alternativtext=|mini|Wappen der Stuttgardia|300x300px Die Akademische Gesellschaft Stuttgardia ist eine liberale Studentenverbindung an der Eberhard Karls Universität Tübingen.

Grundsätzliches Konstituiert wurde die Gesellschaft am 30. November 1869 in der Tübinger Konviktsmüllerei von sieben jungen Studenten, die größtenteils ihr Abitur am Stuttgarter Gymnasium absolviert hatten. Sie ist eine schwarze Verbindung, d. h. Stuttgarden gehen davon aus, dass es nicht eines Tragens von Farben als Bekenntnis zu ihrer Gesellschaft bedarf. Unabhängig davon führt sie die Farben der Stadt Stuttgart. Die Fahne zeigt das Stuttgarter Ross auf schwarz-goldenem Grund. Ihr Wahlspruch lautet: „universitas-virtus-gaudium“. Das Mensurwesen wurde von Gründung an abgelehnt. Jedoch gab die Stuttgardia bis zu ihrer Auflösung unter den Nationalsozialisten erst bedingte, später unbedingte Satisfaktion. Seit Wegfall des studentischen Duells nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Akademische Gesellschaft somit nichtschlagend. Die Gesellschaft folgt dem Toleranzprinzip. Mitglied kann jede(r) Studierende werden, unbesehen von politischer Gesinnung, Konfession, Nationalität oder Geschlecht.

Die Geschichte der Stuttgardia seit 1869 zeigt spezifische Beiträge dieser Korporation zur Tübinger Universitätsgeschichte und der Entwicklung des süddeutschen Liberalismus. Ihr Zweck ist die Pflege von Geselligkeit und Freundschaft, und zwar in der Form des Lebensbundes. Weiteren fach- oder interessenbezogenen Werten verschrieb sich die Stuttgardia nicht. Ihr Programm enthält nicht die Wahrung der Ehre und des Ruhmes des Vaterlandes oder die Verwirklichung von konfessionellen, politischen oder weltanschaulichen Vorstellungen.

Gründung 1869 mini|Gesellschaftshaus der Stuttgardia|300x300pxGegründet wurde die Stuttgardia am 30. November 1869; damals noch nicht unter diesem Namen, als Freundeskreis von sieben Studenten, unter denen fünf ihr Abitur in Stuttgart absolviert hatten und denen die herkömmlichen Studentenverbindungen nicht zusagten. Am 23. April 1872 nahm der Freundeskreis dann den Namen Stuttgardia an. Mit ihrer Gründung übernahm die Stuttgardia einen Teil des studentischen Brauchtums und der studentischen Kultur, die sich seit dem Spätmittelalter in der Studentenschaft als einer sozialen Gruppe gebildet hatten. Dazu gehört beispielsweise die Kneipe, auf der Unterhaltung, Trinken und Gesang nach einem bestimmten Komment gepflegt werden. Weiter gilt auch in der Stuttgardia das demokratische Konventsprinzip, d. h. der Konvent entscheidet über die Angelegenheiten der Gesellschaft. Andere Teile studentischen Brauchtums wiederum sind bei der Stuttgardia nicht eingeführt worden. Dies galt insbesondere für das Farbentragen sowie das Schlagen von Bestimmungs-Mensuren als Voraussetzung für eine endgültige Mitgliedschaft. Jedoch gab die Gesellschaft Satisfaction; zunächst auf schwere, später auch auf leichte Waffen. Ein weiterer Grundsatz des Korporationswesens, nämlich die Einteilung der Mitglieder in Füxe und Burschen, wurde auch übernommen, doch hatten die vorläufigen Mitglieder, anders als bei anderen Bünden, weitestgehend dieselben Rechte wie aktive Bundesbrüder.

Die Gesellschaft etablierte sich alsbald als staatstragende Honoratiorenverbindung. Johannes Haller, seit 1913 Historiker an der Tübinger Universität, meinte in seinen Lebenserinnerungen: „Ungewöhnlich war der Einfluss einiger Tübinger Studentenverbindungen, gegenüber dem der zu Zeiten viel berufene Klüngel der Korps in der preußischen Verwaltung sich harmlos ausnahm. Nach verbreiteter Vorstellung, die mir nicht ganz irrig scheint, muss man, um in Württemberg Minister zu werden, der Tübinger Stuttgardia, um Ministerialrat der Germania angehören. Die Unterrichtsverwaltung teilen sich Normannia und die Königsgesellschaft Roigel“. Kennzeichnend für die Stuttgardia ist, dass sie im Laufe ihrer Geschichte überwiegend liberale Vorstellungen vertrat. Zur politischen Haltung der Stuttgarden notierte Hans Wildermuth: „Vorherrschend war eine nationalliberale Gesinnung, abgesehen von einigen Außenseitern“. Die Nationalliberale Partei, in Württemberg „Deutsche Partei“ genannt, war die Partei des gebildeten und besitzenden Bürgertums. Sie betonte nationale Interessen, trat aber auch für liberale rechtsstaatliche Ideen ein. Ministerpräsident von Weizsäcker gehörte ihr an, Gustav Hauber war ihr stellvertretender Landesvorsitzender. „Es war die Tradition einer ziemlich dünnen Schicht des schwäbischen Bürgertums, die man am besten vielleicht als den ‚Beamtenadel‘ bezeichnen könnte, die im Unterschied zu den mehr kleinbürgerlichen und bäuerlichen Rekrutierungsschichten mancher anderen spezifisch schwäbischen Verbindung betonten Wert legte auf gute gesellschaftliche Formen, die ihren bestimmten Ehrbegriff hatte und, ohne parteipolitisch gefärbt und ohne engherzig zu sein, in ihrer Einstellung zum Staat jene gemäßigte konservativ-liberale Linie einhielt, die sich für die höhere Beamtenschaft einer konstitutionellen Monarchie mit stark demokratischem Einschlag von selbst ergab. Unbedingte Königstreue und nationale Gesinnung, das waren Selbstverständlichkeiten bei uns, die auf dem stillschweigenden gesellschaftlichen Consensus der Schicht, die uns trug, beruhten.“ Der Umgangston der Mitglieder war nicht von einer am Offizierskasinoton orientierten Schnoddrigkeit, sondern von Geist, Witz und Originalität geprägt. Hans Wildermuth schrieb dazu: „Witz stand hoch im Kurs, und rücksichtslos wurde alles, aber auch alles, vor unser lachendes Forum gezerrt, sicher auch Dinge, über die man nicht lachen soll. Es gab nichts, dem wir nicht eine lächerliche Seite abgewannen.“ Auch sich selbst habe man nicht ernst genommen. Dies alles habe im Gesellschaftsleben dem im Bundeslied gepriesenen „Geist der Einigkeit“ starken Abbruch getan, andererseits zu einer inneren Überlegenheit geführt, die vor dem Pathos falscher Propheten bewahrt habe.

Nachdem schon jahrelang das Haus des Weinbauers Kocher Stuttgarden Quartier bot, nahm man 1894 die sich bietende Gelegenheit zum Kauf des Österberg-GrundstückesErnst Hans Eberhard: Handbuch des studentischen Verbindungswesens. Leipzig, 1924/25, S. 111. mit Blick auf den Neckar und die Schwäbische Alb wahr. Da man zuerst annahm, das alte Kocherhaus würde noch einige Jahre überdauern, beschloss man den Bau eines repräsentativen Kneiphauses auf dem Westteil des Grundstückes. Es stellte sich aber bereits nach einigen Jahren heraus, dass das alte Wohnhaus marode und nicht mehr sanierbar war. Es war mittlerweile ein beliebter Scherz von Bewohnern, durch geschickte Gewichtsverlagerung das Haus in Schwingungen zu versetzen und Schläfern ein Erdbeben vorzutäuschen. Der Altenverein beschloss daraufhin den Abriss sowohl des Wohnhauses als auch des Kneiphauses und den Neubau eines Verbindungshauses. 1906 wurde dann der Stuttgarter Architekt Richard Dollinger,Richard Dollinger, TÜpedia der auch drei weitere Korporationshäuser in Tübingen baute, mit dem Bau einer Jugendstilvilla beauftragt. Seit seiner Fertigstellung 1909 prägt das Haus der Stuttgardia neben den Häusern des Corps Borussia und des Corps Franconia das östliche Stadtbild Tübingens auf dem Österberg. Möglicherweise war das Österbergrundstück der Gesellschaft auch Schauplatz von Hermann Hesses autobiographischen Erzählungen „Das Presselsche Gartenhaus“, in dem er mit Goethe und Hölderlin laue Tübinger Sommernächte verbrachte.

1905 kam der erneute Plan eines interkorporativen Zusammenschlusses der Tübinger Verbindungen auf, nachdem die letzte Organisation 1891 aufgelöst wurde.Martin Biastoch: Tübinger Studenten im Kaiserreich. Eine sozialgeschichtliche Untersuchung. Jan Thorbecke Verlag, Sigmaringen 1996. ISBN 3-7995-3236-6. S. 143ff. Allerdings wurden vor dem Hintergrund des akademischen Kulturkampfs und der Frage der Gleichberechtigung der katholischen Verbindungen, die von den Corps, Schottland, Ghibellinia, Ulmia, Igel, Saxonia, Stuttgardia, Virtembergia und dem VDSt abgelehnt wurde, von diesen ein zweiter Studentenausschuss gegründet. 1907 entstand dann mit dem „Ausschuss Vereinigter Tübinger Korporationen“ eine gemeinsame Organisation, der auch Stuttgardia angehörte, nachdem die katholischen Verbindungen Guestfalia, Alamannia und Unitas-Cheruscia durch Beiträge in der überregionalen Presse (Schwäbischer Merkur, Germania und Kölnische Zeitung) ihre vaterländische Haltung betont und zugleich Kritik an den von der Zentrumspartei dominierten Katholikentagen geäußert hatten.Alfred Vollmar: Geschichte der akademischen Verbindung Guestfalia zu Tübingen von 1859–1909. Ulm 1909, S. 215 Über ihre Verbindungen waren etwa zwei Drittel der Studenten in dem Ausschuss vertreten.Martin Biastoch: Tübinger Studenten im Kaiserreich. Eine sozialgeschichtliche Untersuchung. Jan Thorbecke Verlag, Sigmaringen 1996, ISBN 3-7995-3236-6, S. 211.

Nach dem Ersten Weltkrieg gehörte die Stuttgardia zwischen 1919 und 1922 dem mit der AV Igel Tübingen und der AV Virtembergia Tübingen bestehenden Tübinger Schwarzen Verband an.Michael Doeberl u. a. (Hrsg.): Das Akademische Deutschland, Bd. 2, Berlin 1931, S. 1033f.

Die Stuttgardia stand mitten im bunten vielgestaltigen Verbindungsleben, das die kleine Universitätsstadt Tübingen vor dem Zweiten Weltkrieg auszeichnete, und das eine heute kaum mehr vorstellbare Bedeutung hatte. Es gab die großen schlagenden Korporationen, die christlichen Bünde, es gab farbentragende Verbindungen und solche ohne Farben, Verbindungen mit reichen und armen, feudalen und proletischen, stark und mäßig trinkenden Mitgliedern. „Das alles sang, ramschte, schrie, focht und trank durcheinander gaßauf und gaßab“. In diesem Treiben versuchte die Stuttgardia mit ihrem betont württembergischen, bürgerlichen, leicht elitären und vor allem witzigen Stil zu bestehen.

Stuttgardia im Dritten Reich Die Verfechter des Nationalsozialismus außer- und innerhalb der Stuttgardia traten Anfang der 30er Jahre zunehmend gegen die traditionell liberalen Werte, wie das Nichtfarbentragen, den Verwurf der Mensur, das demokratische Konventsprinzip und gegen die Aufnahme von Juden an. Ab 1933 konnten nur noch sogenannte Arier neu aufgenommen werden, die „nichtarischen“ Mitglieder blieben jedoch noch Bundesbrüder. Ein Führer wurde aufgestellt, der dem Präsidium der Aktivitas und dem Altenverein vorstand; der Konvent wurde hiermit entmachtet. Im Oktober 1933 trat die Stuttgardia dann als „Schwarzes Corps Stuttgardia zu Tübingen“ dem Miltenberger Ring bei. Stuttgardia focht nun auch Bestimmungsmensuren.