mini|Typoskript von Reck-Malleczewen (ca. 1937) Friedrich Percyval Reck-Malleczewen [], eigentlich Friedrich (Fritz) Reck (* 11. August 1884 auf dem Gut Malleczewen, Kreis Lyck, Ostpreußen; † 16./17. Februar 1945 im KZ Dachau), war ein deutscher Arzt und Schriftsteller. Er war Christ und stand gegen den Nationalsozialismus.
Leben Herkunft und Ausbildung Als Sohn des ostpreußischen Rittergutsbesitzers und konservativen Abgeordneten Hermann Reck und dessen Frau Emma geb. Pietschmann (1854–1923) besuchte Friedrich Reck das Königliche Gymnasium Lyck.Paul Brock: Überragt vom Turm der Kirche. Lyck, die Hauptstadt Masurens wurde vor 555 Jahren gegründet. In: Ostpreußenblatt vom 30. August 1980, S. 11. Obwohl er eigentlich Musiker werden wollte, trat er nach dem Abitur 1904 auf Drängen seines Vaters dem Infanterie-Regiment Großherzog von Sachsen (5. Thüringisches) Nr. 94 in Jena bei. Er brach die Offizierslaufbahn ab und studierte Medizin an der Albertus-Universität Königsberg und der Universität Innsbruck. Nach dem Staatsexamen (1910) wurde er 1911 zum Dr. med. promoviert.Dissertation: Beitrag zur Genese der Zylinder des Koma diabeticum. Reck war als Assistenzarzt an der Universitätsklinik Königsberg tätig, gab aber diese Stelle bald auf, um für Zeitungen zu schreiben.
Erste Ehe, Journalist in München Noch während des Studiums heiratete Reck 1908 die Deutsch-Baltin Anna Louise Büttner (1880–1980),Laut Joachim Neander „starb“ Anna Reck-Malleczewen „mit fast 100 Jahren in Gauting bei München.“ (Joachim Neander: Zwei Entwurzelte: Friedrich Reck-Malleczewen und Herbert Volck. In: Michael Garleff (Hrsg.): Deutschbalten, Weimarer Republik und Drittes Reich, Band 2. Böhlau, Köln 2008, S. 209–226, hier S. 224, Anm. 1; im Personenregister, ebd. S. 444, ist 1980 als Todesjahr angegeben.) Musikstudentin und Tochter des in Riga ansässigen kaiserlich russischen Staatsrates Alfred Büttner (1836–1910). Der Ehe entstammten die Kinder Barbara Amata (geb. 1908), Ursula Susanne (geb. 1912), Juliane (genannt Ane, geb. 1917) und Thomas Wytold (geb. 1925, im Zweiten Weltkrieg vermisst).Herrmann A. L. Degener: Wer ist’s? 10. Ausgabe. Berlin: Degener 1935. S. 1269.Christine Zeile: Friedrich Reck – Ein biografischer Essay. In: Friedrich Reck-Malleczewen: Tagebuch eines Verzweifelten. Herausgegeben von Christine Zeile. Eichborn, Frankfurt am Main 1994, S. 251–298, hier S. 253 und 255–256. Die Scheidung erfolgte 1930, nach Jahren der Trennung.Christine Zeile: Friedrich Reck – Ein biografischer Essay. In: Friedrich Reck-Malleczewen: Tagebuch eines Verzweifelten. Herausgegeben von Christine Zeile. Eichborn, Frankfurt am Main 1994, S. 251–298, hier S. 256.Gudrun Azar: Buchhandel in der „Drachenburg“: Irma Glaser. In: Ins Licht gerückt. Jüdische Lebenswege im Münchner Westen. Herbert-Utz-Verlag, München 2008. ISBN 978-3-8316-0787-7. S. 131–133, hier S. 132. Während seine Frau und die beiden Töchter von Königsberg nach Pasing bei München zogen, reiste Reck in der zweiten Hälfte des Jahres 1912, zum Teil als Schiffsarzt, per Dampfschiff durch Süd- und dann auch Nordamerika, worüber er in der Ostpreußischen Zeitung regelmäßig berichtete.Christine Zeile: Friedrich Reck – Ein biografischer Essay. In: Friedrich Reck-Malleczewen: Tagebuch eines Verzweifelten. Herausgegeben von Christine Zeile. Eichborn, Frankfurt am Main 1994, S. 251–298, hier S. 255. Im folgenden Jahr trat er im September eine Stelle als Feuilletonredakteur und Theaterkritiker bei der neu gegründeten Süddeutschen ZeitungDie Süddeutsche Zeitung. Morgenblatt für nationale Politik und Volkswirtschaft erschien von September 1913 bis Juni 1934 in Stuttgart; vgl. in der Zeitschriftendatenbank. Sie ist nicht zu verwechseln mit der Süddeutschen Zeitung, die seit Oktober 1945 in Nachfolge der Münchner Neuesten Nachrichten in München erscheint. in Stuttgart an, was er bis März 1914 blieb, um bald darauf als Intendanzvolontär am Königlichen Hof- und Nationaltheater in München tätig zu werden.Vgl.: Heidrun Ehrke-Rotermund, Erwin Rotermund: Zwischenreiche und Gegenwelten. Texte und Vorstudien zur ,Verdeckten Schreibweise' im „Dritten Reich“. München: Wilhelm Fink 1999. ISBN 3-7705-3387-9. S. 535. Zu Recks Biographie siehe ebd., S. 535–537. Seitdem lebte er, zunächst noch zusammen mit seiner ersten Frau und den gemeinsamen Kindern, bis 1933 in Pasing, in der Mussinanstraße 10 (heute Nimmerfallstraße 11). Da Reck unter Diabetes mellitus litt, wurde er im Ersten Weltkrieg nicht einberufen.
Bereits 1913 hatte Reck in München die aus dem niederösterreichischen Böheimkirchen stammende jüdische Buchhändlerin Irma Glaser (1886–1933) kennengelernt.Gudrun Azar: Buchhandel in der „Drachenburg“: Irma Glaser. In: Ins Licht gerückt. Jüdische Lebenswege im Münchner Westen. Herbert-Utz-Verlag, München 2008. ISBN 978-3-8316-0787-7. S. 131–133. S. 131. Glasers Vater Albrecht Glaser und dessen Eltern kamen gebürtig aus St. Johann an der March, das zum damaligen oberungarischen Komitat Pressburg im transleithanischen Teil Österreich-Ungarns gehörte; vgl. ebd. Ab 1917 arbeitete diese nebenberuflich als Sekretärin für Reck und wurde ihm „bald unentbehrlich durch ihre Kenntnisse, ihre Schreibarbeiten, dann aber auch durch ihr organisatorisches Geschick in Finanzangelegenheiten und schließlich durch ihre intime Vertrautheit mit seinem ‚wahren‘ Leben, seinem Rollenspiel und seinen Absichten“.Christine Zeile: Friedrich Reck – Ein biografischer Essay. In: Friedrich Reck-Malleczewen: Tagebuch eines Verzweifelten. Herausgegeben von Christine Zeile. Eichborn, Frankfurt am Main 1994, S. 251–298, hier S. 270–272. Darüber hinaus diente sie ihm als Vorlage für die Novelle Die Fremde (Berlin 1917). Glaser lebte zunächst abwechselnd in Pasing, Bern und Wien, seit 1920 dann im Haus ihres Lebensgefährten Reck in Pasing,Gudrun Azar: Buchhandel in der „Drachenburg“: Irma Glaser. In: Ins Licht gerückt. Jüdische Lebenswege im Münchner Westen. Herbert-Utz-Verlag, München 2008. ISBN 978-3-8316-0787-7. S. 131–133. S. 131. immer „emsig bestrebt, die Schwierigkeiten seines Charakters im Umgang mit anderen Menschen auszugleichen“Christine Zeile: Friedrich Reck – Ein biografischer Essay. In: Friedrich Reck-Malleczewen: Tagebuch eines Verzweifelten. Herausgegeben von Christine Zeile. Eichborn, Frankfurt am Main 1994, S. 251–298, hier S. 270.. Der antisemitische Schriftsteller Bruno Brehm porträtierte das Paar Reck und Glaser sowie auch Recks erste Frau Jahre später in Der Lügner (Wien 1949), „seinem zwielichtigen Schlüsselroman über Reck“.Christine Zeile: Friedrich Reck – Ein biografischer Essay. In: Friedrich Reck-Malleczewen: Tagebuch eines Verzweifelten. Herausgegeben von Christine Zeile. Eichborn, Frankfurt am Main 1994, S. 251–298, hier S. 265. Zu Anfang des Jahres 1930 wurde im Hause Recks, der „ein bekanntes Original der Münchner Bohème“ war, der legendäre und bis heute fortbestehende Tukan-Kreis gegründet.Christine Zeile: Friedrich Reck – Ein biografischer Essay. In: Friedrich Reck-Malleczewen: Tagebuch eines Verzweifelten. Herausgegeben von Christine Zeile. Eichborn, Frankfurt am Main 1994, S. 251–298, hier S. 258.Peter Czoik: Friedrich Reck-Malleczewen. In: Literaturportal Bayern - Autorenlexikon. Nach fast zwanzig gemeinsamen Jahren kam Irma Glaser 1933, im Jahr der „Machtergreifung“ Adolf Hitlers und der NSDAP, unter ungeklärten Umständen durch Gasvergiftung in Recks Haus ums Leben, dieser selbst ging von Suizid aus.Christine Zeile: Friedrich Reck – Ein biografischer Essay. In: Friedrich Reck-Malleczewen: Tagebuch eines Verzweifelten. Herausgegeben von Christine Zeile. Eichborn, Frankfurt am Main 1994, S. 251–298, hier S. 272.
Konversion, zweite Ehe, Judenretter Im selben JahrSowohl Christine Zeile als auch Carl-Ludwig Reichert datieren die Konversion auf das Jahr 1933, vgl.: Christine Zeile: Friedrich Reck – Ein biografischer Essay. In: Friedrich Reck-Malleczewen: Tagebuch eines Verzweifelten. Herausgegeben von Christine Zeile. Eichborn, Frankfurt am Main 1994, S. 251–298, hier S. 256; Dagegen nennen Heidrun Ehrke-Rotermund und Erwin Rotermund als Datum der Konversion exakt den 12. März 1934; so: Heidrun Ehrke-Rotermund, Erwin Rotermund: Zwischenreiche und Gegenwelten. Texte und Vorstudien zur ,Verdeckten Schreibweise' im „Dritten Reich“. München: Wilhelm Fink 1999. ISBN 3-7705-3387-9. S. 536. konvertierte Reck vom Protestantismus zum Katholizismus und bezog das von ihm bereits 1925 erworbene Gut Poing bei Truchtlaching im Chiemgau. 1935 heiratete Reck Irmgard von Borcke, die Adoptivtochter eines befreundeten Adeligen;Joachim Neander: Zwei Entwurzelte: Friedrich Reck-Malleczewen und Herbert Volck. In: Michael Garleff (Hrsg.): Deutschbalten, Weimarer Republik und Drittes Reich, Band 2. Böhlau, Köln 2008, S. 209–226, hier S. 224. aus dieser Ehe gingen drei Töchter hervor. Vom September 1944 bis zum Kriegsende versteckte das Ehepaar Reck auf seinem Gut Poing die Jüdin Albertine Gimpel (1896–1973) vor dem Zugriff der Gestapo. Gimpel war eine Freundin und nach dem Krieg die Ehefrau des mit Reck gut befreundeten Malers Franz Herda (1887–1965), der auch anderen Juden half, sich der Deportation zu entziehen.Vgl. zu Herda: Peter Widmann: Die Kunst der Frechheit. Ein Maler und das Überleben in München. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Überleben im Dritten Reich. Juden im Untergrund und ihre Helfer. Beck, München 2003. ISBN 3-406-51029-9. S. 278–286; zur Rettung Gimpels, allerdings ohne Nennung des Ehepaares Reck, S. 280 f. u. 286; Hinweise auf Reck liefert die Biographie Herdas auf der Website seines Urenkels Christoph von Weitzel.
Recks gesamtes Leben stand unter der Problematik, seinen realen wirtschaftlichen Abstieg zu verarbeiten, der mit dem – durch seine Herkunft bedingten – Bewusstsein, einer gesellschaftlichen und geistigen Elite anzugehören, nicht zu vereinbaren war. In diesem Licht ist auch seine Literaturproduktion, die vor allem auf Verkäuflichkeit zugeschnitten war, zu sehen. 1931 äußerte Reck: „Ich kann nicht mehr […] wie bislang die besten Dinge, die ich zu sagen habe, für mich behalten und Romane für Dienstmädchen und Droschkenkutscher schreiben. Ich kann nicht an meinem Leben, wie Telegraphenstangen an einer Chaussee, Zeitungsromane aufreihen und Werke, die nur ich schreiben kann, als Torsi liegen lassen.“Zitiert nach: Christine Zeile: Friedrich Reck – Ein biografischer Essay. In: Friedrich Reck-Malleczewen: Tagebuch eines Verzweifelten. Herausgegeben von Christine Zeile. Eichborn, Frankfurt am Main 1994, S. 251–298, hier S. 259.
KZ-Haft und Tod Wie andere Vertreter der konservativen Revolution hoffte Reck anfänglich, der Nationalsozialismus könne die gesellschaftliche Nivellierung des Individuums aufhalten. In seinem 1936 begonnenen Tagebuch eines Verzweifelten zeigt sich, dass seine Hoffnung in Hass auf die Nazis umgeschlagen ist. Er bezeichnet diese als „Herde böser Affen“. Den Widerständlern vom 20. Juli 1944 um Claus Schenk Graf von Stauffenberg wirft er vor, Hitler an die Macht gebracht zu haben. Den studentischen Widerständlern der Weißen Rose um die Geschwister Scholl gilt dagegen seine Sympathie.