mini|Reichsprälat Nikolaus Betscher, Porträt im Pfarrhaus Berkheim, nach 1789. Restauriert 2021. mini|Autograph NB Nikolaus Betscher aus der Missa in C 1794. mini|Wappenschild des Abtes Nikolaus Betscher an der Hauptorgel auf der Westempore der ehemaligen Klosterkirche St. Verena in Rot an der Rot, 1793. Foto Pius Bieri 2020. Nikolaus Betscher OPraem (* 31. Oktober 1745 in Berkheim; † 12. November 1811 in Rot an der RotSchwäbische Zeitung: Roter erinnern am Wochenende an ihren letzten Abt vom 9. August 2012, aufgerufen am 9. August 2012.) war der 45. und letzte Abt der Prämonstratenser-Reichsabtei Rot an der Rot. Überregionale Bekanntheit erreichte er durch seine Tätigkeit als Komponist.
Leben Nikolaus Betscher wurde als einziger Sohn des begüterten Landwirts Matthias Betscher und seiner Frau Salome Schillingerin auf dem 2011 abgerissenen Hof Sankt Johann Baptist in Berkheim im unteren Illertal geboren und am 1. November auf den Namen Leonardus Wolfgangus getauft. Leonard wurde als Kind in die Klosterschule Rot an der Rot aufgenommen und erhielt dort seine erste Ausbildung. Am 11. November 1765 legte er dort die Ordensgelübde ab und nahm den Klosternamen Nikolaus an. Am 23. September 1769 wurde er zum Priester geweiht.
In den nächsten zehn Jahren durchlief Nikolaus Betscher mehrere klösterliche Ämter und war von 1779 bis 1781 Pfarrer in Haslach. 1781 ist er als Subprior, 1782 als Prior dokumentiert, bis er 1785 wieder eine Pfarrstelle in Haisterkirch bekam. Nach dem Tod seines Vorgängers wurde Nikolaus Betscher am 3. November 1789 zum Abt der Reichsabtei Rot gewählt und feierlich in sein Amt eingesetzt. Die Abtei umfasste 45 Dörfer, Weiler und Höfe mit 465 leibeigenen Familien und 40 Familien, die als Beisassen und damit nicht als Leibeigene angesehen wurden. Der Schwerpunkt der Besitzungen lag im Rot- und Illertal, einem Weingut in Meersburg und zwei Alpen in Gschwend und Balderschwang im Oberallgäu. Die Eltern Betschers stifteten 1788 für die Chororgel 2000 Gulden. Johann Nepomuk Holzhey hatte sie 1785–1787 gebaut, und ab 1789 arbeitete er auch an der großen Orgel auf der Westempore. 1793 konnte dieses Instrument seiner Bestimmung übergeben werden; Betschers Wappen ist am Prospekt der Orgel angebracht.
Auf Grund der Auflösung des Mutterklosters Prémontré im Zuge der Französischen Revolution wurde Nikolaus Betscher 1795 mit dem Generalvikariat der deutschen Ordensprovinz des Prämonstratenserordens betraut, womit auch die Funktion des prämonstratensischen Generalabtes verbunden war. Die Prämonstratenser in Frankreich verloren ihren gesamten Besitz, das waren zum damaligen Zeitpunkt 76 Abteien und 633 Pfarreien. Der Emigrant Hervé Julien Le Sage (1757–1832) aus der Abtei Beauport in der Bretagne lebte von 1795 an für 13 Monate in RotAugust Schädler: Zur Biographie von Abt Nikolaus Betscher, in: Nikolaus Betscher 2020, S. 124. und beschrieb den Abt als einen Menschen von großzügiger und höflicher Lebensart. Für einen Deutschen und Schwaben besitze er sogar viel Geist und sei ein Freund der Jagd und der Musik. Seine Musik würde aber teilweise vom Konvent hinter vorgehaltener Hand abgelehnt.Konstantin Maier: Der letzte Reichsprälat Nikolaus Betscher (1745–1811) von Mönchsroth (Rot) zwischen den Zeiten. In: Nikolaus Betscher – Gestern Heute Morgen. Hg. Nikolaus Betscher-Gesellschaft Berkheim, Redaktion Alfred Rude und Walther Puza, #COM+Musik+Verlag, Ammerbuch 2020, ISBN 978-3-949110-00-9, S. 80 f. (mit Fußnote 31: Le Sage, Hervé Julien: Lettre d‘Erasme à Eusébie. (mitgeteilt von Gertrud Beck, Manuskript, übersetzt P. Hildebrand Dussler OSB); s. Le Sage, Hervé Julien, De la Bretagne a Silésie: mémoires d’exil, préséntes par Xavier Lavagne d’Ortigue (Textes, dossiers, documents 7) Paris 1983 (teilw. Paris Univ Diss 1970) ). Am 10. Oktober 1798 beschlossen Abt und Kapitel die Rückzahlung der Erbteile, welche die Familien der Chorherren dem Kloster überlassen hatten. Am 20. Mai 1802 verkaufte Betscher mit seinem Prior Rohrer das Roter Haus in der Reichsstadt Memmingen für 3300 Gulden an Johann Sigmund Mayer vom Schwanen.
Säkularisation Im Zuge der Säkularisation nahm Graf Ludwig von Wartenberg die ehemalige Reichsabtei Rot an der Rot am 1. März 1803 in Besitz. Betscher musste seine Unterschrift unter das Enteignungsdokument seiner Abtei setzen. So wirkte sich die große napoleonische Weltpolitik und die Veränderungen, die die Aufklärung brachte, bis in die kleinsten oberschwäbischen geistlichen Territorien aus. Betscher durfte jedoch bis zu seinem Tode im November 1811 in den Konventsgebäuden wohnen. Er erhielt ein bescheidenes Grab auf dem Friedhof der Bruderschaftskirche St. Johann.
In den 1960er Jahren veranlasste der damalige Roter Pfarrer Walter Stemmer die Überführung der sterblichen Überreste in die Klosterkirche St. Verena. Das Grab befindet sich unter dem Chor der Klosterkirche.
Würdigung mini|Messgewand mit gesticktem Wappen Nikolaus Betschers im Wallfahrtmuseum Maria Steinbach (2012) Seinem eigenen Umfeld gemäß widmete sich Nikolaus Betscher vornehmlich der Kirchenmusik, aber bis heute erhalten sind zahlenmäßig sogar noch mehr weltliche als geistliche Kompositionen. Viele seiner liturgischen Werke belegen, dass für Betscher die Musik nicht Selbstzweck war, sondern stets dem Gotteslob diente. Neben den großen lateinischen Texten, die Nikolaus Betscher in Messen, Vespern, Requiems und anderen Gattungen vertonte, ist ebenso deutsche Kirchenmusik von ihm überliefert, die sich in der Hauptsache auf Lieder zu besonderen Festen und Wallfahrten beschränkt. 48 weltliche Gesellschaftslieder Wider die Mode, ein Rondo für Klavier, das in Bosslers „Musikalischer Blumenlese“ 1783In der Bayerischen Staatsbibliothek unter https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb11132401?page=5. Dort finden sich außerdem auch Werke von Antonio Rosetti und Johann Baptist Wanhal. in Speyer erschien und in der neben Klavierstücken des Memminger Komponisten Christoph Rheineck auch frühe Werke Beethovens enthalten warenVgl. Berthold Büchele: Auf Betschers Spuren, in: Nikolaus Betscher – Gestern Heute Morgen. Hg. Nikolaus Betscher-Gesellschaft Berkheim, Redaktion Alfred Rude und Walther Puza, #COM+Musik+Verlag Ammerbuch, 2020, ISBN 978-3-949110-00-9, Seite 39., eine Violinsonate und 24 Stücke für verschiedene Instrumente ergänzen das kompositorische Werk Betschers. Interessant ist, dass Betscher in Haisterkirch, wo er 1785 bis 1789 Pfarrer war, eine Türkische MusikBüchele 2024, S. 230: „Es handelt sich dabei um ein Bläserensemble, verstärkt durch die bei den Türken beliebte Trommel, Becken und Triangel.“ ins Leben rief. Diese ‚Mode‘ war der Beginn der heutigen Blasmusiktraditon in den oberschwäbischen Dörfern.Büchele 2024, S. 509 und 230f.
Die Tonsprache selbst ist in ihrer Polyphonie (der mehrstimmig geführten, in sich verwobenen Struktur des Satzes) schlicht, enthält jedoch reiche melodische Ideen, die gelungen miteinander verwoben werden und so zu einem homogenen Ganzen führen. Trotz des regelgerechten harmonischen Satzes, der die einzelnen Stücke kennzeichnet und sie als glatte, gefällige Musik ausweist, schafft sich Betscher durch reizvolle chromatische und harmonische Modulationen und Umdeutungen Nischen, die er mit seiner musikalischen Persönlichkeit und seinem eigenen Stil ausfüllen kann. Dabei muss Nikolaus Betscher ein versierter Spieler von Tasteninstrumenten gewesen sein, denn auch seine Vokalsätze liegen (bei einer Aussetzung auf Klavier und Orgel) sehr schön „in den Fingern“, die Entfaltung der Melodie orientiert sich an der menschlichen Hand und zeugt von großer Musizierfreude.
Seine Kompositionen sind im musikalischen Bereich der Vorklassik anzusiedeln. Die nachgewiesene Freundschaft zu Michael Haydn, dem jüngeren Bruder Joseph Haydns, der sich auf dem Gebiet der Kirchenmusik einen Namen machte, ist herauszuhören. Er beauftragte Haydn 1791 ein Choralhandbuch für das Kloster zu komponieren. Entstanden ist daraus das Antiphonarium ad usum chori Rothensis, das heute in der Diözesanbibliothek in Rottenburg verwahrt wird und im Jahre 2009 vom örtlichen Kirchenchor St. Verena (Rot an der Rot) zur Aufführung gebracht wurde.
mini|Klarinettensolo im Gloria der Missa in C (1794) von Nikolaus Betscher. Original im Schwäbischen Landesmusikarchiv Tübingen.
Als außerordentlich innovativ zeigte sich Betscher in seiner Missa in C von 1794. Er setzte die Klarinette ein „sowohl als Tutti-Instrument in der Bläserbesetzung des Ensembles als auch als virtuoses Soloinstrument im ‚Gloria‘“.Alexander Šumski: Der komponierende Abt aus Berkheim: Nikolaus Betscher, Seite 27-31, speziell S. 28–29, und: Alexander Šumski: Nikolaus Betscher und seine Missa in C, Seite 33-35, mit dem Scan des Klarinettensolos in der Original-Handschrift Betschers aus dem Schwäbischen Landesmusikarchiv Tübingen. Beide Nachweise in: Nikolaus Betscher – Gestern Heute Morgen, 2020 Dies war alles andere als selbstverständlich, denn die Klarinette gab es bis dahin überwiegend nur als Soloinstrument und Solisten waren naturgemäß selten. Als wahrscheinlich wird angenommen, dass Christoph Rheineck, der bekannte Klarinettenvirtuose und Komponist aus Memmingen, den Solopart im Gloria übernahm.Die Beziehungen zu Rheineck dürften schon länger gedauert haben. „Vermutlich kannte Betscher Rheineck, und da Rheineck schon 1782 im gleichen Verlag Stücke veröffentlicht hatte, dürfte dieser Betscher dort empfohlen haben.“ Vgl. Berthold Büchele: Auf Betschers Spuren, in: Nikolaus Betscher – Gestern Heute Morgen, 2020, Seite 39. Mozarts Klarinettenkonzert A-Dur KV 622 von 1791 lag erst 3 Jahre zurück, und dass Orchester Klarinetten zur Verfügung hatten, war noch selten. Dies zeigt sich auch daran, dass Mozart seine Sinfonie g-Moll KV 550 von 1788 ursprünglich ohne Klarinetten schrieb. Erst nachträglich in der Zweiten Fassung, nachweislich bei den Konzerten am 16. und 17. April 1791, fügte er zwei Klarinetten hinzu. In der Salzburger Hofkapelle wurden sie zum Beispiel erst 1804 eingeführt.Siehe Wiki „Klarinette“, Abschnitt „Orchester“
Betschers musikalische Kompetenz, seine Kenntnisse, sein Interesse an Mozarts Musik und den weiten Horizont belegt auch seine Abschrift der „Così-fan-tutte“-Messe eines unbekannten Komponisten, KV Anhang 235e. Sie wird im Bestand „Rot an der Rot“ des Schwäbischen Landesmusikarchivs der Universität Tübingen aufbewahrt und ist noch in weiteren vier Manuskripten an anderen Orten überliefert.In Berlin, Florenz, Frankfurt am Main und Miltenberg. S. Christine Siegert 2012, Seite 89/90, Fußnote 1 Es ist eine sogenannte „Parodiemesse“, die Musik aus Mozarts Opern „Così fan tutte“ und „La clemenza di Tito“ mit den Texten der Messe unterlegt. Die Abschrift muss zwischen 1790 und 1803 erfolgt sein. Eine Aufführung in Rot ist nicht belegt, aber anzunehmen.
Insgesamt zeigen Betschers Kompositionen, dass er musikalisch auf der Höhe der Zeit war und zu den herausragenden Komponisten der oberschwäbischen Klosterkultur zu rechnen ist.
Werke Nach Büchele 2015 und RISM Nikolaus Betscher Musikalische Werke mini|Stimme der 1. Violine aus dem Kyrie der Missa in C (1794) von Nikolaus Betscher. Original im Schwäbischen Landesmusikarchiv Tübingen. Messen (10 Kompositionen) Missa brevis g, 1774 (Abschrift im Stift Stams um 1775) Missa brevis in g, 1782 Messe in D, 1783 Messe in e, 1784 Requiem in c, 1784 Requiem in g, 1788 Messe in G, 1789 Missa in C, 1794 Missa pastoritia in D, 1806 Missa brevis in G, 1810 Messe in C, Parodiemesse (Kontrafaktur) im Bestand Rot an der Rot mit Abschnitten und Melodien aus den Opern "Così fan tutte" und „La clemenza di Tito“ von Wolfgang Amadeus Mozart, Komponist unbekannt, zwischen 1790 und 1803 (Betscher als Schreiber bezeugt) Andere lateinische Kirchenmusik (7 Kompositionen) Magnificat in D, 1775 Psalm 129 „De profundis“, 1785 Psalm 115 „Credidi“, 1787 Te Deum in D, ¾ Takt, laut RISM 1780–1799 Te Deum in D, Alla Breve (Berlin, Stift Stams 1791)