Die Rüsselhündchen (Rhynchocyon) sind eine Säugetiergattung aus der Ordnung der Rüsselspringer (Macroscelidea). Die fünf Arten der Gattung sind im östlichen und zentralen Afrika beheimatet. Dort bewohnen sie waldreiches Gelände mit geschlossenen Baumkronen und dichtem Laubwerk am Boden. Sie stellen die größten Vertreter der Rüsselspringer dar und haben wie die anderen auch als besonderes Merkmal eine rüsselartig verlängerte Nase. Zudem sind die Vorderbeine gegenüber den langen Hinterbeinen auffallend kürzer, das Merkmal ist aber nicht ganz so deutlich ausgeprägt wie bei den übrigen Rüsselspringern.

Die Lebensweise der Rüsselhündchen ist nur teilweise gut untersucht. Sie sind territorial und leben in monogamen Paarbeziehungen, die über das gesamte Leben halten. Die Nahrung besteht aus einer Vielzahl an Wirbellosen und wird am Boden gesucht, manchmal auch ausgegraben. Charakteristisch sind die aus Pflanzenteilen gebauten Nester, die den Tieren als Unterschlupf dienen. Die Fortpflanzung erfolgt ganzjährig, ein Wurf besteht aus einem bis drei Jungtieren. Muttertiere besuchen ihren Nachwuchs nur kurzzeitig am Tag zum Säugen, eine Beteiligung des Vatertiers an der Aufzucht findet nicht statt.

Die Entdeckung der Rüsselhündchen für die Wissenschaft gelang dem deutschen Naturforscher Wilhelm Peters während seiner Reise durch das südliche Afrika in den 1840er Jahren; er beschrieb sie in der Folge als eigene Gattung. Die Stammesgeschichte ist weniger gut erforscht, es konnten bisher nur vereinzelte Fossilfunde aufgefunden werden. Alle heutigen Arten sind gegenwärtig in ihrem Bestand mehr oder weniger bedroht.

Merkmale Habitus mini|Graugesichtiges Rüsselhündchen (Rhynchocyon udzungwensis) mini|Geflecktes Rüsselhündchen (Rhynchocyon cirnei) Die Rüsselhündchen stellen die größten Vertreter der Rüsselspringer dar. Ihre Gesamtlänge variiert von 43,9 bis 50,9 cm beim Gefleckten Rüsselhündchen (Rhynchocyon cirnei), bis zu 55 bis 58 cm beim Graugesichtigen Rüsselhündchen (Rhynchocyon udzungwensis). Die Kopf-Rumpf-Länge liegt für die gesamte Gattung bei 21,8 bis 31,8 cm. Der Schwanz wird zwischen 21,3 und 27 cm lang und erreicht somit 85 bis 90 % der Länge des restlichen Körpers. Das Körpergewicht schwankt von 320 bis 750 g. Äußerlich charakteristische Merkmale finden sich in dem insgesamt schmalen Körperbau mit dem aufgewölbten Rücken und dem im Vergleich zu anderen Rüsselspringern verhältnismäßig kleineren Kopf, der aber ebenfalls über eine rüsselartig verlängerte Nase verfügt, die sehr beweglich ist. Die Beine sind lang und dünn, wobei die Hinterbeine länger als die Vorderbeine sind. Das Merkmal ist aber nicht ganz so deutlich ausgeprägt wie bei den übrigen Rüsselspringern. Im Habitus erinnern die Rüsselhündchen dadurch weniger an ihre maus- und rattenähnlichen Verwandten, sondern eher an sehr kleine Huftiere.

Das Fell ist lang und gröber als bei den anderen Rüsselspringern, dafür aber vielfältiger in der Farbgebung und teils glänzend. Das typische Fleckenmuster des Gefleckten Rüsselhündchens kann mitunter sehr schwach auch bei den anderen Arten ausgebildet sein. Die Augen sind groß und besitzen gerundete Pupillen. Die Ohren werden aufrecht gehalten, die Ohrmuschel ist nackt. Ebenso besitzt der Schwanz nur eine spärliche Fellbedeckung und wirkt dadurch rattenähnlich. Vorder- und Hinterfüße sind mit jeweils vier Zehen ausgestattet, der innerste Zeh ist zurückgebildet. Am Vorderfuß sind die Strahlen zwei bis vier besonders lang ausgebildet, der äußere, fünfte Strahl steht dagegen weit zurück. Am deutlich verlängerten Hinterfuß, der in etwa die Länge des Unterschenkels erreicht, ragt dagegen der Mittelstrahl (III) am weitesten hervor, die innen und außen anliegenden Strahlen (II und IV) sind etwas kürzer, während der äußerste analog der Hand auch der kürzeste ist. Alle Zehen besitzen lange und kräftige Krallen, die am vorderen Fuß stärker gebogen sind als am hinteren. Weibchen besitzen zwei Paar Zitzen, die sich im Bauch- und Beckenbereich befinden. Bei allen Tieren sind zudem Drüsen in der Steißgegend ausgebildet.

Schädel- und Gebissmerkmale Der Schädel wird zwischen 62 und 71 mm lang, an den Jochbögen ist er 33 bis 38 mm breit. Er besitzt in der Seitenansicht eine domartige Aufwölbung an der Stirnlinie, in der Aufsicht wirkt er dreieckig und plattgedrückt breit. Hervorgerufen wird dies durch das sehr breite Stirnbein, das seitlich über dem Augenfenster hängt und seitlich das Nasenbein umfährt. Das Nasenbein zeigt sich entsprechend den anderen Rüsselspringern sehr langgezogen, die Spitze ist aber im Unterschied zu den Verwandten verknöchert. Durch die breite Gestaltung des Schädels entsteht auch ein weiter Naseninnenraum. Das Hinterhauptsbein ist eingezogen und nicht gewölbt wie bei den anderen Vertretern der Familie. Ein deutlicher Unterschied zu den sonstigen Rüsselspringern findet sich im Gaumenbein der Schädelunterseite, das keine paarigen Gaumenfenster aufweist. Charakteristische Merkmale liegen auch im Gebissaufbau vor. Die Zahnformel der Rüsselhündchen lautet: . Insgesamt besteht das Gebiss somit aus 34 bis 36 Zähnen. Die oberen Schneidezähne sind zumeist zurückgebildet, gelegentlich tritt ein einzelner Zahn auf. In diesem Fall ist er klein und funktionslos. Derartige rudimentäre Zähne können sowohl ein- als auch beidseitig ausgebildet sein. An den unteren Schneidezähnen fallen die eingedellten Spitzen auf. Der obere Eckzahn ist stark vergrößert und säbelartig nach hinten gebogen. Hier kann auch ein Geschlechtsdimorphismus beobachtet werden, da der Zahn bei Männchen durchschnittlich größer als bei Weibchen ist. Im Oberkiefer besteht zum hinteren Gebiss eine kleine Lücke. Die Backenzähne haben moderat hohe Zahnkronen (hypsodont), die Kauoberfläche der Molaren sind dilambdodont gestaltet, sie sind also mit zwei Λ-förmige Rippeln ausgestattet. Die Länge der oberen Zahnreihe beträgt 23,5 bis 32,5 mm.

Verbreitung und Lebensraum mini|Verbreitungsgebiet der Rüsselhündchen-Arten Die Rüsselhündchen leben im zentralen und östlichen Afrika, ihr Verbreitungsgebiet reicht vom Norden und Osten der Demokratischen Republik Kongo über Uganda, Kenia bis Malawi und das nördliche Mosambik. Sie kommen in der Regenwaldzone im Kongobecken ebenso vor wie in Teilen der Somalia-Massai-Buschlandzone und im Bereich der Küstenwälder sowie der Sambesi-Waldlandzone im östlichen Afrika. Ihr Lebensraum besteht dadurch hauptsächlich aus tropischen Regenwäldern, teils laubwerfenden Wäldern oder Waldländern und Uferdickichten der Tief- und Bergländer. Gebirgige Regionen, in denen die Rüsselhündchen auftreten, umfassen den Ostafrikanischen Graben und die Eastern Arc Mountains. Häufig sind geschlossene Kronendächer, dichtes Unterholz und eine dicke Laubschicht am Boden Voraussetzung für die Anwesenheit der Tiere. In Gebieten mit einem dichteren Bestand an Rüsselhündchen zeichnet sich der Boden durch eine lehmige oder sandige Beschaffenheit aus beziehungsweise wächst auf Korallenkalken. Selten besitzt der Untergrund aber hochstehendes Grundwasser. In ihrem Verbreitungsgebiet treten die Rüsselhündchen zumeist in einer geringeren Populationsdichte auf, die niedriger ist als die der in einigen Landschaften sympatrisch auftretenden Rüsselratte (Petrodromus).

Lebensweise Territorialverhalten Die Lebensweise der Rüsselhündchen ist nur beim Goldenen Rüsselhündchen gut erforscht. Sie sind tagaktiv und reine Bodenbewohner, die sich dort vierfüßig laufend und springend mit zum Teil hohen Geschwindigkeiten fortbewegen (cursorial). Beim Laufen verwenden sie einen an Paarhufer erinnernden Zehengang, teilweise kommen auch hohe Sprünge vor, etwa bei der Flucht vor Fressfeinden, was mitunter an Springböcke erinnert. Generell sind die Tiere sehr aufmerksam und alarmbereit, was sie ihren gut entwickelten Sinnesorganen verdanken. Als Unterschlupf dienen Nester aus Pflanzenmaterial. Für diese graben die Tiere kleine, flache Bodenmulden, die sie mit Blättern auskleiden. Die einzelnen Individuen leben territorial und nutzen Reviere von 1 bis 5 ha Größe, die sie mit dem Sekret ihrer Duftdrüsen am Steiß markieren. Spezielle Pfade, wie sie bei einigen Vertretern von Macroscelides und der Elefantenspitzmäuse nachgewiesen sind, legen die Rüsselhündchen aber nicht an. Wie bei anderen Rüsselspringern auch bilden die Tiere monogame Paare, bei denen sich die Territorien vollständig überlappen können. Die gemeinsamen Aktivitäten sind aber auf die Paarungszeit beschränkt, ansonsten gehen die Partner ihre eigenen Wege. Eindringlinge in die jeweiligen Territorien werden immer vom Tier des gleichen Geschlechts vertrieben. Die Kommunikation erfolgt unter anderem durch ein rhythmisches Schlagen mit dem Schwanz auf den Boden und Fußtrommeln mit den Hinterfüßen auf dem Untergrund, was hauptsächlich in Stresssituationen stattfindet.

Ernährung mini|Geflecktes Rüsselhündchen Die Nahrung der Rüsselhündchen ist im Gegensatz zu den Elefantenspitzmäusen weniger stark auf Insekten ausgerichtet, sie vertilgen vielmehr eine große Bandbreite und Vielzahl an Wirbellosen, die neben Käfern und Ameisen auch Spinnen, Regenwürmer sowie Hundert- und Tausendfüßer umfassen. Teilweise gehen sie auch sehr selektiv vor und entnehmen von einzelnen Beutetieren größere Mengen als sie natürlich in der Umgebung vorkommen. Dadurch kann es regional zu positiven Übereinstimmungen zwischen der Häufigkeit der Rüsselhündchen und einzelner Wirbelloser kommen. Die Nahrung suchen die Tiere generell am Boden in Blätterhaufen und ähnlichem. Teilweise graben sie auch kleine Löcher nach Würmern oder nach anderer, im Erdreich lebender Beute. Die Nase wird bei der Suche sondierend eingesetzt, zur anschließenden Aufnahme der Beute dient die lange Zunge, die mehrere Millimeter vor die Nase herausgestreckt werden kann. Der Stoffwechsel der Rüsselhündchen ist im Unterschied zu den anderen Vertretern der Rüsselspringer kaum untersucht, was auf die bisher auftretenden Schwierigkeiten bei der Haltung in menschlicher Obhut zurückzuführen ist. Bei mehreren Arten der Rüsselhündchen ist ein Kommensalismus zu verschiedenen Vögeln, vor allem dem Weißbrust-Braunschwanz und dem Natalrötel aus der Gruppe der Fliegenschnäpper, festgestellt worden. Möglicherweise profitieren diese als vorwiegende Insektenfresser davon, dass die Rüsselhündchen ihre Beute bei der Nahrungssuche aufscheuchen.

Fortpflanzung