mini|Heinz Reinefarth (1944)

Heinz Friedrich Reinefarth (* 26. Dezember 1903 in Gnesen, Provinz Posen, Königreich Preußen; † 7. Mai 1979 in Westerland, Sylt) war ein deutscher SS-Gruppenführer, Generalleutnant der Waffen-SS und Polizei. Reinefarth war unter anderem für die Niederschlagung des Warschauer Aufstandes verantwortlich, bei der allein im Warschauer Stadtteil Wola 20.000 bis 50.000 Zivilisten von den Truppen unter seinem Befehl erschossen wurden.

Für seine Taten wurde Reinefarth nie belangt. Es gelang ihm im Gegenteil, in der Nachkriegszeit eine politische Karriere einzuschlagen, bei der er Abgeordneter des Schleswig-Holsteinischen Landtages und Bürgermeister von Westerland auf Sylt wurde.

Leben bis zum Krieg Heinz Reinefarth war das einzige Kind des Landgerichtsrats Fritz Reinefarth und seiner Ehefrau Bertha. Nach der Versetzung seines Vaters nach Cottbus besuchte er dort ab 1910 die Volksschule und ab 1913 das Friedrich-Wilhelm-Gymnasium. Als 16-jähriger Obersekundaner folgte er während des Kapp-Putsches im März 1920 einem Aufruf des Garnisonsältesten, Major Buchrucker, der die gegen den Putsch streikenden Arbeiter militärisch bekämpfte; er meldete sich als Zeitfreiwilliger und wurde zur Bewachung von Kasernen eingesetzt.Philipp Marti: Der Fall Reinefarth, S. 26–26

Nach dem Abitur 1922 studierte Reinefarth Rechtswissenschaft an der Universität Jena und wurde Mitglied der Landsmannschaft Suevia Jena, einer pflichtschlagenden Verbindung, in der er nach eigenen Angaben 16 Mensuren fochtPhilipp Marti: Der Fall Reinefarth, S. 295 (Anm. 93) und die „ab den späten 1920er Jahren dafür bekannt [war], der NS-Bewegung besonders nahezustehen“.Philipp Marti: Der Fall Reinefarth, S. 27 Als sich Anfang November 1923 in Bayern Freikorps für einen Putsch gegen die Reichsregierung sammelten, meldete sich Reinefarth mit zahlreichen anderen Korporierten für die „Studentenkompagnie Jena“, die in Bamberg ein kurzes militärisches Training erhielt, aber nach dem Scheitern des Hitlerputschs aufgelöst wurde. Bei der Rückkehr nach Thüringen wurde Reinefarth an der Grenze für einen Tag festgenommen. Während der Semesterferien 1924 schloss er sich als Zeitfreiwilliger dem Artillerieregiment 3 in Frankfurt (Oder) an und wurde als Kanonier ausgebildet.Philipp Marti: Der Fall Reinefarth, S. 29–31

Reinefarth bestand im Mai 1927 in Jena beim zweiten Versuch das Referendarexamen und im Dezember 1930 in Berlin das Assessorexamen, beide mit der Note „ausreichend“, und ließ sich dann in Forst (Lausitz) als Rechtsanwalt nieder. Nachdem sein Vater sich 1932 in den vorzeitigen Ruhestand hatte versetzen lassen, konnte er seine Praxis nach Cottbus verlegen. Hier heiratete er am 30. Januar 1932 Adelheid „Heidi“ Reichelt (1905–1986), einziges Kind eines früh verstorbenen, wohlhabenden Rittergutsbesitzers. Aus der Ehe gingen ein Sohn und eine Tochter hervor.Philipp Marti: Der Fall Reinefarth, S. 31, 297 (Anm. 125)

Zum 1. August 1932 trat er der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 1.268.933)Bundesarchiv R 9361-III/549734 und im November der SA. Im Dezember wechselte er zur SS (SS-Nummer 56.634), in der er bis 1937 zum Hauptsturmführer aufstieg. Er trat in zahlreichen Prozessen als Rechtsvertreter von Nationalsozialisten auf, unter anderem als Verteidiger in einem Verfahren wegen eines Sprengstoffanschlags von SS-Leuten im August 1932 auf die „Jüdische Landarbeit“, ein landwirtschaftliches Ausbildungsprojekt für jüdische Jugendliche in Groß Gaglow. Dadurch wurde der damalige Führer des SS-Oberabschnitts Ost und spätere Chef der Ordnungspolizei, Kurt Daluege, auf ihn aufmerksam, der ihn zum Übertritt in die SS veranlasste und später sein wichtigster Förderer wurde. Ehrenamtlich war Reinefarth als Leiter des Kreisrechtsamts der NSDAP, Rechtsberater im SS-Abschnitt XII und Kreisgruppenführer des NSRB aktiv. Seine guten Beziehungen zu hohen NS-Funktionären führten auch dazu, dass er im Juni 1936 unter Übergehung eines qualifizierteren Bewerbers ein Notariat erhielt, das durch die Verdrängung des jüdischen Inhabers frei geworden war. Angebote, hauptamtlich für die SS tätig zu werden, lehnte Reinefarth ab, da die Bezahlung dort erheblich niedriger gewesen wäre als die Einkünfte aus seiner gutgehenden Rechtsanwaltspraxis, die ihm monatlich etwa 3000 RM (entspricht etwa Euro) einbrachte.Philipp Marti: Der Fall Reinefarth, S. 31–34; 297 (Anm. 133)

Zweiter Weltkrieg Am 26. August 1939, unmittelbar vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, wurde Reinefarth als Schütze der Reserve in das in Cottbus neu aufgestellte Infanterieregiment 337 der Wehrmacht einberufen und nahm damit am Überfall auf Polen teil. Noch im September 1939 erhielt er das Eiserne Kreuz II. Klasse und wurde zum Unteroffizier befördert. Nach der Kapitulation Polens absolvierte er einen Offiziers-Ergänzungslehrgang und kehrte als Feldwebel zu seiner Einheit zurück. Während des Westfeldzugs gegen Frankreich wurde ihm als Zugführer der 14. Kompanie zunächst das Eiserne Kreuz I. Klasse und am 25. Juni 1940 das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes verliehen, weil er am 28. Mai als Führer eines kleinen Erkundungstrupps mehrere französische Batterien dazu bewogen hatte, sich kampflos zu ergeben. Diese ungemein prestigeträchtige Auszeichnung erhöhte sein Renommee enorm, zumal er sie als erster Angehöriger der Allgemeinen SS und einer der ersten Nichtoffiziere erhielt. Ende 1941 kam er, inzwischen Leutnant, mit seiner Einheit an die Ostfront, wo er wegen Erfrierungen an Füßen und Beinen im Januar 1942 vorübergehend dienstunfähig wurde.Philipp Marti: Der Fall Reinefarth, S. 36–37

In dieser Situation machte ihm Daluege erneut das Angebot einer hauptamtlichen Stellung bei der Ordnungspolizei. Da die Fortführung seiner Rechtsanwaltspraxis durch Vertreter sich als schwierig und wenig einträglich erwiesen hatte, nahm Reinefarth diesmal an und wurde am 20. April 1942 auf Antrag Heinrich Himmlers durch Adolf Hitler zum SS-Brigadeführer und Generalmajor der Polizei ernannt. Anfängliche Querelen über seine konkrete Dienststellung lösten sich, als Daluege nach dem tödlichen Attentat auf Reinhard Heydrich Anfang Juni 1942 zum stellvertretenden Reichsprotektor im Protektorat Böhmen und Mähren ernannt wurde und Reinefarth zu sich nach Prag holte. Am 30. Juli 1942 wurde er zum „Generalinspekteur der Verwaltung in der Behörde des Reichsprotektors“ ernannt. Diese Stellung hatte er bis Juni 1943 inne.Philipp Marti: Der Fall Reinefarth, S. 38–45

mini|Reinefarth (Mitte) stellt Gauleiter Arthur Greiser (rechts) im März 1944 einen Umsiedler als „millionsten Deutschen im Wartheland“ vor. mini|Heinz Reinefarth (links, mit Kosakenmütze) während des Warschauer Aufstandes Nach einem einjährigen Aufenthalt im Hauptamt Ordnungspolizei wurde er im April 1944 zum Höheren SS- und Polizeiführer Warthe und am 1. August 1944 zum SS-Gruppenführer und Generalleutnant der Waffen-SS und Polizei berufen. In dieser Funktion befehligte er zwölf galizische Schutzmannschaft-Kompanien (Einsatzgruppe „Reinefarth“) bei der Niederschlagung des Warschauer Aufstandes der polnischen Heimatarmee (Armia Krajowa) vom 1. August bis zum 3. Oktober 1944 (Kapitulation der Heimatarmee). Zu den ihm unterstellten Einheiten gehörten das SS-Sonderregiment Dirlewanger mit dem unterstellten II. Bataillon (aserbaidschanisches) / Gebirgsjägerregiment „Bergmann“ unter Hauptmann Hubert Mertelsmann und das verstärkte Waffen-Grenadier-Regiment der SS 72 (russische Nr. 1) unter dem Brigadestabs-Chef Waffen-Sturmbannführer Iwan Frolov der Waffen-Sturmbrigade RONA sowie das I. & II. Bataillon / Ostmuselmanische SS-Regiment unter SS-Sturmbannführer Franz Liebermann. Diese waren von äußerster Brutalität und Verrohung geprägt. Immer wieder kam es neben den Massenmorden (bei denen über 100.000 polnische Aufständische und Zivilisten getötet wurden) auch zu Massenvergewaltigungen und anderen Exzessen, bei denen häufig auch Minderjährige und Kinder Opfer waren (Massaker von Wola). Überliefert ist ein Funkgespräch Heinz Reinefarths mit dem Oberbefehlshaber der 9. Armee Nikolaus von Vormann, in dem er fragt: „Was soll ich mit den Zivilisten machen? Ich habe weniger Munition als Gefangene“. Heinz Reinefarth, Befehlshaber bei der Niederschlagung des Warschauer Aufstandes, erhielt den Beinamen: „Mörder von Warschau“ bzw. „Der Schlächter von Warschau“ oder auch „Henker von Warschau“. Für seine Taten in Warschau zeichnete das NS-Regime Reinefarth am 30. September 1944 mit dem Eichenlaub zum Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes aus.

Am 2. Februar 1945Fritz Kohlase: Küstrins Untergang im Jahre 1945 ernannte ihn Adolf Hitler zum Festungskommandanten der Stadt Küstrin an der Oder (Festung Küstrin), die nach schweren sowjetischen Bombardements am 28./29. März von der Sowjetarmee erobert wurde. Bei den Kämpfen um die Festung Küstrin fielen etwa 5.000 deutsche und 6.000 sowjetische Soldaten. Reinefarth brach entgegen Hitlers Befehl mit einem Teil seiner Truppen aus (nur ca. 1300 erreichten die deutschen Linien) und wurde wegen Feigheit vor dem Feind zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde wegen der kritischen Frontlage nicht vollstreckt; Reinefarth gelang es, sich mit einer Heeresgruppe an der westlichen Front britischen Soldaten zu ergeben.

Bei Ende des Zweiten Weltkriegs hatte er den Rang eines SS-Gruppenführers und Generalleutnants der Polizei. Uwe Danker und Sebastian Lehmann-Himmel charakterisieren ihn in ihrer Studie über das Verhalten und die Einstellungen der Schleswig-Holsteinischen Landtagsabgeordneten und Regierungsmitglieder der Nachkriegszeit in der NS-Zeit als „Verfolgungsakteur“ und „exponiert-nationalsozialistisch“.Landtagsdrucksache 18-4464. (PDF; 14 MB) landtag.ltsh.de, S. 285; abgerufen am 22. Oktober 2020.

Nach 1945 Reinefarth verbrachte bis 1948 drei Jahre in amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Einige Male wurde er nach Nürnberg verlegt, um vor dem Internationalen Militärgerichtshof auszusagen; es kam jedoch zu keiner Aussage. Einem Auslieferungsverlangen Polens wurde nicht stattgegeben. 1948 wurde Reinefarth nach Hamburg in die britische Zone überstellt. Auch die Briten lehnten 1950 Reinefarths Auslieferung nach Polen ab. Der Hintergrund war, wie der Historiker Philipp Marti 2012 herausfand, eine geheimdienstliche Tätigkeit Reinefarths für den amerikanischen CIC.Philipp Marti: Die zwei Karrieren des Heinz Reinefarth. Vom „Henker von Warschau“ zum Bürgermeister von Westerland. In: Demokratische Geschichte. 22, Malente 2011, S. 167–192; beirat-fuer-geschichte.de (PDF; 0,8 MB) S. 176 f. Im Entnazifizierungsverfahren sprach ihn das Spruchgericht Hamburg-Bergedorf 1949 von jeder Schuld frei. Vom Flensburger Entnazifizierungs-Hauptausschuss wurde sogar festgestellt, „der Betroffene habe nicht nur in seinem militärischen, sondern auch in seiner ganzen politischen Gegeneinstellung zum Nationalsozialismus wiederholt Leben und Stellung aufs Spiel gesetzt“Landtagsdrucksache 18-4464 (PDF; 14 MB) S. 499, abgerufen am 22. Oktober 2020. und Reinefarth in die Kategorie V (Entlasteter) eingestuft.