Ein Militärhistoriker ist ein Wissenschaftler, der sich mit der Erforschung und Darstellung der Militärgeschichte beschäftigt. Wissenschaftliche Militärgeschichte ist seit Hans Delbrück ein Sachbereich der Geschichtswissenschaft. Während ältere Arbeiten von überwiegend Offizieren sich ausschließlich mit Kriegen, Schlachten und Feldherren beschäftigten, erweiterte die moderne Militärgeschichtsforschung das Feld um sozial- und kulturgeschichtliche Aspekte, ohne allerdings seinen Kernbestandteil aus den Augen zu verlieren. Davon zu unterscheiden sind überwiegend populärwissenschaftlich arbeitende Publizisten mit hoher Technikaffinität. Die seriöse militärhistorische Forschung umfasst alle Epochen und ist durch die Bedeutung von Gewalt und Krieg in der Menschheitsgeschichte nahezu unbegrenzt. Insbesondere der Blickwinkel des einfachen Soldaten rückte in jüngster Zeit immer mehr in den Vordergrund. Führende Vertreter des Faches finden sich insbesondere im anglo-amerikanischen Raum, wo sich die Forschung durch die weniger Bruchlinien-behaftete Militärgeschichte institutionalisiert hat. Dort wird Militärgeschichte auch fächerübergreifend unter Einbeziehung anderer militärwissenschaftlicher Disziplinen wie Strategische Studien und Konfliktforschung betrieben. Im deutschsprachigen Raum hatte in der Forschung lange Zeit das Militärgeschichtliche Forschungsamt Vorbildcharakter.
Forschungsfeld Das Forschungsfeld eines Militärhistorikers ist sehr weit gefasst. In der Wissenschaft ist daher umstritten, wann sich ein Historiker, der überwiegend und ausufernd Nachbardisziplinen (Ortsgeschichte, Frauengeschichte etc.) bearbeitet, noch tatsächlich Militärhistoriker nennen sollte. Seine Tätigkeit hat nach überwiegender Ansicht nur dann eine Berechtigung, wenn er seinen Forschungsschwerpunkt auch auf militärische Themen legt. Nachfolgend sind allgemeine Interessenbereiche der militärgeschichtlichen Forschung aufgelistet u. a. Altertum, Mittelalter, Waffen, Rüstung und Festung, Dreißigjähriger Krieg, Söldner, Koalitionskriege, Sezessionskrieg, Kolonialismus und Imperialismus, Uniformen und Orden, Erster Weltkrieg, Marinegeschichte und Seekrieg, Zweiter Weltkrieg, Geschichte der Luftfahrt und Luftkrieg, Kalter Krieg, Koreakrieg, Vietnamkrieg, Terrorismus, Nachrichtendienste, Sicherheitspolitik, Private Sicherheits- und Militärunternehmen und Cyberkrieg. Von der wissenschaftlichen Forschung nicht anerkannt sind populärwissenschaftlich orientierte Arbeiten von Schriftstellern wie sie es vielfach etwa zu Generalen des Zweiten Weltkrieges oder Militärfahrzeugen gibt.
Deutschsprachiger Raum Deutschland Als Meilenstein in der Entwicklung der modernen wissenschaftlichen Militärgeschichte ist das Engagement Hans Delbrücks (Professor an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin) zu werten, der losgelöst von der offiziellen Kriegsgeschichtsschreibung der Offiziere in der Kriegsgeschichtlichen Abteilung das Fach in der zivilen Geschichtswissenschaft verankern versuchte. Situation in der Bundesrepublik Die einzige Professur für Militärgeschichte wurde in der Bundesrepublik zunächst von Werner Hahlweg, dem Nestor der deutschen Clausewitz-Forschung, an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster besetzt. Er war ein Schüler Walter Elzes und stand somit auch in der Tradition von Hans Delbrück. Ihm folgte in den 1980er Jahren Bernhard Sicken.
In der BRD werden militärgeschichtliche Forschungen in besonderer Weise von Zivilbeschäftigten und Soldaten – siehe Historikeroffizier – am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw, vormals Militärgeschichtliches Forschungsamt (MGFA)) in Potsdam (vormals Freiburg im Breisgau) betrieben. Am ZMSBw sind auch Zusammenschlüsse von Wissenschaftlern wie die Deutsche Kommission für Militärgeschichte und das Deutsche Komitee für die Geschichte des Zweiten Weltkrieges beheimatet.
Weitere universitäre Grundlagenforschung wird vom Institut für Zeitgeschichte (IfZ) in München, namentlich von Historikern wie Christian Hartmann, Johannes Hürter, Peter Lieb, Dieter Pohl und Thomas Schlemmer, sowie außeruniversitär vom Hamburger Institut für Sozialforschung (HIS) betrieben, die allerdings nicht ausschließlich auf Militärgeschichte spezialisiert sind. Ferner ist an der Eberhard Karls Universität Tübingen der Sonderforschungsbereich 437 „Kriegserfahrungen. Krieg und Gesellschaft in der Neuzeit“ ansässig.
Seit Ende der 1990er Jahre wird ein Lehrstuhl für Militärgeschichte / Kulturgeschichte der Gewalt vom Bundesministerium der Verteidigung (BMVg) gestiftet, der bis 2013 von Bernhard R. Kroener besetzt war, danach von Christian Th. Müller vertreten wurde; 2016 wurde Sönke Neitzel auf den Lehrstuhl berufen. Von 2007 bis 2016 bot die Universität Potsdam mit Unterstützung des MGFA bzw. ZMSBw einen Masterstudiengang „Military Studies“ mit den Inhalten Militärgeschichte und Militärsoziologie (Professur für Allgemeine Soziologie) an. Seit dem WS 2016/17 existiert der Masterstudiengang „War and Conflict Studies“.
Deutschlands führende wissenschaftliche Fachzeitschrift ist die Militärgeschichtliche Zeitschrift (MGZ, vormals Militärgeschichtliche Mitteilungen (MGM)), die im Auftrag des ZMSBw durch Hans-Hubertus Mack und Michael Epkenhans in Verbindung mit u. a. Stig Förster, Bernhard R. Kroener, Reiner Pommerin, Hew Strachan, Hans-Erich Volkmann und Bernd Wegner herausgegeben wird.
Einschlägige Forschernetzwerke bestehen etwa über den Arbeitskreis Militär und Gesellschaft in der Frühen Neuzeit (AMG) um Ralf Pröve und Bernhard R. Kroener (Universität Potsdam) und den Arbeitskreis Militärgeschichte (AKM) um Stig Förster (Universität Bern), aber auch über den eher politisch orientierten Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung (AKHF).
Ein klassischer Publikationsort ist die Buchreihe Krieg in der Geschichte, die im Verlag Ferdinand Schöningh erscheint.
Als bekannter Wissenschaftspreis für Militärhistoriker gilt der Werner-Hahlweg-Preis. Mit dem Wilhelm-Deist-Preis für Militärgeschichte wurde 2006 durch den Arbeitskreis Militärgeschichte ein Preis für Nachwuchswissenschaftler ausgelobt.
Studiengänge Prinzipiell ist das Tätigkeitsfeld eines Militärhistorikers nicht geschützt. So nennen sich im weitesten Sinne alle Publizisten mit militärschriftstellerischen Veröffentlichungen „Militärhistoriker“. Im modernen engeren und seriösen Sinne ist allerdings ein Militärhistoriker auch ein ausgebildeter und forschender Wissenschaftler (in der Regel ein studierter Historiker mit militärhistorischem Schwerpunkt). Folglich führt zum Beruf in erster Linie das Geschichtsstudium an einer staatlichen Universität in Deutschland. Folgende Studiengänge haben einen besonderen militärhistorischen Bezug, wenngleich letztere eher politikwissenschaftlich geprägt sind: Military Studies (Master of Arts) am Historischen Institut der Universität Potsdam – ab dem Wintersemester 2016/17 in neuer Form als War and Conflict Studies unter der Leitung von Sönke Neitzel Peace and Conflict Studies (Master of Arts) am Zentrum für Konfliktstudien der Philipps-Universität Marburg Peace Studies (Master of Arts) am Institut für Frieden und Demokratie der Fernuniversität in Hagen – eingestellt im Jahr 2008.
Bekannte Militärhistoriker Nach dem Historiker Sönke Neitzel (2007) wandten sich ab den 1950er Jahren folgende bekannte Historiker (wieder) der Militärgeschichte zu:Sönke Neitzel: Militärgeschichte ohne Krieg? Eine Standortbestimmung der deutschen Militärgeschichtsschreibung über das Zeitalter der Weltkriege. In: Hans-Christof Kraus, Thomas Nicklas (Hrsg.): Geschichte der Politik. Alte und neue Wege (= Beiheft zur Historischen Zeitschrift. N.F. Band 44). Oldenbourg, München 2007, ISBN 978-3-486-64444-9, S. 287–308, hier: S. 288. Werner Hahlweg (1912–1989), Andreas Hillgruber (1925–1989), Walther Hubatsch (1915–1984), Hans-Adolf Jacobsen (1925–2016) Gerhard Ritter (1888–1967) und Percy Ernst Schramm (1894–1970).
In einer Publikation des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes (2010) wurden exemplarisch nachfolgende Militärhistoriker vorgestellt:Vgl. Hans Ehlert (Hrsg.): Deutsche Militärhistoriker von Hans Delbrück bis Andreas Hillgruber (= Potsdamer Schriften zur Militärgeschichte. Band 9). Im Auftrag der Deutschen Kommission für Militärgeschichte und des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes. MGFA, Potsdam 2010, ISBN 978-3-941571-06-8. Hans Delbrück (1848–1929), Walter Görlitz (1913–1991), Hans von Haeften (1870–1937), Andreas Hillgruber (1925–1989), Walther Hubatsch (1915–1984), Hermann Mertz von Quirnheim (1866–1947) und Hans Meier-Welcker (1906–1983)
Der Historiker Ralf Pröve (2010) nannte folgende Historiker, die sich in der BRD und der DDR verstärkt dem Militär zuwandten:Ralf Pröve: Lebenswelten. Militärische Milieus in der Neuzeit. Gesammelte Abhandlungen (= Herrschaft und soziale Systeme in der frühen Neuzeit. Band 11). Lit, Berlin 2010, ISBN 978-3-643-10768-8, S. 107. Werner Hahlweg (1912–1989), Johannes Kunisch (1937–2015), Herbert Langer (1927–2013), Konrad Repgen (1923–2017), Hans Schmidt (1930–1998), Helmut Schnitter (* 1933), Winfried Schulze (* 1942), Bernhard Sicken (* 1939) und Rainer Wohlfeil (1927–2024).
Österreich Im Gegensatz zum deutschen Nachbarn existiert in Österreich keine universitäre Verankerung der Disziplin. Enge wissenschaftliche Verflechtungen bestehen allerdings mit dem Heeresgeschichtlichen Museum (HGM) in Wien, welches seit den 1960er Jahren eine militärgeschichtliche Forschungsabteilung unterhält. Zuvor war diese beim Generaltruppeninspektor untergebracht. Wegbereiter der österreichischen Forschung war Museumsdirektor Johann Christoph Allmayer-Beck. Weitere Grundlagenforschung wird in der Landesverteidigungsakademie (LVA) in Wien betrieben. Beobachter beurteilen die Gegebenheiten in Österreich als Nachteil.
Schweiz Als Doyen der Disziplin in der Schweiz gilt Walter Schaufelberger, der seinerzeit eine militärgeschichtliche Doppelprofessur an der Universität Zürich und der ETH Zürich bekleidete. An der Universität Zürich ist es derzeit möglich ein militärgeschichtliches Doktoratsstudium zu absolvieren. Jüngst konnte Militärgeschichte ebenso als Nebenfach belegt werden. Die für die Offizierausbildung zuständige Militärakademie an der ETH Zürich (MILAK) hat im Bereich der militärwissenschaftlichen Forschung und Lehre eine Dozentur für Militärgeschichte eingerichtet. Diese wurde von 2005 bis 2012 von Rudolf Jaun besetzt, ihm folgte Michael Olsansky.
Zunehmend ist die Forschung in der Schweizerischen Vereinigung für Militärgeschichte und Militärwissenschaft (SVMM) konzentriert, wo viele Absolventen der Universitäten in Zürich und Bern (Stig Förster) wirken. Diese wird durch den Divisionär Dominique Juilland geleitet.
Frankreich Als Begründer der „nouvelle histoire militaire“ in Frankreich gilt André Corvisier. Er verstand es in den 1960er Jahren, die sozialgeschichtlichen und empirischen Methoden mit der Militärgeschichte zu vereinen. Zum Austausch zwischen Wissenschaftlern und Militärs gedacht, wurde 1968 das französische Zentrum für Militärgeschichte an der Universität Montpellier aus der Taufe gehoben. Trotz Zunahme der Forschung über die Jahre, konzentriert sie sich vor allem auf die Frühe Neuzeit (siehe Ancien Régime).
Anglo-amerikanischer Raum Irland Als Nestor der irischen Militärgeschichte gilt Gerard Anthony Hayes-McCoy. Er begründete 1949 die Military History Society of Ireland. Vereinigtes Königreich Seit 1909 existiert im Vereinigten Königreich am All Souls College der University of Oxford der Chichele-Lehrstuhl für Kriegsgeschichte, dessen momentaner Inhaber Hew Strachan ist. Der renommierte Lehrstuhl wurde anfangs durch Journalisten und Offiziere, nach dem Zweiten Weltkrieg durch Akademiker u. a. den Doyen der modernen britischen Militärgeschichtsschreibung, Michael Howard, besetzt.