mini|Don Ellis, 1968
Donald Johnson „Don“ Ellis (* 25. Juli 1934 in Los Angeles; † 17. Dezember 1978 in North Hollywood) war ein US-amerikanischer Jazz-Trompeter, Schlagzeuger, Komponist und Bandleader, der vor allem durch seine Arbeit mit komplexen Rhythmen und Taktarten berühmt wurde. Seine Bands waren dafür bekannt, dass sie auch komplexe Metren zum Swingen bringen konnten. Er beschäftigte sich früh mit Aspekten der neuen Musik im Kontext des Jazz, experimentierte mit einer Vielzahl von elektronischen Instrumenten und Effektgeräten und integrierte indische, osteuropäische wie arabische Elemente in seine Kompositionen. Zugleich erprobte er auch neue Besetzungen: Er beschäftigte zeitweise drei Bassisten und vier Perkussionisten in seiner Big Band. Außerdem erfand er eine Trompete mit vier Ventilen, um Vierteltöne spielen zu können.
Ellis fand den Zuspruch eines weit über die Jazzszene hinausreichenden Publikums, wie die Aufnahmen aus dem Fillmore West mit ihren enthusiastischen Publikumsreaktionen belegen. Er wirkt auf zahlreichen Alben anderer Musiker (im Wesentlichen zwischen 1959 und 1968) mit, darunter Charles Mingus, Karin Krog, Maynard Ferguson, George Russell, Leonard Bernstein und Frank Zappa.
Herkunft Ellis’ Vater war Methodistenpriester und seine Mutter Kirchen-Organistin. Er besuchte die West High School in Minneapolis. Für sein Interesse am Jazz war vor allem der Besuch eines Big-Band-Konzertes von Tommy Dorsey verantwortlich. Andere frühe Inspirationen kamen durch Louis Armstrong und Dizzy Gillespie. Ein Kompositionsstudium an der Boston University schloss er 1956 ab.Leonard Feather: From Satchmo to Miles. Stein and Day, New York 1972, S. 214
Musikalischer Werdegang 1956–1962: Die frühen Jahre Sein erstes Engagement als Musiker erhielt Ellis in der Glenn Miller Band unter der Regie von Ray McKinley. Dort spielte er, bis er im September 1956 in die Seventh Army Symphony Orchestra and Soldiers’ Show Company aufgenommen wurde, mit der er nach Frankfurt am Main in Deutschland geschickt wurde. In der Army-Band traf Ellis auf den Pianisten Cedar Walton und die Saxophonisten Eddie Harris und Don Menza. Hier hatte Ellis auch seine ersten Möglichkeiten, für eine Big Band zu schreiben.
Zwei Jahre später verließ er die Army-Band und zog nach Greenwich Village in New York City. Hier fand er Jobs in Tanzkapellen und tourte kurz mit Bandleader Charlie Barnet, wo er aber keine nennenswerte Position innehatte. Sein erstes größeres Engagement bekam er im Frühjahr 1959, für neun Monate, in der Maynard Ferguson Band.Feather, S. 215
Kurz danach kam Ellis mit der Avantgarde-Jazz-Szene in New York City in Kontakt. Er erschien auf Alben von Charles Mingus, Eric Dolphy und George Russell, dessen Sextett, später Septett, er für zwei Jahre angehörte.
Zwischen 1960 und 1962 leitete er mehrere Sessions mit kleinen Gruppen unter eigenem Namen. Dabei waren unter anderem Jaki Byard, Paul Bley, Gary Peacock, Ron Carter, Charlie Persip und Steve Swallow. Diese Alben belegen sowohl Ellis’ Interesse an der Erforschen von Tempo, Form und Tonalität als auch seine ausgezeichnete Musikalität. In dieser Zeit entstanden seine ersten Veröffentlichungen. How Time Passes (1960), auf dem er mit Zwölftonreihen experimentierte, Out of Nowhere, New Ideas und als letztes Album dieser Periode Essence, das Mitte Juli 1962 aufgenommen wurde. Anschließend veröffentlichte Ellis in Amerika für mehrere Jahre keine Platten, war aber weit davon entfernt, inaktiv zu sein.
1962–1964: Europa und Amerika Im Oktober 1962 reiste Ellis nach Polen, um dort auf dem Jazz Jamboree in Warschau aufzutreten. Ellis dokumentierte seine Erfahrungen in einem Artikel mit dem Titel Warsaw Diary (Das Warschau-Tagebuch), welches im Down Beat Magazin in der Ausgabe vom 3. Januar 1963 veröffentlicht wurde.Don Ellis: Warsaw Diary, Down Beat Magazin, 3. Januar 1963 Im Dezember nahm Ellis an einem NDR Jazzworkshop in Hamburg teilMichael Frohne: des NDR im Internet Archive und reiste Anfang 1963 nach Stockholm, Schweden, wo er einige Aufmerksamkeit für seine Experimente mit Happenings, ähnlich denen der Fluxus-Bewegung, erlangte.Feather, 218
Zurück in New York, gründete er das Improvisational Workshop Orchestra, das seinen ersten Auftritt am 10. Februar 1963 im Five Spot gab.Anthony Agostinelli: Don Ellis: A Man For Our Time. In: Jazz Research Papers: 1984, NAJE Publications, Manhattan, KS, 1984. Die Vorstellung entsprach in etwa der Performance, die er in Schweden entwickelt hatte: Darsteller benutzten Karten, um die Abfolgen der Events zu bestimmen, und die Musiker verwendeten ihre Instrumente, um die Arbeiten von Malern zu interpretieren. Zusätzlich wurden einige ungewöhnliche musikalische Elemente eingesetzt, wie z. B. arabische Rhythmen und Skalen oder das Auftippen mit den Füßen auf dem Boden (foot shuffling).
1964–1967: Neue Rhythmen & Third Stream Im Jahr 1964 begann Ellis’ Studium der Musikethnologie an der University of California, Los Angeles (UCLA), wo er auf den indischen Musiker Harihar Rao traf. Stark inspiriert durch Rao, experimentierte Ellis mit ungeraden Metren im Kontext der westlichen, improvisierten Musik. Zusammen mit Rao verfasste er 1965 für das Jazz Magazine den Artikel An Introduction to Indian Music for the Jazz Musician (Einführung in die indische Musik für Jazz-Musiker).Don Ellis, Harihar Rao: An Introduction to Indian Music for the Jazz Musician. Jazz Magazine, April 1965 Zu dieser Zeit bildete er für kurze Dauer die erste Version seiner Big Band, die jedoch aufgelöst wurde, als Ellis ein Rockefeller-Stipendium erhielt, um für ein Jahr bei Lukas Foss an der University at Buffalo zu studieren.Sean Fenlon: The Exotic Rhythms of Don Ellis. Diss. The Peabody Institute of the Johns Hopkins University, 2002.Don Ellis: The New Rhythm Book. Ellis Music Enterprises, Hollywood 1972, S. 6
Während seiner Zeit in New York war Ellis an mehreren Third-Stream-Projekten beteiligt. Eine Live-Performance vom 8. Februar 1964 im Lincoln Center wurde für Leonard Bernsteins TV-Serie Young People’s Concerts gefilmt. Ferner spielte er mit anderen Jazz-Musikern aus dem Umfeld der New Yorker Philharmoniker auf Larry Austins Improvisations for Orchestra and Jazz Soloists (1961) und Gunther Schullers Journey Into Jazz (1962). Eine spätere Aufnahme von Austins Stück, mit Don Ellis, dem Bassisten Barre Phillips, Schlagzeuger Joe Cocuzzo und den New Yorker Philharmonikern (unter der Leitung Bernsteins), wurde 1965 auf dem Album Leonard Bernstein Conducts Music of Our Time veröffentlicht.
Im November 1967 wurde Ellis’ erste Sinfonie, Contrasts for Two Orchestras and Trumpet (Kontraste für zwei Orchester und Trompete) vom Los Angeles Philharmonic Orchestra unter Zubin Mehta uraufgeführt.
1965/1966: Das Hindustani Jazz Sextet Zurück an der Westküste gründete Ellis das Hindustani Jazz Sextet, mit dem er einige der Konzepte in der Praxis untersuchte, die er während seines Studiums gelernt hatte. Das Sextett um Ellis und seinen Mentor Harihar Rao (Sitar und Tabla) bestand weiter aus dem Vibraphonisten Emil Richards, dem Schlagzeuger Steve Bohannon, den Bassisten Chuck Domanico und Ray Neapolitan, dem Pianisten Dave MacKay sowie für mindestens eine Performance auch dem Saxophonisten Gabe Baltazar. Die Band spielte vorwiegend eigene Kompositionen mit Namen wie Sweet Nineteen, Turks Works und Bombay Bossa Nova.
Das Sextett wurde in Los Angeles recht bekannt, obwohl es keine im Handel erhältlichen Aufnahmen gab. Hervorzuheben ist die Ellis-Komposition „Synthesis“, die das Sextett zusammen mit Stan Kentons Neophonic Orchestra auf einem Konzert im Februar 1966 im „Los Angeles Music Center“ spielte.
Am 14. Juli 1966 spielte das Sextett in Bill Grahams Fillmore West Auditorium, als Vorgruppe für Grateful Dead und Big Brother and the Holding CompanyAbgerufen am 28. April 2013. Dies war die vorerst letzte bekannte Tätigkeit des Sextetts, bis es 1971 (mit Milcho Leviev am Piano; Ralph Humphrey und Dennis Parker bildeten die Rhythmusgruppe) wieder einige Konzerte in Hollywood spielte. Doch Ellis’s Zweitprojekt, das Workshop Orchester, hatte in den vergangenen paar Jahren etwas anderes entwickelt.
1966: Live at Monterey! Parallel zu den Arbeiten mit dem Hindustani Jazz Sextet schrieb Ellis weiter Arrangements für die Formation, die in den folgenden Jahren zum Don Ellis Orchestra wurde. Fast ein Jahr lang fanden jeden Montagabend Proben statt;Don Ellis: the new rhythm book, S. 7 zunächst an einem Ort namens „Club Havanna“ und später im „Bonesville“ in Hollywood, wo sie begannen, zu einem signifikanten Folgeprojekt heranzuwachsen.Feather, S. 219 Die Gruppe verdiente ein wenig Geld damit, Zuschauer gegen eine kleine Eintrittsgebühr zu den Proben zuzulassen. In dieser Zeit initiierte die Band eine Briefaktion der Fans an den Veranstalter des Monterey Jazz Festival 1966, mit dem Ziel, dort einen Auftritt zu bekommen. Tatsächlich gelang die Kampagne, und im September wurde die Band gebucht.Feather, S. 220
Das „Don Ellis Orchestra“ unterschied sich in mehrfacher Hinsicht von den meisten anderen großen Bands, am offensichtlichsten in seiner Instrumentierung (siehe unten), aber auch in der Einbindung indischer Elemente in moderne Big-Band-Kompositionen. Auf Basis seiner Erfahrung in Komposition und Arrangement und des Studiums indischer Musik begann Ellis Jazz-basierte Musik mit Metren zu schreiben, die er bei Rao studiert hatte. Dazu gehörten nicht nur 4/5, 7/8 und 9/4, sondern noch komplexere rhythmische Zyklen wie 19/4 oder 27/16. In den folgenden Jahren benutzte Ellis noch wesentlich komplexere rhythmische Zyklen, die durch sein späteres Interesse an osteuropäischer Volksmusik, wie der von Griechenland und Bulgarien, inspiriert wurden.
All diese ungewöhnlichen Elemente verschmolzen zu einem musikalischen Erlebnis, das sich von allem unterschied, was das Publikum des Monterey-Festivals bis dahin zu Gehör bekommen hatte. Das Orchester bekam tosenden Applaus und Standing Ovations – schon nach dem Ende des ersten Liedes mit dem Titel 33 222 1 222, entsprechend der rhythmischen Signatur der Komposition.Reclams Jazz Lexikon, 2. Aufl., 2009, S. 162, 163 Die Band spielte weiter: Stücke in 7er-, 9er-, 27er-, sowie einige in Standard-Metren. Teile des Konzertes wurden im Folgejahr von Pacific Jazz Records als LP veröffentlicht (Live at Monterey). Die CD-Wiederveröffentlichung von 1988 enthält weiteres zuvor unveröffentlichtes Material aus dem Konzert.
Im Anschluss an diesen Durchbruch spielte die Band auf dem Pacific Jazz Festival 1966, und in Shelly Mannes Nachtclub Shelly’s Manne-Hole im März 1967, wovon jeweils Teile auf der 1967er LP Live in 3⅔/4 Time („Live im Dreizweidrittel/Viertel-Takt“) (Pacific Jazz) veröffentlicht wurden.
1967–1972: Columbia Records Um diese Zeit holte der Musikproduzent und A&R John Hammond die Band zu Columbia Records. 1967 begannen die Aufnahmen zu einem der wichtigsten Alben in Ellis’ Karriere, Electric Bath, das im Folgejahr unter großer medialer Aufmerksamkeit veröffentlicht wurde.
Im Februar 1968 ging das Orchester wieder ins Studio, um das nächste Album Shock Treatment aufzunehmen, das bei der Veröffentlichung ungewöhnliche Probleme bereitete. Don Ellis in einem Interview mit dem Down Beat Magazin:
Ende 1968 begannen die Aufnahmen für das nächste Album Autumn, welches das 20-Minuten-Opus Variations for Trumpet enthält, das Ellis’s virtuoses Trompetenspiel zeigt. Ebenfalls ist Pussy Wiggle Stomp darauf zu hören, das Lied, das Indian Lady als Erkennungsmelodie für das Orchester ablöste. Die B-Seite enthält zwei lange Mitschnitte von einem Konzert in Palo Altos Stanford University im August 1968. Die Titel offenbaren den bemerkenswerten Live-Sound der Band dieser Zeit, der weitaus rauer war als bei ihren früheren Live-Aufnahmen.