Die Zweite Spanische Republik () bezeichnet die Epoche von 1931 bis 1936 bzw. 1939 in Spanien, in der eine neue demokratische Staatsform (Republik) existierte und die von scharfen politischen sowie ökonomischen Konflikten des Landes gekennzeichnet war. Ein Staatsstreich rechtsgerichteter Teile der Armee gegen die gewählte linke Regierung löste 1936 den Spanischen Bürgerkrieg (1936–1939) aus, in dem die Republik vom Franquismus gewaltsam verdrängt wurde.
Vorgeschichte mini|Hauptseite des Heraldo de Madrid vom 13. April 1931, auf der der Wahlerfolg der Republikaner begrüßt wird mini|Feiern zur Ausrufung der Zweiten Spanischen Republik in Barcelona, 1931
Nach dem Abflauen der Konjunktur während der Weltwirtschaftskrise des Jahres 1929 scheiterte ein Jahr später auch die Diktatur Primo de Riveras, die sich zum Ziel gesetzt hatte, das Regime der Restaurationszeit entweder wesentlich zu verbessern oder ganz zu ersetzen. Nach einem kurzen Intermezzo unter General Berenguer war schließlich auch die Monarchie am Ende. Mit dem Pakt von San Sebastián, der von zwei ehemaligen monarchistischen Politikern – Miguel Maura und dem Großgrundbesitzer Niceto Alcalá Zamora – vorangetrieben wurde, hatte die republikanische Bewegung an Zugkraft gewonnen, während die alte Ordnung mehr und mehr an Prestige verloren hatte. Nach einem misslungenen republikanischen Militärputsch im Dezember 1930 kam es im April 1931 zu landesweiten Gemeindewahlen, die allgemein, auch von den Anhängern der Monarchie, als klares Votum gegen das Ancien Régime interpretiert wurden. Die ersten Teilergebnisse hatten zwar noch eine scheinbar deutliche Mehrheit der Monarchisten erkennen lassen, welche laut den Memoiren des monarchistischen Ministers Hoyos zum Zeitpunkt der Ausrufung der Republik viermal mehr Sitze gewonnen hätten.Marqués de Hoyos: Mi Testimonio. Madrid 1962, S. 122 ff. Dies war allerdings zum Teil einer Regelung (Artikel 29) geschuldet, die in manchen Gemeinden die Mandate ohne Wahl vergab, was zu 90 % den Monarchisten zugutekam.Durch den Artikel 29 des Wahlgesetzes von 1907 wurden, insbesondere in kleinen Gemeinden, rund 20 % der spanischen Gesamtbevölkerung ihrer Wahlmöglichkeit beraubt. 14.018 solcherart ohne Urnengang vergebenen monarchistischen Mandaten standen nur 1.832 republikanische gegenüber. Im Gesamtergebnis kamen die Republikaner laut dem Historiker Javier Tussell auf 48,8 % der KommunalmandateJavier Tusell beziffert das Endergebnis – welches erst nach der Ausrufung der Republik vorlag – folgendermaßen: Monarchisten: 40.324; Kommunisten 67; Republikaner: 34.688; Sozialisten: 4.813; Sonstige 1.207. Miguel Martínez Cuadrado errechnete im Jahr 1969 () folgende Sitzverteilung: 19.035 Anhänger von Alfonso XIII, 39.568 Republikaner; 15.198 Sonstige, die keinem Lager zuordenbar sind. und gewannen die Mehrheit in 41 von 50 Provinzhauptstädten (in Madrid übertrafen sie das Ergebnis der Monarchisten um das Dreifache, in Barcelona um das Vierfache). Der monarchistische Politiker Marqués de Hoyos kommentierte den Wahlausgang wie folgt: „Die Nachrichten, die aus den wichtigen Dörfern kamen, waren ebenso katastrophal wie die aus den Provinzhauptstädten.“Zitiert nach Jorge Hernández Aliques (Hrsg.): Historia de España. Espasa Calpe, Band 11, ISBN 84-239-8959-3, S. 476.
Angesichts dieser Ergebnisse proklamierte Alcalá Zamora am 14. April 1931 die neue Republik. Die Republik wurde vom Großteil der Bevölkerung überschwänglich begrüßt, da sie an die Demokratie große Hoffnungen knüpfte. Die Republik wurde als („das schöne Mädchen“) bezeichnet. Auch Alfons XIII. erkannte im Wahlresultat ein Votum gegen die Monarchie und verließ – ohne formell auf seinen Thronanspruch zu verzichten – das Land. Am 17. April veröffentlichte die monarchistische Tageszeitung ABC sein Abschiedsmanifest, in dem es hieß:
Es gab keinen Widerstand gegen den Umsturz, was für die Geschichte Spaniens, in der politische Konflikte zumeist gewaltsam ausgetragen wurden, ungewöhnlich war. So kam es zu einem Regierungsbündnis zwischen den linksrepublikanischen Parteien und den Sozialisten des PSOE. Der Schriftsteller Manuel Azaña von der Acción Republicana wurde zum ersten Ministerpräsidenten gewählt; Niceto Alcalá Zamora besetzte das Amt des Staatspräsidenten.
Die Geburt der Republik fand in einer Phase statt, in der sich die liberale repräsentative Demokratie in Europa in der Defensive befand. Bereits im Oktober 1922 hatten die italienischen Faschisten mit dem Marsch auf Rom die Macht ergriffen und 1925 das parlamentarische System endgültig ausgeschaltet. Die Verhältnisse in Frankreich verschlechterten sich, die Spannungen und Übergriffe nahmen zu. Noch schärfer waren die Konflikte in Österreich. Die deutsche Weimarer Republik, die für Spanien ein verfassungspolitischer Orientierungspunkt war, wurde ab dem Jahr 1933 praktisch ausgeschaltet.
Sozioökonomische Struktur mini|Bevölkerungsdichte Spaniens im Jahr 1930. Zentren der Urbanisierung und Industrialisierung waren Katalonien und das Baskenland. + Die größten Städte in der Zweiten Spanischen Republik (nach dem Zensus von 1930) Rang Stadt Einwohner 1. Barcelona 1.005.565 2. Madrid 952.832 3. Valencia 320.195 4. Sevilla 228.729 5. Málaga 188.010 6. Zaragoza 173.987 7. Bilbao 161.987 8. Murcia 158.724 9. Granada 118.179 10. Córdoba 103.106 Spanien blieb auch zu Zeiten der Zweiten Republik eine Gesellschaft mit stark agrarischer, semi-feudalistischer Struktur. Nur in den nördlichen Randgebieten der Iberischen Halbinsel, insbesondere den nach mehr Autonomie strebenden Landesteilen Katalonien und Baskenland, hatte sich eine Industrie entwickelt, die mit westeuropäischen Standards vergleichbar war. Dennoch war in den industriellen Ballungsräumen wie auf dem Lande für große Bevölkerungsteile ein dauerhafter Einkommensausfall existenzbedrohend. Diese Situation barg hohes soziales Konfliktpotential, da die wirtschaftlichen Eliten nicht zu sozialpolitischen Zugeständnissen bereit waren. Die spanische Wirtschaft wurde von der Weltwirtschaftskrise ab 1929 nicht unmittelbar berührt, da sie stark binnenmarkt-orientiert war; sie exportierte kaum. Sie war allerdings auf einen ständigen Zufluss ausländischer Investitionen angewiesen, die aufgrund der Krise und einer gewissen Abneigung gegenüber der Republik abnahmen. Ebenso häuften sich Fälle von Kapitalflucht, was insgesamt zu steigender Arbeitslosigkeit und verschärfter Armut beitrug.
Träger der alten Ordnung Der Wirtschaftssektor Landwirtschaft war insbesondere in den südlichen Regionen Andalusiens und der Extremadura durch extreme Eigentumskonzentration zugunsten von Großgrundbesitzern geprägt. Diese trugen zur Wirtschafts- und Kaufkraftentwicklung wenig bei, da sie sich weitgehend darauf beschränkten, ihre ökonomischen und politischen Machtpositionen gegenüber der großen Masse von Landarbeitern und Tagelöhnern (yunteros) zu verteidigen, anstatt eine produktive Entwicklung und effizientere Wirtschaftsweisen zu unterstützen, von denen mehr Menschen hätten profitieren können. Sie handelten gemäß ihrem Ideal der Hispanität, inspiriert von der imperialen Größe Spaniens während der Frühen Neuzeit, in der die Granden das Leben der Nation uneingeschränkt dominiert hatten. Die Industriellen und Bankiers standen dagegen noch im Verdacht, keine „echten Spanier“ zu sein.
Die Hispanität verkörperten vor allem die Offiziere, die sich seit der Niederlage im Spanisch-Amerikanischen Krieg 1898 und den verlustreichen Marokko-Feldzügen zunehmend den Zuständen im Heimatland widmeten. Dabei sahen sie sich in einer Tradition, in der seit dem frühen 19. Jahrhundert die Armee mehrfach in das politische Leben eingegriffen und amtierende Regierungen durch Staatsstreiche (spanisch pronunciamentos) gestürzt hatte. Mittlerweile war der Anteil der Offiziere im Gesamtkorps überproportional angestiegen und die Ausrüstung des Heeres in einem Zustand, der sie lediglich zur Niederwerfung innerer Unruhen befähigte.
Die dritte Säule dieser traditionellen Machtstrukturen bildete die katholische Kirche Spaniens. Ihre im Vergleich zum restlichen Europa sehr weitreichenden Vorrechte wollte sie von Säkularisierungstendenzen unangetastet wissen. Dabei ging es auch um erhebliche Besitztümer, denn die Mitglieder des Hohen Klerus gehörten zu den größten Grundbesitzern des Landes und den einflussreichsten Personen im Bankensektor.
Die Mittelschicht Am Rande dieser oligarchischen Trias lebte die Mittelschicht, der gesellschaftliche Träger einer modernen demokratischen Republik. In ihr fanden sich eindeutig liberale und laizistische, aber auch katholisch-konservative bis nationalistische Tendenzen. Sie machte allerdings nicht einmal 20 % der Bevölkerung aus und war gespalten zwischen den autoritären Neigungen der alten Eliten und den teils gewalttätig vorgetragenen Forderungen der organisierten Arbeiterschaft.
Die organisierte Arbeiterschaft Im Jahre 1869 waren Abgesandte der divergierenden Strömungen der Ersten Internationale in kurzem Abstand über die Pyrenäen gereist, um ihre Ideen zu verbreiten. Zunächst war der Erfolg recht unterschiedlich gewesen, denn vor allem die mit den Sozialisten konkurrierenden Anarchisten hatten unter den spanischen Bauern rasch Anhänger gewinnen können. Nach dem Scheitern der Ersten Republik im Dezember 1874 vertrat der Staat immer noch uneingeschränkt und mit Gewalt die Interessen der „oberen Zehntausend“, während die „soziale Frage“ im übrigen Westeuropa vor dem Ersten Weltkrieg durch gesetzliche Reformen, die sozialpolitische Konzessionen enthielten, gemildert worden war.
Zudem war die Mitgliedschaft in anarchistischen Organisationen im Gegensatz zu sozialistischen beitragsfrei; dort gab es so gut wie keine bezahlten Funktionäre. Im Laufe der Jahre konnte auch die 1888 gegründete sozialistische Gewerkschaft UGT einen stetigen Mitgliederzuwachs verzeichnen. Sie behielt ihren reformistischen Kurs auch nach der Russischen Revolution von 1917 bei. Die Anarchisten, die eigene Vorstellungen von einer Revolution und einer kommunistischen Gesellschaft hatten, entwickelten Anfang des 20. Jahrhunderts eine neue, den industriellen Verhältnissen angepasste Organisationsform. Inspiriert vom französischen Syndikalismus gründeten sie die Gewerkschaft CNT. In der Entwicklung der beiden genannten Gewerkschaften bildeten sich regionale Schwerpunkte. Die Sozialisten waren vor allem in den kastilischen Gebieten León und La Mancha, der Extremadura und Asturien stark vertreten; die Anarchisten in Valencia, Katalonien, Andalusien und Aragonien. Beide Gewerkschaften besaßen eine Mitgliederschaft, die über die Milliongrenze hinausging.
Reformjahre 1931–1933 Der neue Staat beanspruchte für sich, Spanien moderner und gerechter zu machen. Dabei wollte die Regierung drei Problemkomplexe bewältigen: Die Kompetenzen des Madrider Zentralstaates sollten zugunsten der historischen Regionen neu definiert, die Dominanz der traditionellen Eliten zurückgedrängt und die Eigentumsfrage auf dem Lande neu gestellt werden.
Neben diesen Grundsatzfragen war die Fortsetzung des während der Diktatur begonnenen wirtschaftlichen Aufschwungs von unmittelbarer Bedeutung. In dieser Zeit konnte Spanien erstmals seit den Napoleonischen Kriegen seinen ökonomischen Rückstand auf die bedeutenden europäischen Länder aufholen, allerdings auf Kosten einer Verdopplung der Staatsschuld, jedoch auf einem – im europäischen Vergleich – niedrigen Niveau von 22 % des BIP. Dem neuen Finanzminister gelang es, bei Beibehaltung des Steuersystems den Schuldenstand um 50 % zu reduzieren.
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