Der Megalodon (Otodus megalodon, Syn.: Megaselachus megalodon, Carcharocles megalodon oder Carcharodon megalodon) ist eine ausgestorbene Haiart aus der Familie der Otodontidae oder möglicherweise der Makrelenhaie (Lamnidae), die von Louis Agassiz im Jahr 1835 wissenschaftlich beschrieben wurde. Der Fossilbericht dieses Haies reicht vom oberen Miozän bis zur Pliozän-Pleistozän-Grenze vor 3,6 oder 2,6 Mio. Jahren und besteht aus weltweiten Zahn- oder (seltener) Wirbelfunden. Diese Art bevorzugte vermutlich die euphotische Zone warmer Meere. Mit einer geschätzten Maximallänge von 16 bis 20 m war O. megalodon wahrscheinlich die größte Haiart der Erdgeschichte. Merkmale umfassen die enorme Körpergröße und die großen, dreieckigen Zähne, weshalb diese Art früher der Gattung Carcharodon zugeordnet wurde. Neuere Studien vermuten aber eher, dass O. megalodon weniger nahe mit dem Weißen Hai verwandt war, und ordnen das Tier verschiedenen Gattungen zu (Carcharocles, Megaselachus oder Otodus, wovon erstere die geläufigste in wissenschaftlichen Arbeiten, letztere die heute gültige ist), die alle innerhalb der ausgestorbenen Familie Otodontidae liegen. Trotz der spärlichen Überreste beschäftigen sich zahlreiche Studien mit dem Körperbau, der Beißkraft und der Beute dieses Tieres. Der Name setzt sich aus dem altgriechischen Wörtstämmen μεγαλο- megalo- ‹groß› und ὀδοντ- odont- ‹Zahn› zusammen.
Fossilbericht und Verbreitung mini|links|hochkant|Zahn eines Megalodons mini|16 m lange plastische Lebendrekonstruktion von Megalodon, im Vordergrund eine Kieferrekonstruktion
Die Existenz des Megalodons wird durch fossile Zähne dokumentiert, die auf ein Alter von 2 bis 17 Millionen Jahren datiert wurden. Sie wurden in Australien, Europa, Afrika, Indien, Japan, Süd- und Nordamerika gefunden, was auf eine weltweite Verbreitung hindeutet. Einige dieser Zähne sind mehr als 18 cm lang. Ähnlich wie der heutige Weiße Hai bevorzugte auch Otodus megalodon wahrscheinlich Küstenregionen in warmen Meeren. Die Zähne werden meistens in Sedimenten gefunden, die auf Meerestiefen von weniger als 200 m hindeuten, allerdings ist es möglich, dass O. megalodon auch in Meerestiefen von bis zu 300 m vorkam. Seine riesigen Zähne wurden von steinzeitlichen Menschen für Speerspitzen und Ähnliches verwendet. Gewöhnlich überdauern bei Knorpelfischen lediglich Zähne und lassen Rückschlüsse auf das Tier zu, der verkalkte Skelettknorpel ist hingegen kaum erhaltungsfähig. Deshalb gibt es von Megalodon lediglich vereinzelte Wirbelfunde sowie Bissspuren an Walknochen. Das am besten erhaltene Exemplar (IRSNB P 9893, ursprünglich IRSNB 3121) ist durch eine Wirbelsäule aus dem Miozän von Belgien bekannt, der 141 Rückenwirbel zugeordnet werden. Der Durchmesser der Wirbel reicht von 5,5 bis 15,5 cm. Der größte bekannte Wirbel, der O. megalodon zugeordnet werden kann, wurde in einem Verband von 20 Wirbeln (NHMD 157890) in der obermiozänen Gram-Formation in Dänemark gefunden und hat einen Durchmesser von ungefähr 23,0 cm.Tyler Greenfield: List of skeletal material from megatooth sharks (Lamniformes, Otodontidae). In: Paleoichthys. Band 4, 2022, S. 1–9 (2022).Kenshu Shimada, Mette Elstrup, Henrik Lauridsen, Trine Sørensen, Mikael Siversson: Rediscovery of the associated gigantic vertebrae of the extinct megatooth shark, Otodus megalodon, from the Upper Miocene Gram Formation in Denmark, and comments on its paleobiological significance and the maximum possible size of the species. In: Palaeontologia Electronica. Band 29, Nr. 2, 2026, S. a27, doi:10.26879/1674. Einige prismatische Knorpel aus späten känozoischen Schichten könnten zu O. megalodon gehören, allerdings ist dies umstritten.
Merkmale Zähne und Kiefer mini|Kieferrekonstruktion eines Megalodons, ausgestellt im American Museum of Natural History mini|links|Die bisher am vollständigsten überlieferte Bezahnung von O. megalodon aus der Peace-River-Formation in Florida O. megalodon hatte dreieckige Zähne mit fein gesägten Schneidekanten und einer V-förmig eingebuchteten Zahnwurzel. Während die vorderen Zähne groß und symmetrisch sind, sind die hinteren eher asymmetrisch mit einer leicht schrägen Krone. Neben den vorderen und hinteren Zähnen verfügte O. megalodon noch über seitliche Zähne und Zwischenzähne (engl. intermediate tooth) im Oberkiefer. Im Oberkiefer verfügt O. megalodon über vier vordere Zähne, zwei Zwischenzähne, 14 seitliche und acht hintere Zähne. Im Unterkiefer sind es sechs vordere, 16 seitliche und acht hintere Zähne. In einigen Studien wird nur zwischen vorderen und seitlichen Zähnen unterschieden.Pimiento et al. 2010, Abb. S1 Seitliche Zacken an der Zahnwurzel (welche bei den Verwandten von O. megalodon vorkommen) fehlen, allerdings sind sie bei Jungtieren gelegentlich vorhanden. Die Zähne sind breit, aber nicht sehr dick.James Riordon: Hell’s teeth. In: NewScientist Magazine. 2190, Juni 1999, S. 32. Auf Basis der Zahngröße und den Proportionen eines heutigen Weißen Hais wurde ein Gebiss rekonstruiert, das groß genug gewesen wäre, einen aufrecht stehenden Menschen zu verschlingen. Das Gebiss wird auf eine Breite von über 3 m und eine Höhe von über 2,5 m geschätzt.David Herskowitz, Peter Wiggins: Huge Shark Jaw. In: Natural History. Heritage Auctions. 21. Dezember 2010. (fineart.ha.com, PDF; 610 kB). Die Kiefer wurden von Gottfried und Kollegen als größer, robuster, massiver und mit stärkeren Muskeln als die des Weißen Hais rekonstruiert.
Wirbel Wirbel von O. megalodon werden selten gefunden. Die 20 Wirbel aus der Gram-Formation des Oberen Miozäns von Dänemark (NHMD 157890) sowie die 141 Wirbel aus Belgien (IRSNB P 9893) erlauben jedoch Einblicke in die Wirbelanatomie von O. megalodon. Die Wirbelkörper waren kurz und hoch gebaut. Alle Wirbel verfügten über verkalkte Oberflächen in den Gelenkhöhlen. Die Wirbel unterscheiden sich von denen des Riesenhais (welche oft in denselben Formationen gefunden werden und ähnlich groß sind) durch dickere Wände, einen weniger länglichen Bau und kleinere Löcher in der Mitte. Im Vergleich zum Durchmesser des Wirbelkörpers erreichte dessen Höhe (Länge in Kopf-Schwanz-Richtung gemessen) bei O. megalodon maximal 48 %, während es beim Riesenhai mindestens 47 % sind und je nach Position in der Wirbelsäule auch 100 % überschreiten kann. Der Unterschied wird durch die abweichende Anzahl an Wirbeln bedingt. Bei O. megalodon setzte sich die Wirbelsäule aus vermutlich 190 bis 200 Einzelelementen zusammen, beim Riesenhai sind es dagegen 109 bis 116. Ebenso ist die Anzahl der Wirbel beim Weißen Hai deutlich geringer als bei O. megalodon. Für letzteren nrepräsaentieren die Einzelwirbel die größten, die für einen Vertreter der nicht-Landwirbeltiere bekannt sind.
Körperbau mini|links|Rekonstruiertes O.-megalodon-Skelett. Ausgestellt im Calvert Marine Museum.
Über den Körperbau ist so gut wie nichts bekannt, da außer einigen Wirbeln und Zähnen nichts gefunden wurde. Dennoch gibt es ein rekonstruiertes Skelett, basierend auf dem des Weißen Hais. Dort wird O. megalodon mit einem proportional breiteren Kiefer und proportional etwas längeren Flossen als der heutige Weiße Hai dargestellt; außerdem ist er in der Rekonstruktion viel kräftiger gebaut.
Andere Forscher nehmen an, dass O. megalodon mit dem Sandtigerhai näher verwandt war als mit dem Weißen Hai und daher diesem ähnlicher sah. Bretton Kent bezweifelt dies jedoch, da der Körperbau des Sandtigerhais auf Beschleunigung ausgelegt ist. Um die Schwimmfähigkeit beizubehalten, brauchte ein derart großer Sandtigerhai proportional viel größere Flossen. Sie wären beim Schwimmen hinderlich, weil für ihre Bewegung viel Kraft notwendig wäre. Daher vermutet Kent, dass die einzige Körperform, die für einen derart großen Hai in Frage käme, eine sei, die auf energiesparende Dauergeschwindigkeit ausgelegt ist. Kent schlägt den Wal- und Riesenhai als Basis für die Körperform vor. Diese haben eine sichelförmige Schwanzflosse und eine kleine Afterflosse. Diese Körperform verringert die Zugkraft beim Schwimmen. Andere große Schwimmer (Weißer Hai, Makohaie, Speerfische und Thunfische) verfügen ebenfalls über solche Merkmale. Dem gegenüber kommen mehrere Studien aus den Jahren 2024 und 2025 zu dem Schluss, dass die Körperform von O. megalodon eher der heutiger Makohaie oder Zitronenhaie entsprach. Ihnen liegt die in Belgien gefundene und teils vollständig erhaltene Wirbelsäule mit insgesamt 141 Wirbeln zugrunde (IRSNB P 9893). Demnach war O. megalodon möglicherweise länger als bisher angenommen, dafür aber wesentlich schlanker gebaut als im Vergleich der Weiße Hai. Ein längergestreckter Körper wirkt sich allerdings auch auf die Lebensweise und Körperfunktionen aus, die dadurch markant vom Weißen Hai abgewichen haben könnten.Phillip C. Sternes, Patrick L. Jambura, Julia Türtscher, Jürgen Kriwet, Mikael Siversson, Iris Feichtinger, Gavin J. P. Naylor, Adam P. Summers, John G. Maisey, Taketeru Tomita, Joshua K. Moyer, Timothy E. Higham, João Paulo C. B. da Silva, Hugo Bornatowski, Douglas J. Long, Victor J. Perez, Alberto Collareta, Charlie Underwood, David J. Ward, Romain Vullo, Gerardo González-Barba, Harry M. Maisch IV, Michael L. Griffiths, Martin A. Becker, Jake J. Wood, Kenshu Shimada: White shark comparison reveals a slender body for the extinct megatooth shark, Otodus megalodon (Lamniformes: Otodontidae). In: Palaeontologia Electronica. Band 27, Nr. 1, 2024, S. a7, doi:10.26879/1345.Kenshu Shimada, Ryosuke Motani, Jake J. Wood, Phillip C. Sternes, Taketeru Tomita, Mohamad Bazzi, Alberto Collareta, Joel H. Gayford, Julia Türtscher, Patrick L. Jambura, Jürgen Kriwet, Romain Vullo, Douglas J. Long, Adam P. Summers, John G. Maisey, Charlie Underwood, David J. Ward, Harry M. Maisch IV, Victor J. Perez, Iris Feichtinger, Gavin J.P. Naylor, Joshua K. Moyer, Timothy E. Higham, João Paulo C.B. da Silva, Hugo Bornatowski, Gerardo González-Barba, Michael L. Griffiths, Martin A. Becker, Mikael Siversson: Reassessment of the possible size, form, weight, cruising speed, and growth parameters of the extinct megatooth shark, Otodus megalodon (Lamniformes: Otodontidae), and new evolutionary insights into its gigantism, life history strategies, ecology, and extinction. In: Palaeontologia Electronica. Band 28, Nr. 1, 2025, S. a12, doi:10.26879/1502.
Allometrische Vergleiche mit mehreren ökologisch ähnlichen und im Verhalten vergleichbaren rezenten Vertretern der Makrelenhaie würde für ein rund 16 m langes Exemplar von O. megalodon eine Schädellänge von gut 4,65 m annehmen lassen, was rund 29 % der Gesamtlänge entspräche. Die Rückenflosse wäre gut 1,62 m hoch (10 %) und 1,99 m lang (12 %), während die gesamte Körperhöhe gemessen an und einschließlich der Rückenflosse 4,53 m (28 %) betragen würde. Die Schwanzflosse wiederum könnte bis zu 3,85 m Höhe (24 %) erreicht haben, die Brustflosse wäre mit 3,1 m etwas kleiner. Im Gesamtkontext dieser Rekonstruktion hätte O. megalodon einen etwas kompakteren und stämmigeren Körperbau, als bei einem reinen Vergleich mit dem Weißen Hai.Jack A. Cooper, Catalina Pimiento, Humberto G. Ferrón, Michael J. Benton: Body dimensions of the extinct giant shark Otodus megalodon: a 2D reconstruction. In: Scientific Reports. Band 10, 2020, S. 14596, doi:10.1038/s41598-020-71387-y.