Unter Neotantra (auch navatantra zu Sanskrit नव, nava „neuer“) versteht man westliche Popularisierungen der hinduistischen und buddhistischen esoterischen Lehre des Tantra. Der Begriff bezeichnet eine seit Ende der 1970er Jahre in der Westlichen Welt und heute auch in Lateinamerika verbreitete Lehre und Lebenspraxis, in der die sexuellen Aspekte des Tantra im Vordergrund stehen. Sie wird sowohl über einschlägige Literatur als auch von kommerziellen Tantraschulen vermittelt und verbreitet.Helmut Poller: Tantra, Neo-Tantra und die Synthese. Wien 2013, S. 1–10.
Elemente von tantrischer Sexualmagie kommen auch in anderen modernen esoterischen und neureligiösen Strömungen vor, etwa in der Wicca-Religion.
Entstehung und Gedankengut Anfänge Unter den westlichen Autoren, die das indische Tantra bereits früh rezipiert hatten, ist vor allem der britische Jurist und Amateur-Orientalist John Woodroffe zu nennen, der unter dem Pseudonym Arthur Avalon mehrere Bücher über den tantrischen Shaktismus (The Serpent Power, 1918) veröffentlicht hat und für Europäer und Nordamerikaner, die zum Hinduismus und Buddhismus konvertierten, ein einflussreiches Vorbild wurde. Woodroffe war in den 1910er Jahren der erste westliche Autor, der tantrische Schriften in die eigene Sprache übersetzte und ihren Aussagen positiv gegenüberstand. Andere zeitgenössische Orientalisten, wie etwa Lionel D. Barnett, hatten Tantra als bizarre Verirrung des Ostens verabscheut.
Im deutschen Sprachraum findet sich eine beifällige Rezeption des indischen Tantra bereits in der an der Wende zum 20. Jahrhundert nach freimaurerischen Muster gegründeten okkulten Organisation Ordo Templi Orientis (O. T. O.). In deren Programm wurde insbesondere seit einer Überarbeitung durch Aleister Crowley im Jahre 1915 auch eine homosexuelle Sexualmagie implementiert. Theodor Reuß (Lingam-Yoni, 1906), der die Organisation seit 1905 leitete, verband diese Sexualmagie klar erkennbar mit einem Programm der sozialen Transformation und der Befreiung von einer unterdrückerischen christlichen Welt.
Als Pionier des nordamerikanischen Tantra gilt Pierre Bernard, der die Lehre in Lincoln im Bundesstaat Nebraska bei dem syrisch-indischen tantrischen Yogi Sylvais Hamati studiert hatte. Um 1905 gründete Bernard die erste Tantra-Organisation der USA (Tantrik Order in America) und begann die erste Tantra-Zeitschrift des Landes zu publizieren, das International Journal of the Tantric Order. Weiteren Einfluss gewann Bernard, nachdem er um 1919 in New York City ein Studio eröffnet hatte. Dieses wurde auch von Mitgliedern der gesellschaftlichen Elite besucht, wie der Ehefrau und den Töchtern von William K. Vanderbilt, einem Enkel des Eisenbahn-Tycoons Cornelius Vanderbilt.
Bhagwan und die Folgen In den 1970er Jahren propagierte der indische Philosoph Bhagwan Shree Rajneesh (seit 1989 genannt „Osho“) unter der Bezeichnung „Tantra“ eine Verbindung von Spiritualität und Sexualität als eine zeitgemäße Form der indischen Lehre. Bhagwan veröffentlichte über sein Verständnis von Tantra mehrere Bücher: Tantra: The Supreme Understanding (1974), The Tantra Vision (1977),Deutsch: , Tantra Spirituality and Sex (1977)Deutsch: und From Sex to Superconsciousness.Deutsch: Seine unter anderem vom Yoga inspirierte Lehre besagt, dass mittels Meditation die sexuelle Energie des Beckenbereiches (Kundalini) geweckt und zu einem „kosmischen Bewusstsein“ transformiert werden könne.Osho: The Path of the Mystic, Kapitel 21, Rebel Publishing House, Edition 31. Dezember 2007. Trotz seiner Verwendung der hinduistischen Begrifflichkeit war Bhagwan kein Hindu; den „Therapien“, die in seinem Aschram in Pune praktiziert wurden, lagen, wenn es um Sexualität ging, vielmehr die Lehren Wilhelm Reichs zugrunde.Osho: Making Love is a Sacred Experience. In: parasuniversal.com, 10. August 2011. Im Anschluss an Reich (Die sexuelle Revolution, 1935) nahm Bhagwan an, dass die meisten persönlichen Probleme, die Menschen haben, darauf zurückzuführen seien, dass ihre sexuelle Energie unterdrückt werde. Seinen Schülern hatte er insbesondere Reichs 1945 publizierten Essay Rede an den kleinen Mann zur Lektüre empfohlen. Weitere Anregungen haben die in Pune praktizierten „Therapien“ aus der esoterischen Lehre der ganzheitlichen Körpertherapie (Rolfing) bezogen.
In Deutschland, wo Tantraschulen vereinzelt bereits seit den späten 1970er Jahren und in größerer Zahl in den 1990er Jahren entstanden, waren die Initiatoren oft Schüler Bhagwans (Neo-Sannyas), die mit ihren Seminaren und Büchern Neotantra im Esoterikmilieu bekannt machten, darunter besonders Andreas Rothe („Andro“) und Margot Anand.
Der Heilpraktiker Rothe gründete 1976, im Anschluss an einen Aufenthalt in Pune, in Berlin die erste Tantra-Schule in Deutschland. Rothe lehrte „rotes“ („linkshändiges“) Tantra, das – anders als das „weiße“ und das „schwarze“ Tantra – sexuelle Handlungen einschließt, weshalb Rothe in Deutschland auch als Begründer der Tantramassage gilt. Obwohl er viel schrieb und – hauptsächlich im Selbstverlag – auch veröffentlichte, erreichte er als Autor aber nie die Bedeutung, die Anand erlangte.
Die Französin Anand, die ihre Autorenlaufbahn 1970 mit einer journalistischen Arbeit über Hippies begonnen und dann Tantra bei Bhagwan in Pune studiert hatte, veröffentlichte ihre Einsichten 1981 unter dem Titel Le chemin de l'extase: tantra, vers une nouvelle sexualité, ein Werk, das 1982 erstmals auch in deutscher Sprache verlegt wurde. Um die internationalen Leser leichter zu erreichen, schrieb und publizierte Anand, die bis 2007 auch in den USA gelebt hat, ihre weiteren Neotantra-Bücher in englischer Sprache. Anand ist die Begründerin einer Richtung innerhalb des Neotantra, für die sie den Begriff SkyDancing geprägt hat und die an verschiedenen ScyDancing Tantra Institutes in Nordamerika und in Europa praktiziert wird. Das Love and Ecstasy Training (LET), das an diesen Einrichtungen angeboten wird, verspricht nicht nur lebensverändernde sexuelle und spirituelle Erfahrungen sowie Anleitung, wie man „ein großartiger tantrischer Liebhaber“ (a great tantric lover) wird, sondern auch die Möglichkeit einer Heilung „alter sexueller Wunden“. In Deutschland besteht eine enge Verknüpfung von SkyDancing-Programmen mit Seminaren für „Gewaltfreie Kommunikation“.
Ein weiterer indischer Yoga-Guru, der westlichen Schülern in den 1970er und frühen 1980er Jahren Tantra vermittelte und damit zur Verbreitung von Neotantra beitrug, war Swami Muktananda (1908–1982). Muktananda gilt als Begründer des Siddha Yoga; seine Nachfolgerin Gurumayi Chivalasananda (* 1955) steht an der Schnittstelle zwischen indischem Tantra und Westlichem New Age.
Neotantra in den USA Die Popularisierung von Neotantra in den USA hatte 1964 mit der Publikation von Omar Garrisons Buch Tantra. The Yoga of Sex begonnen, das die Generation der Baby-Boomer, die im Begriff war, die sexuelle Revolution auszurufen, mit dem Konzept von Sex als religiösem Ritus bekannt machte.
Als eigentlicher Pionier der neueren amerikanischen Tantra-Bewegung gilt indessen Charles Muir. Muir war nicht über Osho, sondern als Yogalehrer zum Tantra gekommen. Mit der Source School of Tantra Yoga hatte er 1978 die erste amerikanische Tantra-Einrichtung gegründet. Sein gemeinsam mit seiner Frau Caroline geschriebenes Buch Tantra. The Art of Conscious Loving (1989) war so erfolgreich, dass es in verschiedene weitere Sprachen übersetzt wurde und so auch in Europa Verbreitung fand. Viele wichtige Veranstaltungen der amerikanischen Tantra-Bewegung finden im Esalen-Institut im kalifornischen Big Sur statt.
Schon 1974 hatte der aus Tibet eingewanderte ehemalige buddhistische Mönch Chögyam Trungpa in Boulder, Colorado unter anderem die Naropa University gegründet, eine kleine Privatuniversität, die sich selbst als buddhistisch inspiriert bezeichnet. Trungpa hat über Tantra in den USA und in Kanada mehrere Bücher publiziert. Ein weiterer prominenter spiritueller Lehrer, der in den USA eine tantrisch inspirierte Sexuallehre vertreten hat, war Adi Da (1939–2008).
Der Terminus Neotantra Der Terminus Neotantra – als tendenziell soziologische Bezeichnung der neueren tantrischen Lehren (deren Anhänger verwenden das Kompositum eher nicht) – lässt sich seit mindestens 1979 nachweisen.
Unterschiede zwischen traditionellem Tantra und Neotantra Zwischen Tantra im Sinne der indischen Tradition und Neotantra bestehen einige charakteristische Unterschiede: Während traditionelles Tantra eine Geheimlehre ist, in die nur wenige Menschen eingeweiht werden, die darin einen langwierigen Prozess mühsamer spiritueller Selbstverbesserung zu absolvieren haben – traditionelles Tantra erfordert jahrelanges intensives Studium –, werden neotantrische Einsichten niederschwellig und für jedermann zugänglich gemacht, sei es in Publikationen des allgemeinen Buchmarktes, sei es in Tantrakursen. Während der Orgasmus (insbesondere der männliche Orgasmus) im traditionellen Tantra nicht Teil des zentralen Repertoires ist und zurückgehalten wird, gilt er im Neotantra im Gegenteil als akzeptabel, wenn nicht sogar als wünschenswert – zielt doch das Ritual selbst primär auf Lustgewinn. Im traditionellen Tantra besteht das ultimative Ziel darin, spirituelle Erhöhung, einen transzendentalen Zustand der Vereinigung des männlichen und des weiblichen Prinzips zu erreichen; beim Mithuna-Ritual geht es weniger um Lust, als vielmehr darum, Glückseligkeit (engl. bliss) dadurch zu erreichen, dass alles Denken zum Verstummen gebracht und das Bewusstsein ausschließlich noch von der Tatsache der Existenz selbst ausgefüllt wird. Im Neotantra dagegen wird die Glückseligkeit des Nur-Seins oft mit einem erhöhten Zustand sinnlichen Vergnügens verwechselt, mit „heiligem“ oder „ozeanischem“ Sex, bei dem im orgiastischen Zustand – sei es mit oder ohne Orgasmus – das Bewusstsein der eigenen Körpergrenzen vorübergehend aufgehoben wird. Obwohl dies konventionellem Sex, bei dem es eventuell nur um ein hastiges genitales Erleben geht, überlegen sein mag, handelt es sich hier nicht um tantrische Sexualität im ursprünglichen Sinne.
Tantra-Seminare
Spätestens seit den 1990er Jahren wird in Deutschland von einer gut vernetzten Tantraszene gesprochen, die sich um die Tantraschulen herum gebildet hat. In diesem Raum gibt es ca. 15 bis 20 Anbieter, die eine Vielzahl unterschiedlicher Workshops durchführen.
Soziale Einordnung Die Tantraszene steht geschichtlich in der Tradition der Esoterik. Auch ist eine Einordnung in die New-Age-Kultur der neuen sozialen Bewegungen zulässig. Im weiteren Sinn käme eine Nähe zur alternativen Szene, zur Polyamory-Subkultur und entfernt zum ZEGG (Zentrum für Experimentelle Gesellschaftsgestaltung) in Frage: Tantra bleibt jedoch unpolitisch. Obwohl erotische bis sexuelle Rituale im Neotantra eine kaum zu überschätzende Rolle spielen (s. u.), ist die Überschneidung mit der Swingerszene gering. Im Vergleich zu dieser ist die Tantraszene kleiner.
Themen Die genauen Themen der Seminare sind für Außenstehende nur schwer fassbar. Viele Tantrainstitute formulieren einen therapeutischen Anspruch. Die Seminare versprechen, insbesondere bei partnerschaftlichen und sexuellen Problemen zu helfen und Traumatisierungen bis hin zu Auswirkungen sexuellen Missbrauches lindern zu können. Vor allem soll jedoch natürlicherem Erleben der Sinnlichkeit sowie Bewusstwerdungsprozessen Raum gegeben werden. Die Lehren des traditionellen Tantra, aber auch die Grundlagen des Neotantra selbst, werden in den Seminaren nicht zum theoretischen Lehrthema gemacht, sondern in verschiedenen praktischen Übungen vermittelt.
Programm und Ablauf der Seminare