Die Vereinigungskirche, auch als Moon-/Mun-Sekte bekannt, ursprünglich The Holy Spirit Association for the Unification of World Christianity, ist eine neue religiöse Bewegung, die 1954 von dem Koreaner Sun Myung Moon gegründet wurde. Bekannt ist die Vereinigungskirche für ihre zu einem festgelegten Zeitpunkt an einem zentralen Ort in Südkorea stattfindenden Massenhochzeiten. Seit 1996 trägt die Organisation den Namen Familienföderation für Weltfrieden und Vereinigung.
Die Organisation schuf ein breit gefächertes Wirtschaftsimperium (Tongil Group), zu dem Rüstungsunternehmen, Pharmaunternehmen, Restaurantketten, Zeitungen wie die konservative Washington Times und die Nachrichtenagentur UPI gehörte. Durch die Medienunternehmen sicherte sie sich Einfluss in der US-Hauptstadt.
Die wichtigsten Lehren dieser vorgeblich religiösen Gemeinschaft stehen in dem Buch Das Göttliche Prinzip, das unter der Anweisung Moons geschrieben wurde. Die Organisation hatte 2007 im deutschsprachigen Raum etwa 1200 Mitglieder. In Japan, Südkorea und den Vereinigten Staaten ist durch höhere Mitgliederzahlen ihr politischer und wirtschaftlicher Einfluss größer. Die Vereinigungskirche ist streng hierarchisch strukturiert. Ihr Gründer gilt als Messias und „Herr der Wiederkunft“.
Der Hauptsitz der Bewegung befindet sich in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul. Nach Moons Tod im September 2012 waren seine Witwe Hak Ja Han und ihr jüngster Sohn Hyung Jin „Sean“ Moon gemeinsam die Vorsitzenden der Vereinigungskirche International. Hyung Jin Moon hatte diese Position bereits seit April 2008 inne. Seit 2005 ist der viertgeborene Sohn Kook Jin Moon Vorsitzender des Wirtschaftsunternehmens der Vereinigungskirche (Tongil Group). Nach Moons Tod am 3. September 2012 sollten somit Hak Ja Han, Hyung Jin Moon und Kook Jin Moon die Leitung über die Vereinigungskirche haben.Kim Hoo-ran: Unification Church founder dies. The Korea Herald vom 3. September 2012 (englisch). Allerdings hat Sean Moon inzwischen seine eigene Bewegung „World Peace Sanctuary“ (auch unter den Namen „Sanctuary Church of Newfoundland, PA“ oder neuerdings Rod of Iron Ministries bekanntGun Church That Worships With AR-15s Bought a 40-Acre Compound in Texas for Its ‘Patriots’, Vice, 27. Mai 2021.) gegründet und sich mit seinen Anhängern von der Vereinigungskirche abgespalten.
Geschichtliche Entwicklung International Sun Myung Moon (geboren 1920) hatte nach eigenen Angaben am Ostersonntag, dem 17. April 1935, eine Vision von Jesus Christus. Jesus habe ihn gebeten, seine Mission zu vollenden und die Welt zu erlösen.Michael Breen: Sun Myung Moon – The Early Years 1920–53. Refugee Books, Hustpierpoint, West Sussex 1997, ISBN 0-9531637-0-9, S. 31. Moon war daraufhin Mitglied in verschiedenen Kirchen und versuchte mehrere Jahre mit etablierten christlichen Erweckungsbewegungen in Korea zusammenzuarbeiten (wie beispielsweise der Inside Belly Church, Leuchtendes Meer).Chung Hwan Kwak (Hg.): One Family Under God – The Life of Sun Myung Moon. Universal Peace Federation, New York 2008, ISBN 978-1-930549-59-3, S. 21.
Als diese Bemühungen scheiterten, gründete Moon 1954 die Heilig Geist Gesellschaft zur Vereinigung des Weltchristentums (Segye Kidokkyo Tongil Sillyon), die später als Vereinigungskirche (Tongil Kyo-hae) bekannt wurde.Handbuch Religiöse Gemeinschaften. Herausgegeben im Auftrag der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche in Deutschland (VELKD) von Hans Krech und Matthias Kleiminger. 6., neu bearb. und erw. Aufl. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2006, ISBN 3-579-03585-1, ISBN 978-3-579-03585-7, S. 455. Bis 1957 bildeten sich in 30 Städten in Südkorea Kirchengemeinden.Massimo Introvigne: The Unification Church. Signature Books Inc., Salt Lake City, Utah 2000, ISBN 978-1-56085-145-5.Chung Hwan Kwak (Hrsg.): One Family Under God – The Life of Sun Myung Moon. Universal Peace Federation, New York 2008, ISBN 978-1-930549-59-3, S. 22. Die grundlegende Lehre der Vereinigungskirche wurde 1950–52 von Hyo-Won Eu, dem ersten Vorsitzenden der Heilig Geist Gesellschaft, niedergeschrieben und unter dem Titel Wôl Li Hae Sôl (Erklärungen zum Göttlichen Prinzip) im Jahr 1957 zum ersten Mal gedruckt.Vereinigungskirche e. V. (Hrsg.): Das Göttliche Prinzip. Kando Verlag, Schmitten 2003, ISBN 3-922947-30-1, S. XXV., 15. April 2009. Ende der 1950er Jahre wurden die ersten Missionare nach Japan und in die Vereinigten Staaten entsendet (Sang-ik Choi, Young-oon Kim, Bo-hi Pak, David Kim)., 15. April 2009.
1960er Jahre Am 16. März 1960 heiratete Moon in zweiter Ehe Hak Ja Han. In der Theologie der Vereinigungskirche wird diese Verbindung als „Hochzeit des Lammes“ () verstanden und als zentrales Heilsereignis eingeordnet. Daraus leitet die Gemeinschaft die religiöse Bedeutung von Ehe, Partnerschaft und Familie ab., 15. April 2008. Innerhalb der Vereinigungskirche wird das Ehepaar als „Wahre Eltern“ einer erneuerten Menschheit angesehen. Sie leiteten spirituelle Massenhochzeiten (sogenannte Segnungszeremonien), die von den Anhängern als Befreiung von der Erbsünde („ursprüngliche Sünde“) betrachtet werden.https://www.ezw-berlin.de/html/3_3065.php.
Ab Juli 1960 organisierte die Vereinigungskirche in Südkorea jährlich stattfindende Sommerprojekte, an denen nach eigenen Angaben Mitglieder aus über 400 christlichen Gemeinden teilnahmen. Die Programme kombinierten gemeinnützige Arbeitseinsätze in ländlichen Regionen mit der Vermittlung von Bibel Wissen und der Glaubenslehre des Kirchengründers Sun Myung Moon (Göttliche Prinzipien).Chung Hwan Kwak (Hg.): One Family Under God – The Life of Sun Myung Moon. Universal Peace Federation, New York 2008, ISBN 978-1-930549-59-3, S. 24.
Im Rahmen seiner ersten Weltreise im Jahr 1965 sprach Moon in 40 Nationen und weihte an verschiedenen Orten – darunter in Berlin, Frankfurt am Main und Essen – sogenannte „Heilige Gründe“ (Holy Grounds) ein., 15. April 2008.Chung Hwan Kwak (Hg.): One Family Under God – The Life of Sun Myung Moon. Universal Peace Federation, New York 2008, ISBN 978-1-930549-59-3, S. 25. Während seines Aufenthalts in den Vereinigten Staaten kam es zu einer Begegnung mit dem ehemaligen US-Präsidenten Dwight D. Eisenhower. Im Jahr 1966 erschien die zweite Ausgabe der zentralen Bekenntnisschrift der Gemeinschaft, Wôl Li Kang Ron (Erläuterung des Göttlichen Prinzips), auf Koreanisch.Vereinigungskirche e. V. (Hrsg.): Das Göttliche Prinzip. Kando Verlag, Schmitten 2003, ISBN 3-922947-30-1, S. XXV.
1969 führte eine weitere Reise Moon nach Europa, Japan und in die USA. In Deutschland wurde in diesem Jahr erstmals auch internationalen Paaren die „Heilige Ehesegnung“ erteilt.Chung Hwan Kwak (Hg.): One Family Under God – The Life of Sun Myung Moon. Universal Peace Federation, New York 2008, ISBN 978-1-930549-59-3, S. 25.
1970er Jahre Mit dem Umzug von Sun Myung Moon in die USA 1971 verlegte sich der Schwerpunkt der Arbeit der internationalen Vereinigungskirche von Südkorea in die USA. Einige Monate später veranstaltete die Vereinigungskirche die Day-of-Hope-Ansprachentour, auf der Moon in 50 amerikanischen Bundesstaaten sprach, darunter in sieben Großstädten, beginnend am 3. Februar 1972 im Lincoln Center in New York City. Zwei weitere Ansprachentouren durch amerikanische Großstädte folgten (Christianity in Crisis: New Hope). 1972 hatte die Vereinigungskirche Gemeindezentren in zehn verschiedenen Bundesstaaten der USA.
One World Crusade Die One World Crusade (OWC; deutsch etwa Kreuzzug für eine Welt) war eine großangelegte, transnationale Evangelisations- und Werbekampagne der Vereinigungskirche (offiziell Heilige Geist-Gemeinschaft für die Vereinigung des Weltchristentums), die Anfang 1972 ins Leben gerufen wurde. Sie bildete den organisatorischen und logistischen Kern für die rasche Expansion der Bewegung in den Vereinigten Staaten und Westeuropa in den 1970er Jahren.
Entstehung und Organisation (ab 1972) Nachdem der Gründer der Bewegung, Sun Myung Moon, Ende 1971 seinen dauerhaften Wohnsitz in die USA verlegt hatte, initiiert er im Rahmen seiner ersten landesweiten Vortragstournee (Day of Hope) im März 1972 in Los Angeles die Struktur der One World Crusade, Inc. Ziel der Organisation war es, die zuvor lose organisierten regionalen Zentren in den USA zu koordinieren und die Missionierung zu intensivieren.
Die Kampagne basierte maßgeblich auf dem Einsatz mobiler Teams, den sogenannten Bus Teams. Unter der Leitung führender Mitglieder wie Young Oon Kim und David Kim starteten die ersten Teams im Frühjahr 1972 an der Westküste und reisten quer durch die US-Bundesstaaten. Bis Juli 1973 war das System so weit ausgebaut, dass in jedem der 50 US-Bundesstaaten eine mobile OWC-Einheit aktiv war. Die Mitglieder dieser Teams lebten gemeinschaftlich in Bussen oder Wohnwagen, betrieben Straßenmission (Witnessing), luden zu mehrtägigen Seminaren über das Göttliche Prinzip (die Kernlehre der Bewegung) ein und sammelten Spenden durch den Verkauf von Blumen oder Kerzen.
Ziele und Ideologie Die One World Crusade verfolgte sowohl theologische als auch gesellschaftspolitische Ziele:
Interreligiöse und globale Einheit: Dem synchronistischen Glauben der Bewegung entsprechend sollte die OWC dazu beitragen, die christlichen Konfessionen sowie die Weltreligionen zu einen, um das von der Vereinigungskirche propagierte „Reich Gottes auf Erden“ zu errichten. Antikommunismus: Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges war die Kampagne stark antikommunistisch geprägt. Moon und die OWC positionierten sich als ideologisches Bollwerk gegen den atheistischen Kommunismus und unterstützten in diesem Kontext unter anderem den US-Präsidenten Richard Nixon während der Watergate-Affäre.
Internationale Expansion und Rezeption Ab 1973/1974 wurde das Konzept der One World Crusade auf Europa ausgeweitet. Ein zentraler Stützpunkt entstand im Vereinigten Königreich, von wo aus internationale Teams (darunter auch deutsche Mitglieder) im Rahmen der European One World Crusade Kampagnen in Westdeutschland, Frankreich und Italien durchführten.
Die Aktivitäten der OWC stießen in den 1970er Jahren auf ein geteiltes Echo. Durch die straff organisierten Kampagnen verzeichnete die Bewegung einen erheblichen Zuwachs an Mitgliedern. Diese waren meist jung, gut ausgebildet und stammten überwiegend aus der Mittelschicht.
Gleichzeitig gerieten die Methoden der OWC zunehmend in die Kritik. Medien, Elterninitiativen und Kirchenvertreter warfen der Organisation aggressive Missionierung vor. Zudem wurden die finanzielle Ausbeutung der Mitglieder durch tägliches Spendensammeln sowie psychologische Manipulation („Brainwashing“) kritisiert.
In den späten 1970er Jahren führte dies zu juristischen Auseinandersetzungen. Zudem gab es parlamentarische Debatten über die Gruppierung, unter anderem im britischen Unterhaus.
1973 entstand die erste Übersetzung des Wôl Li Kang Ron ins Englische unter dem Titel The Divine Principle, fast zeitgleich mit der deutschen Übersetzung.Vereinigungskirche e. V. (Hrsg.): Das Göttliche Prinzip. Kando Verlag, Schmitten 2003, ISBN 3-922947-30-1, S. XXV.