mini|hochkant|Dazai Osamu (Februar 1948)
Dazai Osamu (; * 19. Juni 1909 in Kanagi-cho (), heute: Goshogawara, Präfektur Aomori; † 13. Juni 1948 in Tokio; eigentlich Tsushima Shūji, ) war ein japanischer Schriftsteller.
Leben
Dazai wurde als zehntes von elf Kindern geboren. Sein Vater, Tsushima Gen’emon, war ein wohlhabender Landbesitzer und Abgeordneter des japanischen Parlaments. Tsushima Gen’emon wurde ins Unterhaus gewählt, als Dazai drei Jahre alt war, und zehn Jahre später ins Oberhaus. Das Haus, in dem Dazai geboren wurde, hatte 19 Räume, Küche und Diensträume nicht mitgezählt. Irmela Hijiya-Kirschnereit meint, Dazai habe in seiner Familie eine Außenseiterrolle einnehmen müssen und nur zu seinem Kindermädchen Take eine emotionale Beziehung aufgebaut. Er las viel und begann im Alter von 13 Jahren Geschichten zu schreiben.Irmela Hijiya-Kirschnereit: Nachbemerkung, in: Dazai Osamu, Gezeichnet, Frankfurt/Main, Leipzig 1997, S. 137–151, S. 140.
Ein einschneidendes Erlebnis in seiner Jugend war der Freitod seines Idols Akutagawa Ryūnosuke im Jahr 1927. An der Universität in Tokio studierte Dazai französische Literatur (1930 bis 1935). Sein Ehrgeiz galt weniger dem akademischen Erfolg und so begann er seine Zeit mehr und mehr mit Schreiben zu verbringen, schloss sich kurzzeitig einer marxistischen Bewegung an und brach das Studium schließlich ab.
mini|Wohnhaus Dazais und Gedenkstätte, aus Hibaholz im Juni 1907 gebaut
1933 veröffentlichte er die ersten Kurzgeschichten und nahm das Pseudonym „Dazai Osamu“ an. Er fand erst als Schüler von Ibuse Masuji ab 1935 allgemeine Anerkennung. In den Jahren 1928 bis 1935 beging er drei Selbstmordversuche. 1928 versuchte er sich mit einer Überdosis Schlafmitteln das Leben zu nehmen, 1930 verbündete er sich mit der 19-jährigen Kellnerin Shimeko, beide wollten zusammen ins Wasser gehen: Das Mädchen starb, Dazai überlebte und musste sich vor der Polizei verantworten und schließlich misslang ihm 1935 der Versuch, sich zu erhängen. Drei Wochen nach seinem letzten gescheiterten Suizidversuch bekam er eine Blinddarmentzündung und musste operiert werden. Durch die Behandlung im Krankenhaus wurde Dazai abhängig von Schmerzmitteln. Über ein Jahr kämpfte er gegen die Sucht an und wurde im Oktober 1936 schließlich in eine Anstalt gebracht, in der er sich zu einem kalten Entzug entschloss. Seine dort gemachten Erfahrungen lässt er in das Buch Gezeichnet einfließen. Die Behandlung dauerte über einen Monat; währenddessen betrog ihn seine erste Frau Oyama Hatsuyo () mit einem engen Freund. Als Dazai von der Affäre erfuhr, versuchten die beiden Eheleute gemeinsam Suizid zu begehen. Als dies nicht gelang, ließen sie sich scheiden. Dazai heiratete am 8. Januar 1939 Ishihara Michiko (). Das Paar reiste viel und er schrieb literarische Reiseberichte. Am 7. Juni 1941 wurde ihre Tochter Sonoko geboren.
Als Japan in den Zweiten Weltkrieg eintrat, wurde Dazai aufgrund eines Brustkorbleidens nicht eingezogen. Während der Kriegsjahre war sein Schaffen sehr gebremst, nicht zuletzt wegen der stärker werdenden Zensur, die den Druck seiner Arbeiten unterband. Sein Haus wurde mehrmals bombardiert. Am 10. August 1944 wurde der Sohn Masaki geboren. Aufgrund des Bombardements verließ die Familie im April 1945 die Stadt und als sie im November zurückkam, begann Dazai mit mehreren Frauen ein Verhältnis. 1947 kamen zwei Töchter Dazais zur Welt: die zweite eheliche Tochter Satoko (später Yūko ()) am 30. März, außerdem gebar eine Geliebte Dazais, Ōta Shizuko, am 12. November ein Mädchen, das Haruko genannt wurde.
mini|hochkant|Yamazaki Tomie
Nach dem Zweiten Weltkrieg veränderte sich sein Schreibstil und spiegelte vermehrt die Probleme, Rebellionen und selbstmörderischen Gedanken seiner Jugend wider.
Am 13. Juni 1948 ertränkte sich Dazai mit Yamazaki Tomie (), seiner Geliebten, im Tama-Kanal (, Tamagawajōsui).Irmela Hijiya-Kirschnereit: Nachbemerkung, in: Dazai Osamu, Gezeichnet, Frankfurt/Main, Leipzig 1997, S. 137–151, S. 139. Am 19. Juni, seinem 39. Geburtstag, wurde seine Leiche geborgen. Er hinterließ einen nicht vollendeten Fortsetzungsroman mit dem Titel Guddo bai.
Seine Urne wurde im Tempel Zenrin-ji () in Mitaka, Präfektur Tokio beigesetzt. Das Geburtshaus Dazais beherbergt heute als Dazai-Osamu-Gedenkstätte ein seinem Leben und Werk gewidmetes Museum. Zum Gedenken an den Schriftsteller wird alljährlich der Dazai-Osamu-Preis gemeinsam von der Stadt Mitaka und dem Verlag Chikuma Shobō an Nachwuchsschriftsteller vergeben.
Stammbaum Dazais Dazais älterer Bruder Tsushima Bunji war Bürgermeister von Kanagi und später Gouverneur von Aomori. Seine Tochter Yūko Tsushima wurde ebenfalls Schriftstellerin und veröffentlichte ihre erste Geschichte 1969. Sie starb 2016 im Alter von 68 Jahren. Yūji Tsushima ist der Ehemann von Dazais Tochter Sonoko.
Werke Dazai war stark vom Shishōsetsu (Ich-Roman) beeinflusst. So sei er laut James A. O’Brien eher an persönlichen, archetypischen Erfahrungen interessiert gewesen, als daran fiktionale Charaktere zu schaffen. Sein Werk sei hochgradig subjektiv. Dies bedeute jedoch nicht, dass sein Werk rein autobiographisch sei. Vielmehr erfand er zum Zwecke der emotionalen Kommunikation Ereignisse, die er dann in seinen Erzählungen ausmalte. Die Erschaffung einer fiktionalen Welt sowie einer Rahmenhandlung waren Dazais Hauptprobleme beim Schreiben, deren er sich aber bewusst gewesen sei. Er griff daher neben anderen auf Werke von Saikaku und Schiller zurück. Auch wird in seinem Werk ein Einfluss der proletarischen Literatur ausgemacht, der sich vor allem in der Zeit vor 1945 zeige. Dieser wird auf Dazais Herkunft sowie auf die Attraktivität des Hōgan biiki (, wörtlich „Parteinahme für den Magistrat“, etwa „Mitgefühl mit dem Verlierer“) zurückgeführt. Dies erkläre auch den Standpunktwechsel Dazais nach Ende des Zweiten Weltkriegs, als Dazai nun auf der Seite des Tennō und der Landbesitzer stehe, die den sozialen Hintergrund des Romans Die sinkende Sonne bildeten.
Dazai behandelte universelle Themen und verwandte eine scheinbar einfache Sprache. Doch machte es u. a. sein eigenwilliger Humor schwer, sein Werk zu übersetzen. Die Traurigkeit, die sein Schreiben durchziehe, werde stets von dem Bewusstsein, dass dies eine absurde Welt sei, ausgeglichen.
Donald Keene vergleicht Dazais Talent mit dem eines großartigen Kameramannes, der seinen Blick an Momenten des eigenen Lebens schärfe, aber Komposition und Auswahl mache seine Arbeit zu einem kreativen Kunstwerk.Zitiert in
Deutsche Übersetzungen
1958: 1965: Übersetzungsvorlage: Für eine Liste der in Nippon enthaltenen Autoren und Titel, siehe das Inhaltsverzeichnis der Deutschen Nationalbibliothek oder den Online-Katalog des DIJ. 2017: 1975: Für eine Liste der enthaltenen Autoren und Titel der inhaltlich leicht veränderten Auflage von 1992, siehe das Inhaltsverzeichnis der Deutschen Nationalbibliothek. 1983: 1988: 1990: Für eine Liste der enthaltenen Autoren und Titel, siehe das Inhaltsverzeichnis der Deutschen Nationalbibliothek. 1992: Für eine Liste der enthaltenen deutschsprachigen Titel, siehe das Inhaltsverzeichnis der Deutschen Nationalbibliothek. Die dortige Erzählung Kirschen (, Ōtō, 1948) wurde bereits 1963 aus dem Japanischen von Ralph-Rainer Wuthenow übersetzt, basierend auf der Rohübersetzung von Kazuo Tanahashi; 1999: 2025: 2002: Für eine Liste der vertretenen Autoren, siehe das Inhaltsverzeichnis bei der Deutschen Nationalbibliothek. 2002: 2003: 2010: 2011: Für eine Liste der enthaltenen Titel, siehe das Inhaltsverzeichnis bei der Deutschen Nationalbibliothek. Vergleiche dazu den Verriss von 2011: 2011: 2012: Für eine Liste der enthaltenen Titel, siehe das Inhaltsverzeichnis bei der Deutschen Nationalbibliothek. 2014: 2016:
Gesammelte Werke Dazai Osamu’s Werke (Band 1): Das Gesamtwerk des Autors in geplanten 12 Bändern. Aus dem Japanischen von Erika Strohbach. BOD (Independently published), Königswinter 2024, ISBN 979-8-32799770-7.
Hörbücher Gezeichnet: No Longer Human. Gesprochen von Bastian Palmersheim. Aus dem Japanischen von Erika Strohbach. Ohrensive, Königswinter 2024, EAN 4099995795561
Literatur Phyllis I. Lyons: The Saga of Dazai Osamu: A Critical Study With Translations, Stanford, Calif.: Univ. Press, 1985. ISBN 0-8047-1197-6. James A. O’Brien: Dazai Osamu, Boston: Twayne Publishers, 1975. ISBN 978-0-8057-2664-0. Alan Wolfe: Suicidal Narrative in Modern Japan: the Case of Dazai Osamu, Princeton, NJ: Princeton Univ. Press, 1990. ISBN 0-691-06774-0. S. Noma (Hrsg.): Dazai Osamu. In: Japan. An Illustrated Encyclopedia. Kodansha, 1993. ISBN 4-06-205938-X, S. 275.
Weblinks
Digitalisierte Werke bei Aozora Bunko (japanisch) Dazai Museum (jap., engl. korean., chin.) Rezensionen der Werke: Das Gemeine und andere Erzählungen, Die sinkende Sonne, Die Teufel des Tsurugi-Berges, Einspruch der Dekadenz, Gezeichnet
Einzelnachweise
Kategorie:Autor Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert) Kategorie:Literatur (Japanisch) Kategorie:Pseudonym Kategorie:Japaner Kategorie:Geboren 1909 Kategorie:Gestorben 1948 Kategorie:Mann