Der Gott der kleinen Dinge ist ein halb-autobiografisches Buch der indischen Schriftstellerin und politischen Aktivistin Arundhati Roy. Es ist ihr erster Roman. Am 4. April 1997 erschien in Neu-Delhi die englische Fassung des Buchs unter dem Titel The God of Small Things; im selben Jahr folgte die deutsche Übersetzung im Karl Blessing Verlag.
Seit der Roman 1997 den Booker-Preis gewonnen hat, nutzt Arundhati Roy ihre Bekanntheit, um auf soziale, ökologische und politische Themen aufmerksam zu machen.Arundhati Roy auf Democracy Now! (englisch). Für weitere Artikel/Podtcasts zu Arundhati Roy bitte Search DN! Site benutzen. Das Booker-Preisgeld und die Tantiemen an einigen Auflagen ihres Romans in indischen Sprachen stellte die Autorin der Bürgerrechtsbewegung gegen den Narmada-Staudamm zur Verfügung – auch nachfolgende Preisgelder stiftete sie mehrheitlich für soziale Anliegen und Projekte.Essay von Arundhati Roy auf der Website Friends of River Narmada (englisch).Interview mit Arundhati Roy auf der Website Friends of River Narmada (englisch).
Entstehungsgeschichte Nachdem Arundhati Roy fünf Jahre an ihrem literarischen Erstlingswerk mit Unterstützung ihrer Familie und ihres Ehemanns Pradip Krishen gearbeitet hatte, war sie im Mai 1996 nicht zuversichtlich, ihr Buch überhaupt veröffentlichen zu können: Rediff On The NeT: Vir Sanghri meets Arundhati Roy (englisch).
Auf der Suche nach einem Agenten traf sie Pankaj Mishra, zu jener Zeit Herausgeber von HarperCollins. Begeistert von ihrem Roman, verschickte er im Juni 1996 das Manuskript an drei britische Verleger, mit dem Kommentar
Innerhalb von drei Tagen zeigten sich zwei der Verleger bereit, Angebote für die Publikationsrechte zu unterbreiten. Da Arundhati Roy selbst kein Faxgerät hatte, wurden die Angebote an einen Nachbarn verschickt. Bevor sie sich endgültig entscheiden konnte, hatte David Godwin,David Godwin, Agent von Arundhati Roy (englisch). der dritte Empfänger ihres Manuskripts, ein Flugzeug nach Indien bestiegen, um Arundhati Roys erster Agent zu werden: Godwin machte sich an seine Arbeit, und innerhalb kürzester Zeit legten acht Verlagshäuser sehr hohe Angebote für die britischen und für die kontinental-europäischen Publikationsrechte vor. Anlässlich eines Besuchs in Wien beorderte Godwin seine Autorin nach New York, wo die Vertragsunterzeichnung mit dem renommierten Verlagshaus Random House erfolgte und sie 500.000 Pfund Sterling für die internationalen Publikationsrechte in 21 Ländern erhielt.
Im September 1996 wurde der Vertragsabschluss publik gemacht, und bis Ende Oktober waren bereits 400.000 Bücher weltweit vorbestellt – das Buch wurde bislang in 30 Ländern veröffentlicht.
Auszeichnungen 1997 – Booker Prize 2001 – Großer Preis der Welt-Akademie der Kulturen („Grand Prix“ der „Académie Universelle de la Culture“), Paris 2003 – Preis für kulturelle Freiheit („Prize for Cultural Freedom“) der „Lannan Foundation“: Hintergrundinformationen zum „2002 Lannan Cultural Freedom Prize“ (englisch). 2006 – Literaturpreis der „Sahitya Akademi“ Preisträger des Literaturpreises der „Sahitya Akademi“ (englisch). der indischen Regierung, konkret für ihr Sachbuch The Algebra of Infinite Justice, (englisch). ISBN 0-00-714949-2 – von Arundhati Roy abgelehntWebsite Word-Power: Arundhati Roy Refuses Sahitya Akademi Award: A Letter to the Chairman – Persönliche Stellungnahme von Arundhati Roy zur Ablehnung des Sahitya Akademi Awards (englisch).Website Times of India: Arundhati Roy declines Sahitya Akademi award (englisch).
mini|Arundhati Roy (2013) Als erste aus Indien stammende Autorin gewann Arundhati Roy am 14. Oktober 1997 den angesehenen Booker Prize – bemerkenswerterweise im 50. Jahr der Unabhängigkeit Indiens vom Britischen Empire; The God of Small Things ist zugleich das erste mit dem Booker Prize ausgezeichnete Debütwerk. Dame Gillian Beer,„Dame“, korrekt „Dame Commander of the British Empire“, ist eine der höchsten Ehrungen im Commonwealth of Nations respektive das Äquivalent zum Männern verliehenen Titel „Knight“ („Sir“). Die korrekte offizielle Ansprache wäre auch „Lady Gillian Beer“ oder informeller „Lady Gillian“. (englisch). Professorin für Englische Literatur an der Universität Cambridge und Vorsitzende des Stiftungsbeirats, in ihrer Danksagung anlässlich der Preisübergabe: ., aus: The Guardian vom 14. Oktober 1997 (englisch). Der Booker Prize wird seit 1969 jährlich einer Autorin / einem Autor aus den Commonwealth-Staaten für den besten Roman verliehen und zählt zu den wichtigsten literarischen Auszeichnungen weltweit.
„Der Gott der kleinen Dinge“ (Zusammenfassung)
„Die kleinen Dinge“ im Roman Im Mittelpunkt des Romans steht die Geschichte der sensiblen, fantasievollen und eigensinnigen Geschwister Rahel und Estha – biologisch zweieiige Zwillinge und nach außen hin grundsätzlich verschieden, bilden sie von ihrer Außenwelt unbemerkt ein geistig untrennbar Ganzes, das nach dem tragischen Tod zweier Menschen im Dezember 1969 auseinandergerissen wird. Von den mit ihren eigenen Problemen beschäftigten Familienmitgliedern zunehmend vernachlässigt, wächst Rahel bei der Familie ihrer Mutter in Ayemenem, Estha bei seinem in Kalkutta (seit 2001 Kolkata) lebenden Vater auf.
Rahel und Estha stammen aus einer syrisch-orthodoxen, anglophilen Familie aus der indischen Mittelschicht Keralas, ehemalige, mittlerweile verarmte Großgrundbesitzer und Betreiber der von ihrer Großmutter („Mammachi“) aufgebauten kleinen Konserven-Fabrik „Paradise Pickles & Konserven“.
mini|Karte von Kerala, Distrikt und Stadt Kottayam Handlungsschwerpunkt ist die Kleinstadt Ayemenem (Arundhati Roys Heimatstadt Aymanam),Einige Impressionen aus Aymanam (Ayemenem im Roman) (englisch) unweit von Kottayam am östlichen Rand der Backwaters, einem verzweigten Wasserstraßennetz im Hinterland der Malabarküste, im südwestlichen Bundesstaat Kerala, Indien.
Die Handlung des Romans beginnt 1993 mit Rahels Rückkehr und kurz davor der ihres Bruders Estha ins Haus der Mehrgenerationenfamilie.Autobiografische Teile des Romans, am Beispiel von Arundhati Roys Elternhaus (englisch). Der Roman wechselt beständig zu den Ereignissen im schicksalhaften Dezember 1969 – als die Zwillinge sieben Jahre alt sind und den Lesern ihre fantasievolle Sichtweise „der kleinen Dinge“ wiedergeben – und dem Jahr 1993, zusammen mit der Verwendung von Begriffen in Malayalam ein weiterer Aspekt von Arundhati Roys Erzählstil.
Als Rahel 31 Jahre alt ist, kehrt sie auf einen Brief ihrer Großtante hin nach Ayemenem zurück, zum ersten Mal seit ihrem Studium und der Heirat mit einem Amerikaner – Larry McCaslin hat sie zwar sehr geliebt, konnte aber ihr Denken und Fühlen nicht verstehen, sodass eine Trennung unausweichlich war. Rahel und mit ihr die Leser beginnen mit Fortschreiten der Geschichte die Hintergründe der Ereignisse im Dezember 1969 zu verstehen. Das schwelende Unglück der Familienmitglieder nahm in jenem Jahr vollends einen tragischen Verlauf, mit dem Besuch von Chackos aus England stammender Ex-Frau Margaret und ihrer neunjährigen Tochter Sophie Mol in Ayemenem, nachdem Margarets zweiter Ehemann Joe gestorben war.
Erzählt wird auch die Geschichte von Ammu, der jung von einem Hindu aus Bengalen geschiedenen Mutter der Zwillinge.Lassen sich indische Frauen scheiden, setzen sie sich vielfältigen sozialen und wirtschaftlichen Problemen aus. Nathalie Peyer Strauss untersucht im Rahmen ihrer Dissertation, wie Frauen in der südindischen Stadt Madurai mit Ehekonflikten umgehen. Vollständiger Beitrag auf: Universität Zürich: Zwischen Anpassung und Widerstand. Ihr erkennt die indische Gesellschaft und ihre eigene Familie keinen würdigen Platz im Alltag Keralas zu. Ammu rebelliert gegen ihr Schicksal, indem sie verbotenerweise und, ohne mögliche Folgen zu bedenken, mit Velutha die Schranken des unerbittlichen Kastensystems überschreitet.
Die „ungeschriebenen Gesetze, die festlegen, wer wie geliebt werden sollte“ (und wie sehr) haben gleichsam Einfluss auf die in episodenhaft geschilderten weiteren Charaktere des Romans, insbesondere der weiblichen Familienmitglieder und der mit ihnen eng verbundenen Menschen aus vier Generationen. Ereignisse, die – einer ‚unbarmherzigen Logik‘ gehorchend – binnen zweier Wochen die schon stark belasteten familiären Bindungen dauerhaft zerrüttet und zwei Menschen an einem Tag das Leben gekostet haben.
„Die großen Dinge“ im Roman Parallel zu den „kleinen Dingen“ führt der Roman die sozialen Spannungen Indiens in den späten 1960er Jahren vor Augen. 20 Jahre nach der längst noch nicht vollzogenen Unabhängigkeit fühlen sich weite Teile der Ober- und Mittelschicht immer noch dem Britischen Empire zutiefst verbunden und befürchten den völligen Verlust ihrer verbleibenden Privilegien – „die großen Dinge“Dilip M. Menon: Caste, nationalism, and communism in South India: Malabar, 1900–1948. Cambridge University Press, 1994, ISBN 0-521-41879-8. in Arundhati Roys Roman: mini|Syrisch-christliche Cheriapally Kirche in Kottayam mini|Kathakali-Tänzer – Kapitel Kochu Thomban, in Malayalam sinngemäß ‚kleiner Elefant‘ mini|Kerala wird aufgrund seiner vielschichtigen Verflechtung von Kulturen, Traditionen, politischen Strömungen und Religionen oft als „God’s own Country“ (Gottes eigenes Land) bezeichnet. Festival im Mahadevar-Tempel, Pandalam. Der Kommunismus/Marxismus in Kerala, die Gewerkschaftsbewegung, die radikale politische Bewegung der Naxaliten und die Auswirkungen auf die komplexe Gesellschaft Keralas seit dem demokratischen Wahlsieg von E. M. S. Namboodiripads Communist Party of India (CPI) im Jahr 1957; das unerbittliche Kastensystem und insbesondere der diskriminierende Alltag der Dalit; soziale und religiöse Spannungen inner-/außerhalb der Familie und die Lebensart der den Bundesstaat Kerala dominierenden syrisch-christlichen Mittel- und Oberschicht (19,32 % der Bevölkerung), zumeist feudalistische Großgrundbesitzer und Arbeitgeber für die Mehrheit der Bevölkerung aus Hindus (57,38 %) und Muslimen (23,33 %) aus unterschiedlichen Kulturkreisen.Informationsministerium Bundesstaat Kerala, Statistik Stand 1991
Weitere wichtige Themen sind sexuelle Ausbeutung, Pädophilie (insbesondere Kapitel Abhilash Talkies), Umweltzerstörung und der ‚Ausverkauf der Heimat‘ am Beispiel des Tourismus (Kapitel Gottes eigenes Land) sowie der Verlust der kulturellen Identität (Kapitel Cochin Känguruhs und Kochu Thomban), die Arundhati Roy teilweise auch in drastischer Form und Weise anspricht.
Dies alles – „die großen und kleinen Dinge“ – spielen in Arundhati Roys Roman eine wesentliche Rolle, aus einer durchaus matriarchalisch orientierten Perspektive bilderreich, poetisch und nicht ohne Humor rückblickend erzählt, sodass sich auch für die Protagonisten selbst viele Zusammenhänge erst im Nachhinein erschließen.
Personen des Romans Rahel («ohne zweiten Vornamen») – ist die Zwillingsschwester von Estha (18 Minuten jünger als er) und die Tochter von Ammu und Baba. Zu einem Gutteil wird die Geschichte der Familie aus ihrer Sicht als Siebenjährige im Jahr 1969 und als 31-jährige Frau erzählt, darin eingeschoben Teile der Lebensgeschichten der Familienmitglieder. Obwohl äußerlich von ihrem Zwillingsbruder sehr verschieden, teilt sie auf einer seelisch tiefliegenden Ebene die Gefühle und Gedanken ihres Bruders, wie er auch die ihren, und bildet mit ihm, von der Außenwelt unbemerkt, eine einzige Persönlichkeit und nicht zwei voneinander unabhängige. Estha (Esthappen Yako) – Rahels Zwillingsbruder hat nach traumatischen Kindheitserlebnissen von 1969 beschlossen, nicht mehr zu reden. Seit dem siebten Lebensjahr lebte er von Schwester und Mutter getrennt bei seinem Vater in Kalkutta, bis er der Familie seiner Mutter 1993 „zurück-zurückgegeben“ wird.