miniatur|Restauriertes Originalporträt des Vespasian, das in den Anfangsjahren seiner Regierungszeit angefertigt wurde. Der Kopf, der ursprünglich zu einer Statue gehört hatte, ist in den Vatikanischen Museen ausgestellt (Inv. 1291) Vespasian (* 17. November 9 in Falacrinae; † 23. JuniTeilweise findet sich auch der 24. Juni als Todestag, unter anderem bei Hermann Bengtson: Die Flavier, S. 289. Diese Angabe geht auf die Cassius Dio 66,17,3 zurück; vgl. auch Brian W. Jones, Robert D. Milns: Suetonius: The Flavian Emperors. A Historical Commentary, with Translation and Introduction. Bristol Classical, Bristol 2002, S. 89. 79 in Aquae Cutiliae) war vom 1. Juli 69 bis zu seinem Tod römischer Kaiser. Sein Geburtsname war Titus Flavius Vespasianus, als Kaiser führte er den Namen Imperator Caesar Vespasianus Augustus. Er konnte den Bürgerkrieg und die Auseinandersetzungen um das Kaiseramt im Vierkaiserjahr 69 n. Chr. für sich entscheiden und wurde der erste römische Kaiser aus der flavischen Dynastie.
Vespasian war ein Realpolitiker. Während seiner zehnjährigen Herrschaft gelang es ihm, das Reich sowohl politisch als auch finanziell zu stabilisieren. Er stellte seine Herrschaft in die julisch-claudische Tradition und knüpfte insbesondere an Augustus an, womit er sich zugleich deutlich von Nero abgrenzte. Zur pax Augusta trat eine pax Flavia. Seine Finanzpolitik glich die Staatsschulden der Regierungszeit Neros aus und erlaubte ihm ein reges Bauprogramm; die Haushaltslage wurde in erster Linie durch die Wiedereinführung von Steuern, Steuererhöhungen und neue Steuern verbessert. Vespasian förderte Kunst und Literatur und die Integration der hochrangigen italischen Familien in den Senat. Aufgrund seiner militärischen Erfahrungen und Verbindungen, geschickter Propaganda und eines zum größten Teil ausgleichenden Verhältnisses zum Senat war er ein beliebter und erfolgreicher Kaiser.
Leben bis zum Herrschaftsantritt Jugend und erste Ämter Vespasian wurde in der Nähe des heutigen Rieti geboren. Sein Vater Titus Flavius Sabinus gehörte zum Ritterstand und war Steuereinnehmer in der Provinz Asia; später betrieb er Bankgeschäfte in Aventicum, wo er starb. Vespasian war somit der erste Kaiser, der nicht der Senatsaristokratie entstammte. Der Bruder seiner Mutter Vespasia Polla, Vespasius, war allerdings bereits als Prätor in den Senatorenstand erhoben worden. Sein Großvater mütterlicherseits, Vespasius Pollio, war Praefectus Castrorum, sein Großvater väterlicherseits, Titus Flavius Petro, war Evocatus oder Centurio, beide Großväter waren wohlhabend.Sueton, Vespasian 1,2–4; siehe auch den Stammbaum der Flavier in Barbara Levick: Vespasian. London/New York 1999. Zu den Patronen und Förderern der flavischen Familie gehörten die Plautier, Pomponier, Vitellier und Petronier, die wiederum seit Beginn des 1. Jahrhunderts verwandt und verschwägert waren. Der Kontakt zu den vier Familien wurde intensiviert durch Vespasians Beziehung zu Antonia Caenis, die er um das Jahr 30 kennenlernte.Brian W. Jones: The Emperor Domitian. Routledge, London u. a. 1992, S. 3 f.
Vespasian und sein Bruder Sabinus waren die ersten Mitglieder dieses Zweigs ihrer Familie, die senatorische Posten erlangten. Vespasian wuchs zeitweise bei seiner Großmutter väterlicherseits, Tertulla, auf einem Landgut bei Cosa auf.Sueton, Vespasian 2,1. Die Aufnahme der Brüder in den Senatorenstand, die mit einem Vermögen von je einer Million Sesterzen einhergehen musste, geschah in erster Linie auf Wunsch und Antrieb ihrer Mutter. Barbara Levick: Vespasian. London/New York 1999, S. 8. Seine Karriere brachte Vespasian unter Tiberius als Militärtribun nach Thrakien, vermutlich zwischen 29 und 31.Brian W. Jones, Robert D. Milns: Suetonius: The Flavian Emperors. A Historical Commentary, with Translation and Introduction. Bristol Classical, Bristol 2002, S. 45. Im Jahr 34/35 oder 35/36 hatte er als erstes Amt die Quaestur der Provinz Creta et Cyrene inne, bevor er 38 im zweiten Versuch und auf dem letzten Platz zum plebejischen Ädil gewählt wurde. Im Jahre 40 wurde er im ersten Anlauf auf einem der ersten Plätze Prätor. In dieser Funktion forderte er außerordentliche Spiele zu Ehren von Caligula und dessen – wenig erfolgreicherTacitus, Historien 4,15. – Germanenexpedition 39.Sueton, Vespasian 2,3.
Aufstieg unter Claudius Im Jahr 42 ging Vespasian nach Germanien und übernahm als Legionslegat das Kommando über die legio II Augusta. In diesem Zusammenhang berichtet Silius Italicus, dass Vespasian bei seiner Ankunft den Rhein eingedämmt habe. Ob damit auf Maßnahmen der Hochwasserbekämpfung oder auf die Verstärkung von Befestigungsanlagen gegen die Germanen abgestellt wird, ist nicht zu klären. 43/44 befehligte er die legio II Augusta unter dem Oberkommando von Aulus Plautius während der Eroberung Britanniens durch Claudius. Spätestens mit der Rückkehr des Kaisers nach Rom war Vespasian für den linken Flügel der Invasionsarmee zuständig und hatte als Operationsbasen Verulamium und Camulodunum. Außerdem versuchte er die Macht Roms in Kent und Sussex zu konsolidieren, wobei ihm die Söhne König Cunobelinus’ Widerstand leisteten. Als Nachschubbasis diente Vespasian Fishbourne, von wo aus er Feldzüge nach Devon, Dorset und Hampshire unternahm.Barbara Levick: Vespasian. 2. Auflage. Routledge, London/New York 2017, S. 18 f. Seine militärischen Erfolge, insbesondere bei der Eroberung der Insel Vectis, brachten ihm die Insignien eines Triumphators und in der Folge zwei Priesterämter ein. Er blieb bis 47 in Britannien und kehrte dann nach Rom zurück; allerdings wurde er erst 51 für zwei Monate Suffektkonsul.Sueton, Vespasian 4,1–2.
Seine Frau, Flavia Domitilla, war laut Sueton die ehemalige Mätresse des Ritters Statilius CapellaSueton, Vespasian 3. und zunächst nicht im Besitz des vollen römischen Bürgerrechts.Epitome de Caesaribus 10,1 nennt sie eine „Freigelassene“. Barbara Levick: Vespasian. London/New York 1999, S. 12 folgert, dass sie die Tochter einer Freigelassenen war, die latinisches Bürgerrecht besaß. Laut der Historikerin Barbara Levick erfolgte die Heirat wahrscheinlich, weil sie als Tochter von Flavius Liberalis eine Verwandte von Vespasian war. Wie beispielsweise in der Julisch-Claudischen Dynastie sollten Macht und Besitz dadurch innerhalb des Familienverbands verbleiben.Barbara Levick: Vespasian. 2. Auflage. Routledge, London/New York 2017, S. 15. Mit ihr hatte er drei Kinder: Titus und Domitian, die zu seinen Nachfolgern wurden, sowie Domitilla, die noch vor Vespasians Herrschaftsbeginn verstarb. Flavia Domitilla starb ebenfalls noch vor seinem Regierungsantritt. Nach Domitillas frühem Tod lebte Vespasian mit Antonia Caenis zusammen, einer Freigelassenen der Kaisermutter Antonia. Aufgrund des Standesunterschieds wählte er für diese Verbindung die Form des Konkubinats, die im römischen Recht als zweite Form der monogamen heterosexuellen Beziehung neben der Ehe anerkannt war. Caenis verfügte als ehemalige Privatsekretärin der Kaisermutter über großen Einfluss am Hof des Claudius und konnte auf diese Weise den Aufstieg ihres Partners unterstützen;Brian W. Jones: The Emperor Domitian. Routledge, London u. a. 1992, S. 4 f. als Vespasian Kaiser geworden war, trat sie in der Öffentlichkeit als seine Gattin auf.Sueton, Vespasian 3. Sie wird von Cassius Dio als treu und mit äußerst gutem Gedächtnis beschrieben, darüber hinaus war sie wohlhabend und geschäftstüchtig, so zum Beispiel unterstützte sie den Kaiser beim Verkauf von Bürgerrechten. Caenis starb Anfang der 70er Jahre.Cassius Dio 65,14; Barbara Levick: Vespasian. London/New York 1999, S. 102, den Verkauf von Ämtern nennt Barbara Levick: Vespasian. London/New York 1999, auf S. 182 „stories“.
Vespasian unter Nero Angeblich durch den Einfluss Agrippinas, der Mutter Neros, bekleidete Vespasian während der ersten Jahre der Herrschaft des neuen Kaisers keine politischen oder militärischen Ämter. Tatsächlich befand er sich bis 61 in einer Art Wartezustand auf sein Prokonsulat; da die Anzahl der Suffektkonsuln hoch war, mussten die Amtsinhaber in der Regel längere Zeit warten, bis eine Provinz zur Verfügung stand, die sie übernehmen konnten. Währenddessen nahm Vespasian vermutlich an den regulären Senatssitzungen teilCassius Dio 55,3 und übte seine Priesterämter aus.Vgl. Brian W. Jones, Robert D. Milns: Suetonius: The Flavian Emperors. A Historical Commentary, with Translation and Introduction. Bristol Classical, Bristol 2002, S. 49. Wahrscheinlich im Amtsjahr 63/64 wurde er Prokonsul der Provinz Africa.Ursula Vogel-Weidemann: Die Statthalter von Africa und Asia in den Jahren 14–68 n. Chr. Eine Untersuchung zum Verhältnis Princeps und Senat. Dr. Rudolf Habelt, Bonn 1982, ISBN 3-7749-1412-5, S. 205–214. Im Gegensatz zu den meisten seiner Vorgänger nutzte er die Funktion nicht zu seinen eigenen Gunsten und bereicherte sich nicht.Sueton, Vespasian 4,3. Die Angabe von Sueton, dass er nach seiner Rückkehr seine Güter seinem Bruder verpfänden und zwielichtige Geschäfte betreiben musste, wird von Tacitus als Gerücht dargestellt.Tacitus, Historien 3,65.
Nero machte Vespasian zu einem seiner offiziellen Gefährten, die ihn auf seiner Griechenlandreise, die im September 66 begann, begleiten mussten. Vespasian soll bei einem Auftritt Neros als Schauspieler eingeschlafen und dafür beim Kaiser in Ungnade gefallen sein, woraufhin er sich kurzzeitig zurückzog.Sueton, Vespasian 4,4. Bald wurde er von Nero aber wieder aufgenommen und erhielt das Kommando im Jüdischen Krieg, da Nero einen unverdächtigen Heerführer für den Osten brauchte, um die Gefahr einer Militärrevolte gegen seine zunehmend unbeliebte Herrschaft zu verringern.Sueton, Vespasian 4,5. Offensichtlich wurde der Flavier auch weiterhin als loyal angesehen, seine militärische Erfahrung machte ihn unentbehrlich.Flavius Josephus, Jüdischer Krieg 3,3–8. Fraglich ist, ob die „Beleidigung“ Neros tatsächlich ein Affront war und Vespasian ausgeschlossen wurde; vgl. Brian W. Jones, Robert D. Milns: Suetonius: The Flavian Emperors. A Historical Commentary, with Translation and Introduction. Bristol Classical, Bristol 2002, S. 50 f.
So übernahm Vespasian das Kommando über die Niederschlagung des jüdischen Aufstands. Er rückte 67 an der Spitze dreier Legionen – darunter eine unter dem Kommando von Trajans Vater Marcus Ulpius Traianus und eine unter dem Kommando seines Sohnes Titus – und starker Hilfstruppen, insgesamt rund 60.000 Mann, in der Provinz Iudaea ein.Sueton, Vespasian 4,6. Vespasian und seine Legionen gingen massiv gegen die Zivilbevölkerung vor, um den Widerstand zu brechen, wobei sie auch plünderten und brandschatzten.Flavius Josephus, Jüdischer Krieg 3,60. Dabei zeichnete Vespasian sich als guter Feldherr und fähiger Kommandant aus.Tacitus, Historien 2,5 und Flavius Josephus, Jüdischer Krieg 3,115 ff. Die Kämpfe zogen sich über Jahre hin, verliefen aber zunächst für die Römer wenig erfolgreich. Erst als Vespasian schon Kaiser war, wurde der Aufstand von seinem Sohn Titus blutig niedergeschlagen.
Das Vierkaiserjahr
mini|250px|Das Römische Reich im Jahr 69 n. Chr.Machtbereiche der Prätendenten