Wachstumskritik ist ein Überbegriff für mehrere Konzepte, die das gesellschaftliche, politische und unternehmerische Ziel des Wirtschaftswachstums kritisieren.Felix Holtermann: Zwischen Utopie und Umsetzung: Die Wachstumskritik im politischen Diskurs. LIT Verlag, Münster 2016, ISBN 978-3-643-13507-0, S. 31. Es wird die Sinnhaftigkeit und Erwünschtheit von Wirtschaftswachstum und die Machbarkeit von grünem Wachstum hinterfragt.Reinhard Steurer: Die Wachstumskontroverse als Endlosschleife: Themen und Paradigmen im Rückblick. In: Wirtschaftspolitische Blätter. 4/2010. Schwerpunkt Nachhaltigkeit: Die Wachstumskontroverse, S. 423–435. Zu den Thesen der Wachstumskritik gehört die Aussage, dass ab einem bestimmten Niveau eine Steigerung des Bruttoinlandsprodukts nicht mehr zielführend ist, um Ziele wie Wohlstand oder soziale Gerechtigkeit zu erreichen. Zudem würden die negativen Effekte wie höherer Verbrauch natürlicher Ressourcen und Umweltzerstörung eine Überschreitung planetarer Grenzen bedeuten. In einigen Ländern ist eine wachstumskritische Bewegung als soziale Bewegung entstanden. Wachstumskritik wird aus sehr unterschiedlichen Perspektiven geäußert und unterscheidet sich je nach Region und politischer Ausrichtung.Matthias Schmelzer, Andrea Vetter: Degrowth/Postwachstum zur Einführung. Junius, Hamburg 2019, S. 69f., ISBN 978-3-96060-307-8.
Begründungen für Wachstumskritik Ökologische Grenzen: Ist dauerhaftes Wachstum möglich? mini|Einige Planetare Grenzen sind überschritten mini|Sustainable Development Goals, Nummer 8: Nachhaltiges Wirtschaftswachstum und menschenwürdige Arbeit
Die bis heute dominante, umweltbasierte Wachstumskritik betont die Endlichkeit des Planeten und seine Begrenztheit, natürliche Ressourcen bereitzustellen und menschliche Emissionen zu verarbeiten. Ihre Kernbotschaft ist: „Unendliches Wachstum ist auf einem endlichen Planeten nicht möglich.“Matthias Schmelzer, Andrea Vetter: Degrowth/Postwachstum zur Einführung. Junius, Hamburg 2019, ISBN 978-3-96060-307-8, S. 72. Der Mensch habe einen so gravierenden Einfluss auf die ökologischen Prozesse genommen wie keine andere Spezies zuvor (vgl. Hemerobie, Anthropozän) und schon jetzt sei sein ökologischer Fußabdruck zu hoch, wie wissenschaftliche Studien zu den globalen Umweltveränderungen und Zukunftsszenarien seit den 1950er Jahren belegen. Unter Berufung auf Konzepte der Bioökonomie und Ökologischen Ökonomie sei eine Verringerung der wirtschaftlichen Aktivität unvermeidbar, da die Umwelt nur begrenzt Ressourcen zur Verfügung stellen könne und nur begrenzte Aufnahmefähigkeiten habe. In „Die Grenzen des Wachstums“ schrieben die Autoren:
Dauerhaftes / unbegrenztes exponentielles Wachstum sei also auf der Erde ökologisch nicht denkbar.Dennis Meadows: Die Grenzen des Wachstums - Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1972, S. 19. Diese Aspekte werden seit 2009 auch unter dem Begriff der Planetary Boundaries (planetaren Grenzen) diskutiert.
Die zentrale und seit Jahrzehnten umstrittene Frage ist dabei, ob Wirtschaftswachstum vom Verbrauch natürlicher Ressourcen und Emissionen zu entkoppeln ist.Christian Kerschner: Economic de-growth vs. steady-state economy. In: Journal of Cleaner Production. 18, 2010, S. 546. doi:10.1016/j.jclepro.2009.10.019.Nicholas Georgescu-Roegen: The economics of production. In: American Economic Review. 40, Mai 1970, S. 1–9.Nicholas Georgescu-Roegen: The Entropy Law and the Economic Process. Harvard University Press, Cambridge MA 1971, ISBN 0-674-25780-4.Joseph E. Stiglitz: Growth with exhaustible natural resources. Efficient and optimal growth paths. In: Review of economic studies, symposium on the economics of exhaustible resources. 1974, S. 123–138.Herman Daly: Georgescu-Roegen versus Solow/Stiglitz. In: Ecological Economics. 22(3), 1997, S. 261–266. doi:10.1016/S0921-8009(97)00080-3.Joseph E. Stiglitz: Georgescu-Roegen versus Solow/Stiglitz. In: Ecological Economics. 22(3), 1997, S. 269–270. doi:10.1016/S0921-8009(97)00092-X.Robert M. Solow: Georgescu-Roegen versus Solow-Stiglitz. In: Ecological Economics. 22(3), 1997, S. 267–268. doi:10.1016/S0921-8009(97)00081-5.Herman Daly: Reply to Solow/Stiglitz. In: Ecological Economics. 22(3), 1997, S. 271–273. doi:10.1016/S0921-8009(97)00086-4. Gegner der Wachstumskritik argumentieren diesbezüglich, dass zwar natürliche Ressourcen, wie Öl oder andere Rohstoffe, begrenzt seien, nicht jedoch die Innovationsfähigkeit und Schaffenskraft der Menschen selbst. Durch diese könnten letztlich auch die knappen Ressourcen selbst durch neue, innovative Technologien ersetzt werden, wie es etwa bei erneuerbaren Energien der Fall sei (vgl. auch Faktorsubstitution).Robert M. Solow: The economics of resources or the resources of economics. (= Richard T. Ely Lecture). In: American Economic Review. 1974, S. 1–14. Durch solchen kontinuierlichen, technischen Fortschritt würden die Grenzen des Wachstums, die möglicherweise Jahrzehnte zuvor noch unüberwindbar schienen, stetig wieder weiter nach oben verschoben. Insofern habe zwar möglicherweise jede Technologie für sich genommen eine Wachstumsgrenze, nicht jedoch die gesamte Wirtschaft als solche. Tatsächlich sei es sogar Kernbestandteil der Marktwirtschaft, knappe Ressourcen möglichst effektiv zu verteilen und alte Technologien in einem Prozess der schöpferischen Zerstörung durch neue, disruptive Technologien zu ersetzen. Auf diese Weise hätte die Menschheit in ihrer Geschichte, etwa mit der neolithischen oder später mit der industriellen Revolution, sogar bereits mehrfach die Grenzen ihres Wachstums verschoben. Seither habe Wirtschaftswachstum überhaupt erst den Wohlstand ermöglicht, in dem wir heute leben und sei auch künftig notwendig, um diesen bei einer immer noch (wenn auch immer langsamer) wachsenden Bevölkerung nicht nur zu erhalten, sondern auch weiter zu steigern.
Wachstumskritiker bestreiten jedoch, dass der Ersatz von natürlichen Ressourcen auf dem Wege der Innovation in dem Maße möglich ist, wie es für eine nachhaltige Entwicklung nötig wäre. Dementsprechend argumentieren sie, dass Wirtschaftswachstum einer nachhaltigen Entwicklung entgegen stünde und daher nicht miteinander kompatibel sei. Als Gründe dafür werden beispielsweise Rebound-Effekte, die Bedeutung der Entropie (Nicholas Georgescu-Roegen) oder von Energie als Produktionsfaktor ausgemacht. Es gäbe zwar Verbesserungen der Ressourcenproduktivität in einzelnen Ländern, aber die Probleme würden örtlich durch Handel in andere Länder verlagertH. Schandl, M. Fischer-Kowalski, J. West, S. Giljum, M. Dittrich, N. Eisenmenger, A. Geschke, M. Lieber, H. Wieland, A. Schaffartzik, F. Krausmann, S. Gierlinger, K. Hosking, M. Lenzen, H. Tanikawa, A. Miatto, T. Fishman: Global Material Flows and Resource Productivity: Forty Years of Evidence. In: Journal of Industrial Ecology. 22 (4), Aug. 2018, S. 827–838. doi:10.1111/jiec.12626.B. Plank, N. Eisenmenger, A. Schaffartzik, D. Wiedenhofer: International Trade Drives Global Resource Use: A Structural Decomposition Analysis of Raw Material Consumption from 1990–2010. In: Environmental Science & Technology. 52 (7), Apr. 2018, S. 4190–4198. doi:10.1021/acs.est.7b06133. oder in die Zukunft verschoben, beispielsweise beim Klimawandel.Niko Paech: Befreiung Vom Überfluss - Auf Dem Weg in Die Postwachstumsökonomie. 8. Auflage. oekom verlag, München 2015, ISBN 978-3-86581-181-3, S. 49. Letztlich würden die begrenzten Ressourcen also das Ende des Wachstums bedeuten.Richard Heinberg: Peak Everything: Waking Up to the Century of Declines. 2007, ISBN 978-0-86571-598-1.Richard Heinberg: End of Growth. 2011, ISBN 978-0-86571-695-7.
Soziale Grenzen: Ist dauerhaftes Wachstum wünschenswert? Ab den 1970er Jahren wurde zeitlich parallel zu den ökologischen Grenzen auch die sozialen Grenzen des Wachstums diskutiert. Die Erkenntnis der Glücks- und Zufriedenheitsforschung, wonach eine Erhöhung des Pro-Kopf-Einkommens nach Erreichen eines bestimmten Niveaus keinen weiteren Zuwachs an Glück bzw. subjektiven Wohlbefinden auslöse, wurde als Easterlin-Paradox bekannt.Richard Easterlin: Does Economic Growth Improve the Human Lot? Some Empirical Evidence. In: Paul A. David, Melvin W. Reder (Hrsg.): Nations and Households in Economic Growth: Essays in Honor of Moses Abramovitz. Academic Press, New York 1974, S. 89–125. doi:10.1016/B978-0-12-205050-3.50008-7. Die Kernthese der sozial-ökonomischen Wachstumskritik ist demnach, dass weiteres Wirtschaftswachstum in den Industrienationen die Lebensqualität nicht verbessere.Matthias Schmelzer, Andrea Vetter: Degrowth/Postwachstum zur Einführung. Junius, Hamburg 2019, S. 82ff., ISBN 978-3-96060-307-8.
Fred Hirsch erklärte dieses Phänomen mit Positionswettbewerb.Fred Hirsch: Social limits to growth. Harvard University Press, Cambridge, Mass. 1976. Thorstein Veblen hatte bereits im Jahr 1899Thorstein Veblen: The theory of the leisure class. MacMillan, New York 1899. vom Geltungskonsum gesprochen. Der Nutzen vieler Güter sei symbolischer Art, und Konsum diene dabei zur Abgrenzung gegenüber anderen, wodurch soziale Hierarchien entstehen würden.Niko Paech: Befreiung vom Überfluss – Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie. 8. Auflage. oekom verlag, München 2015, ISBN 978-3-86581-181-3, S. 111. Bestimmte Konsumgüter werden Symbole für die Familie, Freundschaft, Zugehörigkeit, Gemeinschaft, Identität, sozialen Status und Ziele im Leben – und ein hohes Einkommen wird essentiell für den Wohlstand. Hierbei zählt nicht der individuelle materielle Wohlstand, sondern der Vergleich mit anderen.Joseph Stiglitz: Toward a general theory of consumerism: Reflections on Keynes’s Economic possibilities for our grandchildren. In: G. Piga, L. Pecchi (Hrsg.): Revisiting Keynes: Economic possibilities for our grandchildren. MIT Press, Cambridge, Mass./ London 2008, S. 41–86.Andreas Homburg, Ellen Matthies: Nachhaltiger Konsum – Einführung zum Themenschwerpunkt. In: Umweltpsychologie. 14. Jg., Heft 2, S. 6.Evi Hartmann: Wie viele Sklaven halten Sie? Über Globalisierung und Moral. campus, 2016, ISBN 978-3-593-50543-5.Oliver Richters, Andreas Siemoneit: How imperative are the Joneses? Economic Growth between Individual Desire and Social Coercion. VÖÖ Discussion Papers 4, Vereinigung für Ökologische Ökonomie, Heidelberg 2017. Dementsprechend sei auf individueller Ebene die Steigerung des Einkommens der verzweifelte Versuch, im Konkurrenzkampf nicht zurückzufallen, aber Wirtschaftswachstum löse dieses soziale Problem nicht,Juliet B. Schor: Wahrer Wohlstand. München: oekom Verlag, 2016, ISBN 978-3-86581-777-8. denn eine Steigerung des Konsums erhöhe nicht mehr die persönliche Zufriedenheit.Niko Paech: Befreiung vom Überfluss – Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie. 8. Auflage. oekom verlag, München 2015, ISBN 978-3-86581-181-3.
Es wird diskutiert, wie ein individueller Ausweg aus diesem Dilemma aussehen könnte. Hartmut Rosa betont in seinen Büchern Beschleunigung sowie Beschleunigung und Entfremdung, dass die Menschen in einem Konsum- und Beschleunigungskreislauf gefangen wären. Die Menschen sollten das von Beschleunigung angetriebene Konkurrenzprinzip der Spätmoderne überwinden und stattdessen in „Resonanz“ mit der Welt leben. Ähnlich vertritt Harald Welzer die Position, Wachstum sei als mentale Infrastruktur in den Menschen verankert,Harald Welzer: Sendereihe Wegmarken 2010: Wohlstand ohne Wachstum? Perspektiven der Überflussgesellschaft. 1. Januar 2010. In: deutschlandfunk.de und Umdenken und Widerstand seien nötig.