mini|hochkant=1.3|„Mars und seine Kinder“ aus der Folge der Planetenbilder (fol. 13r)

Das Mittelalterliche Hausbuch von Schloss Wolfegg ist ein um etwa 1480 von mehreren Künstlern und Schreibern vermutlich am Mittelrhein geschriebenes und illustriertes handschriftliches Kompendium zu verschiedenen Themen des für einen Adeligen und Familienvorstand nützlichen praktischen Wissens. Berühmt ist das Hausbuch jedoch vor allem für seine lebendigen Bilder, um deren Urheber unter dem Notnamen Meister des Hausbuches eine intensive Diskussion geführt wird.Zuletzt: Stephan Hoppe: Die Erneuerung der Malkunst am Mittelrhein in der Generation vor Albrecht Dürer. Das künstlerische Umfeld des Wolfegger Hausbuches. In: Stephan Hoppe; Christoph Graf zu Waldburg Wolfegg (Hrsg.): Das Wolfegger Hausbuch. Was ein Fürst an der Schwelle zur Neuzeit wissen musste. Darmstadt 2022, S. 285–348. Die figurenreichen Zeichnungen gewähren einen lebendigen Einblick in das Alltagsleben am Übergang vom Spätmittelalter und Früher Neuzeit.

Zur Gattung der Handschrift und dem Begriff „Hausbuch“ Als die titellose Wolfegger Handschrift im 19. Jahrhundert für die Wissenschaft und ein breites Publikum entdeckt wurde, dachte man an die Gattung der Hausbücher, um das Werk zu beschreiben. Als Hausbücher werden Sammelhandschriften berufs- oder standesbezogener Inhalte bezeichnet, die besonders typisch für das 16. Jahrhundert und spätere Zeiten sind. Diese Schriften wurden zunächst von der adeligen Oberschicht, im 16. Jahrhundert auch von wohlhabenden und gebildeten Bürgern in Auftrag gegeben. Unterschieden werden drei unterschiedliche Typen der in den Hausbüchern gesammelten Texte: die sogenannte Hausväterliteratur, in der es vor allem um die richtige Bewirtschaftung, die oikologia, eines Hauswesens geht, die Artesliteratur mit Beschreibungen des Waffen- und Kriegswesens und die Erbauungsliteratur, die Zusammenstellung geistlicher Texte für den Hausgebrauch. Darüber hinaus finden sich in den Hausbüchern auch Texte, die sich auf die Biographie des Auftraggebers beziehen oder auf diesbezügliche besondere Ereignisse eingehen. Hausbücher sind sowohl für die Literaturwissenschaft als auch für die Geschichtswissenschaft von hohem Rang, weil sie, zumal in ihren Illustrationen, einzigartige Quellen darstellen für eine Vorstellung des spätmittelalterlichen Lebens. Zum Ende des 16. Jahrhunderts, in dem zum Teil auch Druckwerke in die Hausbücher eingingen, wurde diese Form der Schriftensammlung eingestellt, die vorhandenen Werke aber zuweilen weitervererbt und in Privatbesitz bewahrt.Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Band II

Die Wolfegger Handschrift ist jedoch kein typischer Vertreter der Gattung des "Hausbuches". Sie folgt vielmehr einer Wissensorganisation, wie sie für Fürstenspiegel typisch war, übertrifft aber auch diese Gattung durch die reiche Bebilderung.Frank Fürbeth: Das Wissensprogramm des Hausbuches. In: Stephan Hoppe, Christoph Graf zu Waldburg Wolfegg (Hrsg.): Das Wolfegger Hausbuch. Was ein Fürst an der Schwelle zur Neuzeit wissen musste, Darmstadt 2022, S. 200–226.

Inhalt und Aufbau Von den ursprünglich 98 Pergamentblättern des Mittelalterlichen Hausbuchs von Wolfegg sind 63 Blätter in 9 Lagen erhalten. Auf ihnen finden sich 47 (teil-)kolorierte Federzeichnungen im Format 25 × 15 cm (ganzseitig) bzw. 35 × 26 cm (doppelseitig), die zum großen Teil auf die lateinischen und deutschen Texte Bezug nehmen und seit ihrem Bekanntwerden im 19. Jahrhundert im Mittelpunkt des Interesses standen. Sie werden heute mindestens drei verschiedenen Zeichnern und unterschiedlichen Koloristen bzw. Ateliergemeinschaften zugeordnet. Übereinstimmungen mit dem sogenannten Meister des Amsterdamer Kabinetts (der deshalb auch Meister des Hausbuchs genannt wird) sind ebenso festzustellen wie Übereinstimmungen mit dem Großen Kartenspiel des Spielkartenmeisters E. S.Gundolf Keil: Wolfegger Hausbuch. In: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. 2. Auflage. Band 10, 1999, Sp. 1323.

Die Themen der Illustrationen reichen von zwei seitenfüllenden Wappen und astrologischen Planetenbildern über den adeligen Zeitvertreib (Turniere, Jagd, Bade- und Frauenhäuser, amouröse Szenen) bis hin zu technischen Illustrationen in der Tradition des Bellifortis (Haus-, Handwerks- und Kriegsgeräte, Bergwerkstechnik sowie militärische Strategien). . Die Sammlungseinheiten weisen unterschiedliche Formen auf, die kalligraphisch gestaltete Texte, Bild-Text-Kompositionen oder reine Bildfolgen aufweisen.Die Beschreibung der Einheiten folgt, sofern nicht gesondert referenziert, dem Ausstellungsbuch von Christoph Graf zu Waldburg Wolfegg: Venus und Mars. Das Mittelalterliche Hausbuch aus der Sammlung der Fürsten zu Waldburg Wolfegg. Prestel, München und New York 1997

Die Zusammenstellung wird als Argument herangezogen, dass sich der Charakter der Sammlung im Laufe ihrer Entstehung geändert hat. Sind die ersten Lagen, vom Schreiber noch besonders geschmückt, als Prachthandschrift angelegt und mit ihren reich bebilderten Themen des adeligen Lebens konservativ, so zeigen die von einem anderen Schreiber in einer einfacheren Bastarda angelegten Partien nach der Zäsur durch das wiederholte Wappen eine stärkere Hinwendung zur unmittelbaren Verwertbarkeit, an der sich auch die Bilder orientieren, so zum Beispiel die Passagen zur Hüttentechnik oder zu den Rezepturen.Gundolf Keil: Wolfegger Hausbuch. In: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. 2. Auflage. Band 10, 1999, Sp. 1325. Es gibt aber auch Stimmen, die im Hausbuch ein zusammenhängendes Programm sehen, das nicht vollständig umgesetzt wurde.Hoppe 2019.

Mögliche Wappen des Auftraggebers mini|hochkant|Wappenbild (fol. 2r)

Der Auftraggeber des Hausbuches ist unbekannt. Das Buch beginnt mit einem kolorierten Wappenbild (fol. 2r), das vielleicht Hinweise auf einen Auftraggeber bietet. Der Schild zeigt in blau einen goldenen Baumstumpf mit drei Ästen, die sich wiederum in je zwei Äste gabeln; im Oberwappen einen silbernen Stechhelm und einen Greifen als Helmzier. Auf fol. 34v, also etwa in der Mitte der Handschrift, wird das Wappen nochmals ganzseitig – nun allerdings unkoloriert und mit einer Schaller als Helmzier – gezeigt.

Das (womöglich „redende“) Wappen konnte bisher keiner Familie zugeordnet werden; der Auftraggeber bleibt unbekannt. Ein Versuch im Jahre 1975, das Wappen mit den Ästen einer Familie von Ast zuzuordnenMaria Lanckoronska: Das mittelalterliche Hausbuch der fürstlich Waldburgschen Sammlung. Auftraggeber, Entstehungsgrund und Zeichner. Eduard Roether, Darmstadt 1975, konnte nicht verifiziert werden. Weitere Zuordnungsmöglichkeiten wären etwa die Familiennamen Klotz, Stange oder Buchner.Chr. v. Waldburg-Wolfegg 1997, S. 13

Eine jüngere Arbeit schlägt den Mainzer Erzbischof Berthold von Henneberg als Auftraggeber und Erzherzog Maximilian von Habsburg als ursprünglichen Adressaten vor.Hoppe 2019.

Artisten mini|hochkant|Gaukler (fol. 3r)

Die ganzseitige Zeichnung auf dem folgenden Blatt (fol. 3r) zeigt acht Gaukler und deren Zuschauer in einer Hügellandschaft vor fünf mit Burgen bewehrten Bergen. Viele Teile des Bilds sind Kupferstichen des Meisters E. S. nachgebildet: Die Zuschauergruppe entstammt einem „Martyrium des Hl. Sebastian“, die Gaukler der „Menschen-Vier“ aus dem „Großen Kartenspiel“, eine der Burgen und ein Reiter dem „Großen Liebesgarten“.

Die Miniatur könnte als eine Einführungsillustration zu den folgenden Kapiteln über die „Freien Künste“ Gedächtniskunst und Astrologie gedacht sein. Der genaue Sinn ist aber nicht eindeutig zu entschlüsseln, da der originale Aufbau des Hausbuchs nicht abschließend geklärt ist.

Daniel Hess geht für die Gauklerszene von einem anderen Urheber aus als für die anderen Illustrationen des Buchs und bezeichnet diesen als „Meister der Gauklerszene im Hausbuch“.Hess 1994, S. 12

Gedächtniskunst mini|hochkant|Beginn der „Gedächtniskunst“ (fol. 4r)

Der erste Text im Hausbuch ist eine lateinische Abhandlung über Methoden der Gedächtniskunst (ars memorandi). Der unbebilderte Text nimmt fol. 4r–5v ein. Die restlichen Blätter der ersten Pergament-Lage (fol. 6r–9v) sind leer.

Planetenbilder mini|hochkant=1|Text „Luna und ihre Kinder“ (fol. 16v) mini|hochkant|Bild „Luna und ihre Kinder“ (fol. 17r)

Der nächste Abschnitt (fol. 10v–17r) umfasst sieben astronomisch-astrologische Texte (vgl. auch den Begriff des Iatromathematischen Hausbuchs) über die fünf zum Entstehungszeitpunkt bekannten Planeten, den Mond und die Sonne sowie die jeweils zugeordneten Planetenkinder. Jeder Text wird von einer ganzseitigen Abbildung begleitet, die oben den Planeten als Turnierreiter zeigt, umgeben von den Symbolen der von dem Planeten beherrschten Sternbilder. Unter dem Himmelsgeschehen sind die Planetenkinder und ihre Tätigkeiten dargestellt. Im zugehörigen Text stellt sich der Planet in der Ich-Form und in vierhebigen, in Paaren gereimten Versen vor und erläutert jeweils sein „wurcken“ (Wirken). Die Bilder greifen die Angaben des Textes auf und veranschaulichen sie an zeitgenössisch aktuellen Szenen und Figuren.

Die Planetenbilder gelten als Hauptwerk des „Meister des Hausbuches“ (der auch „Meister des Amsterdamer Kabinetts“ genannt wird). Sie zeigen in liebevollem Detailreichtum Stände, Berufe und Szenen aus dem Alltagsleben der spätmittelalterlichen Gesellschaft. Als kulturgeschichtliche Quelle sind sie jedoch umstritten. So hat Norbert Elias mittels einer Szene aus dem Venus-Blatt, in der eine Frau zu einem Mann in den Badezuber steigt, seine These vom Zivilisationsprozess untermauert, nach der das Schamgefühl sich seit dem Mittelalter erst allmählich entwickelt habe.Norbert Elias: Über den Prozeß der Zivilisation. Band 1. 1939 Hans Peter Duerr wiederum lehnt diese Deutung energisch ab und verweist darauf, dass das Blatt moralisierend Eigenschaften der Planetenkinder darstellt, aber nicht als Darstellung des Alltagslebens begriffen werden darf. Auch habe Elias übersehen, dass derartige Szenen nur für den modernen Betrachter scheinbar Gleichzeitiges schildern, in der mittelalterlichen Bildsprache aber für den Betrachter eindeutig aufeinanderfolgende Abläufe darstellen.Hans Peter Duerr: Nacktheit und Scham (= Der Mythos vom Zivilisationsprozeß; Bd. 1). Suhrkamp, Frankfurt am Main 1994, ISBN 3-518-38785-5, S. 34–37 (Taschenbuchausgabe des 1988 erschienenen Werkes)

Nach den Planetenbildern fehlen zwei Lagen (also 8 Blätter) der Handschrift.

Adeliges Leben Als Nächstes folgen sieben doppelseitige Zeichnungen (fol. 18v–25r), die ohne begleitenden Text Szenen aus einem wohl mehr oder weniger fiktiven ritterlichen Leben zeigen. Ob die Bilder (alle oder teilweise) vom Meister des Hausbuches oder von einem anderen Künstler stammen, ist umstritten. Daniel Hess geht von letzterem aus und nennt diesen „Meister der Genreszenen im Hausbuch“.

mini|„Das Badehaus“ (fol. 18v–19r)