rahmenlos|rechts|al-Fārābī, Abbildung im Journal Farabi Aktüel, Türkei 2021 mini|Lateinische Übersetzung des Kitāb Iḥṣāʾ al-ʿulūm von Gerhard von Cremona, B.N.F. fonds lat. 9335, 13. Jh.
Abū Nasr Muhammad al-Fārābī (),Gemäß dem Gelehrtenbiographen adh-Dhahabī, Siyar aʿlām an-nubalāʾ, Bd. 15, S. 416 (2. Auflage. Beirut 1993), lautet der vollständige Name . In seinem al-ʿIbar fī ḫabar man ġabar (hrsg. von Fuʾād Sayyid. Kuwait 1961), Band 2, S. 251, nennt ihn adh-Dhahabī Abū Naṣr al-Fārābī, Muḥammad b. Muḥammad b. Ṭarḫān at-Turkī. So auch in der Gelehrtenbiographie von aṣ-Ṣafadī: Das biographische Lexikon des Ṣalāḥaddīn Ḫalīl Ibn-Aibak aṣ-Ṣafadī, Stuttgart u. a. 1962, 106, im Text: Abū Naṣr at-Turkī al-Fārābī (Zeile 7); so auch al-Maqrīzī: al-muqaffā al-kabīr. Bd. 7. S. 147 (Ed. Muḥammad al-Yaʿlāwī. Beirut 1991) mit der Erläuterung: „Ṭarḫān […] ist ein nicht arabischer (fremder) Name“; „Auzlaġ: ist ein türkischer Name“; Carl Brockelmann: Geschichte der arabischen Litteratur. Band 1. Brill, Leiden 1943, S. 232; vgl. auch die Angaben in Fußnote 2. Die Authentizität der Nisbe at-Turkī wird von Gutas 1999 bezweifelt, da er den frühesten Beleg bei Ibn Challikān: Wafayāt al-aʿyān, Band 5, S. 153 (Ed. Iḥsān ʿAbbās. Beirut 1968) ausmacht; dessen Darstellung sei geprägt vom Bestreben, al-Fārābī türkische Ethnizität zuzuschreiben, weshalb er ihm auch diese Nisbe verliehen habe. Die relevante Passage bei ibn Challikān ist z. B. angeführt und übersetzt bei Syed Ameer Ali: Spirit of Islâm, London 2. Aufl. 1922 (diverse Nachdrucke), S. 485 f. kurz al-Fārābī (auch al-Farabi), gelegentlich auch Fārābī oder Alfarabi, latinisiert Alpharabius oder Avenassar (geboren vermutlich um 872 in Otrar, Siebenstromland; gestorben 950 zwischen Aschkelon und Damaskus, Syrien) war ein arabischsprachiger Philosoph und Gelehrter aus Zentralasien, der sich neben Philosophie auch mit Medizin und Astronomie beschäftigte.
Während über sein frühes Leben nur wenig bekannt ist, wirkte al-Farabi später in Baghdad, wo er Unterricht bei Vertretern der sogenannten Baghdader Schule nahm, einer Gruppe von Aristotelikern, die antike Texte kommentierten und ins Arabische übersetzten. Sein Großes Buch der Musik gilt als grundlegend. Al-Farabi beschrieb die verschiedenen Instrumente, Modi und Intervalle. Zudem nahm er eine Gliederung der Musik in verschiedene Unterbereiche vor. In der Medizin kritisierte al-Farabi den griechischen Arzt Galen, der angenommen hatte, dass mehrere Organe den Körper steuern, und stellte stattdessen das Herz als einziges steuerndes Organ in den Mittelpunkt. Ebenso lehnte er empirische Forschung im Bereich der Medizin ab.
Im philosophischen Bereich vertrat al-Farabi eine Synthese aus neuplatonischer Philosophie und aristotelischem Weltbild, ein Novum in der Geschichte der arabisch-griechischen Philosophie. Er ging gemäß dem antiken Wissensstand davon aus, dass die Erde im Mittelpunkt des Universums steht, um welchen die Himmelskörper kreisen.
Leben Vor allem über al-Fārābīs Kinder- und Jugendzeit bieten sowohl schriftlich-dokumentarische als auch schriftlich-erzählende Quellen keine eindeutigen Fakten. Sein Geburtsort war als Sohn eines Generals möglicherweise Wāsidsch, eine kleine Festung im Distrikt Fārāb an der Nordgrenze TransoxaniensRudolf Jockel (Hrsg.): Islamische Geisteswelt: Von Mohammed bis zur Gegenwart. Drei Lilien Verlag, Wiesbaden 1981, S. 141 oder die Region Faryab im heutigen Afghanistan. Erstere Auffassung vertrat Ibn Khallikan (gest. 1282). Letzteres gilt in der Forschung als wahrscheinlicher, da al-Farabis Schriften keine Wörter aus dem Türkischen enthalten, sehr wohl aber aus dem Persischen und anderen Sprachen.Rudolph, Ulrich. Abū Naṣr al-Fārābī: Die Prinzipien der Ansichten der Bewohner der vortrefflichen Stadt, Berlin, Boston: De Gruyter, 2022, S. 3. Über seine ethnische Herkunft aus Zentralasien finden sich in den biographischen Quellen unterschiedliche Angaben, u. a. eine iranische, turkestanische oder türkische Abstammung, wobei die Forschungsliteratur größerenteils letztere für wahrscheinlicherZ. B. Fakhry 2004, 111; Schupp 2005, xi; Black 1996, 178; Watt 1967, 115; Farmer 1952; Netton 1992, 5; Shlomo Pines: Philosophy. In: P. M. Holt et al. (Hrsg.): The Cambridge History of Islam. Band 2B, Cambridge University Press, Cambridge 1970, S. 780–823, hier: S. 794: „[…] a descendant of a Central Asian Turkish family“; Henri Laoust: Les schismes dans l’Islam, Paris 1965, S. 158: „[…] né dans le Turkestan, à Fārāb, et sans doute d’origine turque, bien que l’iranisme le revendique aussi […]“. oder ein abschließendes Urteil für unbegründbar hält.Gutas 1999; Reisman 2005, 53. Als Geburtsjahr wird häufig 870 angegeben. Ulrich Rudolph bewertet dies jedoch als "spekulativ".Rudolph, Ulrich. Abū Naṣr al-Fārābī: Die Prinzipien der Ansichten der Bewohner der vortrefflichen Stadt, Berlin, Boston: De Gruyter, 2022, S. 3.
Al-Fārābī gibt an, dass einer seiner philosophischen Lehrer der nestorianische Christ und Anhänger der alexandrischen Schule Yuḥanna ibn Ḥaylān (gest. um 920) war. Da dieser 908 nach Bagdad übersiedelte, wird angenommen, dass auch al-Fārābī spätestens ab diesem Zeitpunkt sich dort aufhielt.Schupp 2005, S. xi.xvi. Ein weiterer Lehrer al-Farabis war der Logiker Ibrāhīmal-Marwazī.Rudolph, Ulrich. Abū Naṣr al-Fārābī: Die Prinzipien der Ansichten der Bewohner der vortrefflichen Stadt, Berlin, Boston: De Gruyter, 2022, S. 3. Diese beiden waren der sogenannten Baghdader Schule zugehörig, die aus Personen bestand, die vorrangig aristotelische Texte ins Arabische übersetzten.Rudolph, Ulrich. Abū Naṣr al-Fārābī: Die Prinzipien der Ansichten der Bewohner der vortrefflichen Stadt, Berlin, Boston: De Gruyter, 2022, S. 3. Ferner hatte al-Fārābī Verbindungen zu Abū Bišr Mattā ibn Yūnus, einem Übersetzer und Kommentator der Bagdader Schule christlicher Aristoteliker. Ab 942 lebte al-Fārābī dann in der Gefolgschaft des späteren Hamdanidenfürsten Saif ad-Daula meist in Aleppo. Im Jahre 950 soll er laut der legendarisch gefärbten Darstellung al-Bayhaqīs (ca. 1097–1169) als Begleiter von Saif ad-Daula auf dem Weg zwischen Damaskus und Asqalān von Straßenräubern erschlagen worden sein.Ẓahīr ad-Dīn al-Bayhaqī: Tatimmat siwān al-ḥikma, hrsg. von M. Shāfiʿ, Lahore 1932, S. 16 ff. Nach Abdiïlhak Adnan: Farabi. In: İslâm Ansiklopedisi. Istanbul 1945, Band 4, S. 451–469, hier: 453, könnte dies eine fiktive Übernahme aus der Biographie von al-Mutanabbī sein. Dies hält auch Gutas 1999 für plausibel.
Über al-Fārābīs Leben in Bagdad ist nur wenig bekannt. Zahlreiche Anekdoten kursieren jedoch, die ihn als einen weltabgewandten Gelehrten darstellen. Eine solche Erzählung berichtet beispielsweise, dass al-Fārābī nachts als Wächter in einem Bagdader Garten tätig gewesen sei, da er in der Stille der Nacht die nötige Ruhe zum Nachdenken gefunden habe. Weitere Anekdoten schildern ihn als Musiker, der mit seiner Kunst Menschenmengen in seinen Bann zog und sie etwa gegen ihren Willen in den Schlaf spielte. Der Wahrheitsgehalt dieser Geschichten ist allerdings fraglich, auch wenn einige Elemente möglicherweise auf realen Ereignissen basieren. Da al-Fārābī im Gegensatz zu anderen prominenten Persönlichkeiten seiner Zeit keine Autobiographie verfasste und auch seine Schüler keine ausführlichen Berichte über sein Leben hinterließen, bleiben viele Details unklar und lassen sich nicht verifizieren.Madkour, S. 450
Werk mini|Illustration aus Kitāb al-Mūsīqā al-kabīr, ein šāh-rūd genanntes Saiteninstrument
Schriften Viele Werke al-Farabis sind verlustig. Unter den erhaltenen finden sich die propädeutischen Schriften „Die Weisung auf den Weg zum Glück“ (arabisch at-Tanbīh ʿalā sabīl as-saʿāda) und „Über das, was dem Studium der Philosophie vorangehen muss“ (Fīmā yanbaġī an yuqaddama qabla taʿallum al-falsafa), welche als Präparation des Unterrichtes von Schülern in der Philosophie gedacht waren.Ulrich Rudolph: Abū Naṣr al-Fārābī: Die Prinzipien der Ansichten der Bewohner der vortrefflichen Stadt. De Gruyter, Berlin 2022, S. 6. Drei zusätzliche propädeutische Schriften waren dazu bestimmt, neuere Impulse der islamischen Geistesgeschichte zu verarbeiten. Diese sind „Aufzählung der Wissenschaften“ (arabisch Iḥṣāʾ al-ʿulūm), „Über das Aufkommen der Philosophie“ (Fī Ẓuhūral-falsafa) und das „Buch der Partikeln“ (Kitābal-Ḥurūf).Ulrich Rudolph: Abū Naṣr al-Fārābī: Die Prinzipien der Ansichten der Bewohner der vortrefflichen Stadt. De Gruyter, Berlin / Boston 2022, S. 6.
Al-Farabi beschäftigte sich mit Logik, Ethik, Politik, Mathematik, Philosophie und Musik. Er kannte unter anderen philosophische Werke von Aristoteles (nebst einigen wichtigen Kommentaren) und Platon, die ihm bereits in persischer oder arabischer Übersetzung vorlagen, und trieb auch die Übersetzung weiterer Texte voran.
Er war der Ansicht, dass die Philosophie nunmehr in der islamischen Welt ihre neue Heimat gefunden habe. Philosophische Wahrheiten hielt er für universell gültig und betrachtete die Philosophen als Propheten, die zu ihren Erkenntnissen mittels göttlicher Inspiration (arabisch waḥy) gelangt seien.
Schriften zur Musik Kitāb Iḥṣāʾ al-īqāʿāt („Buch der Klassifikation der Rhythmen“) Übersetzung: E. Neubauer: Die Theorie vom Īqā, I: Übersetzung des Kitāb al-īqā‘āt von Abū Nasr al-Fārābī’. In: Oriens. Band 34, 1994, S. 103–173. Kitāb fi ’l-īqāʿāt („Buch über Rhythmen“) Übersetzung: E. Neubauer: Die Theorie vom Īqā, I: Übersetzung des Kitāb al-īqā‘āt von Abū Nasr al-Fārābī’. In: Oriens. Band 21–22, 1968–1969, S. 196–232. Kitāb Iḥṣāʾ al-ʿulūm („Buch über die Einteilung der Wissenschaften“) Kitāb al-Mūsīqā al-kabīr („Das große Buch der Musik“; ) Hrsg.: G. A. M. Khashaba, Kairo 1967 Übersetzung: R. d’Erlanger: La musique arabe. Band 1, Paris 1930, S. 1–306, und Band 2, ebenda 1935, S. 1–101.
Philosophische und theologische Schriften Kitāb Iḥṣāʾ al-ʿulūm („Buch der Klassifikation der Wissenschaften“) A. González Palencia (Hrsg.): Catálogo de las Ciencias (Textedition, lateinische und spanische Übersetzung), Madrid: Imprenta y Editorial Maestre 2. Auflage. 1953. Al-Fārābī: Über die Wissenschaften. De scientiis. Nach der lateinischen Übersetzung Gerhards von Cremona. Mit einer Einleitung und kommentierenden Anmerkungen herausgegeben und übersetzt von Franz Schupp. Felix Meiner, Hamburg 2005. Mabādiʾ ārāʾ ahl al-madīna al-fāḍila Richard Walzer (Herausgeber und Übersetzer): Al-Farabi on the Perfect State, Clarendon Press, Oxford 1985. Cleophea Ferrari: Die Prinzipien der Ansichten der Bewohner der vortrefflichen Stadt, Stuttgart: Reclam 2009. Risāla fī l-ʿaql M. Bouyges (Hrsg.): Epistle on the Intellect. Beirut: Imprimerie Catholique 1938. Kitāb al-Ḥurūf M. Mahdi (Hrsg.): The Book of Letters, Beirut: Dar al-Mashriq 1969. F. W. Zimmermann: Al-Farabi’s Commentary and Short Treatise on Aristotle’s De Interpretatione, Oxford University Press, Oxford 1981.
Musikwissenschaft