Eine Heilige Quelle ist eine Quelle, die auch manchmal einen Teich oder See bilden kann, an der eine kultische Verehrung stattfindet.Celeste Ray: Paying the Rounds at Ireland's Holy Wells (Anthropos 110/2). 2015, S. 415. Oft wird der Quelle eine heilsame Wirkung auf Körper und/oder Geist nachgesagt. Manche Quellen dienen auch als Orakel.William Samuel Cordner: The Cult of the Holy Well. In: Ulster Journal of Archaeology, Third Series 9. 1946, S. 26.
mini|hochkant=1.3|St Brendan's Well, Irland Geschichte Vorgeschichte und Antike
Das sogenannte Quellheiligtum von Eflatun Pınar stammt aus dem 13. oder 14. Jahrhundert v. Chr. und trägt keine Inschrift.Claudia Glatz, Aimée M. Plourde: Landscape Monuments and Political Competition in Late Bronze Age Anatolia: An Investigation of Costly Signaling Theory. In: Bulletin of the American Schools of Oriental Research 361, 2011, 44. Auf dem Monument ist das gesamte hethitische Pantheon abgebildetYiğit Erbil, Alice Mouton, Water in Ancient Anatolian Religions: An Archaeological and Philological Inquiry on the Hittite Evidence. Journal of Near Eastern Studies 71/1, 2012, 66, Stable URL: https://www.jstor.org/stable/10.1086/664572. Glatz und Plourde betonen die politische Bedeutung solcher Monumente in der offenen Landschaft.Claudia Glatz, Aimée M. Plourde: Landscape Monuments and Political Competition in Late Bronze Age Anatolia: An Investigation of Costly Signaling Theory. In: Bulletin of the American Schools of Oriental Research 361, 2011, 33–66.
Ein hethitischer Text beschreibt, wie der Wettergott von Nerik aus seiner Stadt verschwindet und durch eine Quelle in die Unterwelt eindringtVolkert Haas, Der Kult von Nerik: Ein Beitrag zur hethitischen Religionsgeschichte. Studia Pohl: Dissertationes Scientificae de Rebus Orientis Antiqui, 4. Roma, Pontificium Institutum Biblicum 36/1 1970, S. 94, 102 f. Zitiert nach Lionel Bier, A second Hittite Relief at Ivriz. Journal of Near Eastern Studies 35/2, Anm. 38. Stable URL: https://www.jstor.org/stable/545196. Er musste mit dem Opfer eines Schafes wieder hervorgelockt werdenLionel Bier, A second Hittite Relief at Ivriz. Journal of Near Eastern Studies 35/2, 125. Stable URL: https://www.jstor.org/stable/545196. Für solche Vorkommnisse, die scheinbar häufiger waren, gab es ein eigenes Ritual, in dem weitere Opfer aufgezählt sind (Brot, Käse, Früchte, Getreide, Wein und ein gebratener Vogel)Lionel Bier, A second Hittite Relief at Ivriz. Journal of Near Eastern Studies 35/2, 125. Stable URL: https://www.jstor.org/stable/545196. Opfer im Umfeld einer Quelle belegen also nicht ohne weiteres deren sakralen Charakter.
Quellen, Brunnen, Flüsse und Seen galten den Kelten als heilige Orte und als Übergänge zur Anderswelt. Wasser wurde mit Heilung, Fruchtbarkeit, Schutz und Weissagung verbunden. Die Gewässer waren von mythischen Wesen bewohnt.Heilige Quellen und Brunnen, auf heimatjahrbuch-vulkaneifel.de/
Bei den Römern hießen Quell- oder Brunnenheiligtümer Nymphäum. Nymphen waren göttliche Geister der Wälder, Flüsse und Gebirgsquellen, die die Erde mit Nahrung versorgten.Heilige Quellen und Brunnen, auf heimatjahrbuch-vulkaneifel.de/
Christentum Als sich das Christentum durchsetzte, wurde die Quellenverehrung zuerst streng verboten. Doch da sich die Menschen nur ungern von ihren alten Bräuchen trennen wollten, wurde der Wasserkult mit einem christlichen Kontext versehenHeilige Quellen und Brunnen, auf heimatjahrbuch-vulkaneifel.de/.
An vielen Orten entstanden Kirchen oder Altäre in der Nähe von Quellen. Die meisten Brunnen wurden fortan mit Heiligen verbunden. Sowohl für St. Patrick als auch St. Columban ist überliefert, dass sie Quellen entspringen ließen, um mit ihnen das Sakrament der Taufe zu zelebrieren.Tírechán, Collectanea und Adomnáns Vita, zitiert nach Celeste Ray: The Origins of Ireland’s Holy Wells. Oxford, Archaeopress 2014, S. 81. Das Wasser vieler heiliger Quellen soll Krankheiten heilen. Heute sind heilige Quellen, besonders im Südwesten Irlands, ein wichtiger Bestandteil lokaler IdentitätenSuzanne J. Crawford O’Brien, Well, water, rock: holy wells, mass rocks and reconciling identity in the Republic of Ireland. Material Religion 4/3, 2008, 326–348. doi:10.2752/175183408X376683.
Vorkommen Deutscher Sprachraum In Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt es viele Quellen, die als heilig angesehen werden. Sie sind oft, wie oben erwähnt, nach Heiligen benannt. Im Süden des deutschen Sprachgebiets gibt es beispielsweise die Tradition, Quellen nach dem heiligen Ulrich von Augsburg zu benennen, die so genannten Ulrichsbrunnen. Die Tradition ist bereits seit dem 11. Jahrhundert (kurz nach Ulrichs Tod) belegt und dauert bis in die heutige Zeit an.
Bis zu 20.000 Menschen sollen einst zum Hermannskogel im Wienerwald gepilgert sein, um aus dem „Agnesbrünnl“ zu trinken.
Großbritannien mini|Heilige Quelle mit Quellenhaus in St. Clether, Cornwall Nach der Überlieferung vieler Heiligenlegenden entsprangen heilige Quellen an Orten, wo ein Heiliger sein Martyrium erlitt. Das ist überliefert für das Jahr 979 zum Tod Edwards des Bekenners in Wareham, Dorset, für St. Oswius Tod in der Schlacht gegen Penda in der Winwaed und für St. Sidwella in Exeter (St. Sidwell's Well).William Samuel Cordner: The Cult of the Holy Well. In: Ulster Journal of Archaeology, Third Series 9, 1946, S. 24–25. Auch am Grab eines Heiligen konnten Quellen entspringen: Ethelbert's Well, Masden, Hereford;William Samuel Cordner: The Cult of the Holy Well. In: Ulster Journal of Archaeology, Third Series 9, 1946, S. 25. St. Withburga's Well, East Dereham, bei Baldeswell (now Bawdeswell) Norfolk;William Samuel Cordner: The Cult of the Holy Well. In: Ulster Journal of Archaeology, Third Series 9, 1946, S. 25; Carol Falvo Heffernan: A Reconsideration of the Cask Figure in the "Reeve's Prologue". In: Chaucer Review 15/1, 1980, S. 39. Für zahlreiche Quellen ist überliefert, dass sie durch Heilige zum Entspringen gebracht wurden, so St. Augustine's Well durch den Heiligen Augustine in Cerne Abbas in Dorset. Eine Quelle in Stoke St. Milborough entsprang, als das Pferd des Heiligen Milburga auf den Boden stampfte. Der Glaube, eine Quelle in Carshalton, Surrey, sei entsprungen, wo Anne Boleyns Pferd auf den Boden stampfte,William Samuel Cordner: The Cult of the Holy Well. In: Ulster Journal of Archaeology, Third Series 9, 1946, S. 26. ist dagegen wohl darauf zurückzuführen, dass sie vom Volk für eine Hexe gehalten wurde.
Für mehrere Quellen in England ist überliefert, dass sie sich entweder mit Wasser füllten oder trocken fielen, wenn der Tod des Herrschers oder ein anderes Unglück bevorstand: Chipping Tawton, Devon (fließt) Marvel-sike Spring in Broughton, Northamptonshire (fließt) Nailbourns in Sittingbourne, Kent (fließt) St. Helen's Well, Rushton Spencer, Staffordshire (fällt trocken). Sie trocknete am Beginn des englischen Bürgerkrieges, der Hinrichtung Karls I., der Kornverknappung von 1670 und zur angeblichen Verschwörung von 1679 aus. Andere Quellen 'grummeln' oder 'grollen' („drumming wells“) und warnten so vor kommenden Unheil: Drumming Well, Oundle, Northamptonshire – soll vor allgemeinem Unheil warnen Routing Well, Inveresk, soll vor Stürmen warnen Die Quelle in Harpham, Yorkshire, 'grollte', wenn der Tod eines Mitglieds der Familie Quinton bevorstand.William Samuel Cordner: The Cult of the Holy Well. In: Ulster Journal of Archaeology, Third Series 9, 1946, S. 27. mini|Heilige Quelle mit Quellenhaus in Houston Auch nach der Reformation blieb der Glaube an die Heilkraft vieler Quellen erhaltenAlexandra Walsham, Reforming the Waters: Holy Wells and Healing Springs in Protestant England. Studies in Church History, Subsidia 12, 1999, 227–255. doi:10.1017/S0143045900002520; Alexandra Walsham, The reformation of the landscape: religion, identity, and memory in early modern Britain and Ireland. Oxford, Oxford University Press 2012, ISBN 978-0-19-924355-6.
Für fast jede englische Grafschaft existieren inzwischen Führer zu heiligen Quellenz. B. R. B. Parish, The holy wells and healing springs of Essex, a gazeteer and field guide to holy wells, mineral springs, spas and folklore waters. Nottingham, Pixy-Led 2009; R. B. Parish, The holy wells and healing springs of Hertfordshire, a gazeteer and field guide to holy wells, mineral springs, spas and folklore waters. Nottingham, Pixy-Led 2009; Robert Morrell, Nottinghamshire holy wells and springs. Nottingham, APRA Press, 2. Auflage 1989; Ethelbert Horne, Somerset holy wells and other named wells. London, Somerset Folk Press 1923. Die Holy Wells Research and Preservation Group mit Sitz in Southampton wurde im Oktober 1984 gegründet und gibt die Zeitschrift Source herausAlexandra Walsham, Reforming the waters: Holy Wells and healing springs in Protestant England. Studies in Church History, Subsidia 12, 1999, 227–255. doi:10.1017/S0143045900002520.
Irland mini|Heilige Quelle in der Nähe von Galway
Heute gibt es in Irland ca. 3000 heilige QuellenRonan Foley, Performing health in place: The holy well as a therapeutic assemblage. Health & Place 17, 2011, 470, manche sind aber nicht mehr in GebrauchEleanor Conlin Casella, Rag, Stone, Water: A Material Study of Holy Wells in Contemporary Ireland. In: James A. Nyman, Kevin R. Fogle, Mary C. Beaudry (Hrsg.), The Historical Archaeology of Shadow and intimate Economies. University Press of Florida, 265. Stable URL: . Quellen sind vor allem der Mutter Gottes, St. Patrick und St. Brigid ((Faughart, Liscannor, Tully)Ronan Foley, Performing health in place: The holy well as a therapeutic assemblage. Health & Place 17, 2011, 472) geweihtEleanor Conlin Casella, Rag, Stone, Water: A Material Study of Holy Wells in Contemporary Ireland. In: James A. Nyman, Kevin R. Fogle, Mary C. Beaudry (Hrsg.), The Historical Archaeology of Shadow and intimate Economies. University Press of Florida, 265. Stable URL: , aber auch St. Columban, St. Declan (Ardmore)Cadhla, S. The Holy Well Tradition, The Pattern of St Declan, Ardmore, County Waterford, 1800-2000. Four Courts Press, Maynooth 2000 und St. Kieran (Castlekeeran)Ronan Foley, Performing health in place: The holy well as a therapeutic assemblage. Health & Place 17, 2011, 472 heilig. In Connemara werden Tober Cáillίn in Keerhaunmore und Tobar Phádraig in Maumean (Mám Éan) noch heute häufig aufgesucht.
Spanien mini|Marienquelle in Covadonga In Spanien werden heilige Quellen (Fuensanta, Agua SantaJaime Tatay, Sacred Trees, Mystic Caves, Holy Wells: Devotional Titles in Spanish Rural Sanctuaries. Religions 12, 2021, 5. doi:10.3390/rel12030183) oft durch Steinhaufen gekennzeichnetJaime Tatay, Sacred Trees, Mystic Caves, Holy Wells: Devotional titles in Spanish rural Sanctuaries. Religions 12, 2021, 12. doi:10.3390/rel12030183. Sie befinden sich meist bei Kapellen oder Klausen und sind von Bäumen umgeben. Sie sind vorwiegend mit der Jungfrau Maria verbunden, besonders der Virgen de la Salud.
In Covadonga liegt eine heilige Quelle, die durch einen Höhlenfluss gespeist wird und im Fuente del Matrimonio zu Tage tritt. Junge Frauen, die daraus trinken, glauben, so bald zu heiratenJaime Tatay, Sacred Trees, mystic Caves, holy Wells: Devotional Titles in Spanish rural Sanctuaries. Religions 12, 2021, 14. doi:10.3390/rel12030183.
Literarischer Bezug In dem Gedicht „Schöne Agnete“ von Agnes Miegel sprudelt eine weiße Quelle vor der Kirchtür, als Agnete, die Frau des Wassermanns, von dort aus dem Hochamt folgt.
Rezeptionsgeschichte