miniatur|hochkant|Säkularisiertes Kloster Fürstenfeld Im Rahmen der Säkularisation in Bayern fand in den Jahren 1802 und 1803 eine Säkularisation kirchlicher Güter im Kurfürstentum Bayern statt.
Vorgeschichte der Säkularisation
Im 16. Jahrhundert richtete Herzog Max I. auf der Grundlage der Superiorität des Staates ein geistliches Ratskollegium zur Kirchenaufsicht ein. Von 1608 an beanspruchte der Kurfürst das Patronatsrecht für sich, wenn dazu bei Stiften und Klöstern Unklarheiten bestanden.Alfons Maria Scheglmann: Geschichte der Säkularisation im rechtsrheinischen Bayern. 1: Vorgeschichte der Säkularisation, S. 2.
1743 schlug Kurfürst Karl Albrecht von Bayern der österreichischen Erzherzogin Maria Theresia vor, Österreich und insbesondere Bayern durch die Säkularisation und Einverleibung von Fürstbistümern zu vergrößern. Maria Theresia lehnte dies als großes Unrecht ab.Alfons Maria Scheglmann: Geschichte der Säkularisation im rechtsrheinischen Bayern. 1: Vorgeschichte der Säkularisation, S. 3. In Österreich hatte man viele Bistümer gar nicht reichsunmittelbar werden lassen.Eberhard Weis: Montgelas: Zwischen Revolution und Reform 1759–1799. Erster Band, S. 333.
Ebenfalls 1743 hielt ein kurbrandenburgischer Diplomat eine Neuaufteilung von überflüssigen geistlichen Gütern zum Unterhalt des Kaisers und zu Gunsten von Fürsten und anderen Regenten für leicht zu verwirklichen.Alfons Maria Scheglmann: Geschichte der Säkularisation im rechtsrheinischen Bayern. 1: Vorgeschichte der Säkularisation, S. 5. Die Ansicht der Juristen Christian Wolff, Johann Gottlieb Heineccius und Samuel von Pufendorf, dass die Kirche einen reichen, mächtigen Staat im Staate bilde und dem unterdrückten Staate aufgeholfen werden müsse, fand Anklang und wurde immer mehr verbreitet.Alfons Maria Scheglmann: Geschichte der Säkularisation im rechtsrheinischen Bayern. 1: Vorgeschichte der Säkularisation, S. 7.
Einschränkung des Klosterwesens
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts griffen die bayerischen Kurfürsten zu sich steigernden bürokratischen und strangulierenden Maßnahmen gegen das Klosterwesen. So wurden zwischen 1749 und 1770 die Kollekturen der Bettelorden verboten.Alfons Maria Scheglmann: Geschichte der Säkularisation im rechtsrheinischen Bayern. 1: Vorgeschichte der Säkularisation, S. 9 f. 1764 erließ der Nachfolger von Karl Albrecht von Bayern, Kurfürst Maximilian III. Joseph, ein Dekret („Amortisationsdekret“), wonach die bisher ins Belieben des Novizen gestellte Mitnahme von Erbgut in die Klöster beschränkt wurde.Alfons Maria Scheglmann: Geschichte der Säkularisation im rechtsrheinischen Bayern. 1: Vorgeschichte der Säkularisation, S. 10. 1769 verbot ein kurfürstliches Generalmandat den Bettelorden, Ordensvisitationen durch Geistliche und Kollegien vorzunehmen, die außerhalb Bayerns ansässig waren. Gleichzeitig wurde ihnen verboten, mehr als 1/6 nichtbayrische Angehörige aufzunehmen, und auferlegt, die Personalstände in den Klöstern an das geistliche Ratskollegium zu melden. Den Ortsbischöfen wurden Klostervisitationen untersagt. Die Klöster protestierten, aber die höhere Geistlichkeit beteiligte sich nicht an den Protesten, so dass die staatlichen Maßnahmen keine nennenswerte Gegenwehr fanden.Alfons Maria Scheglmann: Geschichte der Säkularisation im rechtsrheinischen Bayern. 1: Vorgeschichte der Säkularisation, S. 14–19.
Aufhebung des Jesuitenordens
Auf Druck der Könige Frankreichs, Spaniens und Portugals erfolgte 1773 die Aufhebung des Jesuitenordens durch Papst Clemens XIV. Auf seine Weisung wurden die in Bayern gelegenen Jesuitengüter dem kurfürstlichen Schulfonds zur Verfügung gestellt.Alfons Maria Scheglmann: Geschichte der Säkularisation im rechtsrheinischen Bayern. 1: Vorgeschichte der Säkularisation, S. 51. Die in Bayern gelegenen Güter der Augsburger Jesuiten beanspruchte der Kurfürst nach der seit 1608 angewandten Unklarheitendoktrin für sich und beschlagnahmte sie. Sein Ansinnen blieb freilich erfolglos, denn auf Intervention des Fürstbischofs Clemens Wenzeslaus ordnete der Reichshofrat dem Hochstift Augsburg die Jesuitengüter zu.Alfons Maria Scheglmann: Geschichte der Säkularisation im rechtsrheinischen Bayern. 1: Vorgeschichte der Säkularisation, S. 33.
Erster Versuch der Säkularisation in einem geistlichen Staat
Auch in geistlichen Staaten machte der Wille zur Säkularisation von Klöstern nicht halt. So verfügte Fürstbischof Clemens Wenzeslaus von Augsburg in seiner Eigenschaft als Landesherr 1774 auf Betreiben seiner weltlichen Regierung in Dillingen, dass Dominikanerinnen eine Nähschule betreiben müssten. Die in Augsburg sitzende geistliche Regierung stimmte dem nicht zu, und der Fürstbischof verfolgte die Absicht nicht mehr weiter.Alfons Maria Scheglmann: Geschichte der Säkularisation im rechtsrheinischen Bayern. 1: Vorgeschichte der Säkularisation, S. 36 f.
1775 erweiterte und präzisierte der Kurfürst von Bayern die Kompetenzen des geistlichen Rats. Vom gleichen Jahr an durften künftige zivile und geistliche Würdenträger ihr Studium nur noch an der Universität Ingolstadt absolvieren, an der der Aufklärer Johann Adam von Ickstatt lehrte. 1777 verstarb der Wittelsbacher Kurfürst Maximilian III. Joseph, aber sein Nachfolger Karl Theodor hatte wenigstens in den ersten Regierungsjahren ebenfalls ein aufklärerisches Weltbild.Alfons Maria Scheglmann: Geschichte der Säkularisation im rechtsrheinischen Bayern. 1: Vorgeschichte der Säkularisation, S. 44 ff.
Anders als im Hochstift Augsburg gelang 1778 das Säkularisationsvorhaben eines Prälaten im zu Kurmainz gehörenden Aschaffenburg. Fürsterzbischof Friedrich Karl Joseph von Erthal zog gegen eine nur geringe Entschädigung den Klostergarten des Kapuzinerklosters ein und verwendete ihn als Schlossgarten und Holzhof für seine weltliche Hochstiftsregierung. Auch eine Muttergotteskapelle wurde für die Baumaßnahme abgerissen.Alfons Maria Scheglmann: Geschichte der Säkularisation im rechtsrheinischen Bayern. 1: Vorgeschichte der Säkularisation, S. 48.
Kurfürst Karl Theodor brauchte neue Einnahmequellen und blickte auf die Kleriker. Der Papst sollte ihn dabei unterstützen. Erzbischöfe protestierten, weil sie nicht wollten, dass der Papst oder der päpstliche Nuntius in ihre Rechte eingreifen dürften. Karl Theodor drohte damit, in seinen Ländern eigene Bistümer zu errichten. 1785 wurde in München trotzdem die päpstliche Nuntiatur eingerichtet.Marcellus Stigloher: Die Errichtung der päpstlichen Nuntiatur in München und der Emser Congreß, eine historisch-kirchenrechtliche Abhandlung. (Dissertation), Regensburg 1867, dort auch folgende Daten, vor allem S. 224–256. Der anstehende Krieg mit Frankreich zwang Kurfürst Karl Theodor, nochmals die Staatseinnahmen zu erhöhen. Da der Prälaten-, Ritter- und Bürgerstand wie auch alle Untertanen völlig entkräftet waren, wurde um Finanzmittel erbittert gekämpft. Es ging um die Teilsäkularisation der bayerischen Klöster.Jutta Seitz: Die landständische Verordnung in Bayern im Übergang von der altständischen Repräsentation zum modernen Staat. Göttingen 1999, S. 114 ff, 194ff, 240ff, 276ff, 573ff. Zunächst wollte der Kurfürst 1796 von jedem Untertan Abgaben, sogar von denjenigen, die bereits alles verloren hatten. Er fand Unterstützung bei Emidio Graf Ziucci, ab 1796 als päpstlicher Nuntius in München, einer der Liebhaber der Kurfürstin Leopoldine, Nachfolger des Nuntius della Genga, des späteren Papstes Leo XII.Sylvia, Krauss-Meyl: „Das Enfant terrible“ des Königshauses, Maria Leopoldine, Bayern letzte Kurfürstin (1776–1848). 3., überarbeitete Auflage, Regensburg 2013, S. 68. Ziucci, „korrupt“, „anmaßend wie töricht“, ein „traurig-lächerlicher Vertreter des Heiligen Stuhls in München“, hoffte, dass der Kurfürst ihm für sein Engagement beim Papst seine Privatschulden in Höhe von 300.000 fl abnähme.Karl Hausberger: Geschichte des Bistums Regensburg. I. Mittelalter und frühe Neuzeit. Friedrich Pustet, Regensburg 1989, S. 357. Ziucci erhob hinter dem Rücken der bayerischen Klöster deren Vermögensstand. Mit nicht haltbaren Darstellungen, aber im Auftrag von Karl Theodor erreichte er vom Papst die Zustimmung, von den Klöstern Gelder einfordern zu dürfen. Der Papst erteilte Ziucci später eine scharfe Rüge wegen Irreführung. Die bayerischen Bischöfe wie auch die anderen Stände wehrten sich gegen die Einmischung des Staates, letztlich erfolgreich durch Verweis auf das Reichsrecht. Selbstherrlich schrieb Ziucci trotzdem eine Teilsäkularisation aus. Bezüglich Ziucci, nicht mehr im Amt, musste ein Anwalt seiner Gläubiger am 20. Mai 1801 beim „Geheimen Staatsrat“ vorstellig werden.Die Protokolle des Bayerischen Staatsrates 1799 bis 1817. Hrsg. von der Historischen Kommission bei der Bay. Akademie der Wissenschaften und von der Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns, Bd. 1, München 2006, S. 120.Karl Hausberger: Geschichte des Bistums Regensburg I. Mittelalter und frühe Neuzeit. Friedrich Pustet, Regensburg 1989, S. 357.
In die Vorgeschichte der Klostersäkularisation von 1802/03 gehört Stephan Freiherr von Stengel (1750–1822), unehelicher Sohn des Kurfürsten Karl Theodor:1.) Die Protokolle des Bayerischen Staatsrats 1799 bis 1817 Herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften durch Eberhard Weis und von der Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns durch Hermann Rumschöttel, Band 1, 1799 bis 1801, bearbeitet von Reinhard Stauber unter Mitarbeit von Esteban Mauerer, München 2006, S. 36. 2.) Reinhard Stauber: Zwischen Finanznot, Ideologie und neuer Staatsordnung. Die politischen Entscheidungen der Administration Montgelas auf dem Weg zur Säkularisation 1798 bis 1803, in: Alois Schmid (Hrsg.): Die Säkularisation in Bayern 1803. Kulturbruch oder Modernisierung? München 2003, S. 111–151. „Unter seinem Vorsitz tagte ab 1798 eine Kommission, die die Erhebung einer außerordentlichen Kontribution von den geistlichen Gütern in Bayern organisieren sollte – insofern gehört Stengel direkt in die Vorgeschichte der Klostersäkularisation von 1802/03.“
1798 bat Kurfürst Karl Theodor Papst Pius VI. mit Erfolg, eine Sondersteuer von 15 Millionen Gulden von den Klöstern erheben zu dürfen. Die klösterlichen Prälaten machten den zu befürchtenden Untergang aller Stifte geltend, und der Papst reduzierte den Betrag ein Jahr später auf 5 Millionen Gulden.Alfons Maria Scheglmann: Geschichte der Säkularisation im rechtsrheinischen Bayern. 1: Vorgeschichte der Säkularisation, S. 129 ff.
Während dieser Streitigkeiten starb jedoch der Kurfürst.
Papst Pius VI. willigte in den Plan des Kurfürsten Karl Theodor ein, den ehemals jesuitischen Schulfonds auf ein neuzuschaffendes Großpriorat Bayern des Malteserordens zu übertragen, der Karl August von Bretzenheim, einen der unehelichen Söhne Karl Theodors, zu versorgen hatte. 1782 schenkte Karl Theodor dem Großpriorat den Schulfonds und verfügte als höchster Kirchenvogt und Landesherr die Klöster, die Schulen des Schulfonds auf eigene Kosten zu betreiben.Alfons Maria Scheglmann: Geschichte der Säkularisation im rechtsrheinischen Bayern. 1: Vorgeschichte der Säkularisation, S. 51 ff.
1783 stimmte Pius VI. der Aufhebung der stark verschuldeten Prämonstratenserabtei Osterhofen zu. Aus den freiwerdenden Mitteln wurde das Frauenstift des Sankt-Anna-Ordens gegründet.Alfons Maria Scheglmann: Geschichte der Säkularisation im rechtsrheinischen Bayern. 1: Vorgeschichte der Säkularisation, S. 61 ff. Die Aufhebung wurde zum beachteten Präzedenzfall.Eberhard Weis: Montgelas: Zwischen Revolution und Reform 1759–1799. Erster Band, S. 102. 1784 hob Karl Theodor auch das Augustinerchorherrenstift Indersdorf wegen starker Verschuldung auf.