Bei der Justinianischen Pest, seltener auch Pest des Justinian genannt, handelt es sich um eine zur Zeit des oströmischen Kaisers Justinian (527–565) ausgebrochene Pandemie, die erstmals 541 in Ägypten in den Gesichtskreis der Geschichtsschreiber trat, 542 Konstantinopel erreichte und sich bald darauf im gesamten spätantiken Mittelmeerraum verbreitete. Diese Pandemie trug infolge der Bevölkerungs- und Wirtschaftsverluste möglicherweise indirekt zum Misserfolg der Restauratio imperii Justinians und dem Ende der Antike im 6. Jahrhundert bei.
Sie gilt als die größte antike Epidemie zwischen Nord- und Nordwesteuropa, dem Mittelmeerraum und dem Sassanidenreich. Nachdem sie 544 im Oströmischen Reich für erloschen erklärt worden war, flackerte sie 557 wieder auf und blieb im Mittelmeerraum lange Zeit endemisch. Bis nach 770 kam es zu unregelmäßigen Ausbrüchen der Krankheit, der apokalyptische Ausmaße zugeschrieben wurden. Nach derzeitigem Forschungsstand handelte es sich bei der Seuche um die Pest, ausgelöst von dem Erreger Yersinia pestis (Biovar Antiqua).A. Rakin: Yersinia pestis Eine Bedrohung für die Menschheit. In: Bundesgesundheitsbl-Gesundheitsforsch-Gesundheitsschutz. Band 46, 2003, S. 949–955, doi:10.1007/s00103-003-0713-3, hier S. 949. In der aktuellen Forschung wird davon ausgegangen, dass Y. pestis sich vor etwa 15.000–20.000 Jahren aus Yersinia pseudotuberculosis heraus entwickelt hat (siehe M. Achtman u. a.: Yersinia pestis, the cause of plague, is a recently emerged clone of Yersinia pseudotuberculosis. In: Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America. Band 96, 1999, S. 14043–14048). Es sind genetisch vier Biovare von Y. pestis abzugrenzen, die sämtlich in Asien ihren Ursprung hatten, sich aber auf unterschiedlichen Wegen ausbreiteten: antiqua, medievalis, orientalis und microtus (siehe R. Devignat: Varieties of Pasteurella pestis; new hypothesis. In: Bulletin of the World Health Organization. Band 4, 1951, S. 247–263 (online)): der Biovar antiqua (Stoffwechseltypisierung: Glycerol positiv, Arabinose positiv und Nitrat positiv) evolutionierte sich in Afrika weiter, der Biovar medievalis (Stoffwechseltypisierung: Glycerol positiv, Arabinose positiv und Nitrat negativ) in Zentralasien und der Biovar orientalis (Stoffwechseltypisierung: Glycerol negative, Arabinose positive und Nitrat positiv) im südlichen China (siehe M. Achtman, G. Morelli, P. Zhu, T. Wirth: Microevolution and history of the plague bacillus, Yersinia pestis. In: Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America. Band 101, 2004, S. 17837–17842) sowie der Biovar microtus (Stoffwechseltypisierung: Glycerol positiv, Arabinose negativ und Nitrat negativ) (siehe Zhou D, Tong Z, Song Y, Han Y, Pei D, Pang X, Zhai J, Li M, Cui B, Qi Z, Jin L, Dai R, Du Z, Wang J, Guo Z, Wang J, Huang P, Yang R.: Genetics of metabolic variations between Yersinia pestis biovars and the proposal of a new biovar, microtus. In: Journal of Bacteriology Band 186, August 2004, Nr. 15, S. 5147–5152 (doi:10.1128/JB.186.15.5147-5152.2004)). Die Biovare medievalis und orientalis leiten sich wahrscheinlich aus dem Biovar antiqua ab. Wie gravierend die Folgen dieser Pandemie waren, ist Gegenstand einer intensiven Forschungsdebatte.
Quellenlage Neben dem oströmischen (griechischen) Geschichtsschreiber Prokopios, der das erste Auftreten der Seuche in Konstantinopel miterlebte, sind die Kirchengeschichte des Euagrios, die Kirchengeschichte des Johannes von Ephesos, die Historien des Agathias von Myrina und die Weltchronik des Johannes Malalas die wichtigsten erzählenden Quellen für den ersten Ausbruch der Pandemie. Euagrios Scholastikos berichtet aus Antiochia von einem Ausbruch der Epidemie im Jahr 594, die für ihn den vierten Ausbruch seit demjenigen von 542 darstellte, jenem ersten Ausbruch, den er als Kind überlebt hatte.
Für die späteren Ausbrüche sind auch andere Quellen jenseits der oströmisch-byzantinischen greifbar, etwa arabische, die aber mit deutlich größerem zeitlichen Abstand entstanden sind. Sie berichten über einen Ausbruch für das Jahr 628, in dessen Zusammenhang womöglich der damalige Sassanidenkönig Kavadh II. ums Leben kam. Tabari schildert in seinen Annalen: „Die Pest soll sich in seinen Tagen [Kavadhs II.] ausgebreitet und die Perser bis auf wenige hingerafft haben.“Theodor Nöldeke: Geschichte der Perser und Araber zur Zeit der Sasaniden. Aus der arabischen Chronik des Tabari. Übersetzt und mit ausführlichen Erläuterungen und Ergänzungen versehen. Leiden 1879, S. 385 mit ebd., Anmerkung 4, mit Parallelberichten in anderen orientalischen Quellen, die bei der Todesursache Kavadhs auf die Pest anspielen. Von 628 an wütete die Seuche in Syrien und im sassanidischen Mesopotamien, wo ihr vor allem in Ktesiphon zahlreiche Menschen zum Opfer gefallen sein sollen. Wohl 638 begegneten die muslimischen Invasoren erstmals selbst der Pest, einen Ausbruch, den sie nach dem Ort dieser Erstbegegnung Pest von Amwas nannten.
Der Lexikograph al-Asmai († 862) kompilierte als erster eine Liste der Pestausbrüche. Der Historiker, der unabhängig von al-Asmai, aber auf der Basis gemeinsamer Quellen arbeitete, lieferte einen ausführlichen Bericht über die Pest in Basra. Das Werk des al-Mubarrad († 899 oder 900), das nur aus Zusammenstellungen aus den 1360er Jahren bekannt ist, ist bezeichnend für die komplizierte Situation der arabischen Quellen, denn sie sind allesamt erst vergleichsweise spät, frühestens jedoch aus dem 9. Jahrhundert überliefert. Ihre Vorlagen hingegen sind verloren. mini|400px|Das Oströmische Reich (orangefarben) im Jahr 565, mit den territorialen Rückeroberungen (Restauratio imperii) (gelb) Justinians I. (um 482–565).Vgl. hierzu die Ausbreitungskarte und den schematischen Stammbaum des Pest-Erregers. Eingezeichnet sind alle früheren bronzezeitlichen Nachweise sowie die Fundorte der bisher rekonstruierten Genome sowie als grüner Pfeil die mutmaßliche Ausbreitung der justinianische Pest. Annette Günzel, Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte, auf mpg.de mpg.de Die wichtigste literarische Quelle für Westeuropa ist Gregor von Tours, der den ersten Ausbruch der Seuche in Gallien als Kind erlebte. Er berichtet, wie die Pest 543 im Tal der Rhone grassierte. Sie habe die Region um Arles weitgehend entvölkert. Der Onkel des Verfassers, Bischof Gallus von Clermont, habe Gott um Verschonung gebeten, und tatsächlich wurde Clermont von der Pest verschont. Einer von Gallus’ Nachfolgern, Bischof Cautinus, hingegen erlebte, wie nicht mehr zählbare Menschenmassen der Pandemie zum Opfer fielen und dass man, angesichts fehlender Grabsteine und Särge, mehr als zehn Menschen in jedes Grab legen musste. In der Peterskirche wurden angeblich an einem einzigen Sonntag 300 Leichen gezählt. Auch Bischof Cautinus starb. Betroffen waren neben Clermont auch die Städte Lyon, Bourges, Chalon-sur-Saône und Dijon, aber auch Nantes. Möglicherweise erreichte die Pest von hier aus Cornwall und Irland. Civitas Remorum (Reims) und Augusta Treverorum (Trier) wurden laut Gregor durch das Eingreifen von Heiligen verschont. Nach ihm brachte ein Schiff aus Hispanien die tödliche Krankheit (erneut) 588 nach Massalia (Marseille). Nachdem die Pest dort grassiert hatte, verschwand sie nach zwei Monaten. Doch die Bewohner kamen zu früh zurück, denn die Heimkehrer wurden von einer neuen Welle getötet. Auch später wurde die Stadt noch mehrmals von der Epidemie schwer getroffen.Gregor von Tours, Historiae 9, 22.
Auch über Italien berichtet Gregor: Ein Gewährsmann namens Agiulf, der für Gregor in Rom Reliquien beschaffen sollte, habe ihm berichtet, wie im Januar 590 die Pest in Rom ausbrach, der Papst Pelagius II. zum Opfer fiel. Sein Nachfolger Gregor, genannt der Große, betete und veranlasste Bittprozessionen um Vergebung der Sünden, denn es war gängig, solcherlei Katastrophen als Strafe Gottes zu betrachten. Gregor der Große erwähnt die Justinianische Pest in seinen Homiliae in Evangelia, indem er über eine mortalitas inguinaria klagt.Konrad Goehl, Johannes Gottfried Mayer, Kurt Hans Staub: Was tun, wenn die Pest kommt: Göttern lästern oder Juden brennen? In: Editionen und Studien zur lateinischen und deutschen Fachprosa des Mittelalters. Festgabe für Gundolf Keil. Königshausen und Neumann, Würzburg 2000. ISBN 3-8260-1851-6, S. 127–166, hier: S. 130. Eine weitere Quelle zu Italien stellt Paulus Diaconus mit seiner Historia Langobardorum dar, die allerdings erst im 8. Jahrhundert entstand. Seine Quellen für das 6. Jahrhundert sind unbekannt. Er erwähnt vier Ausbrüche der Pest, davon den ersten für Ligurien 565. Ausdrücklich beschreibt er, wie massiv die Auswirkungen auch auf dem Lande gewesen seien: Die Dörfer waren demnach verlassen. Wie Gregor beschreibt Paulus den Ausbruch in Rom 590, dann einen 593 in Ravenna, Grado und auf Istrien. Schließlich beschreibt er für 680 einen schweren Ausbruch, der von Juli bis September Rom traf, aber auch Pavia.
Für den Ausbruch der Seuche im Jahr 745 machte der byzantinische geistliche Chronist Theophanes im Rahmen des byzantinischen Bilderstreits propagandistisch die Aktivitäten des Kaisers Konstantin V. verantwortlich.Bergdolt 2011, S. 38.
Die Ausbreitung der ersten Welle der Seuche (541–544)
mini|Von der Beulenpest verursachte Schwellungen (Beulen genannt) in der Leistenregion mini|Bei der septikämischen Pest kommt es zu einer disseminierten intravasalen Koagulopathie. Hierdurch wird in den kleinen Gefäßen der Blutfluss blockiert; die Folge sind u. a. Gangränen in den (akralen) Gliedmaßen, welche sich schwarz verfärben, was zu der Bezeichnung Schwarzer Tod führte.
Michael McCormick (Harvard University) schrieb 2018, das Jahr 536 sei das schlimmste gewesen, in dem Menschen je gelebt haben könnten. Ein mysteriöser Nebel verdunkelte die Sonne für 18 Monate. Die Temperaturen fielen um 1,5 bis 2,5 Grad. Aus China wird über Schneefall im Sommer berichtet, der die gesamte Ernte vernichtete. Irische Chroniken beschreiben eine Hungersnot zwischen 536 und 539. Auch aus Mesopotamien sind Berichte über den Zusammenbruch der Landwirtschaft überliefert. McCormick und der Gletscherforscher Paul Mayewski wiesen anhand von Eisproben aus einem Schweizer Gletscher nach, dass ein Vulkanausbruch in Island für die Katastrophe verantwortlich sein könnte. In den Jahren 540 und 547 folgten weitere Ausbrüche mit einer Abkühlung, die die folgenden Jahre zur kältesten Dekade der vergangenen 2.300 Jahre machte (Klimaanomalie 536–550).
Durch Quellen belegt ist das Jahr 541 mit Pelusion im Nildelta als erster Ort des Auftretens für die Justinianische Pest beschrieben. Etwa 15, womöglich 17 Pestwellen lassen sich belegen.R. D. Perry, J. D. Fetherston: Yersinia pestis. Etiologic Agent of Plague. In: Clinical microbiology reviews. 10, 1997, S. 35–66.
Betroffen waren von diesen Ausbrüchen die Länder des westlichen Mittelmeerraums, das rheinische Germanien und etwa zwei Drittel von Gallien und Hispanien sowie Gebiete im Osten wie Kleinasien, Syrien, Mesopotamien und Persien. Nördlich der Alpen erreichte die Justinianische Pest auch den Münchener Raum (römische Provinz Raetia).Ingrid Wiechmann, Gisela Grupe: Detection of Yersinia pestis DNA in two early medieval skeletal finds from Aschheim (Upper Bavaria, 6th. century A.D.). In: American Journal of Physical Anthropology. Band 126, Nr. 1, 2005, S. 48–55. PMID 15386257; Michaela Harbeck, Lisa Seifert, Stephanie Hänsch, David M. Wagner, Dawn Birdsell, Katy L. Parise, Ingrid Wiechmann, Gisela Grupe, Astrid Thomas, Paul Keim, Lothar Zöller, Barbara Bramanti, Julia M. Riehm, Holger C. Scholz: Yersinia pestis DNA from Skeletal Remains from the 6th Century AD Reveals Insights into Justinianic Plague. In: PLoS Pathog. Band 9, Nr. 5, 2013. doi:10.1371/journal.ppat.1003349; Ausgrabungen und Genomanalysen Altenerding: , 9. September 2016.