mini|hochkant=1.5|Oper am Gänsemarkt, Ausschnitt aus der Stadtansicht Paul Heineckens 1726

Die Oper am Gänsemarkt in Hamburg war von 1678 bis 1738 das erste und wichtigste bürgerlich-städtische Theater im deutschen Sprachraum. Die Einweihung des Hauses fand am 2. Januar 1678 statt. Mit zweitausend Plätzen übertraf es alle zeitgenössischen Theaterräume.Michael Walter: Oper. Geschichte einer Institution, Metzler, Stuttgart 2016, S. 113. Danach diente es mobilen Opern- und Theatertruppen bis 1763 als Bühne. Um 1764 wurde das Haus abgerissen.

Lage und Gestalt mini|Binnenalster (1690) mit der Oper (Nr. 75)

Das Opernhaus befand sich auf der nordwestlichen Seite der Binnenalster, etwa im Dreieck zwischen den heutigen Grundstücken des Hotels Vier Jahreszeiten, der Berenberg Bank und der Colonnaden. Das Gebiet war um 1670 noch wenig bebaut, in der Nähe befand sich der Kalkhof.

Der aus Venedig stammende Architekt Girolamo Sartorio wurde im Sommer 1677 beauftragt an der Alster ein Opernhaus nach dem Vorbild des Teatro San Cassiano in seiner Heimatstadt zu bauen. Nur ein halbes Jahr später war das Haus fertiggestellt. Von außen wirkte es wie eine schmucklose Scheune im hölzernen Fachwerkbau. Von innen aber prunkte das magnifique Operen-Hauß am Gansemarckt, wie es 1722 beschrieben wurde,Constantin Floros, Hans Joachim Marx, Peter Petersen: Hamburger Jahrbuch für Musikwissenschaft. 3 Wagner, Hamburg 1978, S. 14. mit modernster Technik. Eine dreiteilige, außerordentlich tiefe Bühne mit 15 Kulissenpaaren erlaubte schnelle Verwandlungen. Der lokale Librettist Barthold Feind lobte 1708:

Das Publikum wurde mit einer große Macchina und Flugwerken beeindruckt, Feuerwerke wurden bei besonderen Gelegenheiten entzündet. Der Zuschauerraum war zimblich gross, 4 loggien seyndt über einande, überlieferte der Architekt Nicodemus Tessin.Gerd Hamann: George Frederick, der Händel aus Halle: Seine Erfolge, seine Gesangsstars, seine Zeit – eine frivole Epoche. Hamann, 2019, S. 34.

Das Haus soll 2000 Plätze gehabt haben, gespielt wurde in der Regel dreimal die Woche.Hellmuth Christian Wolff: Die Barockoper in Hamburg (1678-1738). Band 1. Möseler, Wolfenbüttel 1957, S. 351 ff.

Laut Johann Matthesons Aufstellung für die Jahre 1695 und 1705 kamen durchschnittlich 380 Zuschauer pro Vorstellung – das Haus hatte also nur eine Auslastung von 20 %.Kerstin Schüssler-Bach: „… daß, wo die besten Bancken auch die besten Opern sind. Bürgerliche Lebenswirklichkeiten auf der Bühne der Hamburger Gänsemarkt-Oper.“ unter https://www.uibk.ac.at/musikwissenschaft/forschung/publikationen/barockoper/schuessler-bach.pdf

Im März 1710 besuchte Zacharias Conrad von Uffenbach mehrmals das Opernhaus und bemerkte:

Geschichte

Gründung, erste Aufführungen und Theaterstreit mini|Bildnis der Hamburger Ratsherrn Gerhard Schott (1641–1702)

Die freie Reichsstadt Hamburg hatte um 1700 ca. 70.000 Einwohner und war nach Wien die zweitgrößte Stadt im Reich. Mit wachsendem Wohlstand der Stadt wuchs auch das Bedürfnis nach Kultur. Der Hamburger Anwalt und Ratsherr Gerhard Schott initiierte deshalb die Gründung des Hauses, zudem war er von Italiens Oper beeindruckt. Auch Herzog Christian Albrecht von Schleswig-Gottdorf, der 1675 nach Hamburg ins Exil ging und seine auf Schloss Gottorf begonnene Operntradition fortführen wollte, war neben Schott, dem Juristen und späteren Hamburger Bürgermeister Peter Lütkens sowie dem Organisten Johann Adam Reinken Gründungsmitglied des Opernhauses.

Die Eröffnung des Hauses fand am 2. Januar 1678 mit der geistlichen Oper Der erschaffene, gefallene und auffgerichtete Mensch oder Adam und Eva von Johann Theile (Libretto: Christian Richter) statt. Im gleichen Jahr folgte von Theile die Oper Orontes (Libretto: Hinrich Elmenhorst). Theile hatte zu dieser Zeit die Position des Hofkapellmeisters bei Herzog Christian Albrecht inne.

Die dritte aufgeführte Oper 1678 hieß Der glücklich steigende Sejanus vorgestellet in einem Singspiel, danach wurde Der unglücklich fallende Sejanus gegeben. Beide hatte Christian Richter nach dem italienischen Original von Nicolò Minato verfertigt. Mit der Musik zu diesen beiden Opern gab Nicolaus Adam Strungk seinen Einstand in Hamburg.

Der Komponist Johann Wolfgang Franck gab 1679 mit der Oper Die Wol und beständig-liebende Michal oder Der Siegende und fliehende David (Libretto: Hinrich Elmenhorst) sein Debüt. 1680 kam Johann Philipp Förtsch zuerst als Sänger an den Gänsemarkt, komponierte später aber auch eigene Opern.

Im Jahre 1690 folgte Johann Georg Conradi dem Ruf als Kapellmeister an die Oper am Gänsemarkt. Unter seiner Leitung wurden auch italienische und französische Opern inszeniert, neben eigenen und zeitgenössischen Werken anderer Komponisten.

Etwa 1693 veranlassten Unstimmigkeiten mit dem Librettisten Friedrich Christian Bressand den Komponisten Johann Sigismund Kusser zum Wechsel vom Opernhaus am Hagenmarkt in Braunschweig an die Hamburger Oper.

mini|Entwurf zu einem Bühnenbild für die Oper Der geliebte Adonis (Musik: Reinhard Keiser, Libretto: Christian Heinrich Postel) 1697 von Johann Oswald Harms

Zwischen 1693 und 1695 leitete Jakob Kremberg zusammen mit Kusser die Oper und schrieb dort 1694 u. a. das Libretto zu Georg Bronners Oper Venus oder die siegende Liebe.

Auch wurde von 1680 bis 1692 von namentlich unbekannten Handwerkern im Auftrag des Ratsherrn Gerhard Schott ein Modell des Salomonischen Tempels geschaffen, produziert aus Eichen- und Tannenholz, Birnbaum, Birkenrinde, Blei- und Silberdraht. Es diente damals als Schaustück für die Oper am Gänsemarkt, als 1692 die Oper Die Verstöhrung Jerusalems (Musik: Johann Georg Conradi, Libretto: Christian Heinrich Postel) aufgeführt wurde, und ist hinter dem Opernhaus platziert gewesen.Hamburger verleihen ihr Tempelmodell. shz.deRuth Florack, Rüdiger Singer (Hrsg.): Die Kunst der Galanterie: Facetten eines Verhaltensmodells in der Literatur der frühen Neuzeit. De Gruyter, Berlin/Boston 2012, S. 308. Das Modell selbst ist erhalten und befindet sich heute im Museum für Hamburgische Geschichte.

Vor der Eröffnung der Hamburger Oper war es zu einem heftigen Streit gekommen. Die Aufführung des Eröffnungsstückes aus der biblischen Geschichte erregte bei der Hamburger Geistlichkeit Ärger, weil man Anstoß an der theatralischen Darbietung des Stückes, speziell am Erscheinen Gottes auf der Bühne nahm. Der Streit war so heftig, dass die Oper von Sommer 1686 bis Ende 1687 geschlossen wurde. 1694 eskalierte der Streit erneut, so dass es zu einer Schlacht auf dem Rathausplatz mit Verwundeten und Toten kam. Im Jahre 1703 kam es erneut zu einer Schlägerei, und Barthold Feind verulkte die Zustände in seinem Schauspiel Das verwirrte Haus Jacob, welches in Hamburg verboten wurde (Uraufführung 1703 am Naumburger Opernhaus vorm Salztor). Der nachfolgende Streit und finanzielle Schwierigkeiten führten im Frühjahr 1704 zu einer erneuten mehrwöchigen Schließung der Oper.Irmgard Scheitler: Deutschsprachige Oratorienlibretti: von den Anfängen bis 1730. Schöningh, Paderborn / München / Wien / Zürich 2005, S. 167ff.

Zeit unter Keiser mini|Titelblatt des Textbuches der Keiser-Oper Die großmütige Tomyris (Libretto: Johann Joachim Hoë (von Hoenegg)) von 1717

Nachdem Kusser 1695 das Opernhaus wieder verlassen hatte, übernahm 1697 mit Reinhard Keiser, der ebenfalls von Braunschweig nach Hamburg übersiedelte, einer der produktivsten Komponisten der Gänsemarktoper die Kapellmeisterstelle bis 1717.Karl Heinrich Wörner: Geschichte der Musik: ein Studien- und Nachschlagebuch. 8. Aufl. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1993, ISBN 978-3-525-27811-6, S. 206. Sein Hamburger Ruhm begann 1698 mit der Oper Der bey dem allgemeinen Welt-Frieden/Von dem Großen Augustus Geschlossene Tempel des Janus. (Libretto: Christian Heinrich Postel), wozu noch 1729 Georg Philipp Telemann neue Arien komponierte. Keiser schuf über 70 Opern für Hamburg. Von 1703 bis 1707 hatte er zudem das Direktorat inne. Man spielte an zwei bis drei Tagen in der Woche und kam so auf jährlich an die 90 Vorstellungen, die wegen der langen Szenenwechsel jeweils vier bis sechs Stunden dauern konnten und schon am frühen Nachmittag begannen. Zur Oster-, Weihnachts- und Fastenzeit wurde das Opernhaus nicht bespielt. Keiser schrieb auch Opern mit drastischem Lokalkolorit. Für seine 1701 uraufgeführte Oper Störtebeker (Libretto: Hotter) wurden mit Schweineblut gefüllte Schweinsblasen als Spezialeffekt eingesetzt,Artikel im Hamburger Abendblatt über die Gänsemarktoper die Oper Der angenehme Betrug oder Der Carneval von Venedig von 1707 (Libretto: Johann August Meister und Mauritz Cuno) mit plattdeutschen Texten avancierte zum Kassenschlager am Gänsemarkt.

Die meisten Bühnenbilder der Opern in Hamburg stammten von 1696 bis 1701 von Johann Oswald Harms, der seit 1686 am Wolfenbütteler Hof des kunstsinnigen Herzogs Anton Ulrich wirkte, wo ihm als Maschinenmeister, Cammerdiener und Maler das Ausstattungswesen des Herzogtums oblag, aber in der Zeit seines Hamburger Wirkens den Braunschweiger Wohnsitz behielt.Horst Richter: Johann Oswald Harms. Ein deutscher Theaterdekorateur des Barock. Lechte, Emsdetten 1963, S. 128.

Reinhard Keiser holte den ebenfalls aus Teuchern stammenden Johann Christian Schieferdecker 1702 als Cembalisten an das Hamburger Opernhaus am Gänsemarkt, wo er u.a 1702 seine Oper Der Königliche Printz Regnerus revidierte, die schon 1701 an der Hofoper in Weißenfels aufgeführt worden war.

Zwischenzeitlich hatte im Jahre 1699 der Komponist Georg Bronner gemeinsam mit einem Dr. M. Cordes das Direktorium am Gänsemarkt übernommen, gab es aber schon im gleichen Jahre wieder an diesen ab. Ebenfalls 1699 trat Johann Mattheson mit seiner ersten Oper Die Plejades, oder das Siebengestirne (Libretto: Friedrich Christian Bressand) in Erscheinung. Mattheson war vorher schon Organist und Mitglied des Hamburger Opernchores. Danach trat er dort als Solist auf, leitete Proben, dirigierte selbst seine Opernaufführungen und sang darin öfters die Hauptrolle.

Als junge Musiker konnten während dieser Zeit zudem die späteren Operngrößen Georg Friedrich Händel, Johann Adolf Hasse und Christoph Graupner in Hamburg den Grundstein für ihre Karrieren legen.

In der im Januar 1704 am Gänsemarkt aufgeführte Oper Nebucadnezar von Reinhard Keiser (Libretto: Christian Friedrich Hunold (Menantes)) sang die bekannte Sopranistin Christiane Pauline Kellner (1664–1745). Ebenso wurde die berühmte Sängerin Margaretha Susanna Kayser, Ehefrau des Hamburger Stadmusikers Johann Kayser, engagiert,Klaus Zelm: Die Sänger der Hamburger Gänsemarkt-Oper. In: Hamburger Jahrbuch für Musikwissenschaft. Bd. 3, Hamburg 1978, S. 54. die später acht (nach Seedorf u. a. nur vier, 1729–1733/34) Jahre lang zur Zeit Telemanns als Pächterin und Direktorin dieser Opernbühne wirkte (1729–1737).Artikel von Thomas Seedorf in MGG. 2 (2008). (Vergl. Birgit Kiupel: „Ick segg dat Lohn is man een Quarck“. Dienstmädchen und weibliche Dienstbarkeit – zur Geschlechter-Politik auf der Hamburger Gänsemarkt-Oper (1678–1748). In: Gabriele Busch-Salmen, Eva Rieger (Hrsg.): Frauenstimmen, Frauenrollen in der Oper und Frauen-Selbstzeugnisse. Centaurus Verlag, Herbolzheim 2000, ISBN 3-8255-0279-1, S. 246.)

mini|Titelblatt des Librettos der Oper Flavius Bertaridus, König der Langobarden (Libretto: Christoph Gottlieb Wend) von Telemann (1729)

Am 5. Dezember 1704 kam es bei Matthesons Oper Die unglückselige Cleopatra (Libretto: Friedrich Christian Feustking), bei der Mattheson den Marcus Antonius sang, zu Streitigkeiten zwischen Mattheson und Händel. Händel ließ Mattheson nach seinem Auftritt nicht an das Cembalo und Dirigentenpult zurück, Mattheson forderte ihn danach mit einer Ohrfeige zum Duell auf dem Gänsemarkt heraus. Es gab bei diesem Duell keine Gewinner, weil ein großer metallener Knopf an Händels Rock die Klinge des Gegners abbrechen ließ und Händel unversehrt blieb.Beschreibung des Duells zwischen Händel und Mattheson auf bachtrack.com