Das Ottonianum war das erzbischöfliche Knabenseminar des Erzbistums Bamberg, das im Jahr 1828 gegründet und im Jahr 1999 aufgrund mangelnder Rentabilität aufgelöst wurde.
Geschichte Geschichtlicher Hintergrund Grundlage für die Gründung von Knabenseminarien war das Konzil von Trient. Im Dekret Cum adolescentium aetas des Jahres 1563 wurde allen Diözesen die Gründung eines Kollegs auferlegt, in welchem eine gewisse Zahl von Knaben verpflegt, religiös erzogen und in den kirchlichen Wissenschaften herangebildet werden sollte.
Dekret über die Seminarien mini|Blick über den ehemaligen Fußballplatz Das Dekret über die Seminarien des Konzils von Trient (Sess. 23, Can. 18 aus De reformatione) beginnt mit einer Klage über die Empfänglichkeit der Jugend für schlechte Einflüsse, gegen die durch die rechte Erziehung angekämpft werden musste: „Da die Jugend, wenn sie nicht in der rechten Weise unterwiesen wird, dazu neigt, weltlichen Vergnügungen zu folgen, und da sie niemals ohne sehr große und beinahe außerordentliche Hilfe des allmächtigen Gottes in vollkommener Weise bei der kirchlichen Zucht bleibt, wenn sie nicht von frühem Alter an – bevor noch der Hang zum Bösen den ganzen Menschen erfasst – zu Frömmigkeit und Religion angehalten wird, setzt die Heilige Versammlung Folgendes fest: Die einzelnen Kathedral- und Metropolitankirchen, sowie die diesen übergeordneten Kirchen sollen gehalten sein, entsprechend ihren Möglichkeiten und der Größe der Diözese, eine bestimmte Zahl von Knaben aus ihrer Stadt und ihrer Diözese oder – wenn man dort nicht so viele finden kann – aus derselben Provinz in einem Kolleg, das dazu in der Nähe dieser Kirchen oder an einem anderen passenden Ort vom Bischof auszuwählen ist, zu verköstigen, religiös zu erziehen und in den kirchlichen Wissenschaften zu unterweisen.“Zitiert nach Hofmann/Klausnitzer/Neundorfer: Seminarium Ernestinum. Bamberg, 1986 Es wurden auch die Aufnahmebedingungen genannt. Der Anspruch, dass die Zöglinge „aus einer rechtmäßigen Ehe stammen“ mussten, bedeutete konkret, dass unehelich geborene Jungen nicht aufgenommen werden durften. Dieser Hinderungsgrund für die Priesterweihe wurde erst in den 1970er Jahren aufgehoben. Gleichzeitig wurde gefordert, dass die Schüler eine kirchliche Laufbahn anstreben sollten: „In diesem Kolleg sollen solche Knaben Aufnahme finden, die wenigstens zwölf Jahre alt sind und aus einer rechtmäßigen Ehe stammen, hinlänglich lesen und schreiben können, und deren Anlagen und deren guter Wille hoffen lassen, daß sie auf Dauer für den kirchlichen Dienst zur Verfügung stehen wollen. Vornehmlich sollen Söhne von Bedürftigen ausgewählt werden. Indes schließt die Synode Söhne von Begüterten nicht aus, sofern diese auf eigene Kosten ihren Unterhalt bestreiten und Eifer für den Dienst an Gott und der Kirche zeigen.“Zitiert nach Hofmann/Klausnitzer/Neundorfer: Seminarium Ernestinum. Bamberg, 1986
Drei Jahre nach der Verabschiedung des Dekrets begannen in Bamberg die Bemühungen, ein Seminar einzurichten. Am 23. Juni 1586 konnte Fürstbischof Ernst von Mengersdorf das geforderte Collegium eröffnen. Möglicherweise machte es die finanzielle Lage dem Fürstbischof unmöglich, den Forderungen sofort nachzukommen.
Gründung des Aufseesianums in Bamberg mini|Aufseesianum Durch die testamentarische Verfügung des Domkapitulars Freiherr Jobst Bernhard von Aufsees im Jahr 1738 wurde im Seminarium Aufseesianum ein Knabenseminar eingerichtet. Dies galt auch für das von den Jesuiten gegründete Hospitium Marianum. Beide wurden mit der Säkularisation aufgelöst. Nach Rückgabe des Aufsees’schen Seminars durch königlichen Erlass im Jahr 1828 wurde dem Domkapitel das Recht der Oberaufsicht nicht mehr zuerkannt. Das Aufseesianum blieb der bayerischen Staatsregierung unterstellt.
Das Konkordat zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Königreich Bayern von 1817 regelte in seinem Artikel 5 die Errichtung von Tridentinischen Seminarien in den Diözesen. Papst Pius IX. wies 1850 nochmals die bayerischen Bischöfe auf ihre Verpflichtung hin. Die Nuntiatur erteilte dem Bamberger Erzbischof Bonifaz Kaspar von Urban 1857 erneut die Aufforderung, ein Knabenseminar zu gründen. Als das Ministerium für Kultus und Unterricht die Leitung des Aufseesianums nicht an das Domkapitel zurückgab, damit dieses als Seminarium puerorum benutzt werden konnte, ordnete Erzbischof Michael von Deinlein die Angliederung eines Konviktes für 12 Knaben an das Erzbischöfliche Priesterseminar an.
Gründung im Jahr 1866 Eröffnet wurde das vom Regens des Priesterseminars geleitete und einem Alumnus als Präfekten zugeordnete Knabenseminar am 3. Januar 1866. Ab 15. September 1882 bekam das Seminar einen selbständigen Leiter mit dem Titel Inspektor, der 1923 zum Direktor umbenannt wurde.
Entwicklung bis 1928 Anfangs war das Knabenseminar im Erdgeschoss des Priesterseminars am Maxplatz untergebracht. Wegen des Priestermangels wurde es mit den ehemaligen Wohnräumen des Weihbischofs vergrößert. Nach der Verlegung der Bibliothek des Priesterseminars im Jahr 1879 konnten 28 und im Jahre 1882 78 Jungen aufgenommen werden. Erzbischof Friedrich von Schreiber unterstellte das Knabenseminar einer eigenen Leitung. Am 8. Oktober 1882 weihte der Erzbischof die neuen Räume ein und gab dem Knabenseminar den Namen Ottonianum zur Erinnerung an Bischof Otto I.
Die Schüler hatten nach der Hausordnung freie Kost, Kleidung, Bücher und Schreibmaterial auf Kosten der Klerikalseminarstiftung. Das Verhalten der Zöglinge war bis ins Einzelne geregelt. Besondere Sorge des Bischofs galt dem leiblichen Wohl der Jungen: Das Frühstück bestand aus einem Becher Milch und eineinhalb Milchweckchen, an Sonn- und Feiertagen erhielten sie Kaffee, am Mittwoch und Sonntag einen Schoppen Bier.
Ab 1878 mussten die Schüler nach ihren familiären Vermögensverhältnissen selbst für Unterbringung und Verpflegung aufkommen. Nachdem sich die Zahl auf 100 erhöht hatte, bat der Erzbischof die Dillinger Franziskanerinnen, mit fünf Schwestern den Haushalt der beiden Seminarien zu übernehmen.
mini|Neues Gymnasium, 1891 Die schulische Ausbildung erhielten alle Ottonianer am Alten Gymnasium, heute Kaiser-Heinrich-Gymnasium. Mit der Errichtung des Neuen Gymnasiums, des heutigen Franz-Ludwig-Gymnasiums, wechselten im Jahr 1890 die Schüler dorthin. Die Zahl der Schüler stieg ständig. Oft konnte keiner in die erste Klasse aufgenommen werden, einige kamen in die zweite, die meisten in die dritte oder vierte Klasse.
Erster Weltkrieg (1914–1918) und Zwischenkriegszeit (1919–1933) mini|Gründungsjahr 1928 In den Kriegsjahren sanken die Schülerzahlen auf etwa 50. Nach dem Krieg wurde jedoch wieder die Raumnot spürbar. Aus finanziellen Gründen war noch nicht an einen Neubau zu denken. Auch rechtliche Gründe standen dagegen: Man befürchtete, mit einem Neubau würde man auf das Recht der Oberaufsicht über das Aufseesianum verzichten. Um dies zu vermeiden, sah man im Knabenseminar kein eigenständiges Institut, sondern einen Teil der Ernestinischen Seminarstiftung. So blieb durch das Konkordat die Oberaufsicht des Erzbischofs über das Klerikalseminar gewahrt, dem Staat war die Visitation im Ottonianum vorbehalten. Schließlich war es Erzbischof Jacobus von Hauck, der in einem Hirtenschreiben vom 25. Juli 1912 den Neubau des Ottonianums zu einer vordringlichen Aufgabe erklärte.
Dieses Ottonianum, 1927/28 vom Nürnberger Akademieprofessor Ludwig Ruff erbaut, konnte er am 13. Juli 1928 am Bamberger Heinrichsdamm eröffnen. Es war für 126 Jungen errichtet worden. Die geplante Kapelle als Flügelbau quer zum Spielhof wurde aus finanziellen Gründen nicht ausgeführt.
Zeit des Nationalsozialismus (1933–1945) Die umfangreichen Akten im Archiv des Ottonianums lassen auf eine intensive Auseinandersetzung zwischen der Leitung des Seminars und den damaligen Machthabern schließen.
Bereits im Jahre 1930 hatte der Erzbischof den Zöglingen während ihres Seminaraufenthaltes die Beteiligung an Veranstaltungen von Verbänden unter der Leitung außerhalb des Seminars schriftlich verboten. Mit Verweis auf diesen bischöflichen Erlass widersetzte sich Direktor Johann Schmitt im Jahr 1933 der Forderung der Staatsregierung, Ottonianer zu wehrsportlichen Übungen und sonstigen Veranstaltungen der Hitlerjugend zuzulassen. Trotz der Versicherung des Direktors, dass er als ehemaliger Frontoffizier dafür Sorge trage, den Wehrsportgedanken, die vaterländische Erziehung und die körperliche Ertüchtigung in das Seminarleben fest einzubauen, wurde der Zugriff des Staates auf die Jungen immer stärker.
Nach Erlass des Gesetzes über die Hitlerjugend am 1. Dezember 1936 forderte diese in immer schärferem Ton, die Ottonianer zu den Gruppierungen der Staatsjugend zuzulassen. Bei einer Unterredung zwischen Direktor Lenhardt und dem Bannführer Bausewein in Bamberg sollte die Seminarleitung einer stufenmäßigen Eingliederung der Ottonianer zustimmen. Direktor Lenhardt widersetzte sich dieser Aufforderung und bekam am 6. Februar 1937 die Schärfe der Auseinandersetzung zu spüren: Im Gymnasium wurde wegen der öffentlichen Verlesung eines Schreibens die Seminarleitung dafür verantwortlich gemacht, dass mit Wirkung vom 15. Februar 1937 den Seminaristen die Mitgliedschaft in der Hitlerjugend verloren gehe, weil sie gehindert würden, deren Veranstaltungen regelmäßig zu besuchen.
In vielen Briefen des Bischofs Jacobus von Hauck an den Reichsjugendführer und des Direktors an den Bannführer wurde darauf hingewiesen, dass der Bischof eine reichseinheitliche Lösung abwarte, die erst durch den Episkopat und der Reichsjugendführung erarbeitet werden solle. Somit konnte dank der Rückendeckung durch den Erzbischof und der Tatsache, dass sich das Ottonianum mit den anderen bayerischen Seminarien und Ordensschulen verbunden wusste, mehrere Jahre Widerstand geleistet werden.
Mit Kriegsbeginn wurde das Ottonianum als Lazarett beschlagnahmt. Die Schüler wurden in den unteren Räumen des Priesterseminars einquartiert. Ständig wurde das Lazarett vergrößert als Unterkunft des Hauptlazaretts und Verwaltung des Reservelazaretts Bamberg. Die Turnhalle diente als Schlafsaal, der Geräteraum als Studienraum und der Schuhraum als Anrichte und Essensausgabe. Zusätzlich sollte das Ottonianum 1940 Volksdeutsche aus Bessarabien unterbringen. Der persönliche Einsatz des Regens des Priesterseminars und ein Schreiben des Oberstabsarztes im Lazarett verhinderten dieses Vorhaben. Viele Ottonianer wurden eingezogen, die restlichen hielten in den Bombennächten Brandwache auf den Dachböden des Seminars. Über fünfzig starben im Krieg. Von manchen Kursen kehrte weniger als die Hälfte aus dem Krieg heim.
In den Aufzeichnungen von Schwester Hildebranda Burger über die letzten Kriegswochen ist zu lesen, dass auch drei Sprengbomben in den Seminarhof fielen: über dreißig Todesopfer waren zu beklagen. Die Schwestern arbeiteten in der Küche trotz aller Gefahr weiter. Die Zahl derer, die aus der Küche das Essen holten, belief sich auf nahezu 800. Es wurden alle Maßnahmen getroffen, um das Ottonianum als Lazarett auszuweisen. Große Rotkreuzfahnen wurden hergestellt. Die größte umfasste 24 Leinentücher. Wie man später erfuhr, nützte diese Maßnahme auch etwas. Ein Amerikaner erzählte, dass die Rotkreuzfahnen mehr als 20 Kilometer weit zu sehen waren und die Truppe den Befehl erhielt, das große Haus zu schonen. Am 13. April wurde die Stadt an die amerikanischen Streitkräfte übergeben.
Nach Kriegsende belegten die Amerikaner die Hälfte der Lazaretträume, Erdgeschoss, Speisesaal und Bad. Die Schüler lebten im ersten Stock und verwendeten den Tischtennisraum als Speisesaal. Die Küche des Seminars diente bis 1950 dem Ottonianum, dem Priesterseminar und den Amerikanern.
1945 bis 1999