mini|Matthew Boulton; im Hintergrund seine „Soho Manufactory“

Matthew Boulton (* 3. September 1728Nach dem erst 1752 in Großbritannien eingeführten Gregorianischen Kalender wurde Boulton am 14. September 1728 geboren in Birmingham; † 18. August 1809 in Birmingham) war ein englischer Ingenieur, Medailleur und Unternehmer der frühen Industriellen Revolution. Gemeinsam mit James Watt entwickelte und vertrieb er Dampfmaschinen. Unter dem Einfluss von Joseph Priestley, Thomas Day und anderen Freunden, die den Gedanken Jean-Jacques Rousseaus nahestanden, führte Boulton in seinen Fabriken eine Sozialversicherung für seine Mitarbeiter ein.

Leben und Werk Jugend und beginnendes Geschäftsleben Boulton wurde als zweiter Sohn des Unternehmers Matthew Boulton sen. im Hause seiner Eltern in der damaligen Whitehouse Lane (heute: Steelhouse Lane) geboren. Sein Vater betrieb auf Snow Hill als toymaker eine Manufaktur für hochwertige metallische Verzierungen wie Knöpfe und Schwertscheiden.

Boulton wurde an der öffentlichen Schule Birminghams unterrichtet, griff aber auch auf die große Bibliothek seines Vaters zurück. Die damals modischen Experimente mit Elektrizität und Batterien, die sein Vater wie viele gebildete Personen seiner Zeit unternahm, fachten seinen Wissensdurst weiter an. Ohne studiert zu haben, kannte er sich in kurzer Zeit in fast allen wissenschaftlichen Bereichen seiner Zeit aus, legte aber seinen Schwerpunkt auf die Anwendung der Wissenschaften in der Metallurgie. In seinen Notizbüchern finden sich viele Ideen und Verfahren, die er entwickelt oder wesentlich verbessert hatte mit dem Ziel, die Produktionsmethoden seines Vaters zu optimieren. Mit 17 Jahren verließ Boulton die Schule und trat in die Firma des Vaters ein. An seinem 21. Geburtstag ernannte der ihn zum gleichberechtigten Partner.

Im Februar 1749, ein halbes Jahr zuvor, hatte Boulton seine entfernte Cousine Mary Robinson, die Tochter des begüterten Landeigners Luke Robinson sen. in Lichfield geheiratet. Mary brachte in die Ehe eine große (in den Quellen nicht bezifferte) Erbschaft ein, die sie von ihrer Patentante erhalten hatte. Als ihr Vater im Jahr 1750 starb, erbte sie weitere 3.000 £ (nach heutigem Wert etwa 300.000 €). Zusätzlich standen Mary nach dem Tod der Mutter weitere 14.000 £ (etwa 1,5 Millionen €) aus dem Familienvermögen zu. Damit war der finanzielle Grundstein für die Erfüllung des unternehmerischen Ehrgeizes Boultons gelegt: Nach dem damaligen Eherecht fiel das Vermögen der Frau bei der Heirat ihrem Ehegatten zu. Im August 1759 starb auch Mary überraschend, möglicherweise an Kindbettfieber,Notizen Boultons lassen darauf schließen, dass er kurz vor Marys Tod Heilmittel gegen Kindbettfieber suchte: und wurde im Familiengrab in Whittington beigesetzt.

Im selben Jahr wie Mary starb auch Boultons Vater. Dadurch wurde er zum alleinigen Besitzer des gemeinsamen Unternehmens, dessen Geschicke er bereits seit 1757 maßgeblich bestimmt hatte. Die Werkstätten des Vaters auf Snow Hill wurden zu klein, doch das ererbte Vermögen genügte nicht, um den Bestand der Firma dauerhaft zu sichern.

Weniger als ein Vierteljahr nach Marys Tod begann Boulton, um deren Schwester Anne zu werben. Er bemühte sich erfolgreich um die Zustimmung seiner Schwiegermutter. Dagegen lehnte sein Schwager Luke ihn als Mitgiftjäger ab. Im Mai 1760 erkrankte Annes Mutter schwer und verstarb kurz darauf, womit an Anne ein Erbe von etwa 28.000 £ fiel. Boulton machte sich altes englisches Recht zu eigen, „entführte“ seine Braut nach London und heiratete sie am 25. Juni 1760. Dann versteckte sich das Paar vier Wochen lang vor allen Menschen. Danach war die Einspruchszeit verstrichen und die Ehe nach kirchlichem und weltlichem Recht untrennbar. Das Ehepaar bezog Boultons Haus in Birmingham.

The Soho Manufactory – Von Werkstätten zur Fabrik

mini|Soho Manufactory in einer zeitgenössischen Ansicht: das Torhaus Die zusätzlichen finanziellen Mittel ermöglichten Boulton, seine Pläne für eine neue, größere Manufaktur zu verwirklichen. Um die Arbeitseffizienz zu steigern, wollte Boulton ein zentrales Gebäude für alle Arbeiten errichten. Diese Idee hatte bereits sein Konkurrent John Taylor 1759, ebenfalls in Birmingham, mit einigem Erfolg verwirklicht. Boulton kopierte und erweiterte das Konzept um die Möglichkeit des zentralen Maschineneinsatzes, der eine Massenproduktion, wie sie Boulton vorschwebte, unterstützte und zum Teil erst ermöglichte.

Drei Kilometer nordwestlich von Birmingham fand sich bei dem Dorf Handsworth ein passendes Grundstück, das Boulton pachtete. Er ließ die vorhandenen Gebäude abreißen und neue Fabrikationsgebäude, ein Walzwerk sowie eine Arbeitersiedlung errichten. Ein bereits existierendes Herrenhaus, das Soho House, wurde als Zentrale für die Überwachung der Bauarbeiten umgebaut und später durch einen Neubau ersetzt. Da die Arbeiten zeitaufwendig und teuer waren, zugleich aber die Arbeiten an der alten Produktionsstätte im Stadtteil Snow Hill weiter liefen, nahm Boulton 1762 einen Partner in die Firma auf, der die Bauüberwachung vor Ort übernahm. Mit diesem Partner, John Fothergill, führte er die Manufaktur bis 1781.

Bis 1764 waren die meisten Gebäude errichtet worden und die Produktion lief an. Seine Erfahrungen mit der Zentralisierung von Maschinen führten Boulton zu der Planung eines weiteren Baus, der nicht nur Maschinenräume, Ateliers und Wohnungen für die Familien der leitenden Angestellten beinhaltete, sondern durch eine zweistöckige Durchfahrt und einen Uhrenturm als Repräsentationsbau ausgestaltet wurde. Als 1764 das benötigte Geld zur Verfügung stand, ließ Boulton seine Planung umsetzen. Dieses Gebäude wurde das Symbol der Soho Manufactory, die 1765 offiziell eröffnet wurde und rasch hochrangige Besucher aus aller Welt anlockte, die den Gedanken eines zentralen Fabrikgebäudes mit maschineller Ausstattung rasch in viele Länder trugen.

Soho Manufactory wurde zum Vorbild für weitere Manufakturen, die auf ihrem Gelände alle notwendigen Arbeitsplätze und Maschinen konzentrierten; so arbeitete Boulton an der Planung der Fabrikstadt seines Freundes Josiah Wedgwood, Etruria, mit. Der finanzielle Erfolg der Fabrik war aber nicht beständig, obwohl Arbeiten aus Soho in ganz Europa und den überseeischen Kolonien Englands sehr beliebt waren. Vielmehr experimentierte Boulton in seiner Fabrik ständig mit neuen, sehr teuren Maschinen, die die Firma Boulton & Fothergill stark belasteten und oft an den Rand des Ruins brachten. Während Boulton seine Gelder aus anderen Unternehmungen, zum Beispiel der Vermietung von Dampfmaschinen, ausgleichen konnte, war es seinem Kompagnon Fothergill nicht möglich, den für die Partnerschaft aufgenommenen Kredit zurückzuzahlen. Dies wurde erst 1782, nach Fothergills Tod, von Boulton übernommen.

Als letzten Schritt zur Konzentration der Arbeitsprozesse konnte Boulton 1773 die Londoner Eichstelle dazu bewegen, einen Ableger in Handsworth einzurichten, wo der Edelmetallgehalt seiner Produkte geprüft und beurkundet werden konnte.

Bei allem öffentlichen Zuspruch wurde wohlwollend ignoriert, dass Boulton die Grenzen des von ihm gepachteten Geländes eigenmächtig und ohne finanziellen Ausgleich auf einen Teil der Gemeinweide des Dorfes Handsworth ausgeweitet hatte. Dies war kein Versehen oder ein Unfall, wie ein 25 Jahre später von Boulton selbst geschriebener Brief zeigt, in dem er die Inbesitznahme als wohltätigen Akt darstellt, weil er damit tausend Arbeitern eine saubere, gesunde Heimstätte geboten hätte, wo zuvor nur einige zerlumpte Dörfler durch Diebstahl und ebendiese Gemeinweide irgendwie ihr Leben gefristet hätten. Er würde diese Vorgehensweise weiterempfehlen.Brief an Lord Hawkesbury, 17. April 1790, Matthew-Boulton-Papers 237 Derartige „wilde Privatisierungen“ von Gemeindeflächen zu Lasten der armen Bevölkerungsteile waren in Boultons Tagen weit verbreitet, hatten sogar eine eigene Bezeichnung („enclosures“). Allerdings wurden diese Flächen sonst zur intensiven landwirtschaftlichen Bearbeitung genutzt. Boultons Vorgehen war insofern ungewöhnlich.

Boulton & Watt – „what all the world desires to have: power“

Nachdem die Manufaktur nunmehr in Betrieb und innerhalb kürzester Zeit durch die Qualität und die Bezahlbarkeit der Produkte, die sie hervorbrachte, in ganz Großbritannien zu großer Bekanntheit gelangte war, begann Boulton sich über die Effizienzsteigerung seiner Maschinen Gedanken zu machen. Die mit Wasserkraft betriebenen Geräte waren langsam und von der Witterung abhängig. Zudem konnten sie ausschließlich an Orten aufgestellt werden, an denen ein Wasserlauf aufgestaut werden konnte. Dies begrenzte den Einsatz von Maschinen erheblich.

Schon 1762 hatte Boultons Freund Erasmus Darwin, der Hausarzt der Familie seiner Frauen, mit Boulton über ein mit einer Dampfmaschine betriebenes Lokomobil korrespondiert, allerdings unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Die Experimente führten zwar zu keinem brauchbaren Ergebnis, doch fand Boulton in diesem Projekt die Lösung für sein Problem: Dampfmaschinen. Sie konnten an beliebigen Orten aufgebaut werden und waren wetterunabhängig.

Die brauchbaren Konstruktionen arbeiteten mit Dampfüberdruck, um einen Kolben zu bewegen, der dann die gewünschte Arbeit ausführte. Aufgrund der damaligen Verarbeitungstechnik konnten aber die Geräte dem Druck nicht immer standhalten und explodierten. Boulton schloss daher diese Maschinen als unzuverlässig aus.

Eine andere Konstruktionsart für Dampfmaschinen hatte der Ingenieur Thomas Newcomen um 1710 entwickelt: die Unterdruck-Dampfmaschine. Hier wurde der Dampf in die Kammer mit dem Kolben geleitet und kondensierte dort. Dadurch entstand ein Unterdruck, der den Kolben bewegte. Diese Maschinen waren aber sehr ineffizient, weil sie einem ungelösten konstruktiven Problem unterlagen: Um das Vakuum durch die Kondensation des Dampfes zu erzeugen, musste der Dampfraum kühl sein, doch um die Energie des Dampfes zu nutzen, musste der Kolben heiß bleiben. Unterdruck-Dampfmaschinen wurden aber trotz ihrer Ineffizienz eingesetzt, weil sie im Bergbau das in die Schächte eindringende Grundwasser abpumpen konnten. Aufgrund ihrer Konstruktion konnten sie sicher, ohne zu platzen, kontinuierlich arbeiten und garantierten so, dass die Gruben nicht überflutet wurden. Durch ihren sehr hohen Brennstoffbedarf waren sie aber im Unterhalt sehr teuer.

mini|Watts Dampfmaschine im Modell Eine Lösung für dieses Problem hatte der Schotte James Watt gefunden. Er erweiterte den Unterdruckbereich durch eine separate Kammer, in welcher der Dampf kondensieren konnte, ohne dass die Hauptkammer mit dem Kolben gekühlt zu werden brauchte. Im April 1765 baute er ein funktionsfähiges Modell seiner Idee einer Dampfmaschine mit separatem Kondensor, das nun noch in eine funktionsfähige große Maschine übertragen werden musste. Durch die Vermittlung eines Freundes fand er finanzielle Unterstützung durch den Kohleminenbesitzer und Eisenproduzenten Dr. John Roebuck, der die Effizienz seiner Newcomen-Maschinen steigern wollte. Er bot Watt die Finanzierung seiner Forschung an. Im Gegenzug wollte er dafür zwei Drittel der Rechte an der Dampfmaschine erhalten. Watt willigte ein.

Doch was im Modell funktioniert hatte, ließ sich nicht in die Praxis übertragen. 1766 musste Watt seine Versuche, eine funktionsfähige Maschine zu erstellen, vorläufig aufgeben. Doch seine Arbeit mit billigeren Modellen erbrachte neue Ideen, die Watts Dampfmaschine immer kräftiger und effizienter werden ließen. So leitete er wechselseitig Dampf in das Kolbenrohr und ersparte damit nicht nur die Mechanik, die den Kolben in die Ausgangsstellung zurückbrachte, sondern erreichte zugleich mehr und gleichmäßigere Leistung bei erneut geringerem Energieverbrauch. Am 9. August 1768 reichte Watt ein Patent auf seine Konstruktion ein, das im folgenden Jahr erteilt wurde.