Franz Josef Ehrlich (* 28. Dezember 1907 in Leipzig-Reudnitz; † 28. November 1984 in Bernburg (Saale)) war ein deutscher Architekt, Innenarchitekt, Designer und Künstler. Der Gebäudekomplex des Funkhauses Nalepastraße, von 1952 bis 1990 Sitz des Rundfunks der DDR, gilt als sein baukünstlerisches Hauptwerk, steht unter Denkmalschutz und ist in wesentlichen Teilen einer Besucheröffentlichkeit zugänglich.Friedrich von Borries, Jens-Uwe Fischer: Gefangen in der Titotalitätsmaschine – Der Bauhäusler Franz Ehrlich, Suhrkamp 2022, S. 1

Leben Herkunft Franz Ehrlich wurde als zweites Kind und erster Sohn des Mechanikers Franz Ehrlich und dessen Ehefrau Elisabeth in Leipzig-Reudnitz geboren, er wuchs dort im Haus Dresdner Straße 68 auf.Adressbuch 1907 1914–1922 besuchte er die Volksschule am Täubchenweg. Dem Vorbild seines Vaters folgend, absolvierte er eine Ausbildung zum Maschinenschlosser. Um sich weiterzubilden, besuchte er die Sonntags- und Abendgewerbeschule der Polytechnischen Gesellschaft Leipzig und kurzzeitig auch die Technischen Lehranstalten der Stadt Leipzig.

Er wuchs im proletarischen Milieu des sogenannten „roten Ostens“ von Leipzig auf und wurde in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg politisiert. Zentrale Erlebnisse seiner Jugend waren die Kämpfe zur Abwehr des Kapp-Putsches und die Großdemonstrationen nach dem Mord an Walter Rathenau. Mit dem Beginn seiner Ausbildung trat er in die Deutsche Metallarbeitergewerkschaft ein und war 1925 auch Mitglied der Sozialistischen Arbeiter-Jugend (SAJ). Sein Vater war SPD-Mitglied.

Bauhaus 1923 begann er sich für das Bauhaus und das Neue Bauen zu interessieren. Nachdem er das Plakat für die Bauhauswoche auf dem Leipziger Hauptbahnhof gesehen hatte, wanderte er zu Fuß nach Weimar, besuchte die Theateraufführungen, Konzerte und die Bauhausausstellung.Bauhausideen im Werk eines Architekten in: Kultur im Heim, Verlag Die Wirtschaft, Berlin 1977, Heft 6, Seite 14–17 Nach dem Abschluss der Lehre, Weiterbildung an Abend- und Sonntagsschulen und einer Phase der Arbeitslosigkeit studierte Ehrlich ab 1927 am Bauhaus Dessau. In der plastischen Werkstatt Joost Schmidts, in der Ehrlich den Großteil seines Studiums verbrachte, schuf er mit Heinz Loew (1903–1981) „das Modell eines totalen Theaters, das über eine zentrale Welle den gesamten Bühnenmechanismus als ‚Raummaschine‘ funktionieren ließ. Anschließend entstanden in der Werkstatt in Originalgröße ein mechanisches Schaufenster und als Modell ein drehbares Haus mit ausfahrbaren Geschossen.“Franz Ehrlich: Bauhaus und Totaltheater (PDF; 0,5 MB), auf e-pub.uni-weimar.de 1929 legte Franz Ehrlich die Gesellenprüfung als Tischler ab und beendete eine Lehre als Wand- und Dekorationsmaler ohne Abschluss. Mitarbeiter am Bauhaus mit 30 Reichsmark Entgelt und Nutzung eines Frei-Ateliers.Gerhard Steinke, Gisela Herzog: Der Raum ist das Kleid der Musik - Musik-Aufnahmesäle und Hörspielstudios im Funkhaus Berlin-Nalepastrasse, Verlag Kopie & Druck Adlershof Berlin, 3. korrigierte Auflage 2023, Seite 237

Antifaschistischer Widerstand 1930 verließ er das Bauhaus, wurde Mitglied der KPD und versuchte sich als freier Gestalter zu etablieren. Er gründete mit Heinz Loew und Fritz Winter in Berlin das Studio Z, ein Designstudio für Ausstellungsgestaltung, das jedoch keinen ökonomischen Erfolg hatte. 1933 arbeitete er freiberuflich in Leipzig. Nach seinen Plänen wurde ein neues Verwaltungsgebäude in der Elsterstraße für den Verlag Otto Beyer gebaut. 1934 bekam er eine halbe Stelle als freier Mitarbeiter in der Grafikabteilung des Verlags Otto Beyer.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten schloss sich Ehrlich dem antifaschistischen Widerstand an und beteiligte sich an der Herstellung der illegalen Zeitschrift Die junge Garde. Im August 1934 wurde er verhaftet und 1935 mit einer Reihe von weiteren Angeklagten wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt.

Zuchthaus und Buchenwald mini|Inschrift Jedem das Seine am Tor des Schutzhaftlagers im KZ Buchenwald Zunächst im Zuchthaus Waldheim inhaftiert, verbrachte er die meiste Zeit seiner Haftstrafe im Zuchthaus Zwickau. Im August 1937 wurde er entlassen, aber direkt in Schutzhaft genommen. Am 2. September 1937 wurde Ehrlich als politischer Häftling in das im Aufbau befindliche KZ Buchenwald eingeliefert, wo er im Steinbruch arbeiten musste. Nach kurzer Zeit fand er Anschluss an den Lagerwiderstand und kam ins Tischlereikommando. Ab Anfang 1938 leistete er Zwangsarbeit im Baubüro Buchenwald. Während seiner Haftzeit gestaltete er unter anderem das Tor des Häftlingslagers mit der Inschrift Jedem das Seine.»Die Ehrliche Inschrift - Absurdität, Widerspruch und Kontroverse« auf Blog Ein Freiwilligenjahr in Buchenwald, 26. Februar 2021.

Zivilangestellter der SS Im Oktober 1939 erfolgte seine Entlassung aus der Haft. Als „wehrunwürdig“ wurde er nicht zum Wehrdienst eingezogen. Statt nach Leipzig zurückzugehen, blieb er in Weimar-Buchenwald und begann als Zivilangestellter der SS im Baubüro Buchenwald, das auch als SS-Neubauleitung bezeichnet wurde und eine Dienststelle des SS-Hauptamts Haushalt und Bauten (HAHuB) war. Ehrlich arbeitete 1939/1940 in Buchenwald unter dem SS-Lagerarchitekten Wolfgang Grosch. Unter anderem war er im Baubüro maßgeblich am Entwurf der Ettersberg-Siedlung (Führersiedlung II) beteiligt.Volkhard Knigge, Harry Stein: Franz Ehrlich. Ein Bauhäusler im Widerstand und Konzentrationslager. Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Weimar 2009, S. 78. (eingeschränkte Vorschau auf Google Bücher) 1941 wechselte Ehrlich ins HAHuB, die Berliner Zentrale des SS-Bauwesens.Jens-Uwe Fischer, Friedrich von Borries: Gefangen in der Titotalitätsmaschine. Der Bauhäusler Franz Ehrlich. Suhrkamp, Berlin 2022. (eingeschränkte Vorschau auf Google Bücher) Ab Februar 1942 war er als Zivilangestellter in der Amtsgruppe C (Bauwesen) des neu gegründeten SS-Wirtschaftsverwaltungshauptamts tätig, bis er 1943 doch zum Kriegsdienst eingezogen wurde.

Strafbataillon 999 Ehrlich musste seinen Kriegsdienst beim Strafbataillon 999 leisten, seine Ausbildung erfolgte auf dem Heuberg. Im Anschluss wurde seine Einheit in Amalias in Griechenland stationiert, zog sich dann über den Balkan zurück und geriet mit Kriegsende unweit der heutigen kroatisch-serbischen Grenze in jugoslawische Kriegsgefangenschaft. Ehrlich erreichte den Rang eines Oberschützen und wurde mit dem Kriegsverdienstkreuz und dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet. Im Kriegsgefangenenlager Pančevo bei Belgrad traf er einige ihm bekannte kommunistische Genossen wieder.

Sowjetische Besatzungszone Bereits nach einem Jahr Kriegsgefangenschaft kehrte Franz Ehrlich im Juni 1946 nach Deutschland zurück. Er wurde als Verfolgter des Naziregimes anerkannt und trat in die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) ein. Von Herbst 1946 bis Ende 1947 war er Referent für Wiederaufbau beim Oberbürgermeister von Dresden. Von 1948 bis 1950 betrieb er ein Architekturbüro in Dresden.

Deutsche Demokratische Republik Ab Ende der 1940er-Jahre war er, wie beispielsweise auch Selman Selmanagić, künstlerischer Mitarbeiter der Deutschen Werkstätten Hellerau (DWH).Friedrich von Borries, Jens-Uwe Fischer: Gefangen in der Titotalitätsmaschine. Der Bauhäusler Franz Ehrlich. Suhrkamp, Berlin 2022, S. 231–236. In der DDR konnte sich Ehrlich erfolgreich als Möbeldesigner und Innenarchitekt etablieren. Daneben strebte er auch eine Karriere als Stadtplaner und Architekt an und betätigte sich als Künstler. Seine Projekte realisierte er überwiegend mit den DWH. Die von ihm entworfene Möbel-Typenserie „602“ – von Walter Ulbricht während der Leipziger Messe kritisiert – wurde zwischen 1957 und 1967 in größeren Stückzahlen produziert. An den DWH stellte er seine Vielseitigkeit als Designer durch innenarchitektonische Entwürfe, Gestaltungen von Ausstellungsarchitekturen und Messeständen sowie einer Vielzahl von Einzelmöbeln und Möbelserien unter Beweis.

In den 1950er-Jahren baute er die Ruine der Deutschen Bank für das Ministerium des Inneren der DDR wieder auf, fertigte den ersten Entwurf für die „erste sozialistische Stadt Deutschlands“, das spätere Eisenhüttenstadt, und errichtete das Funkhaus Nalepastraße in Berlin-Oberschöneweide sowie das Institut für kortiko-viszerale Pathologie und Therapie auf dem Gelände der Heilanstalten in Berlin-Buch. (PDF-Dokument) In den Bauten in Oberschöneweide und Buch sind von Franz Ehrlich entworfene Einbauten und Wandvertäfelungen sowie teilweise auch Möbel aus den DWH erhalten und stehen unter Denkmalschutz.

Ehrlich war, teilweise parallel, ab 1953 als Architekt für das Staatliche Rundfunkkomitee der DDR, ab 1954 für das Ministerium für Außen- und innerdeutschen Handel, ab 1956 für das Ministerium für Post- und Fernmeldewesen der DDR und ab 1959 für die Forschungsgemeinschaft der Akademie der Wissenschaften tätig. Viele seiner Entwürfe wurden nicht ausgeführt. Oftmals wurden ihm aber auch im Nachhinein Gebäude zugeschrieben, die er nicht entworfen hat, zum Beispiel das Sendezentrum des Deutschen Fernsehfunks (auch Fernsehzentrum) in Berlin-Adlershof, das von Wolfgang Wunsch stammt.Borries / Fischer (2009), S. 265.

1963 schuf der Ministerrat der DDR die Stelle eines Chefarchitekten beim Leipziger Messeamt, die mit Ehrlich besetzt wurde. Die Ehrlich-Biografen Borries und Fischer zeigen, dass Ehrlich diese Position erhielt, nachdem sich ein Hauptabteilungsleiter des Ministeriums für Staatssicherheit, der ihn 1954 als IM angeworben hatte, in einem persönlichen Gespräch mit dem Minister für Außenwirtschaft Julius Balkow für Ehrlichs Verwendung im Geschäftsbereich des Ministeriums eingesetzt hatte. Angedacht war, dass der Chefarchitekt anlässlich des 800-jährigen Bestehens der Leipziger Messe 1965 eine Jubiläums-Ausstellung gestalten und eine Perspektive für die zukünftige bauliche Entwicklung des Geländes der Technischen Messe entwerfen sollte. Ehrlich konnte sich aber wohl nicht ins Kollektiv einpassen. Anfang 1966 schlossen das Leipziger Messeamt (LMA) und Ehrlich einen Aufhebungsvertrag. Ehrlich erhielt infolge eine Zulassung als freier Architekt – und arbeitete auf Honorarbasis u. a. weiter für das LMA. Vor allem aber bekam er vermehrt Aufträge für die innenarchitektonische Gestaltung von Handelspolitischen Abteilungen (Außenhandelsvertretungen). Ein Handelshochhaus für Moskau, an dem er bis Anfang der 1970er-Jahre arbeitete, wurde – wie die überwiegende Mehrzahl seiner Entwürfe – nicht ausgeführt.

Von 1966 bis 1968 war Franz Ehrlich an der von seinem Bruder Willi Ehrlich, dem Direktor des Goethe-Nationalmuseums Weimar, geleiteten Rekonstruktion des Goethe-Theaters in Bad Lauchstädt beteiligt. Das von ihm entworfene Interieur sowie die Bühnentechnik des Theaters und des spätbarocken Kursaals sind erhalten. Mitte der 1970er-Jahre erhielt Franz Ehrlich als Rentner, auch protegiert durch den Präsidenten der Leopoldina, eine gut dotierte Anstellung an der Akademie der Wissenschaften der DDR als Beratender Architekt des Präsidenten, die er bis 1982 innehatte.

Als Zeichner und Bildhauer war Ehrlich bis in die 1980er-Jahre weniger bekannt. Seine oft dreidimensionalen Zeichnungen sind vor allem Vorstudien der Detailformen seiner Außen- und Innenarchitektur, die Skulpturen oft streng und auf die Grundformen reduziert. Sein künstlerischer Nachlass wird heute im Archiv der Stiftung Bauhaus Dessau verwahrt.

Werk (Projekte und Projektbeteiligungen in Auswahl) Im Zuchthaus Zwickau 1935–1937: Serie Blätter aus der Haft

Als Referent für Wiederaufbau beim Oberbürgermeister der Stadt Dresden (Walter Weidauer) 1947: Wiederaufbau des Schauspielhauses („Großes Haus“) in Dresden, erste Theater-Rekonstruktion der Nachkriegszeit in der Sowjetischen Besatzungszone

Als Freischaffender Architekt mit eigenem Büro in Dresden (1948–1950)