften an der Freien Universität Berlin und an der Universität Bielefeld (Staatsexamen 1982). 1985 wurde er als Stipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung an der Universität Göttingen mit der Dissertation Großstadtkritik, nationale Romantik und revolutionärer Mythos zum Doktor der Sozialwissenschaften promoviert. Nach einer Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Historischen Kommission zu Berlin kehrte er 1988 zurück nach Göttingen. Dort habilitierte er sich, wurde 2000 zum außerordentlichen Professor für Politikwissenschaft bestellt und schließlich 2002 zum ordentlichen Professor berufen.
Walter leitete von 2010 bis September 2017 das Göttinger Institut für Demokratieforschung in der Villa Stich. Zusammen mit seinem Göttinger Kollegen Peter Lösche prägte er die Göttinger Schule der Parteienforschung, in deren Mittelpunkt eine qualitative und stark historische Annäherung an den Forschungsgegenstand steht. Im Mittelpunkt seiner Forschung standen zunächst die Arbeiterbewegung und die SPD, seit Ende der 1990er Jahre zunehmend auch andere Parteien. In seinen Arbeiten bemüht sich Walter sehr um eine allgemein verständliche Sprache, um politikwissenschaftliche Erkenntnisse einem breiten Publikum nahezubringen.
Er veröffentlicht regelmäßig in Printmedien mit breiter und heterogener Leserschaft (etwa dem Spiegel, der Welt oder der Frankfurter Rundschau). Seit Oktober 2011 gibt Franz Walter INDES – Zeitschrift für Politik und Gesellschaft heraus. Das Journal behandelt gesellschaftspolitische und sozialwissenschaftliche Fragestellungen und hat den Anspruch, die Lücke zwischen Fachjournalen und Populärmedien zu schließen.
Seit 1972 ist Walter Mitglied der SPD, übt jedoch keine Funktionen in der Partei aus.
Im Rahmen der Pädophilie-Debatte um die Grünen beauftragte ihn der Parteivorstand der Grünen im Juni 2013, die „Frage des Einflusses von Gruppen mit pädophilen Forderungen innerhalb der Grünen“ zu untersuchen.Pädophilie-Aufarbeitung: Grüne lassen sich Forschungsprojekt 209.000 Euro kosten. In: Spiegel Online, 28. Juni 2013; abgerufen am 26. Mai 2023. Am 12. November 2014 stellten Walter und die grüne Bundesvorsitzende Simone Peter in Berlin den vorläufigen Abschlussbericht, Kurzfassung auf der Website der Grünen, 12. November 2014. über Die Grünen und die Pädosexualität vor.Ann-Katrin Müller, Christian Teevs: Pädophilie-Debatte bei den Grünen: „Ignoranz und mangelnde Souveränität“. In: Spiegel Online, 12. November 2014.Johannes Leithäuser: Pädophilievorwurf gegen Grüne. Viele Entschuldigungen und ein Erklärungsversuch. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12. November 2014. Der Historiker Ewald Grothe warf Walter vor, mit der Studie „die Verantwortung der Grünen“ zu relativieren.Ewald Grothe: Die FDP ging auf Distanz. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29. November 2014, S. 8.
Walter ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. Im September 2017 ging Walter aus gesundheitlichen Gründen in den Vorruhestand.
Rezeption Franz Walter gilt laut Die Welt als „einer der profiliertesten Parteienkenner der Republik“,Zur Person: Franz Walter. In: Die Welt, 20. Februar 2012. als ausgezeichneter Fachwissenschaftler wie auch öffentlich sichtbarer Intellektueller. Er wird wegen seiner Medienpräsenz und dem Ruf, ein brillanter Autor zu sein, als publizistischer Star seiner Zunft wahrgenommen.Christian Füller: Der Präsident, der Forscher und der Wulff. In: taz, 23. November 2005.
Seine Aufsätze und Bücher, insbesondere zur Sozialdemokratie, gelten als Standardwerke.Marc Neller: Die Privatisierer. In: Die Zeit, Nr. 43, 21. Oktober 2010. Trotz seiner Parteimitgliedschaft gilt er als harter Kritiker der SPD.Daniel Friedrich Sturm: 40 Jahre Niedergang. Brandbriefe an die Sozialdemokratie. In: Die Welt, 24. Dezember 2010; Andrea Seibel, Ulrich Clauß: Franz Walter findet die SPD erbärmlich. In: Die Welt, 9. Juli 2008.
2005 machte der Präsident der Göttinger Universität, Kurt von Figura, Pläne öffentlich, am Seminar für Politikwissenschaft zwei der vier Politik-Lehrstühle zu streichen. Figura äußerte, die Göttinger Politologie sei eine nicht entwicklungsfähige „Schwachstelle“ der Universität und müsse „ausgemerzt“ werden.Thomas Assheuer: Lederner Stockfisch. In: Die Zeit, Nr. 49, 1. Dezember 2005. Fast hundert Intellektuelle protestierten mit einer Unterschriftenaktion gegen die geplanten Kürzungen und kritisierten, es habe den Anschein, „daß unter dem Vorwand der Hochschulreform politisch mißliebige Professoren aus Göttingen vertrieben werden sollen“. In: Die Welt, 7. Dezember 2005.
Publikationen (Auswahl)
Franz Walter, Danny Michelsen: Unpolitische Demokratie. Zur Krise der Repräsentation. Suhrkamp, Berlin 2013, ISBN 978-3-518-12668-4. Franz Walter, Stine Marg: Von der Emanzipation zur Meritokratie. Betrachtungen zur 150-jährigen Geschichte von Arbeiterbewegung, Linksintellektuellen und sozialer Demokratie. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2013, ISBN 978-3-525-38001-7. Franz Walter, Danny Michelsen: Integrative Demokratie. Politik im apolitischen Zeitalter. Suhrkamp, Berlin 2013, ISBN 978-3-518-12668-4. Franz Walter, Christian Werwarth, Oliver D'Antonio: Die CDU. Entstehung und Verfall christdemokratischer Geschlossenheit. 2. überarb. Aufl. Nomos, Baden-Baden 2014, ISBN 978-3-8487-1240-3. Franz Walter, Stephan Klecha, Alexander Hensel (Hrsg.): Die Grünen und die Pädosexualität. Eine bundesdeutsche Geschichte. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2015, ISBN 978-3-525-30055-8. Lars Geiges, Stine Marg, Franz Walter: Pegida. Die schmutzige Seite der Zivilgesellschaft? Transcript Verlag, Bielefeld 2015, ISBN 978-3-8376-3192-0. Franz Walter: Rebellen, Propheten und Tabubrecher. Politische Aufbrüche und Ernüchterungen im 20. und 21. Jahrhundert. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2017, ISBN 978-3-525-30185-2.
Franz Walter: Zeiten des Umbruchs? Analysen zur Politik. Ibidem-Verlag, Stuttgart 2018, ISBN 978-3-8382-1269-2.
Literatur und Rezensionen
Weblinks
Webauftritt von Franz Walter am Göttinger Institut für Demokratieforschung
Einzelnachweise
Kategorie:Hochschullehrer (Georg-August-Universität Göttingen) Kategorie:Politikwissenschaftler Kategorie:Stipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung Kategorie:SPD-Mitglied Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1956 Kategorie:Mann