Katechon () ist ein griechisches Partizip (Partizip Präsens Aktiv), das im 2. Brief des Paulus an die Thessalonicher als „Aufhalter“ des Antichrist gedeutet werden muss (wörtlich „aufhaltend, hemmend“). Die Form kommt in im Neutrum (, das Aufhaltende) und in – nun personalisiert – im Maskulinum vor (, der Aufhaltende).
In der katholischen Theologie hat die Figur des Aufhalters keine zentrale Bedeutung. In der Mythologie der fundamentalistischen russischen OrthodoxieRegula Zwahlen: Kirche, Krieg und KGB, Artikel vom 16. Mai 2022, veröffentlicht bei Karenina – Petersburger Dialog online, abgerufen am 1. Juni 2022; Memento des Originals am 19. Mai 2022 im Internet-Archiv abgelegt. und in der politischen Philosophie des Eurasismus spielt der Katechon hingegen durchaus noch eine wichtige Rolle.
Einiges Aufsehen erzeugt der Begriff seit einiger Zeit im Zuge der Erstarkung der neuen Rechten, soweit sie sich christlich-fundamentalisch zu rechtfertigen versuchen, insbesondere durch Alexander Dugin in Russland und Peter Thiel in den USA (s. u.).
Überblick Hintergrund des Katechon ist die Lehre von Paulus an die Thessalonicher, dass „der Tag, an dem der Herr kommt“, also das Jüngste Gericht, nicht unmittelbar bevorstehe. Bevor die Apokalypse komme, müsse nämlich „der Feind Gottes“ auftreten, „der alles Böse in sich vereint“. Dies könne nicht geschehen, solange der „Feind Gottes“ aufgehalten wird. Zwar sei die „Macht der Auflehnung“ schon am Werke, erst müsse jedoch „der den Weg freigeben, der sie bisher noch zurückhält“. Der Feind Gottes könne jedoch erst hervortreten, „wenn die Zeit dafür reif“ sei. Wann dies der Fall ist, weiß der Christ nicht. Da der Aufhalter die Welt vor dem Chaos errettet, ist er unmittelbar an die göttliche Ordnung geknüpft. Weil er aber gleichzeitig auch das Kommen Christi verzögert, bleibt er eine paradoxe Größe, die auch das Böse in sich einschließt.
Deutet man die Katechon-Vorstellung vor dem Hintergrund der Lehre vom Jüngsten Gericht, entsteht folgender Zusammenhang: Der Gläubige steht in der paradoxen Situation, dass er den „Feind Gottes“ bekämpfen muss, obwohl dessen vorläufiger Sieg und die anschließende ewige Verstoßung bereits feststehen (s. Apokalypse). Der Gläubige bekämpft also etwas, das er nicht aufhalten kann und das zudem Voraussetzung für die erstrebte Erlösung ist. Durch diesen paradoxen Kampf beweist der Gläubige aber, dass er zu den „guten Christen“ gehört, denen als Lohn Neuerschaffung der Welt und Ewiges Leben in Aussicht stehen.
Der Aufhalter des Antichristen ist eine argumentative Figur, die eine Erklärung für den Umstand bieten soll, dass die mehrfach als unmittelbar bevorstehend angekündigte zweite Ankunft des Messias ausblieb.
Die Gestalt des Katechon wurde im Mittelalter popularisiert und später besonders von Carl Schmitt wieder bekannt gemacht (Metzger, Katechon, S. 23). Es ist aber keine Vorstellung, die in der katholischen Lehre eine wichtige Rolle spielt. Vielmehr wird in der exegetischen Fachliteratur festgestellt, „dass dieser Text im Laufe der Jahrhunderte eine Stätte der buntesten theologischen und phantastischen Wucherungen geworden ist.“ So betont etwa der Katholik Álvaro d’Ors, dass der Christ wollen müsse, dass Sein Reich komme und daher gar nicht um Aufschub bitten dürfe.
Biblische Grundlage des Begriffes In der Vulgata wird das Partizip in den oben genannten Bibelstellen in Nebensätze aufgelöst: „Et nunc quid detineat, scitis, ut reveletur in suo tempore. Nam mysterium iam operatur iniquitatis: tantum ut, qui tenet nunc, teneat, donec de medio fiat.“
So lauten die Sätze auch in Martin Luthers Übersetzung: „Vnd was es noch auffhelt / wisset jr / das er offenbaret werde zu seiner zeit. Denn es reget sich schon bereit die bosheit heimlich / On das der es jtzt auff helt / mus hinweg gethan werden“.
Frühchristentum In der politischen Theologie des Frühchristentums wurde dieser Begriff auf das Römische Reich bezogen, welches den Antichristen aufhalte, so z. B. bei Tertullian, (Liber de resurrectione carnis, 24, 18: „‚Tantum, qui nunc tenet, teneat, donec de medio fiat.‘ Quis nisi Romanus status, cuius abscessio in decem reges dispersa Antichristum superducet?“) im Danielkommentar des Hippolyt (Comm. in Dan IV, 21, 3.) oder bei Lactantius (Div. Inst. VII, 25, 8.).
Mittelalter Für das Mittelalter wurde die Interpretation des paulinischen Katechon als Aufhalter des Antichristen prägend durch den Danielkommentar des Kirchenvaters Hieronymus, insbesondere nachdem er in die Glossa ordinaria aufgenommen worden war.Hieronymus: Ausgewählte Schriften, II. Band, München 1936, S. 209.
Grund für die Popularisierung der o.a. Interpretation des Katechon in der nachpatristischen (s. Patristik), mittelalterlichen Publizistik ist die Translatio Imperii, die Übertragung der Reichsidee vom untergegangenen römischen Reich auf seine karolingischen, ottonischen und staufischen Nachfolger. Ein wichtiger Vertreter der Katechondeutung aus der karolingischen Zeit ist Haymo von Halberstadt, der in seinem einflussreichen Kommentar zum 2. Thessalonicherbrief feststellt, dass erst das Römerreich vernichtet werden muss, bevor der Antichrist kommt (‚ut discedent omnia regna a regno et imperio Romanorum‘: Patrologiae Cursus Completus: Series Latina, ed. Migne, 117, 779 D).
Es war unter anderem Haymos Kommentar, der stark auf Abt Adso wirkte und auf sein Werk De ortu et tempore Antichristi, das dieser 954 der fränkischen Königin Gerberga, einer Tochter Heinrichs I., gewidmet hatte. Der Mediävist Alois Dempf nennt Adso „den eigentlichen Lehrer der Tradition über den Antichrist im Mittelalter“.Alois Dempf: Sacrum Imperium. Geschichts- und Staatsphilosophie des Mittelalters und der politischen Renaissance. München/Berlin 1929, S. 255.
Die Interpretation des Katechon als das den Antichristen aufhaltende Römische Reich wurde über die Antichristdichtung des Mittelalters in breite Volksschichten transportiert, z. B. über das Tegernseer Antichristspiel, den Ludus de Antichristo.
Katechon in der „Konservativen Revolution“ im 20. Jh. Im Zuge der Renaissance des Reichsbegriffes in der Publizistik der protestantischen Konservativen Revolution in den 1930er Jahren wird der Begriff des Katechon aufgegriffen, so etwa von Wilhelm Stapel: „Das Wesen ‚des Reiches‘ aber ist nichts anderes als eben die apokalyptische Verantwortlichkeit (2. Thess. 2,7). Jeder Staat hat den Zweck, für Ordnung und Frieden zu sorgen, ‚das Reich‘ aber hat diesen Zweck in besonderem Sinne“Wilhelm Stapel: Das Reich. Ein Schlußwort. In: Deutsches Volkstum (DVt), Jg. 15 (1933), S. 181–188, Zitat S. 183. oder auch bei Albrecht Erich Günther.Albrecht Erich Günther: Der Ludus de Antichristo, ein christlicher Mythos vom Reich und dem deutschen Herrscheramte. In: Der fahrende Gesell, 20. Jg. (1932), S. 67–75, hier S. 68.
Einen großen Stellenwert hat der Katechon in der Politischen Theologie Carl Schmitts, der in seinem Buch 'Nomos der Erde' die Frage stellt, ob „für einen ursprünglich christlichen Glauben ein anderes Geschichtsbild als das des Katechon überhaupt möglich ist.“Carl Schmitt: Der Nomos der Erde. Berlin 1988 (3. Auflage), S. 29. In seinen posthum veröffentlichten Tagebüchern heißt es gar in dem Eintrag vom 19. Dezember 1947: „Ich glaube an den Katechon: er ist für mich die einzige Möglichkeit, als Christ Geschichte zu verstehen und sinnvoll zu finden.“ (Glossarium, S. 63) Und Schmitt fügte hinzu: „Man muß für jede Epoche der letzten 1948 Jahre den Katechon nennen können. Der Platz war niemals unbesetzt, sonst wären wir nicht mehr vorhanden.“
Besonders während des deutschen Krieges gegen die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg wurde die mittelalterliche Vorstellung vom Reich, das als Katechon fungiert, um das Wirken des Antichristen (der für manche Zeitgenossen im Sowjetkommunismus bzw. der Person Josef Stalins personifiziert war) aufzuhalten, nicht nur von Carl Schmitt, sondern auch von katholischen Bischöfen und Historikern wieder aufgegriffen, um den „Kampf gegen den jüdischen Bolschewismus“ zu legitimieren.Heinrich August Winkler: Der lange Weg nach Westen, München 2000, Band 2, Seite 83–84.
Katechon bei Dietrich Bonhoeffer Ungefähr zur selben Zeit wie Schmitt hat auch der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer in seiner „Ethik“ auf den Katechon hingewiesen, wobei er aber im Unterschied zu dem deutschen Staatsrechtsgelehrten betont, dass diese Figur trotz ihrer politischen und ethischen Bedeutung nicht frei von Schuld sei. Weiter hat er auch das komplexe Verhältnis von Kirche und katechontischer politischer Ordnung in einer Weise beschrieben, die jeden überheblichen Moralismus auf Seiten der Kirche abzuwehren versuchte. Für Bonhoeffer steht der Katechon nicht allein dem möglichen Untergang entgegen, denn noch vor den katechontischen Ordnungsmächten nennt er die Kirche, die durch das „Wunder einer neuen Glaubenserweckung“ vor dem Abgrund retten könne. Diese Unterscheidung zielt aber nicht auf deren radikale Trennung, sondern auf eine neue Form des Zusammenwirkens – „in wohl gewahrter Unterscheidung und doch in aufrichtiger Bundesgenossenschaft“. Die Kirche stößt nach Bonhoeffer die ihre Nähe suchenden Ordnungsmächte nicht von sich, sondern ruft sie „zum Hören, zur Umkehr“ auf.
Katechon in der „Konservativen Revolution“ im 21. Jh. In neuerer Zeit hat der Philosoph Alexander Dugin die Figur des Katechons in seine Philosophie integriert und im Jahr 2014 zusammen mit Konstantin Malofejew die Organisation »Katehon« in Moskau gegründet.Katehon Magazine, Moskau, 2015, PDF-Datei (2,21 MB), abgerufen am 14. Mai 2022. Dugin schreibt im Editorial über die Mission des Katechons: »Katehon (Katekhon) is a term from the Gospel found in the second chapter of the Apostle Paul’s Second Epistle to the Thessalonians, verses 6-7. Paul tells the Christians in Thessalonica that the mission of a godly force he calls Katekhon consists of preventing the rise of the Antichrist and the final victory of evil in history.«Seiten 141–142 in: Anton Shekhovtsov: Russia and the European Far Right, Dissertation, School of Slavonic and East European Studies, University College London, 2018 (PDF-Datei, 1,22 MB), abgerufen am 11. Mai 2022. Dugin instrumentalisiert die Figur des Katechons für die Produktion von propagandistischen Mythen zur Rechtfertigung des russischen Angriffes auf die Ukraine.Apocalyptic Realism, Artikel von Alexander Dugin, veröffentlicht am 20. April 2022 auf katehon.com, abgerufen am 24. Mai 2022.
Mit Peter Thiel teilt er den Versuch, mit Hilfe der Bibel Zeitgeschichte zu erklären und machen zu wollen. Der umstrittene Tech-Unternehmer und Trump-Unterstützer verbreitet seine Thesen allerdings nicht in Veröffentlichungen, sondern in Einzelgesprächen und Interviews oder in Vorträgen vor ausgesuchtem Publikum, das er zur Verschwiegenheit verpflichtet. Nach Thiel sei das Katechon das, was Gesellschaften wehrhaft mache und Innovationen vorantreibe. Er stehe für den Prozess des technischen Fortschritts. Die Tech-Nerds betrachtet Thiel als Aufhalter (= Katechon) der drohenden Apokalypse und des Antichristen; politisch seien das derzeit die USA.
Hier liege, so Florian Baab, eine Schnittmenge dieser „reaktionären Silicon-Valley-Ideologie“ zur Bewegung des Trumpismus, aber auch eine Überschneidung zu der ultranationalistischen Philosophie des russischen Rechten Alexander Dugin. Für beide seien der Antichrist länderübergreifende Allianzen wie die Europäische Union, die UNO und die NATO, die letztlich eine bürokratisch überlastete, innovationsfeindliche und überwachende Weltregierung herbeiführen würden, die die Welt in den Untergang trieben. Angesichts des Umstandes, dass Thiels Reichtum gerade auf dem erfolgreichen Geschäft mit Überwachungssoftware seiner Firma Palantir beruht, führt seine Befürchtung eines weltweiten Überwachungsstaates aber auch zwangsläufig zu der Frage, ob Thiel nicht selbst das ist, was er anderen vorwirft zu sein, nämlich der Antichrist.