mini|Béla Kéler Béla Kéler (Adalbert Paul von Kéler), ungarisch Kéler Béla (* 13. Februar 1820 in Bártfa (deutsch Bartfeld, heute Bardejov), Königreich Ungarn; † 20. November 1882 in Wiesbaden, Deutschland) war ein ungarischer Komponist, Dirigent und Violinist. Er stammt aus einer karpatendeutschen Familie aus Bartfeld (heute in der Slowakei).

Leben

Jugend (1820–1845) Kélers musikalische Erziehung begann bei Franz Schiffer, dem Chorleiter in Bartfeld an der Sankt-Ägidius-Basilika, der ihm die Grundlagen des Violin- und Klavierspiels beibrachte. Kinder der evangelischen Familien in Bartfeld, zu der Kéler gehörte, besuchten eine deutsche Schule der evangelischen Kirche. Kéler schloss seine Grunderziehung 1834 ab. Im selben Jahr wurde er konfirmiert. Er setzte seine Studien am lutherischen Lyzeum in Levoča (1834–1835) fort, danach an der evangelischen Hochschule in Prešov und an der reformierten Hochschule in Debrecen (1836–1840). Während des Studiums von Jura und Philosophie in Prešov leitete Kéler Béla das Schulorchester und schrieb kleine Kompositionen, obwohl seine Eltern eine Fortsetzung der beruflichen Familientradition für ihn bevorzugten.

Der Zwiespalt zwischen Béla Kélers Zukunftsvorstellung und der seiner Eltern führte dazu, dass er auf deren Wunsch hin ab dem 1. Juli 1840 ein Landwirtschaftspraktikum für ein Jahr auf den Ländereien der Grafen Schönborn-Buchheim in Mukatschewo begann. Trotz harter körperlicher Arbeit hörte er nicht auf, sich um eine künstlerische Zukunft zu bemühen. Nach dem Ende der einjährigen Anstellung verließ Kéler Mukatschewo, um auf den Gütern seines Schwagers Ferdinand Medwey, dem Ehemann seiner Schwester Amalia, in den galizischen Beskiden zu arbeiten. Dieser verlor seinen Besitz durch Naturkatastrophen und Feuer, wodurch Kéler seine Anstellung verlor und nach Bartfeld zurückkehrte. Er verbrachte den Sommer 1844 mit seinen Eltern in deren Villa in Bad Bartfeld. Kéler bot dem Leiter des dortigen Kurorchesters einige Walzer an, der sie in seine Kolonnaden-Konzert-Programme aufnahm. Im Herbst dieses Jahres zog Kéler nach Prešov, wo er bald Musik lehren konnte und im örtlichen Theater-Orchester spielte.

Als Geiger am Theater an der Wien (1845–1854) Nach weniger als einem Jahr Engagement in Prešov zog Kéler nach Wien, wo der Eigentümer und Direktor des Theaters an der Wien, Franz Pokorny, ihn ab dem 28. August für eine Stelle als Geiger in seinem Orchester engagierte. Neben der Arbeit als Orchestergeiger studierte Kéler zwei Jahre lang (1851–1853) Harmonielehre und Komposition bei dem Cellisten des Theaters, Carl Schlesinger, sowie Harmonielehre und Kontrapunkt bei dem Lehrer am Wiener Konservatorium, Simon Sechter, dessen Schüler auch Franz Schubert und Anton Bruckner waren. Kélers neunjähriges Engagement am Theater an der Wien endete offiziell am 7. Mai 1854. In diesem Zeitraum wurden seine ersten 10 Opus-Nummern veröffentlicht. Deren erste, op. 1 „Trois hongroises“ (Drei Ungarische) wurden vom Wiener Verleger Tobias Haslinger 1846 veröffentlicht. Die wichtigste Komposition für Kélers weitere Karriere, besonders dirigierend, wurde der Walzer „Hoffnungs-Sterne“ op. 17. Johann Benedict Sommer bat Kéler ihm diesen Walzer für eine Orchester-Aufführung in dessen „Sommers Salon“ in Berlin zu senden. Kéler sandte ihm den Walzer im Juli 1853.

Leiter von Sommers Orchester in Berlin (1854–1855) Ein Jahr später, nach dem Erfolg seines Walzers „Hoffnungs-Sterne“ op. 17 beim Berliner Publikum, wurde Kéler von Johann Benedict Sommer als Chef-Dirigent seines 36-Mann-Orchesters engagiert. Konzerte fanden fast täglich in „Sommers Salon“, nahe dem heutigen Bahnhof am Potsdamer Platz statt. Kélers 5-Monats-Vertrag galt über die Zeit vom 1. Mai bis 1. Oktober 1854. Kélers Sommer-Engagement dauerte deutlich länger als die geplanten 5 Monate, tatsächlich bis zum Herbst 1855. Kéler leitete das Sommer-Orchester nicht nur in Berlin, sondern auch in Hamburg, Dresden, Breslau, Köln und anderen Konzertorten. Als Teil des elften Konzerts von Sommers Orchester in Hamburg führte Kéler seine ausgedehnte vokal-instrumentale Komposition „Die Karpathen“ für Tenor, Männerchor, Orchester und Sprecher am 5. Oktober 1854 zum ersten Mal auf. Im Herbst 1855 verließ Kéler das Berliner Orchester und kehrte nach Wien zurück. Beginn seiner Zusammenarbeit mit dem Verlag Bote & Bock.

Leiter des Lanner-Orchesters in Wien (1855–1856) Nach dem frühzeitigen und unerwarteten Tod von August Lanner im September 1855 sah sich das Orchester ohne Leiter. Mehrere Kandidaten wetteiferten darum, das Lanner’sche Orchester zu übernehmen. Letztendlich wurden zwei Personen damit betraut es zu leiten: Béla Kéler und der aktuelle Konzertmeister Jakob Haag (1823–1874). Beide dirigierten die meisten Konzerte der Saison 1855–1856. Heute kann man nicht mehr nachvollziehen, ob Kélers siebenmonatiges Engagement in Wien nach dem plötzlichen Tod von August Lanner von vornherein als kurzfristige Interims-Besetzung bis zum Ende der Konzert-Saison geplant war, oder dadurch endete, als Kéler ein Angebot vom Grafen Mazzuchelli für den Posten als Kapellmeister seines Militär-Regiments erhielt.

Kapellmeister des Graf-Mazzuchelli-Regiments (1856–1860) Am 1. August 1865 wurde Kéler Béla in Wien zum Kapellmeister des Orchesters des 10. Infanterie-Regiments Graf Alois Mazzuchelli (1776–1868) ernannt. Diese Anstellung bedeutete eine große Herausforderung für Kéler. Er musste unter fordernden militärischen Bedingungen künstlerisch kreativ sein, auch während das Regiment sich oft verlagerte. Es reiste von Wien nach Debrecen, Budapest, Belgrad, Hermannstadt, Portogruaro, Valvasone, Brașov (Kronstadt) und andere Städte. Kélers Orchester verfügte außer Blasinstrumenten auch über Streicher, um nicht nur Militärmusik aufzuführen, sondern auch individuelle Promenadenkonzerte, bei denen Märsche sich mit Tanzkompositionen, Bearbeitungen von Opernwerken und Potpourris populärer Melodien abwechselten. Beweis für die Qualität von Kélers Arbeit war der Sieg des Mazzuchelli-Marsches op. 22 in einem Wettbewerb, den der österreichische Militärkapellmeister Andreas Leonhardt 1857 organisierte. Der Marsch, gewidmet dem Grafen Mazzuchelli, wurde fast das ganze 20. Jahrhundert fälschlich dem österreichischen Komponisten Anton Bruckner zugeschrieben. Noch 1977 wurde der Marsch unter dem Titel „Apollo-Marsch“ im Werkverzeichnis Anton Bruckner mit der Nummer 115 geführt. Der Fehler kam wohl daher, dass Kélers Mazzuchelli-Marsch in Form und Instrumentierung ähnlich Bruckners Militär-Marsch in Es-Dur, WAB 116, ist – es scheint, dass Bruckner vom Mazzuchelli-Marsch inspiriert war. Im März 1857 trat Kéler mit seinem Orchester im Debrecener Theater auf, das im Kornspeicher des Stadtrats Gábor Nánássy beherbergt war. Mit einer kurzen Ausnahme zu Beginn des Jahres 1859, als das Regiment in Belgrad war, fanden Kélers reguläre Konzerte bis Ende April 1859 in Budapest statt. Im Mai 1859 zog das Regiment, mit Kéler als Kapellmeister, zu Manövern der österreichischen Armee nach Italien, wo der Sardinische Krieg ausgetragen wurde. Nach dem Ende der Kämpfe, die die österreichische Armee in der Schlacht von Solferino verlor, brachte der Militärdienst Kéler nach Hermannstadt. Die Arbeit im Regiment war für Kéler körperlich sehr anstrengend und hatte wahrscheinlich einen schädlichen Einfluss auf seine späteren ernsten Gesundheitsprobleme. Schon während seines Dienstes unterzog er sich mehreren Kuren im Badeort Oradea. 1860 bat er um seine Entlassung aus gesundheitlichen Gründen. Dies wurde akzeptiert, und er beendete seinen Armeedienst am 30. September 1860.

Leiter eines eigenen Orchesters in Budapest (1861–1862) Kéler verbrachte die zweite Hälfte des Jahres 1860 und den ersten Monat 1861 in Bad Bartfeld, Prešov und anderen Orten seiner Heimat. Von dort zog er nach Budapest, wo er gemeinsam mit Josef Dubez (1824–1900), der bis 1860 als Kapellmeister des k.u.k. Infanterieregiments „Hoch- und Deutschmeister“ Nr. 4 aktiv war, ein circa 30-Mitglieder starkes Orchester gründete. Er stand von März 1861 bis Ende 1862 an dessen Spitze. Dann erreichte ihn ein Angebot des Herzogs von Nassau für ein Dauer-Engagement als Orchesterleiter seines Regiments in Wiesbaden. Da Kéler eine feste Anstellung einer unsicheren, freiberuflichen Arbeit mit unregelmäßigem Einkommen vorzog, entschied er sich für das Angebot und brach die Arbeit mit einem eigenen Orchester ab. Am 21. Dezember 1862 fand Kélers letztes Konzert in Budapest statt.

Musikdirektor im 2ten Regiment des Herzogs von Nassau (1863–1866) Im Januar 1863 übernahm Béla Kéler den Posten als Hofkapellmeister des 45-Mitglieder-Orchesters des Zweiten Regiments der Herzoglich Nassauischen Armee in Wiesbaden, nach Benedikt Stadtfeld (1788–1878), der im Alter von 75 Jahren in den Ruhestand ging. Der Regimentskommandeur war Bruno Neidhardt von Gneisenau. Kéler dirigierte die meisten Konzerte des Orchesters im Kurhaus von Wiesbaden, da ein ständiges Kurorchester bis dahin nicht existierte. Kélers Konzertprogramme enthielten nicht nur eigene Kompositionen und Tanzmusik seiner Zeitgenossen, sondern auch symphonische Werke von Haydn, Mozart, Beethoven, Mendelssohn Bartholdy, Schubert, Berlioz und anderen. Ein nicht wegzudenkender Teil der Konzerte bestand auch aus Ouvertüren von romantischen Komponisten – Verdi, Rossini, Gounod, Donizetti, Weber und anderen. Im Jahr 1864 dirigierte Kéler 317 Konzerte. Sein Jahreseinkommen stieg auf ca. 3000 Gulden. Kéler blieb in der Position des Regimentskapellmeisters bis November 1866, als das Herzogtum Nassau nach der Niederlage der österreichischen Armee im Deutschen Krieg von Preußen annektiert wurde. Herzog Adolf wurde abgesetzt und nassauische Militäreinheiten wurden der preußischen Armee angegliedert.

Im Mai 1866 wurde Kélers Sohn Karl Albert Baum, aus einer Affäre mit Katharina Amalie Baum, geboren. Kéler sorgte finanziell für ihn. Erwähnung findet der Sohn nur in Kélers Testament. Nachfahren leben bis heute.

In Mainz, Bartfeld und Amsterdam (1867–1868) In den Jahren 1867–1870 hatte Kéler keine dauerhaften Engagements. Er wohnte zur Miete in Wiesbaden, zuerst am Michelsberg 23, später in der Markstraße. Im Januar und Februar 1867 dirigierte Kéler das Wiesbadener Kurorchester bei Karnevals-Konzerten in der historischen Halle des Frankfurter Hofs in Mainz. Jeden Sonntag und an Feiertagen konzertierte er im Wiesbadener Saalbau Schirmer.

Im Juli und August 1868 besuchte Kéler sein Herkunftsland um Bartfeld. Zum 4. August organisierte er in Zusammenarbeit mit Graf Ferencz Szirmay (1838–1871) ein Benefizkonzert in Bad Bartfeld für die Opfer des Feuers in Bartfeld im Juni, bei dem -zig Häuser abbrannten.

Mitte August 1868 kehrte Kéler nach Wiesbaden zurück, wo er am 28. August zum ersten Mal seinen neuen Walzer „Am schönen Rhein gedenk´ ich Dein“ op. 83 aufführte, der sein bekanntester werden sollte und mit Johann Strauß´ Walzer „An der schönen blauen Donau“ verglichen wurde. Gegen die (auch geschäftliche) Dominanz der Strauß’schen Dynastie in der damaligen Unterhaltungsmusik bemühte Kéler sich immer wieder zu behaupten.

Im Dezember 1868 erhielt Kéler von Johann Eduard Stumpff (1813–1879) ein Engagement für 4 Konzerte in Amsterdam. In den ersten drei Konzerten im Theater Frascati dirigierte Kéler ausschließlich eigene Kompositionen. Beim vierten Konzert in der Parkzaal-Konzerthalle, die als Vorläufer des heutigen Concertgebouws angesehen wird, wechselte er sich mit dem Chefdirigenten des Orchesters, Willem Stumpff (1826–1912) ab.

Leiter des Wiesbadener Kurorchesters (1870–1872)