mini|Demonstranten der konstitutionellen Bewegung (1906) mini|Abgeordnete des ersten iranischen Parlaments (1906)

Die Konstitutionelle Revolution () in Iran, gelegentlich auch Jungpersische Revolution, war eine von westlich orientierten Kaufleuten, Handwerkern, Aristokraten und einigen schiitischen Geistlichen getragene liberale Revolution von 1905 bis etwa 1911. Ziel der konstitutionellen Bewegung () war es, die absolute Monarchie durch ein parlamentarisches Regierungssystem abzulösen und eine moderne Rechtsordnung einzuführen. Die Geistlichen strebten außerdem danach, ein Aufsichtskomitee aus hochrangigen Geistlichen einzurichten, das dafür sorgen sollte, dass die vom gewählten Parlament verabschiedeten Gesetze mit dem religiösen Gesetz im Einklang standen.Abrahamian: Khomeinism. Essays on the Islamic Republic. 1993, S. 20.

Als Beginn der Revolution wird der Herbst 1905 gesehen. Nach Protesten und Streiks in Teheran kündigte der Monarch Mozaffar ad-Din Schah am 5. August 1906 Wahlen zu einem Parlament (Madschles) an. Dieses trat am 6. Oktober 1906 erstmals zusammen und verabschiedete eine Verfassung mit bürgerlichen Grundrechten. Mit der Verfassung wurde in Iran die konstitutionelle Monarchie eingeführt.

Nach dem Tod Mozaffar ad-Din Schahs unternahm das Herrscherhaus der Kadscharen mehrere, letztlich erfolglose Versuche, das Parlament gewaltsam aufzulösen, die Verfassung außer Kraft zu setzen und zur absoluten Monarchie zurückzukehren. Nach dem politischen Sieg der konstitutionellen Bewegung im Jahr 1909 wurde der Norden Irans 1912 von russischen Truppen besetzt. Später marschierten britische Truppen in den Süden Irans ein, so dass der Aufbau eines stabilen parlamentarischen Systems in Iran erst nach dem Ende des Ersten Weltkriegs gelang.

Ursachen und Hintergründe mini|Nāser ad-Din Schah, fotografiert von Nadar Die Hauptursache der Konstitutionellen Revolution in Iran ist in der Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik von Nāser ad-Din Schah zu sehen, der nach der Ermordung seines Premierministers Amir Kabir als absoluter Monarch regierte.

Mit dem Beginn der Regentschaft von Nāser ad-Din Schah im Jahr 1848 hatte Premierminister Amir Kabir ein umfangreiches Reformprogramm eingeleitet. Auf seinen Reisen durch das zaristische Russland und das Osmanische Reich hatte er die beginnende Industrialisierung kennengelernt und dabei erkannt, dass Persien mit seinen Bodenschätzen die besten Voraussetzungen besaß, um an die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung Europas anschließen zu können. Amir Kabir förderte die Gründung von Industrie- und Bergbaubetrieben und reformierte die Landwirtschaft. Mit der Gründung der ersten Hochschule in Teheran (Dar-ol Fonun, Haus der Fähigkeiten) wollte er Ingenieure nach westlichem Vorbild ausbilden lassen. Der Versuch Amir Kabirs, die absolutistischen Herrschaftsstrukturen aufzubrechen, ein modernes Steuersystem zu schaffen, die Privilegien der Aristokratie abzuschaffen, eine Landreform durchzuführen und die Leibeigenschaft zu beenden, führte zu ernsten Konflikten mit dem Herrscherhaus und schließlich zur Ermordung Amir Kabirs im Auftrag von Naser ad-Din Schah.

Mit dem Tod Amir Kabirs war eine völlige Kehrtwendung in der Wirtschaftspolitik Persiens verbunden. Naser ad-Din Schah begann nun Gewinn- und Firmenbeteiligungen an Ausländer zu vergeben sowie Monopolkonzessionen gegen Vorkasse, unter anderem an die Imperial Bank of Persia, die das Monopol zur Ausgabe von persischen Banknoten besaß und in britischem Besitz war. Zu einem ersten Aufstand gegen die Konzessionspolitik des Schahs kam es 1891. Eine an einen britischen Major vergebene Tabakmonopolkonzession, mit welcher der gesamte Tabakanbau und Tabakhandel Irans einem britischen Unternehmen übertragen wurde, führte zur Tabakbewegung, die als Vorläufer der Konstitutionellen Revolution gilt. Die Tabakbauern und Tabakhändler weigerten sich, mit den Briten zusammenzuarbeiten. Auch die Geistlichkeit beteiligte sich mit einer Tabak-Fatwa, einem zeitweiligen Rauchverbot, an dem Aufstand. Der Schah sah sich gezwungen, die Konzession zurückzunehmen, um die anhaltenden Demonstrationen zu beenden. Der Preis, den das Land dafür zahlen musste, war hoch. Die Briten bestanden auf Zahlung einer Entschädigung von 500.000 britischen Pfund, finanziert über ein Darlehen einer britischen Bank zu 6 Prozent Zinsen. Persien hatte plötzlich seine ersten Auslandsschulden, ohne irgendeine Gegenleistung dafür erhalten zu haben. Diese für die Entwicklung Irans verhängnisvolle Konzessionspolitik, verbunden mit der Aufnahme weiterer Darlehen bei der russischen Staatsbank, führte das Land zunehmend in die wirtschaftliche und politische Abhängigkeit Russlands und Großbritanniens, die 1907 im Vertrag von Sankt Petersburg Persien in wirtschaftliche Einflusszonen aufteilten.Cyrus Ghani: Iran and the rise of Reza Shah. I.B. Tauris, 2000, S. 4f. Nordiran fiel an Russland, während die Briten sich den Süden sicherten. mini|Mozaffar ad-Din Schah Mozaffar ad-Din Schah, der Nachfolger Naser ad-Din Schahs, dachte zunächst an eine Fortführung dieser Politik. Es waren die Kaufleute und die Geistlichen, die auf Reformen drangen. Die Kaufleute wollten nicht weiter hinnehmen, dass „die Fremden“ immer mehr Bereiche der Wirtschaft übernahmen, was auch den Geistlichen, die von den Spendengeldern der einheimischen Kaufleute wirtschaftlich abhängig waren, langsam den Boden entzog. Hinzu kam, dass „die Fremden“ nicht der von den Geistlichen ausgeübten islamischen Gerichtsbarkeit unterlagen, was sie juristisch nahezu unangreifbar machte.

Im Verlauf der Konstitutionellen Revolution bildeten sich zwei grundlegend unterschiedliche Bewegungen. Eine säkulare Gruppierung orientierte sich an westlichen Vorstellungen. Sie kann als bürgerlich legalistische Bewegung () bezeichnet werden. Ein kleiner Teil dieser Bewegung nannte sich später in Anlehnung an die Bewegung der Jungtürken Jungperser (erstmals erwähnt am 22. September 1908 in der persischen Zeitung Habl al-Matin). Die zweite Gruppierung wurde von der Geistlichkeit angeführt. Diese Bewegung orientierte sich an den islamischen Rechtsgrundsätzen der Scharia (). Beide Bewegungen wollten die absolute Macht des Schahs durch eine neue Staatsform ablösen. Während die Maschrute-Bewegung eine konstitutionelle Monarchie westlichen Zuschnitts anstrebte, wollte die Maschruʿe-Bewegung einen Staat nach islamischen Grundsätzen errichten.

Diesen Grundkonflikt zwischen den beiden Bewegungen konnte die Konstitutionelle Revolution letztlich nicht lösen. Am Ende der Konstitutionellen Revolution hatte Iran zwar eine Verfassung und ein Parlament. Die Einführung umfassender bürgerlicher Freiheitsrechte, die auch die Religionsfreiheit und damit die Trennung von Staat und Religion eingeschlossen hätte, konnte nicht erreicht werden. Am 7. Oktober 1907 wurde vom Parlament als Kompromiss eine Ergänzung zur Verfassung verabschiedet, die den schiitischen Islam als offizielle Religion Irans festschrieb und festlegte, dass der Schah schiitischer Muslim sein und für den Islam eintreten muss und dass ein Gremium aus mindestens fünf Geistlichen vom Parlament eingesetzt werden muss, das alle Gesetzesvorlagen des Parlaments auf die Übereinstimmung mit den islamischen Rechtsgrundsätzen überprüft; andernfalls kann das Gesetz nicht verabschiedet werden. Damit hatte die Geistlichkeit ein verfassungsmäßiges Vetorecht zugestanden bekommen. Gemäß einem Verfassungszusatz konnte diese Vorschrift weder abgeändert noch abgeschafft werden, was das Veto-Recht konstitutionalisierte. Bis zum Erscheinen des verborgenen Imams sollte es in Kraft bleiben.

Dieser Grundkonflikt zwischen Bürgertum und Geistlichkeit besteht heute noch. Die islamische Revolution des Jahres 1979, die Schaffung einer islamischen Republik Iran, war die Fortführung eines Konflikts, der mit den politischen Auseinandersetzungen der Konstitutionellen Revolution im Jahre 1905 begonnen hatte.

Verlauf der Revolution mini|Soltan Abdol Madschid Mirza Eyn-al-Dowleh, 1904 Im Jahr 1899 nahm Mozaffar ad-Din Schah ein Darlehen über £ 2.400.000 bei der in Teheran gegründeten Zweigstelle der russischen Staatsbank mit einem Zinssatz von 5 % auf, um seine zur Weltausstellung in Paris geplante Reise sowie die später geplanten Kuren und medizinischen Behandlungen in Europa bezahlen zu können. Zinsen und Tilgung sollten aus Zoll- und Steuereinnahmen finanziert werden.Cyrus Ghani: Iran and the rise of Reza Shah. I.B. Tauris, 2000, S. 6. Da Iran zu diesem Zeitpunkt noch kein funktionsfähiges Zoll- und Steuersystem hatte, wurde 1899 der Belgier Naus als Leiter der Zollabteilung eingestellt und ein Jahr später zum Minister für Zollfragen befördert. Faktisch benutzte Naus die Persische Kosakenbrigade, um den Zoll- und Steuerforderungen Nachdruck zu verleihen und säumige Zahler unter Druck zu setzen. Der Zolltarif bestand in einem Aufschlag auf alle importierte Waren, der das Drei- bis Vierfache des Einkaufspreises betrug.

Im September 1903 wurde Abdol Madschid Mirza Eyn-al-Dowleh Premierminister. Er vereinbarte im Februar 1904 zwar einen neuen Zollvertrag zwischen Iran und Russland, jedoch mit erhöhten Zollsätzen, um die Darlehensrückzahlung an Russland zu beschleunigen. In diesem neuen Zollvertrag wurde Minister Naus ermächtigt, den festgesetzten Zoll auch gewaltsam einzutreiben. Im selben Jahr wurde Iran von einer starken Choleraepidemie heimgesucht, die zahlreiche Todesopfer forderte und damit die bereits angespannte wirtschaftliche Lage weiter verschlechterte. Im Basar von Teheran, dem wirtschaftlichen Zentrum des Landes, entwickelte sich eine Unzufriedenheit und Unruhe, die sich bald in gewaltsamen Auseinandersetzungen entladen sollte.

1905: Beginn der Streiks und Protestmärsche Im März 1905 kam es zu ersten, von der Geistlichkeit organisierten Protestmärschen gegen Zollminister Naus. Eine führende Rolle in der Bewegung spielten die drei hochrangigen Geistlichen Teherans: Sayyid Abdollah Behbehani, Sayyid Mohammad Tabatabai und Scheich Fazlollah Nuri.Abrahamian: Khomeinism. Essays on the Islamic Republic. 1993, S. 92. Anfang April beschwerten sich Vertreter der Kaufleute bei einem Treffen mit Premierminister Mozaffar ad-Din Schah und Zollminister Naus über die hohen Zölle und das gewaltsame Vorgehen von Naus beim Eintreiben der Steuern, das von Prügelstrafen bis zu Zwangsschließungen von Geschäften reichte. Naus beschimpfte die Vertreter der Kaufmannschaft als Betrüger, die die festgesetzten Steuern und Abgaben nicht bezahlen wollten. Das Treffen wurde ohne Ergebnis beendet. Am 25. April 1905 schlossen alle Textilkaufleute, die von den erhöhten Zolltarifen besonders betroffen waren, ihre Geschäfte, gingen in die Moschee des Grabmals von Schah Abdul Azim nach Rey und begannen einen mehrtägigen Streik, der ohne Ergebnis abgebrochen werden musste. Mozaffar ad-Din Schah erklärte, er sei krank, er könne wegen der Zölle jetzt nicht weiter mit den Kaufleuten verhandeln und müsse nach Europa zur Kur fahren. Dort blieb er dann fünf Monate lang. Nach seiner Rückkehr wurde Naus nach Europa auf eine „Dienstreise“ entsandt, um die immer noch aufgebrachten Kaufleute zu beruhigen.