mini|Autograph des 6. Satzes Herz und Mund und Tat und Leben ist der Titel von zwei Kirchen-Kantaten von Johann Sebastian Bach. Er komponierte ursprünglich in Weimar eine Kantate für den 4. Advent 1716 (Bach-Werke-Verzeichnis BWV 147a) und erweiterte sie 1723 in Leipzig für das Fest Mariä Heimsuchung (BWV 147). Die Schlusschöre der beiden Kantatenteile (Anfangszeilen: Wohl mir, dass ich Jesum habe – Jesus bleibet meine Freude) erlangten als Instrumentalfassung im englischen Sprachraum große Bekanntheit.
Entstehung In ihrer heute bekannten Form wurde die Kantate für den 2. Juli 1723 geschaffen, das Fest Mariä Heimsuchung. Sie gehört zum ersten Jahrgang von Bachs Kantaten in Leipzig. Die Kantate basiert auf einer älteren Kantate Bachs (BWV 147a aus dem Jahre 1716), von der nur der Text erhalten ist. Es ist offen, ob Bach die Komposition dieser Urfassung überhaupt vollendet bzw. aufgeführt hat. Die Weimarer Vorlage wurde von Bach in Leipzig umgearbeitet und stark erweitert. Die ursprüngliche Dichtung von Salomon Franck wurde in die Leipziger Fassung übernommen; die Schlusschoräle aus der Leipziger Fassung (Sätze 6 und 10) sind die Strophen 6 und 17 von Martin Jahns Choral Jesu, meiner Seelen Wonne (1661 oder 1668) mit der Melodie Werde munter, mein Gemüte von Johann Schop.Diese Melodie war dem Text u. a in Schemellis Gesangbuch (Leipzig 1736) zugeordnet, an dem Bach musikalisch mitarbeitete (Digitalisat).
Thematik Der für den Advent geschriebene Text Francks wurde in der Leipziger Fassung von Bach auf das Marienfest übertragen, da in Leipzig im Advent tempus clausum herrschte und nur am 1. Adventssonntag Kantatenmusik aufgeführt werden durfte.
Das zentrale Thema ist das öffentliche Bekenntnis zu Gott und Jesus. Während die ursprüngliche Textfassung von 1716 das Bekennen auf die Person Johannes des Täufers bezieht, übertragen die später hinzugefügten Textteile diese Bedeutung auf Maria und ihr Magnificat (Evangelium am 2. Juli) als Vorbild für die anwesende Gemeinde. Auf den Inhalt des Magnificat nimmt besonders das Rezitativ (4. Satz) Bezug.Zur Betonung die Elénden vgl. Elend, etymolog. Anmerkung
Aufbau Leipziger Fassung (BWV 147) Formal besteht die zehnsätzige Kantate aus zwei Teilen, die vor und nach der Predigt aufgeführt wurden und mit einem identischen Chorsatz (siehe unten), einer Choralbearbeitung, abschließen.
mini|Auszug (Nr. 10, Choral „Jesus bleibet meine Freude“) aus Herz und Mund und Tat und Leben
Erster Teil Coro (Tr, Ob I/II, Vl I/II, Va, Bc): Herz und Mund und Tat und Leben Recitativo T (Vl I/II, Va, Bc): Gebenedeiter Mund Aria A (Oa, Bc): Schäme dich, o Seele, nicht Recitativo B (Bc): Verstockung kann Gewaltige verblenden Aria S (Vs, Bc): Bereite dir, Jesu, noch itzo die Bahn Choral (Tr, Ob I/II, Vl I/II, Va, Bc): Wohl mir, dass ich Jesum habe Zweiter Teil Aria T (Bc): Hilf, Jesu, hilf, dass ich auch dich bekenne Recitativo A (Oc I/II, Bc): Der höchsten Allmacht Wunderhand Aria B (Tr, Ob I/II, Vl I/II, Va, Bc): Ich will von Jesu Wundern singen Choral (Tr, Ob I/II, Vl I/II, Va, Bc): Jesus bleibet meine Freude
Weimarer Fassung (BWV 147a) Coro: Herz und Mund und Tat und Leben Aria A: Schäme dich, o Seele, nicht Aria T: Hilf, Jesu, hilf, dass ich auch dich bekenne Aria S: Bereite dir, Jesu, noch heute die Bahn Aria B: Lass mich der Rufer Stimme hören Choral: Dein Wort lass mich bekennen
Besetzung (Leipzig) Gesangsstimmen: Sopran, Alt, Tenor, Bass, alle sowohl als Tutti als auch mit solistischen Aufgaben Orchester: Tromba, Oboe I/II (auch als Oboe d’amore und Oboe da caccia I/II), Violine I/II, Viola, Basso continuo mit Fagott
Besonderheiten Das Werk gehört zu den beliebten und relativ häufig aufgeführten Bachkantaten. Im aufwändigen Eingangschor unterstreicht eine Solotrompete virtuos den festlichen Charakter des Stückes. Die beiden Schlusschoräle des ersten und zweiten Teils Wohl mir, daß ich Jesum habe und Jesus bleibet meine Freude werden durch eine triolische Streichermelodie umrahmt und gehören zu den international beliebtesten Kompositionen Bachs, nicht zuletzt durch zahlreiche Bearbeitungen und Aufführungen im 20. Jahrhundert, wie etwa durch die Pianisten Myra Hess und Dinu Lipatti. Eine Rock-Version von Apollo 100 schaffte es 1972 unter dem Titel Joy auf Platz 6 der US-Charts. Die Kantate war untertitelgebend für den Dokumentarfilm Die Thomaner – Herz und Mund und Tat und Leben von Paul Smaczny und Günter Atteln aus dem Jahr 2012.
Literatur Alfred Dürr: Johann Sebastian Bach: Die Kantaten. Bärenreiter, Kassel 1999, ISBN 3-7618-1476-3 Werner Neumann: Handbuch der Kantaten J.S.Bachs. 1947. 5. Auflage: 1984, ISBN 3-7651-0054-4 Hans-Joachim Schulze: Die Bach-Kantaten: Einführungen zu sämtlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs. Evangelische Verlags-Anstalt, Leipzig 2006, ISBN 3-374-02390-8; Carus-Verlag, Stuttgart 2006, ISBN 3-89948-073-2 (Edition Bach-Archiv Leipzig) Christoph Wolff, Ton Koopman: Die Welt der Bach-Kantaten. Verlag J. B. Metzler, Stuttgart / Weimar 2006, ISBN 3-476-02127-0
Weblinks vollständiger Text und Instrumentierung der Kantate. The Bach Cantatas.
Text, Aufbau und Besetzung auf der persönlichen Homepage von Walter F. Bischof bei der University of Alberta Text, Aufbau und Besetzung auf der persönlichen Homepage von Walter F. Bischof bei der University of Alberta
Einzelnachweise
Kategorie:Bachkantate Kategorie:Chorwerk aus dem 18. Jahrhundert Kategorie:Geistliche Kantate