Die Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie gGmbH ist eine gemeinnützige Forschungseinrichtung in Wuppertal. Sie agiert als internationale wissenschaftliche Denkfabrik (Thinktank) im Bereich der impact- und anwendungsorientierten Nachhaltigkeitsforschung. Die Forschung des Wuppertal Instituts zielt auf die Gestaltung von Transformationsprozessen, hin zu einer klimagerechten und ressourcenleichten Welt und erarbeitet dafür wissenschaftliche Grundlagen. Als übergeordnetes Ziel strebt das Wuppertal Institut eine „treibhausgasneutrale und ressourcenleichte Gesellschaft“ bis zum Jahr 2050 an. Die Einrichtung erforscht und entwickelt nach eigener Aussage Leitbilder, Strategien und Instrumente für Übergänge zu einer nachhaltigen Entwicklung auf lokaler, regionaler, nationaler und internationaler Ebene. Im Zentrum stehen Ressourcen-, Klima- und Energie-Herausforderungen in ihren Wechselwirkungen mit Wirtschaft und Gesellschaft.
Ein Forschungsschwerpunkt des Instituts ist die Analyse und Förderung von Innovationen zur Entkopplung von Ressourcenverbrauch und Wohlstandsentwicklung. Den Rahmen dafür bilden ein transdisziplinäres Wissenschaftsverständnis sowie konzeptionelle Grundlagen der Transition-Forschung. Dazu gehören die Problemanalyse, die Visionsentwicklung wie auch die Konzeption und Gestaltung von Realexperimenten und die Diffusion erfolgreicher Transformationsansätze in die Arbeitswelt. Das Institut versteht sich als Vermittler zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Politik und arbeitet dementsprechend anwendungsorientiert. Aufbauend auf der klassischen, an Disziplinen orientierten Wissenschaft, werden Nachhaltigkeitsprobleme interdisziplinär und transdisziplinär bearbeitet.
Geschichte miniatur|Der Hauptsitz des Wuppertal Instituts befindet sich im Dürer-Haus in Wuppertal-Elberfeld.
Die Gründung des Instituts erfolgte 1990. Unter der Leitung von Ernst Ulrich von Weizsäcker nahm es 1991 seine Arbeit auf. An erster Stelle in seinem im Gesellschaftervertrag festgelegten Auftrag stand „Die Förderung von Maßnahmen und Initiativen zur Sicherung der Klimasituation, zur Verbesserung der Umwelt und zur Energieeinsparung als Schnittstelle zwischen wissenschaftlicher Erkenntnissuche und praktischer Umsetzung“. Von Weizsäckers Ansatz war eine Ressourcenstrategie, die auf eine Minderung des Umweltverbrauchs durch eine „Effizienzrevolution“ setzte und dabei den Weg in „neue Wohlstandsmodelle“ aufzeigte. Der Grundpfeiler Effizienz spielt die entscheidende Rolle im Buch „Faktor Vier. Doppelter Wohlstand – halbierter Naturverbrauch“ von Ernst Ulrich von Weizsäcker, Amory und Hunter Lovins (Rocky Mountain Institute, USA). Sie trugen fünfzig Beispiele für komfortable Produkte mit halbiertem Naturverbrauch zusammen, wie Hyperauto, Passivhaus, Superfenster, langlebige Möbel oder ein Sommerurlaub in den österreichischen Alpen. Das Buch wurde als „Bericht an den Club of Rome“ akzeptiert und blieb mehrere Monate auf den Bestsellerlisten. Es ist inzwischen in mehr als zehn Sprachen übersetzt worden.
Peter Hennicke, der bereits zuvor an der Nutzung von Effizienzpotenzialen bei der Energienutzung arbeitete, intensivierte seine Forschungsarbeiten als Direktor der Abteilung Energie. Große Resonanz fand das Konzept des damaligen Vizepräsidenten Friedrich Schmidt-Bleeks der „Materialintensität pro Serviceeinheit (MIPS)“ und die Bestimmung der „Ökologischen Rucksäcke“, welche Waren und Dienstleistungen mit sich tragen, wenn sie beim Konsumenten ankommen. Er erkannte, dass sich die seinerzeitige Umweltpolitik zu wenig um die großen Stoffströme gekümmert hatte, dass zusätzlich zu den durchaus erfolgreichen gesetzlichen Emissionsbegrenzungen für Schadstoffe die Stoffströme reduziert werden müssten, um die endlichen Material-, Energie- und Naturressourcen zu schonen. Mit dem Konzept des „Ökologischen Rucksacks“ brachte er diesen Gedanken in die wissenschaftliche und politische Diskussion ein.
In der Folge des Erdgipfels in Rio de Janeiro 1992 stand in vielen Nationen die Frage der Umsetzung der beschlossenen Agenda 21 auf der (umwelt-)politischen Tagesordnung. Der 1995 herausgekommene Bericht Zukunftsfähiges Deutschland sollte hier Abhilfe schaffen: In dieser von BUND und MISEREOR in Auftrag gegebenen Studie betrat das Team des Instituts unter der Leitung von Reinhard Loske und Raimund Bleischwitz methodisches Neuland. Ausgehend von einer Abschätzung der Tragekapazität der Erde bzw. des Umweltraumes, entwickelte diese Studie Leitbilder, „nach welchen eine Übernutzung des uns Deutschen zustehenden Umweltraumes vermieden werden kann. Diese stützten sich auf Effizienz und Suffizienz“.
mini|Das Gebäude vom Döppersberg aus gesehen
Einer der bekanntesten Mitarbeiter ist Wolfgang Sachs, Mitglied des Club of Rome und Lead-Autor beim Weltklimarat. Unter seiner Leitung entstand zehn Jahre später die Studie „Zukunftsfähiges Deutschland in einer globalisierten Welt“; das Buch erschien im Oktober 2008. Die Herausgeber BUND, EED und Brot für die Welt wollen mit der Studie einen Anstoß geben, um die gesellschaftliche Debatte über eine global nachhaltige Entwicklung voranzubringen. Der Globalität der Probleme wurde in der Klimapolitik durch die Verabschiedung des Kyoto-Protokolls von 1997 zumindest in Ansätzen Rechnung getragen, auch wenn die Ratifizierung erst viele Jahre später erfolgte. In diesem völkerrechtlichen Vertrag wurden zum ersten Mal mengenmäßige Begrenzungen der Treibhausgasemissionen festgeschrieben. Die internationale Klimadebatte wurde von Anfang an intensiv wissenschaftlich begleitet.
Zehn Jahre nach der Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro wurden auf dem Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung in Johannesburg im September 2002 die internationalen Vereinbarungen zu nachhaltiger Entwicklung mit neuen Zeitzielen und Handlungsprioritäten fortgeschrieben. In seinem „Plan of Implementation“ formulierte der Weltgipfel auch ein integriertes Wissenschafts- und Politikverständnis. Mit der Neukonzipierung des Wuppertaler Forschungsprogramms 2003 wurde dies methodisch und inhaltlich unter dem Stichwort „Sustainability Research“ in der Forschungsagenda des Instituts umgesetzt.
Im September 2004 wurde ein Berliner Büro unter Leitung von Hermann E. Ott eingerichtet.Ein neuer Ort für den Nachhaltigkeitsdiskurs in Berlin, Pressemitteilung des Wuppertal Instituts, 22. September 2004. 2009 übernahm Wolfgang Sachs die Leitung,Wolfgang Sachs in neuer Funktion: Neue Leitung im Berliner Büro des Wuppertal Instituts. Pressemitteilung des Wuppertal Instituts, 13. November 2009. 2013 Maja Göpel,Dr. Maja Göpel ist neue Leiterin des Büro Berlin. In: Informationsdienst Wissenschaft, 7. Februar 2013. ab 2017 Daniel Vallentin und Timon Wehnert.Dr. Maja Göpel wechselt zum WBGU. Wuppertal Institut, 6. September 2017.
Seit seiner Gründung arbeitet das Wuppertal Institut an Visionen für eine nachhaltige und CO₂-arme Gesellschaft. Auf dieser Zielvorgabe, den Treibhausgasausstoß in Deutschland um 80 Prozent bis 2050 zu senken, begründet, hat das Wuppertal Institut verschiedene Langfrist-Szenarien für das deutsche Energiesystem entwickelt. Sie dienen unter anderem als Grundlage für die Langfrist-Energiestudie der Bundesregierung. Aber auch die Klimaschutzpolitik von Kommunen sollte sich – laut dem Institut – strategisch am langfristigen Ziel der kohlenstoffarmen Gesellschaft orientieren. Wie dies aussehen kann, wird in einer Studie im Auftrag der Siemens AG für München gezeigt. Nach Peter Hennicke, der als Nachfolger von Ernst U. von Weizsäcker die Leitung von 2000 bis 2008 innehatte, wurde am 1. März 2010 Uwe Schneidewind dritter Präsident des Instituts.Neuer Präsident für das Wuppertal Institut, Westdeutsche Zeitung vom 17. Februar 2010. Schneidewind hat eine Professur an der Bergischen Universität Wuppertal inne. Am Wuppertal Institut stellt Schneidewind das transdisziplinäre Wissenschaftsverständnis in den konzeptionellen Rahmen einer „Forschung des Übergangs“. 2011 veröffentlichte der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) sein Hauptgutachten „Welt im Wandel – Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation“, in dem ein grundlegender Wandel, eine Wende von der fossilen zur postfossilen Gesellschaft gefordert wird. Aufgabe der Forschung sei es, diese Übergangsprozesse zu untersuchen und den Umbau durch spezifische Innovationen in den relevanten Sektoren zu unterstützen. Dieser Ansatz prägt die wissenschaftliche Arbeit am Institut. Dazu gehört auch die Frage der Sicherung von Wohlstand, des „guten Lebens“, jenseits eines ungehemmten wirtschaftlichen Wachstums.
Im Sommer 2018 erschien das Buch „Die Große Transformation – Eine Einführung in die Kunst gesellschaftlichen Wandels“ von Uwe Schneidewind. Das Buch will Antworten auf die Frage finden, wie der Umbau zu einer sozial und ökologisch gerechten Welt gelingen kann. Dafür brauche es „Zukunftskunst“, schreibt Schneidewind. Damit ist die Fähigkeit gemeint, kulturellen Wandel, „kluge“ Politik, neues Wirtschaften und innovative Technologien miteinander zu verbinden und auf dieser Basis gestalterische Beiträge zur Umsetzung der Energiewende, Mobilitätswende, Ernährungswende oder zum nachhaltigen Wandel in den Städten zu leisten.
Zum 30. April 2020 verließ Uwe Schneidewind das Wuppertal Institut. Seit dem 1. Mai 2020 führt Manfred Fischedick das Institut als wissenschaftlicher Geschäftsführer. Manfred Fischedick, studierter Ingenieur und Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Schumpeter School of Business and Economics der Bergischen Universität Wuppertal, beschäftigt sich in seiner Arbeit unter anderem mit systemanalytischen Fragestellungen, Aspekten der Innovationsdynamik und der Markteinführung neuer Technologien. Im Oktober 2020 veröffentlichte das Wuppertal Institut den für Fridays for Future Deutschland mit finanzieller Unterstützung der GLS Bank erstellten Bericht „CO2-neutral bis 2035: Eckpunkte eines deutschen Beitrags zur Einhaltung der 1,5-°C-Grenze“. Darin wurde untersucht, wie Deutschland zum 1,5-Grad-Ziel beitragen könne. Der Bericht kam zu dem Schluss, dass die bis dahin beschlossenen Ziele und Maßnahmen nicht ausreichen würden, stattdessen sei ein deutlich schnellerer Weg zur Klimaneutralität nötig.
Organisation und Forschung Das Institut versteht sich als Mittler zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Politik und arbeitet dementsprechend anwendungsorientiert. Organisiert als eine rechtlich selbständige, gemeinnützige GmbH mit Hauptsitz in Wuppertal, erwirtschaftet das Wuppertal Institut den größten Teil seines Budgets extern durch Drittmittel-finanzierte Forschungsförderung. Die Förderer und Auftraggeber sind unter anderem Ministerien auf internationaler, europäischer, Bundes- und Länderebene, Kommunen, Wirtschaftsunternehmen und -verbände, sowie gesellschaftliche Organisationen. Zudem erhält das Institut eine Grundfinanzierung vom Land Nordrhein-Westfalen als alleinigem Eigentümer; es ist im Verantwortungsbereich des Ministeriums Wirtschaft, Industrie, Klimaschutz und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen angesiedelt.
Am Institut arbeiten ca. 320 Menschen. Den Großteil davon macht das wissenschaftliche Personal aus, mit unterschiedlichen disziplinären Hintergründen: Natur- und Umweltwissenschaften, Geographie, Systemwissenschaften, Ingenieurwissenschaften, Planungswissenschaften, Politik- und Wirtschaftswissenschaften sowie Sozialwissenschaften. In der Belegschaft gibt es etwa gleich viele Frauen wie Männer. Im Laufe des Jahres 2019 wurden mit der gewachsenen Größe des Instituts strukturelle Veränderungen umgesetzt. So nahmen 13 neue Forschungsbereiche, die innerhalb der vier Institutsabteilungen organisiert sind, ihre Arbeit auf. Anfang 2024 erhöhte sich die Anzahl der Forschungsbereiche auf 15. Mit der neuen Struktur will das Institut der höheren Führungskomplexität Rechnung tragen und auch die Forschungsfelder klarer nach außen positionieren.