mini|alt=Foto: King auf einem Stuhl sitzend|William Lyon Mackenzie King (1947) rahmenlos|klasse=skin-invert-image|Unterschrift William Lyon Mackenzie King, PC, OM, CMG (* 17. Dezember 1874 in Berlin (heute Kitchener), Ontario; † 22. Juli 1950 in Kingsmere bei Gatineau, Québec) war ein kanadischer Politiker. Er gehört zu den bedeutendsten Politikern seines Landes in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. 32 Jahre war er auf Bundesebene politisch aktiv, davon 22 Jahre als Premierminister. Während dieser Zeit wandelte sich Kanada von einem halbkolonialen Dominion des Vereinigten Königreichs zu einem autonomen Staat innerhalb des Commonwealth. King führte das Land durch die expansive Phase der 1920er Jahre, die Depression der 1930er Jahre und den Zweiten Weltkrieg.
Nach einer Karriere als Beamter stieg er 1908 in die Politik ein. Von 1909 bis 1911 war er der erste Arbeitsminister seines Landes. 1919 wurde er zum Vorsitzenden der Liberalen Partei gewählt und blieb dies bis 1948. King regierte das Land vom 29. Dezember 1921 bis zum 28. Juni 1926, danach vom 25. September 1926 bis zum 6. August 1930 und schließlich vom 23. Oktober 1935 bis zum 14. November 1948. Mit Ausnahme der zwei letzten Amtsjahre als Regierungschef war er auch als Außenminister tätig. Kein anderer Premierminister im Commonwealth war zusammengenommen länger im Amt als er.
Im Allgemeinen ist er unter seinem vollen Namen oder als Mackenzie King bekannt (Mackenzie, der Nachname seiner Mutter, ist sein Zwischenname und nicht Teil seines eigenen Nachnamens). Die Bezeichnung „William King“ ist unüblich.
Frühe Jahre King wurde in Berlin (1916 in Kitchener umbenannt) in der Provinz Ontario geboren. Sein Großvater mütterlicherseits war William Lyon Mackenzie, der erste Bürgermeister von Toronto und Anführer der gescheiterten Oberkanada-Rebellion von 1837. Mutter Isabel Mackenzie kam zur Welt, als dieser in den USA im Exil war. Vater John King war ein wenig erfolgreicher Rechtsanwalt, der mit finanziellen Problemen zu kämpfen hatte, da die zahlreichen deutschen Einwanderer in Berlin deutschsprachige Anwälte bevorzugten. 1893 zog die Familie nach Toronto; der Vater war als Dozent an der Osgoode Hall Law School tätig, wurde aber nicht als Professor berufen.
mini|alt=Foto: King ein Buch lesend|Beim Studium in Harvard (1899) „Willie“ King, wie er in seiner Jugend genannt wurde, hatte zwei Schwestern und einen Bruder. Er besuchte in Berlin die Grundschule und die Highschool, 1891 begann er an der University of Toronto Politikwissenschaft zu studieren. Im Verlaufe seines Studiums erwarb er fünf Universitätsabschlüsse. Drei davon erhielt er von der University of Toronto: Bachelor of Arts (B.A.) 1895, Laws Bachelor (LL.B.) 1896 und Magister Artium (M.A.) 1897. In Toronto lernte er neun seiner späteren Minister kennen, die wie er alle der Studentenverbindung Kappa Alpha Society angehörten; sein Spitzname lautete Rex. Er machte auch Bekanntschaft mit seinem späteren Rivalen Arthur Meighen, doch die beiden Männer verstanden sich von Anfang an nicht besonders gut. Er begann, sich Mackenzie zu nennen (nach seinem berühmten Großvater) und mit W. L. Mackenzie King zu unterschreiben.
Nach einem kurzen Aufenthalt an der University of Chicago studierte King an der Harvard University und erhielt 1898 einen M.A. in Volkswirtschaft. 1909 erhielt er auch den Doktorgrad (Ph.D.), nachdem er seine Doktorarbeit über die Situation der Arbeiter in der Textilindustrie, die er neun Jahre zuvor geschrieben hatte, doch noch einreichte.Ferns, Ostry, S. 105 Im Sommer 1899 war er Privatlehrer von Peter G. Gerry, dem späteren Senator des US-Bundesstaates Rhode Island., Tagebuch von Mackenzie King, Library and Archives Canada Das dabei verdiente Geld ermöglichte ihm eine mehrmonatige Reise nach Europa. So weilte er im Frühjahr 1900 zwei Monate lang in der deutschen Hauptstadt Berlin, wo er Nachforschungen für seine Doktorarbeit anstellte., Tagebuch von Mackenzie King, Library and Archives Canada
Berufliche und politische Karriere mini|King mit seinen Eltern (1911) Während seiner Studienzeit in Toronto arbeitete King zwischenzeitlich als Journalist für die Zeitung Toronto Globe. 1900 erhielt er von William Mulock, dem Vorsitzenden der kanadischen Bundespost, das Angebot, in den öffentlichen Dienst einzutreten. King wurde zum Vizeminister des neu geschaffenen Arbeitsministeriums ernannt. Schon bald erwarb er sich den Ruf, ein Problemlöser zu sein. Aufgrund seiner Verhandlungsfähigkeiten gehörte die Vermittlung bei Arbeitskonflikten zu seinen wichtigsten Aufgaben. Kings enger Freund Henry Albert Harper starb im Dezember 1901 beim vergeblichen Versuch, die Tochter von Eisenbahnminister Andrew George Blair zu retten, die beim Eislaufen in den Ottawa River gefallen war. King regte daraufhin an, zu Harpers Ehren eine Statue zu errichten. Die ihm nachempfundene Galahad-Statue wurde 1905 beim Haupteingang des Parlamentsgebäudes enthüllt. Im darauf folgenden Jahr schrieb King eine heroisierende Biografie über Harper.
1907 erarbeitete King den Industrial Disputes Investigation Act. Dieses neue Gesetz sah vor, dass Streiks in öffentlich-rechtlichen Betrieben oder Minen so lange aufgeschoben werden mussten, bis eine vermittelnde Kommission die Klagen angehört hatte.Hutchison, S. 28–33 Im selben Jahr wurde er beauftragt, die Folgen der von der Asiatic Exclusion League in Vancouver angezettelten Ausschreitungen gegen Chinesen und Japaner zu untersuchen. Auch musste er Schadenersatzforderungen prüfen. Eine dieser Forderungen kam von chinesischen Opiumhändlern, was King dazu veranlasste, den Drogenkonsum in Vancouver zu untersuchen. Als er erfuhr, dass nicht nur Chinesen Opium konsumierten, sondern auch Frauen europäischer Abstammung, leitete er den Prozess ein, der zur Verabschiedung der ersten kanadischen Gesetze betreffend Illegalisierung von Drogen führte.M. Green: A History of Narcotics Control: The Formative Years, University of Toronto Law Review, 1979, S. 37.
Zur Unterhauswahl im Oktober 1908 trat King im Wahlkreis Waterloo North als Kandidat der Liberalen Partei an und zog nach einem knappen Sieg ins Unterhaus ein. Im Juni 1909 ernannte ihn Regierungschef Wilfrid Laurier zum ersten Arbeitsminister des Landes. Gemäß dem Wahlgesetz mussten neue Minister nach ihrer Ernennung zwingend wiedergewählt werden. Da es keine Gegenkandidaten gab, war die Wiederwahl per Akklamation nur eine Formsache. Die Wahl im September 1911 endete mit einer Niederlage der Liberalen, auch King verlor seinen Sitz.
mini|hochkant|King (links) mit John D. Rockefeller Jr. (1915) Nach seiner Abwahl folgte King einer Einladung der Familie Rockefeller und arbeitete in den USA für die Rockefeller-Stiftung. Er leitete dort die neu geschaffene Abteilung für industrielle Forschung.Hutchison, S. 34 Dabei arbeitete er eng mit dem Familienoberhaupt John D. Rockefeller Jr. zusammen und leistete Beraterdienste in Fragen der Arbeitsbeziehungen. Verschiedene Kreise kritisierten, dass King sich nicht als Freiwilliger für den Einsatz im Ersten Weltkrieg gemeldet hatte. Doch bei Kriegsbeginn war er bereits 40 Jahre alt und nicht in bester körperlicher Verfassung, außerdem erwies er sich – rückwirkend betrachtet – bei der Koordination von kriegswichtigen Industrien als weitaus nützlicher.Hutchison, S. 34–35
King kehrte nach Kanada zurück, um bei der Wahl im Dezember 1917 anzutreten, im Wahlkreis York North in der Agglomeration Torontos. Hauptthema des Wahlkampfs war die Einführung der Wehrpflicht. Auch hier unterlag er, diesmal wegen seiner Ablehnung der Wehrpflicht; eine künftige Wehrpflicht wurde von der Mehrheit der Anglokanadier unterstützt, von der Mehrheit der Frankokanadier aber entschieden abgelehnt (siehe auch Wehrpflichtkrise von 1917). King veröffentlichte 1918 das Buch Industry and Humanity: A Study in the Principles Underlying Industrial Reconstruction (Industrie und Menschheit: Eine Studie über die Prinzipien des industriellen Wiederaufbaus), das damals zwar noch wenig Aufmerksamkeit erhielt, aber seine politischen Ziele festlegte, die er im Verlaufe der nächsten 30 Jahre zum größten Teil auch umsetzte. Das Buch gilt als eines der wichtigsten Werke, das von einem kanadischen Staatsmann geschrieben wurde.Hutchison, S. 38–44
Nach Wilfrid Lauriers Tod benötigte die Liberale Partei einen neuen Vorsitzenden. Erstmals in der Geschichte der Partei wählte nicht die Parlamentsfraktion den Nachfolger, die Wahl erfolgte stattdessen durch eine Delegiertenversammlung. Am 7. August 1919 setzte sich King im vierten Wahlgang knapp durch, wobei er vor allem auf die wehrpflichtkritischen Delegierten aus Québec zählen konnte, die sich geschlossen hinter ihn stellten.
Nach dem Ersten Weltkrieg war Kanada ein politisch tief gespaltenes Land. Die Unionistische Partei von Robert Borden, eine unsichere Koalition aus Konservativen und Liberalen, die für die Wehrpflicht eingetreten waren, zerbrach. In mehreren Industriestädten kam es zu Arbeiterunruhen, während die unter dem Preisverfall und hohen Exportzöllen leidenden Landwirte sich radikalisierten. King versuchte, diese Unzufriedenen an die Liberale Partei zu binden, indem er Zollsenkungen und soziale Reformen versprach, ohne jedoch die mächtigen Industriellen zu verärgern. Aus diesem Grund wollte er wieder ins Parlament einziehen. Da er bei Nachwahlen in Ontario und Westkanada einem Kandidaten der neuen Protestbewegungen – United Farmers und Progressive Partei – gegenübergestanden wäre und wohl verloren hätte, ließ er sich im Oktober 1919 im relativ sicheren Wahlkreis Prince in der Provinz Prince Edward Island aufstellen und wurde gewählt.
Erste Amtszeit als Premierminister (1921–1926) Bei der Wahl im Dezember 1921 zeigte sich die Zerrissenheit des Landes besonders deutlich. Kings Liberale Partei wurde stärkste Kraft und verfehlte die absolute Mehrheit nur um einen Sitz. Allerdings stammte über die Hälfte der liberalen Abgeordneten aus Québec (wo sie in sämtlichen Wahlkreisen gewonnen hatten), während die Partei im Westen kaum vertreten war. Die bisher regierenden Konservativen von Arthur Meighen verloren über zwei Drittel ihrer Sitze und fielen auf den dritten Platz zurück. King, der wieder im Wahlkreis York North angetreten war, bildete daraufhin mit der zweitstärksten Fraktion, der Progressiven Partei, ein informelles Bündnis. Er sicherte sich so die Mehrheit im Unterhaus und wurde am 29. Dezember 1921 als Premierminister vereidigt. Um die Kluft zwischen den Sprachgruppen zu überwinden, berief er mehrere Frankokanadier auf wichtige Ministerposten.
Trotz längerer Verhandlungen gelang es King nicht, die Progressiven zur Mitarbeit in seiner Regierung zu gewinnen. Doch nach Beginn der Legislaturperiode verließ er sich auf deren Unterstützung, um Misstrauensvoten der Konservativen abzuwehren. Dies war allerdings ein Balanceakt. Einerseits musste er die Zölle genügend senken, um die als Interessenvertreter der Landwirtschaft Westkanadas auftretenden Progressiven zu beschwichtigen. Andererseits durften die Zölle nicht zu stark abgebaut werden, da sonst die bevölkerungsreichen Provinzen Ontario und Québec, die industriellen Zentren des Landes, ihm die Unterstützung entzogen hätten. King und Oppositionsführer Meighen lieferten sich im Unterhaus unablässig erbitterte Wortgefechte.Hutchison, S. 66–76
mini|hochkant|Besuch des Prince of Wales 1924 in Ottawa Mit Fortdauer von Kings Amtszeit wurden die Progressiven allmählich geschwächt. Deren effektiver und leidenschaftlich auftretender Vorsitzender Thomas Crerar trat zurück und wurde im November 1922 durch den unauffälligen Robert Forke ersetzt. Der sozialistische Reformer James Shaver Woodsworth gewann an Einfluss und King gelang es, mit ihm eine Verständigung zu erzielen, da die beiden in zahlreichen Fragen ähnliche Vorstellungen hatten.Hutchison, S. 76–78