mini|Cover der Erstausgabe von 1931 Die Schlafwandler ist der Titel einer ab 1930 erschienenen Romantrilogie von Hermann Broch über den Zerfall gesellschaftlicher Werte. Die Handlung der drei personell miteinander verwobenen Teile reicht vom Beginn bis zum Ende des wilhelminischen Zeitalters.

1888 Pasenow oder die Romantik (Dezember 1930) Der erste Roman der Trilogie spielt in Berlin und auf den ostelbischen Gütern der Adelsfamilien Pasenow und Baddensen. Die Hauptfigur Leutnant Joachim von Pasenow ist tief verunsichert über die Werte der Zeit, er lässt sich schlafwandlerisch treiben und sucht nach Orientierung. „Vieles war wie eine Melodie geworden, die man nicht vergessen zu können meint, und aus der man doch herausgleitet, um sie stets aufs neue schmerzlich suchen zu müssen. Das war ein unheimliches und hoffnungsloses Spiel.“Hermann Broch: Die Schlafwandler. Eine Romantrilogie. Suhrkamp Verlag Frankfurt 1978 Formal scheint sein Leben geordnet zu sein: Sein älterer Bruder Helmuth soll das Gut Stolpin erben und er hat nach dem Besuch der Kadettenschule in Culm die militärische Laufbahn eingeschlagen und lebt nun als Offizier in Berlin.

Zweimal im Jahr besucht ihn sein Vater in der Hauptstadt. Der Roman beginnt mit dem Abschluss eines solchen Aufenthalts im ‚Jägerkasino‘, wo sie die böhmische Animierdame und Prostituierte Ruzena zum Umtrunk einladen. Bald darauf wird sie Joachims Geliebte und stellt für ihn den Inbegriff körperlicher Lust dar. Auch sie verliebt sich in ihn und versucht ihn an sich zu binden. Nachdem sein Bruder Helmuth bei einem Duell in Posen erschossen wurde („Er fiel für die Ehre“ wiederholt Joachims Vater immer wieder) soll er die elterliche Landwirtschaft in Stolpin übernehmen und ausgerechnet Elisabeth, die gesellschaftlich angepasste Tochter des benachbarten Gutsbesitzers Baron Baddensen, heiraten, die für Joachim Sinnbild der Reinheit und damit Gegenfigur zu Ruzena ist.

In seiner Unsicherheit über seinen Lebensweg sucht er Hilfe bei seinem Freund Eduard von Bertrand, einem welterfahrenen Geschäftsmann, der seine Offizierskarriere aufgegeben hat. Aber die Beziehung zu dem dominanten Freund und potentiellen Rivalen ist ambivalent. Bis zum Schluss, als er Bertrand im Krankenhaus besucht und „mit blondgewelltem Haar […] wie ein junges Mädchen“ im Bett liegen sieht, rätselt er über dessen wahres Wesen: „So verbirgt Finsternis ihr wahres Wesen, läßt sich ihr Geheimnis nicht entreißen.“ Darin besteht aber gerade seine Faszination, denn seine Sicherheit und Ironie ziehen Joachim immer wieder zugleich „beruhigend und beunruhigend in seinen Bann.“ Mit ihm führt er kontroverse Gespräche über den Sinn des Lebens. Während sich Bertrand als Freigeist und Zivilist aus den Zwängen der preußischen Wertevorstellungen befreit hat und sich über den gesellschaftlichen und militärischen „Zirkus“ lustig macht, fühlt sich Joachim nur in seiner eng anliegenden Uniform sicher und sucht Zuflucht vor einer von Dekadenz bedrängten Welt zu militärischen und christlichen Symbolen der Vergangenheit, was Bertrand als Romantik bezeichnet. Bertrands emanzipierter Lebensentwurf wird von Joachim einerseits als bedrohlich wahrgenommen, andererseits erhofft er sich vom Freund eine Entscheidungshilfe für sein Privatleben. Aus diesem Grund macht er ihn mit den beiden unterschiedlichen Frauen bekannt und geht das Risiko ein, die Geliebte bzw. die potentielle Braut an ihn zu verlieren. Dieser nutzt jedoch die Situationen nicht für sich aus, sondern wirkt eher als Katalysator. Er hilft bei der Ordnung der Verhältnisse, verschafft Ruzena ein Engagement als Chorsängerin beim Theater und überredet Joachim am Ende, der Geliebten nach der Trennung eine Rente zu zahlen (Teil III). Seine Einmischung in Joachims Beziehungen führt jedoch auch zu Störungen und bewirkt Klärungsprozesse. Während Ruzena der Einfluss Bertrands auf ihren Freund missfällt und sie eine Beeinflussung gegen sie befürchtet, wird Bertrand bei seinem Besuch in Stolpin von Joachims Familie und von Elisabeth freundschaftlich aufgenommen. Herr von Pasenow, der seit dem Tod Helmuths verwirrt ist und einen Argwohn gegenüber seinem Sohn entwickelt, weil er nicht seinen Wünschen entspricht, das Gut sofort zu übernehmen und zu heiraten, meint in Eduard den besseren Sohn, den Stellvertreter Helmuths, zu finden. Noch entscheidender ist seine Wirkung auf Elisabeth. Bei einem gemeinsamen Ausritt lahmt Joachims Pferd nach einem Sprung, was der Reiter als Schicksalswink versteht, Elisabeth Bertrand zu überlassen. Während er zurückbleibt, mischt sich Bertrand in einer Doppelrolle als Führer und Verführer, „als Werkzeug eines höheren Willens“, in die Gefühlsverwirrung und Unentschiedenheit Elisabeths und Joachims ein. Er gesteht ihr seine platonische Liebe und nimmt zugleich von ihr Abschied. Denn Fremde könnten sich uneingeschränkt lieben, nicht aber miteinander Vertraute. Vertrautwerden zerstöre das Mysterium. Er rät ihr zur Befreiung aus den gesellschaftlichen Konventionen und aus Sicherheit bietenden Strukturen und fordert sie zur Entscheidung über ihre wahren Gefühle auf. Damit spricht er bei ihr einen wunden Punkt an: ihre Bindung an die Eltern und an das Gut und ihre Unsicherheit, ob sie Joachim liebt und mit ihm zusammenleben möchte. In der gleichen Situation ist Joachim.

Bertrand reist nach diesem Gespräch eilig nach Berlin ab, Joachim folgt kurz darauf nach und sucht Ruzenas Situation zu verändern. Sie soll das Theater aufgeben und er will ihr einen kleinen Galanteriewarenladen für Stickereien finanzieren. Sie befürchtet eine Trennungsabsicht und lehnt die Abfindung ab. Als Pasenows Gesundheitszustand sich verschlechtert, muss Joachim mit einem Nervenspezialisten nach Stolpin zurückkehren. Ruzena fühlt sich von ihm verlassen und sieht in der Reise einen Vorwand für die Beendigung der Beziehung. Bertrand trifft sie in Joachims Wohnung beim Aufräumen an. Sie beschuldigt ihn, Joachim gegen sich zu beeinflussen, reagiert auf seine Beschwichtigungen immer wütender und richtet Joachims Revolver auf ihn. Bei seinem Versuch, sie zu entwaffnen, lösen sich zwei Schüsse und verletzen ihn am Arm, so dass er im Krankenhaus behandelt werden muss. Ruzena läuft in panischer Angst davon. Als Joachim bei seiner Rückkehr von den Vorfällen erfährt, sucht er nach ihr. Sie hat sich inzwischen von ihm gelöst und arbeitet wieder im Kasino als Prostituierte. Sie lehnt Gespräche ab, nimmt aber nach mehreren Bemühungen eines Notars eine Rente an, die ihr ein unabhängiges Leben ermöglicht, wodurch sich Joachim moralisch entlastet fühlt.

Joachim kann nun bei Baron Baddensen um Elisabeths Hand anhalten. Während die Eltern darüber erfreut sind, besucht die Tochter vor ihrer Entscheidung Bertrand im Krankenhaus, um ihr Gespräch in Lestow über die wahre Liebe fortzusetzen und vielleicht mit ihm eine Beziehung einzugehen. Der fiebrige Kranke wiederholt sein Geständnis und zugleich die Unmöglichkeit der Realisierung. Er will ins Ausland gehen („Ich bin egoistisch“), lehnt alle Heiratszeremonien ab und will ihr andererseits nicht zumuten, seine Geliebte zu werden: „[A]ber schließlich kann ich dich nicht in eine schiefe Situation bringen, selbst wenn sie vielleicht für dich wertvoller sein könnte als … ,sagen wir es geradeheraus, die Heirat mit diesem Joachim.“ Sie kann diese für sie widersprüchlichen Gedanken nicht verstehen und wäre, wie ihre Küsse signalisieren, ihm zu folgen bereit: „[W]ir begehen vielleicht beide das schwerste Verbrechen an uns.“ Doch sie muss seine Haltung akzeptieren.

Nach dem Abschied von Bertrand nimmt sie Joachims Antrag an. In der darauf folgenden Aussprache steht ihre Beziehung zum nach Indien reisenden Bertrand im Mittelpunkt. Joachim bekennt seine eigene Unsicherheit, die Überlegenheit des Freundes und die Attraktivität von dessen Leben außerhalb der Konventionen. Er habe mit seiner Werbung lange gezögert, denn er könne ihr keine Exotik, sondern bloß ein einfaches Leben auf dem Land bieten. Elisabeth entgegnet: „Wir sind anders als er […] Er braucht nicht die schützende Wärme des Beisammenseins wie wir.“ Und Joachim ergänzt: „’Er wäre Ihnen stets fremd geblieben‘ und dies erschien ihnen beiden von einer großen und bedeutungsvollen Wahrheit zu sein, obwohl sie kaum mehr wußten, daß es Bertrand war, von dem sie sprachen.“ Elisabeth ist sich des Kompromisses bewusst: „Wir sind nicht fremd genug und wir sind nicht vertraut genug“ und Joachim weiß noch nicht, wie er sein Bild von der überirdischen reinen Jungfrau Elisabeth mit dem Ehebett verbinden soll. Den Ruzena-Rausch sucht er dort nicht, eher die Pflicht. Die Hochzeit wird im kleinen Kreis in Lestow gefeiert, und das einander noch nicht vertraute Paar beschließt in der Hochzeitsnacht, einander Zeit zu geben, um die Fremdheit zu überwinden. Symbolisch schläft Joachim in Uniform, die Füße in den Lackschuhen auf einem Stuhl abgestützt, „regungslos“ im Bett neben seiner über ihn lächelnden Frau. Nach 18 Monaten wird ihr erstes Kind geboren.

Im Wesentlichen wird die Handlung chronologisch in personaler Form aus den Perspektiven der Hauptfiguren erzählt, wobei die Beobachtungen, Bewertungen und Reflexionen Joachims im Zentrum stehen. Ergänzt werden diese Abschnitte durch Parallelhandlungen Elisabeths, Bertrands oder der Eltern Baddensen bzw. Pasenow und durch auktoriale Überblicke über die Familiengeschichten oder Beschreibungen der Personen und ihrer Wohnungen.

1903 Esch oder die Anarchie (April 1931) Der zweite Roman der Trilogie spielt im mittleren Rheingebiet im Kleinbürger- und Arbeitermilieu. August Esch, 30 Jahre alt, Handlungsgehilfe und Buchhalter in der Weingroßhandlung Stemberg & Co. in Köln, ist angesichts „des anarchistischen Zustandes der Welt, in der keiner weiß, ob er rechts oder links, ob er hüben oder drüben steht“, auf der Suche nach einer Leitlinie für sein Leben. Es herrscht für ihn die Anarchie der Werte, eine elementare Orientierungslosigkeit, in der Lüge und Betrug expandieren: „[I]n den Geschäften, die sie [die Menschen] betreiben, liegt ihre Gemeinschaft. Eine Gemeinschaft ohne Kraft, doch voller Unsicherheit und voll des bösen Willens.“ Esch selbst, das fühlt er immer wieder beschämt, ist ein Teil dieser widersprüchlichen Welt und hat deshalb ein Bedürfnis nach Sühne und Opfer und Neuanfang. Einerseits setzt er sich für Gerechtigkeit ein, leidet mit dem Gewerkschaftler Martin und dem vom Messerwurf bedrohten Varietémädchen Ilona, die er als Opfer des Systems ansieht, andererseits macht er im anrüchigen Vergnügungsbetrieb Geschäfte, verleitet Freunde mit hohen Gewinnversprechungen zu Geldanlagen im Frauenringkampf-Projekt, wirbt dafür Prostituierte als Kämpferinnen an und spielt mit dem Gedanken, die Truppe in einer Art Mädchenhandel nach den USA zu vermitteln. Einerseits ist er „wohlbewandert in Kneipen, Bordellen und Mädchen“ und nutzt sexuelle Gelegenheiten auch im Freundeskreis aus, andererseits verachtet er dieses Leben als unsittlich und ist angetan von den Geradlinigen, z. B. dem inhaftierten Gewerkschaftler, der ihre Verehrer schroff zurückweisenden Witwe Hentjen und dem christlich tugendhaften Zigarrenhändler Lohberg. Zugleich spottet er über deren Begrenztheit und reagiert auf sie unbeherrscht grob und jähzornig, stellt an sie Forderungen, die er selbst in seinem Wankelmut nicht erfüllt. Vorurteile hat er auch gegen Künstler, Kapitalisten, Homosexuelle und Juden. Er fühlt sich als freier Mensch über den Niederungen des Lebens stehend, ist aber in seiner Einsamkeit befangen und im Grunde nicht bindungsfähig. So träumt er sich hinein in Phantasien von einer besseren gerechten Welt. Für ihn sind die USA das Land der Freiheit und des Rechts, symbolisiert durch die Freiheitsstatue. Dahin möchte er auswandern.

Teil I