mini|Propagandistisches US-Plakat, das zur Rache für Pearl Harbor aufruft Verschwörungstheorien zum Angriff auf Pearl Harbor ziehen in Zweifel, dass der Angriff der Japaner auf die US-Flotte am 7. Dezember 1941 die USA völlig überraschte. Sie behaupten, die US-Regierung und/oder Teile des US-Militärs hätten rechtzeitig Kenntnis von jenem geplanten Angriff gehabt, aber bewusst nichts dagegen unternommen. Sie hätten so die Zustimmung der kriegsunwilligen US-Öffentlichkeit für den tags darauf erfolgten Eintritt der Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg herbeiführen wollen.Vgl. hierzu z. B. die kritische Rezension von Gerhard Krebs, eines Experten für jüngere japanische Geschichte, zu Stinnetts in der Literaturliste aufgeführtem Buch in Nachrichten der Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens E.V. (NOAG) 2004 Die US-Historiker Charles A. Beard und Harry Elmer Barnes entwickelten diese und ähnliche Verschwörungsthesen schon kurz nach 1945. Ihre Behauptungen beruhen auch auf der Auswertung der Ergebnisse eines damaligen parlamentarischen Untersuchungsausschusses. Mehrheitlich werden sie als Geschichtsrevisionisten angesehen.
Vorgeschichte der Angriffe Am 22. Juli 1941 warnte Admiral Richmond K. Turner Roosevelt davor, dass die Einstellung US-amerikanischer Öllieferungen an Japan einen japanischen Angriff auf die Philippinen hervorrufen und die USA in einen Pazifikkrieg verwickeln würde. Am 25. Juli 1941 ließ Roosevelt die Öllieferungen stoppen. Laut dem amerikanischen Historiker Gerhard Weinberg war der japanische Entschluss zu einem Krieg gegen die USA aber zur Zeit des Embargos bereits gefallen.Gerhard L. Weinberg: Eine Welt in Waffen. Die globale Geschichte des Zweiten Weltkriegs. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1995, ISBN 3-421-05000-7, S. 266–274, das Zitat S. 277–283.
Verschwörungsthesen
Erkenntnisse durch frühere Manöver der US-Armee Als Indizien für eine Verschwörung der US-Regierung und ihres Militärs nennen die Vertreter von Verschwörungsthesen unter anderem ein gemeinsames Manöver der United States Army und United States Navy zur Verteidigung Hawaiis von 1932. Dieses soll den 1941 erfolgten japanischen Angriff in fast allen Details vorweggenommen haben. Admiral Harry E. Yarnell, Kommandeur der angreifenden Streitkräfte, setzte die ihm zugeteilten Flugzeugträger Saratoga und Lexington nicht nach orthodoxer Militärdoktrin als Unterstützung für seine langsamen Schlachtschiffe ein, sondern schickte sie mit Höchstgeschwindigkeit der Schlachtflotte voraus. In schlechtem Wetter gelang es ihnen, unbemerkt eine Angriffsposition nördlich von Hawaii einzunehmen. Am 7. Februar (wie der 7. Dezember 1941 ein Sonntag und der 7. eines Monats) griffen sie zuerst die Flugplätze und danach die im Hafen liegenden Kriegsschiffe der vollkommen überraschten Verteidiger an. Die Schiedsrichter des Manövers bewerteten den Angriff als „totalen Erfolg“: komplette Ausschaltung der Flugplätze, zahlreiche Treffer auf den Schiffen, kein einziges Flugzeug der Verteidiger konnte starten. Die The New York Times berichtete, dass es den Verteidigern selbst 24 Stunden nach dem Angriff immer noch nicht gelungen war, die angreifenden Flugzeugträger zu lokalisieren. Auch japanische Medien berichteten über das Manöver, und die Ähnlichkeit der beiden Angriffe gilt als Indiz dafür, dass die japanischen Planer das Manöver kannten. In der Bewertung des Manövers zog die US-Navy jedoch keine größeren Konsequenzen aus dem Ablauf; das fast vollständig aus der Schlachtflotte hervorgegangene Oberkommando setzte eine Bewertung der Manöverergebnisse als „unrealistisch“ durch. Dasselbe gilt für einen „Angriff“ unter Admiral Ernest J. King mit einem Flugzeugträger 1938.
Diskussionen über Sinn der Verlegung nach Pearl Harbor Als Präsident Roosevelt befahl, die Flotte von der Westküste der USA nach Pearl Harbor zu verlegen, protestierte Admiral James O. Richardson nachdrücklich und wiederholt dagegen. Richardson hielt die Verlegung für unsinnig, da die Pazifikflotte gemäß den Planungen für einen Krieg gegen Japan (War Plan Orange) erst das Eintreffen der Atlantikflotte abwarten sollte, bevor sie nach Westen vorstieß. Ob sie in San Diego oder Pearl Harbor wartete, war seiner Meinung nach kein großer Unterschied. Logistisch war die Flotte jedoch in Pearl Harbor schwieriger zu versorgen, da der Nachschub erst per Schiff nach Hawaii gebracht werden musste. In ihrer Heimatbasis in San Diego konnte die Flotte hingegen einfach über die Eisenbahn versorgt werden. Das Gleiche galt für Truppenurlaube: Von San Diego aus konnten die Soldaten während ihres Urlaubs ihre Familien besuchen, die Überseestationierung in Pearl Harbor machte dies jedoch unmöglich, da Hin- und Rückreise in die USA innerhalb eines Urlaubs zeitlich nicht zu schaffen waren. Die wiederholten Proteste führten schließlich dazu, dass Richardson abgelöst und durch Admiral Husband E. Kimmel ersetzt wurde. Diese Argumentation übersieht jedoch, dass das Ziel der US-Führung bei der Flottenverlegung nach Hawaii nicht einer unmittelbaren Kriegsvorbereitung diente, sondern in erster Linie politisch-strategischer Natur war: Druck auf Japan auszuüben, seine aggressive Expansionspolitik einzustellen.Congressional Investigation Report vom 26. Juli 1946, S. 160
Angebliche Kenntnis der japanischen Funksprüche vor dem Angriff Die Annahme des „fingierten Kriegsgrundes“ stützt sich auch darauf, dass die Verschlüsselung diverser japanischer Funkcodes schon vor dem Angriff geknackt worden war: Purple, der höchste diplomatische Code, J-19 und PA-K2, zwei weitere diplomatische Codes, und JN-25, der japanische Marinecode. Ab 25. Juli (vgl. oben) sollen weitere Geheimdiensterkenntnisse nicht mehr an Admiral Kimmel in Hawaii weitergeleitet worden sein. Spekuliert wird auch über eine angebliche Informationsblockade der etablierten Geheimdienste gegen das aus Zivilisten bestehende OCI zusammen – so von J. Edgar Hoover (FBI), der seine Oberhoheit über die Geheimdienstaktivitäten beschnitten sah, und der Armee (genauer der „G-2“), die den „Zivilisten“ misstraute habe. Gegen Admiral Kimmel wurde in der Folgezeit eine Untersuchung wegen Nachlässigkeiten bei den Abwehrvorkehrungen durchgeführt. Er verteidigte sich damit, dass ihm vor dem Angriff wichtige Informationen nicht zugänglich gemacht worden waren. Seine Rehabilitierung wurde mehrfach bis in den Kongress diskutiert.Zitiert nach 1999 rehabilitierte der Kongress Kimmel und den Befehlshaber des Heeres auf Hawaii, Generalmajor Short durch das öffentliche Eingeständnis, dass ihnen Informationen vorenthalten wurden, über die man in Washington verfügte.The New York Times: Senate Clears 2 Pearl Harbor 'Scapegoats' Gegen diese angeblichen Beweise für eine Verschwörung spricht allerdings erstens, dass Japan das militärische Chiffriersystem der Marine im Dezember unmittelbar vor dem Angriff so kompliziert umgestaltet und verfeinert hatte, dass es die amerikanischen Kryptologen schier zur Verzweiflung trieb. Nur ein kleiner Bruchteil konnte in so kurzer Zeit entschlüsselt werden, dass der Inhalt sinnvoll zu nutzen war. Einige Sprüche wurden sogar erst nach dem Ende des Krieges dechiffriert. Nach offizieller Lesart gelang es erst im Frühjahr 1942, die japanischen Marinesprüche einigermaßen sicher und in kurzer Zeit zu entschlüsseln, gerade rechtzeitig zur Midway-Schlacht. Zweitens konnten die Amerikaner nur den diplomatischen – also nicht-militärischen – Funkverkehr Japans tatsächlich ohne größere Schwierigkeiten mitlesen. In diesem Funkverkehr zwischen Japan und seinen Botschaften im Ausland war von einem konkreten Angriffsplan auf Pearl Harbor oder einen anderen Standort vor dem 7. Dezember 1941 allerdings nie die Rede. Es gab lediglich einige aufgefangene Funksprüche, aus denen Pearl Harbor theoretisch indirekt als ein Ziel im Falle eines japanischen Angriffs hätte abgeleitet werden können, was die jeweiligen Entscheidungsträger auf US-Seite jedoch nicht erkannten. Andere Funksprüche, aus denen der Angriff eindeutiger abzuleiten gewesen wäre, lagen in Washington aufgrund der oben erwähnten Engpässe erst nach dem Angriff in dechiffrierter und übersetzter Fassung vor.Congressional Investigation Report vom 26. Juli 1946, S. 232ff. bzw. S. 228ff.
Die US-Funkaufklärung vermutete zwar anhand der auffälligen Muster des japanischen Funkverkehrs und aufgrund des außerplanmäßigen Rufzeichenwechsels der japanischen Marine am 1. Dezember die Vorbereitung einer großen militärischen Operation. Das Ziel war jedoch keineswegs eindeutig – es konnte sich dabei sowohl um einen Angriff auf die britischen und niederländischen Kolonien handeln (was vermutet wurde) als auch um einen Angriff auf die Philippinen oder weitere Truppenverlegungen nach Indochina (was als unwahrscheinlich galt). Am 24. und 27. November schickte deshalb der Chief of Naval Operations, Admiral Harold R. Stark, Kriegswarnungen an alle Kommandeure im Pazifik, in der ihnen mitgeteilt wurde, dass aggressive Handlungen Japans in den nächsten Tagen zu erwarten seien. Als mögliche Ziele eines japanischen Angriffs wurden Malaysia, Thailand, die Philippinen, Borneo und Guam genannt. Alle Kommandeure im Pazifik wurden angewiesen, entsprechende Maßnahmen zur Vorbereitung ihrer Truppen auf den Kriegsfall zu treffen.Kriegswarnung vom 27. November 1941. Gerhard Weinberg erklärt die mangelnde Reaktion auf Anzeichen für den bevorstehende Angriff damit, dass Armee und Marine aufgrund rassistischer Vorurteile den Japanern weder den Mut noch das Geschick noch die Selbstdisziplin zutrauten, den Überfall durchzuführen.Gerhard L. Weinberg: Eine Welt in Waffen. Die globale Geschichte des Zweiten Weltkriegs. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1995, S. 291 f.
Anhand der japanischen Secret Message Serial Numbers (SMS) konnte nachgewiesen werden, dass die Angriffsflotte für Pearl Harbor Funkstille hielt.Philip H. Jacobsen: Radio Silence of the Pearl Harbor Strike Force Confirmed Again: The Saga of Secret Message Serial (SMS) Numbers. Cryptologia, West Point, Band. 31, Ausg. 3, Juli 2007, S. 231.
Tagebucheintrag des US-Kriegsministers Weiterhin existiert ein Tagebucheintrag des damaligen Kriegsministers Henry L. Stimson vom 25. November 1941 über eine Unterredung mit Roosevelt: Allerdings lässt sich aus diesem Zitat nicht ableiten, dass Stimson Kenntnisse über einen tatsächlichen konkreten Angriffsplan Japans hätte.
Fragliche Motivation für eine Verschwörung Anhänger der Theorie einer Verschwörung argumentierten, die in Pearl Harbor stationierten Truppen und Schiffe seien vorsätzlich in Unkenntnis gelassen und bei dem Angriff geopfert worden, um die nötige Akzeptanz in der US-Bevölkerung für einen Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg herzustellen. Die dabei entstehenden US-Verluste seien in Kauf genommen worden, da Japan keinen ernsthaften Schaden habe anrichten können.